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28.08.2018 | Erdgas | Im Fokus | Onlineartikel

Zweite Gaspipeline in der Ostsee ist weiter umstritten

Autor:
Julia Ehl

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nennt Gründe gegen die geplante Ostseepipeline Nord Stream 2. Aus dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie wird dagegen Bedarf signalisiert.

Die geplante Ferngasleitung Nord Stream 2 soll vom russischen Ukhta nach Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) verlaufen. Der Hauptstrang der beiden parallelen Röhren in der Ostsee soll weitgehend deckungsgleich mit den Leitungen der vorhandenen Pipeline Nord Stream über 1.200 Kilometer verlaufen. Die Kapazität der Gaslieferungen durch die Ostsee würde damit verdoppelt. Der Bau wird nach wie vor auch unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Hans-Jochen Luhmann, Senior Expert am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie warnt vor einer Gasversorgungskrise, wenn die Pipeline nicht gebaut würde. "Lediglich um die Genehmigung des Baus von Nord Stream 2 zu streiten, übersieht den Elefanten, der im Raum steht und der auf der EU herumtrampeln könnte.", schreibt Luhmann im Wirtschaftsdienst-Artikel, Ausgabe 03/2018, Die ungebremst auf uns zukommende Gasversorgungskrise Anfang 2020.

Empfehlung der Redaktion

01.03.2018 | Ökonomische Trends | Ausgabe 3/2018

Die ungebremst auf uns zukommende Gasversorgungskrise Anfang 2020


Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt nach seiner energiewirtschaftlichen  Analyse der Erdgasnachfrage und der Versorgungssicherheit mit Erdgas in Europa zu einem anderen Schluss. Die Autoren der Studie halten die Pipeline aus mehreren Gründen für nicht notwendig und betonen, dass auch ohne die Ferngasleitung die Versorgungssicherheit in Europa sichergestellt sei.

Unrealistische Bedarfsschätzung

In den am 4. Juli 2018 veröffentlichten Studienergebnissen wird darauf verwiesen, dass von einem rückläufigen Anteil an fossilem Erdgas in der deutschen Energieversorgung auch bei unterschiedlichen energiewirtschaftlichen Szenarien ausgegangen werden könne. Die Wissenschaftler stützen sich dabei vor allem auf den vom Ökoinstitut bereits in 2015 veröffentlichten zweiten Endbericht "Klimaschutzszenarien 2050".

Auch das EU-Referenzszenario überschätzt den europäischen Erdgasbedarf erheblich, sind sich die Wissenschaftlich des DIW sicher. Die von der Projektgesellschaft New European Pipeline AG (alleiniger Gesellschafter seit 2016 ist Gazprom) für den Bau von Nord Stream 2 eingereichten Unterlagen legen aufgrund der überhöhten Annahmen eine Deckungslücke nahe, die durch die neue Pipeline geschlossen werden soll. Diese Lücke sei bei rückläufigem Erdgasbedarf nicht absehbar, stellen die Autoren der DIW-Studie ausdrücklich fest und sehen alleine deshalb schon keinen Bedarf für den Bau der neuen Ferngasleitung.

Flüssiggas kann Engpässe ausgleichen

Grundsätzlich betonen die Autoren der Studie, sei das Angebot an Erdgas gut diversifiziert. Sollten dennoch Engpässe auftreten, können diese durch Lieferungen von Flüssiggas (LNG) ausgeglichen werden, das über das vorhandene Erdgasnetz eingespeist werden kann. Derzeit sind die Importterminals entlang der europäischen Küsten nur schwach ausgelastet. So wurden laut dem World LNG Report der International Gas Union für 2016 nur eine Auslastung von 25 Prozent festgestellt.

Nord Stream 2 ist betriebswirtschaftlich unrentabel

Betriebswirtschaftlich wurde das Projekt Nord Stream 2 ebenfalls detailliert untersucht. Nach unterschiedlichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen sind hohe Verluste bis in Milliardenhöhe zu erwarten. Eine genaue Investitionsrechnung ist aufgrund der unsicheren Rahmendaten allerdings nicht möglich. Die zusätzlich zu erwartenden Erlöse stehen in keinem Verhältnis zu den zu erwartenden Kosten. Inklusive den Zuführungsleitungen aus dem russischen Erdgasnetz sollen sich die Kosten von Nord Stream 2 auf bis zu 17 Milliarden US-Dollar belaufen. Der vermiedene Transit durch die Ukraine bringt eine Ersparnis von etwa 700 Millionen US-Dollar.

Bau der Pipeline wohl eher strategisch begündet

Alleiniger Anteilseigner des Projekts ist der russische staatliche Erdgaskonzern Gazprom. Ausgestattet mit erheblichen Finanzmitteln verfolgt Gazprom neben betriebswirtschaftlichen auch strategische Ziele. Seit drei Jahrzehnten wird sehr aktiv der Einkauf in die europäische Erdgasinfrastruktur betriebenen. Nord Stream 2 würde hierbei sehr gut in die Strategie passen – koste es, was es wolle.

Den umfangreichen Einfluss auf die europäische Gasversorgung und die Ziele von Gazprom beschreiben Hans-Wilhelm Schiffer und Swetlana Vrublevska in ihrem Fachartikel Status und Herausforderungen der Energieversorgung der EU-28 auf Seite 73: "Das Unternehmen [Gazprom, Anm. d. Red.] ist bestrebt, direkten Zugang zum Endkunden im Ausland zu bekommen und ausländische Unternehmensanteile zu akquirieren." Gazprom Germany, Anteile an der deutschen Verbundnetz  Gas AG (VNG) und der Erdgashandelsgesellschaft Wingas sind nur einige Beispiele.

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