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27.02.2017 | Erdgas | Interview | Onlineartikel

"Der Klimawandel wartet nicht"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Dr. Timm Kehler

promovierter Maschinenbauer und Industriedesigner, ist Sprecher der Geschäftsführung der erdgas mobil GmbH, Vorstand des erdgas mobil e.V. sowie Sprecher des Zukunft Erdgas e.V.

Mit Forderungen und Angeboten hat die deutsche Gaswirtschaft die Bundesregierung zu einem Kurswechsel in der Klimaschutzpolitik aufgerufen. Über die Hintergründe sprachen wir mit Dr. Timm Kehler.

Springer Professional: Welche Stolpersteine beim Klimaschutz haben sie aktuell ausgemacht?

Dr. Timm Kehler: Die Strategie der Bundesregierung, nur auf Elektrifizierung zu setzen, ist völlig falsch. Darum wird es keine Fortschritte beim Klimaschutz geben. Würde man wirklich alle Sektoren auf strombasierte Lösungen umstellen, müsste man fünf Mal so viel erneuerbaren Strom produzieren wie heute. Ganz zu schweigen von neuer Infrastruktur, die auf diese Strommengen ausgelegt sein muss. Weil der Anteil Erneuerbarer Energien zu gering ist um diesen Strombedarf zu decken, setzt die Regierung auf Kohlestrom. Doch es ist völlig absurd, einen Klimaschutzplan zu entwickeln, der frühestens 2040 den Kohle-Ausstieg aus der Kohleverstromung vorsieht. Braunkohle verursacht die höchsten CO2-Emissionen.
Auch im Wärmesektor besteht großes CO2-Einsparpotenzial. 80 Prozent des Heizungsbestandes ist veraltet. Hier müsste die Bundesregierung endlich steuerliche Anreize oder eine Abwrackprämie einführen, so dass sich der Heizungstausch für die Hausbesitzer noch schneller bezahlt macht. Im Verkehrsbereich diskutieren wir über Fahrverbote, weil die Feinstaubbelastungen so hoch sind. Könnte sich die Koalition endlich auf die Fortschreibung der Steueranreize für gasbetriebene Autos einigen, die so gut wie keinen Feinstaub emittieren, wären wir auch hier weiter.

Wie will sich die Gasbranche weiterhin in die Gestaltung der Klimaschutzziele einbringen?

Der Klimawandel wartet nicht. Wir bieten Lösungen, die auf Erdgas bzw. regenerativem Gas basieren. Sie sind heute schon verfügbar, kostengünstig und reduzieren den CO2-Ausstoß. Statt zum Beispiel auf Kohlekraft zu setzen, erzeugen Gaskraftwerke Strom zu deutlich geringeren Emissionen. Veraltete Heizungen können auf moderne Brennstoffzellenheizungen umgestellt werden. Auch im Schwerlast- und Seefrachtverkehr steht mit verflüssigtem Erdgas, LNG, ein deutlich klimafreundlicherer Treibstoff zur Verfügung als LKW- bzw. Schiffsdiesel.

 

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Gaskraftwerke

Der Anteil gasgefeuerter Kraftwerke an der deutschen Bruttostromerzeugung beträgt aktuell etwa 14%. Die installierte Kapazität beträgt ca. 26,5 GW, was einem Anteil von 16% an der gesamten installierten Kraftwerksleistung entspricht. 

Eine weitere Initiative ist der Appell der Gaswirtschaft zum Klimaschutzplan 2050. Worum geht es dabei?

Mit dieser Initiative warnt die Gasbranche davor, bei der Energiewende die Weichen falsch zu stellen. Es darf keinen übereilten Ausstieg aus der Erdgasnutzung geben. Für die Energieversorgung braucht Deutschland mehr als eine Infrastruktur. Die Bundesregierung darf nicht länger den Beitrag von Erdgas zur Dekarbonisierung sowie das Innovationspotenzial der Gastechnologie ignorieren. Mit Power-to-Gas und Biomethan stehen regenerative Gas-Anwendungen zur Verfügung, die beweisen: Gas kann grün. Damit ist Gas keine Brückentechnologie, sondern unverzichtbarer Partner der Erneuerbaren Energien und damit fester Bestandteil des Energiemixes der Zukunft. 

Zur Reduzierung der CO2-Belastung kann ein geringerer Gaseinsatz durch Effizienzgewinne beitragen. Welche Möglichkeiten sehen sie in diesem Sektor?

Zum Beispiel die Gaswärmepumpe. Sie verbindet die hocheffiziente Gas-Brennwerttechnik mit der Nutzung von Umweltwärme. Sie verbindet sehr hohe Wirkungsgrade mit einem hohen Anteil regenerativer Energien, und eine sehr gute CO2-Bilanz. Und sie kann sowohl in Neubauten als auch in Bestandsbauten eingesetzt werden. Der Effizienzgewinn wird durch die Einbindung von Umweltwärme erreicht.

Zukunft ERDGAS sieht das Gasnetz auch als Transportmittel für Strom. Welche Technologien sind dafür notwendig? 

Deutschland hat ein hervorragend ausgebautes und leistungsfähiges Gasnetz, das auch zum Transport von Ökostrom genutzt werden könnte. Das dafür erforderliche Verfahren ist die Power-to-Gas-Technologie. Hier wird erneuerbarer Strom aus Wind- oder Solarkraft in Methan umgewandelt. Dadurch lässt er sich speichern und ins Gasnetz einspeisen. Weil diese zukunftsträchtige und innovative Technologie noch mit zusätzlichen Abgaben belastet wird, ist sie leider im Moment nicht wettbewerbsfähig. Hier muss die Bundesregierung dringend nachbessern.

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