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04.09.2019 | Ergonomie + HMI | Im Fokus | Onlineartikel

Wenn das Auto zum Gesundheitsmanager wird

Autor:
Christiane Köllner

Das Auto der Zukunft weiß, was der Fahrer braucht. Es misst die Vitaldaten des Fahrers und gibt Tipps für mehr Wohlbefinden. Gehörten Autos und Gesundheit bislang eher nicht zusammen, soll sich das künftig ändern.

In naher Zukunft wird ein Pkw merken, wie sich der Fahrer fühlt. Das Fahrzeug wird die Herzfrequenz, den Atemrhythmus und den Blutzuckerspiegel des Fahrers messen. Ist er gestresst, startet das Auto die Massagefunktion und stellt die Innenbeleuchtung, Klänge und die Gerüche so ein, dass der Fahrer entspannen kann. Schließlich verfügt das Auto über die Daten anderer Geräte wie Wearables und greift auf Dienste im Smart Home zurück. Damit kann es sich ein Bild über die Vitaldaten des Fahrers machen. 

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Chancen und Herausforderungen von Automotive Health

Die Akzeptanz von Automotive Health und die Bereitschaft, Gesundheitsangebote im Auto zu nutzen, ist hoch. Automotive Health profitiert u. a. von dem veränderten Gesundheitsbewusstsein der Menschen innerhalb der letzten Jahre, der Digitalisierung sowie von den stets hoch frequentierten Straßen.

Gesünder aus- als einsteigen

So oder so ähnlich sieht die Verbindung von Autofahren und Wohlbefinden künftig aus. Einen Vorgeschmack darauf gibt zum Beispiel die Mercedes-Benz S-Klasse. In dem Oberklassen-Fahrzeug hat 2017 die sogenannte Energizing-Komfortsteuerung ihre Weltpremiere gefeiert. Diese Sonderausstattung vernetzt verschiedene Komfortsysteme im Fahrzeug. Sie nutzt gezielt Funktionen der Klimaanlage (einschließlich Beduftung) und der Sitze (Heizung, Belüftung, Massage), der Flächenheizung sowie Licht- und Musikstimmungen und ermöglicht je nach Stimmung oder Bedürfnis der Passagiere ein spezielles Wellness-Set-up.

Das Auto eignet sich in hohem Maße, ein umfassendes Bild über unsere Gesundheitsdaten zu erheben, da wir ohnehin viele Stunden hinter dem Steuer verbringen. Der Pkw wird zu einer Art Gesundheitszentrum, das Daten über Sensoren sammelt und an die Cloud weitergibt. Voraussetzung dafür ist das Connected Car. Aus den Daten berechnen Algorithmen wiederum Tipps für mehr Wohlbefinden der Insassen. "Automotive Health" nennt sich dieses neue Geschäftsfeld. 

[Es] ist ein neuartiges Themengebiet, welches die zwei bislang völlig unabhängigen Bereiche Mobilität und Gesundheit, unter Hinzunahme neuer Technologien aus den Themenkomplexen eHealth, mHealth und Telemedizin, verknüpft", erklären die Springer-Autoren Mustapha Addam, Manfred Knye und David Matusiewicz in der Einleitung zu ihrem Essential Automotive Health in Deutschland

Digitale Dienstleistungen aus dem Gesundheitsbereich sollen so mobil und zeitsparend zum Einsatz kommen, die Fahrenden erholter und gesünder am Zielort ankommen, wie es auch in der Einleitung des aktuellen Essentials Automotive Health erläutert wird. Das Buch stellt die Ergebnisse einer empirischen Studie zu den Kundenbedürfnissen in Bezug auf automobile Gesundheitsanwendungen vor. Ein wesentliches Merkmal der Automotive Health ist dabei die Identifikation beziehungsweise Früherkennung von Erkrankungen der Insassen eines Automobils.

Gesundheits- und E-Health-Markt wächst

Automotive Health ist aber nicht nur ein disruptives Konzept und innovatives Themenfeld, sondern auch lukrativ. Assistenzsysteme mit biometrischen Funktionen, die die Gesundheit und das körperliche Wohlbefinden erhöhen sollen, sind nach einer Studie der Analysten von Frost & Sullivan ein vielversprechender Wachstumsmarkt. Bis zum Jahr 2025 könnte sich das Fahrerlebnis durch eingebaute und cloud-basierte Technologien wie etwa die Überwachung von Herzschlag und Gehirnströmen, die Stresserkennung, die Ermüdungs- und Lidschlagüberwachung oder die Pulsmessung fundamental verändern. 

Gleichzeitig werden digitale Lösungen zur Überwachung der eigenen Gesundheitsbelange stark nachgefragt und spielen eine immer größere eine Rolle, betonen die bereits erwähnten Springer-Autoren im Kapitel Zusammenfassung und Ausblick. Demnach verzeichneten die Digital-Health-Märkte in den letzten Jahren starke Wachstumsraten. In Deutschland werde ein Anstieg im E-Health-Markt von 392 auf 662 Millionen Euro bis zum Jahr 2020 prognostiziert. Die Menschen würden immer mehr dazu tendieren, die Gesundheit selbst zu überwachen und zu pflegen. Dass Automotive Health die Kunden interessiert, hat auch die empirische Studie, die im Springer-Essential vorgestellt wird, ergeben: 37 Prozent der Probandinnen und Probanden würden Gesundheitsanwendungen im Auto nutzen, wenn diese verfügbar wären und 44 Prozent entschieden sich für die Antwort "vielleicht". 

So lässt sich der Fahrerzustand erfassen

So verwundert es nicht, dass Systeme zur Überwachung des Wohlbefindens und der Aufmerksamkeit des Fahrers schon seit Langem in der Diskussion sind. Inzwischen gibt es deshalb zahlreiche Driver-Monitoring-Systeme, die die Müdigkeit des Fahrers messen. Im Artikel Kognitive Belastung des Fahrers – Messung der Gefahr anhand der Pupillenveränderung aus der ATZelektronik 3/2016 beschreibt Stefan Marti von Harman ein kamerabasiertes System, das Veränderungen der Pupillen misst. Darauf basierend werden die Werte der mentalen Belastung berechnet. 

Für die Fahrerzustandserfassung wird insbesondere das Lenkrad eine große Rolle spielen. "Da direkter Hautkontakt im Fahrzeug ausschließlich am Lenkrad zu finden ist, ist dieses optimal für die Erfassung [von Vitaldaten]", erklärt Takata im Artikel Beitrag des Lenkrads zur aktiven Erkennung des Fahrerzustands aus der ATZ 7-8/2015. Die Autoren stellen Systeme im Lenkrad vor, die als Handerkennungssystem und integrierte Kamera zur biometrischen Zustandsüberwachung des Fahrers dienen. Aber auch die Autositze eignen sich sehr gut zum Vitalmonitoring. Ein kapazitives, in den Autositz integriertes Elektrokardiogramm-Messsystem kann zum Beispiel die Herzaktivität des Fahrers überprüfen.

Das Auto wird zum rollenden Sprechzimmer

Mittlerweile bewegen sich die Gesundheitsanwendungen in einem "Kontinuum zwischen Schutz des menschlichen Lebens, Diagnostik und Gesundheitsüberwachung, Gesundheitsförderung und Prävention bis hin zu mentaler Förderung und Verbesserung", wie die Springer-Autoren weiter im Kapitel Überblick zu Automotive Health erklären. Richtig Schwung in das Thema Automotive Health sei im Jahr 2016 gekommen. Das habe unter anderem an intensive Marketingarbeit von Audi rund um die Fit-Driver-Funktionen gelegen. Audi hatte damals das Konzept eines empathischen Fahrzeugs, das sich um die Bedürfnisse des Fahrers kümmert, präsentiert. Mit dem Slogan "My Car cares for me" habe sich das Unternehmen frühzeitig im Kampf um den Automotive-Health-Markt positioniert. Auch andere Hersteller wie Volkswagen, Ford, BMW, Jaguar Land Rover, Kia, Nissan und Toyota arbeiten an Gesundheits- und Wellnessdiensten im Auto. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit: der VW I.D. Vizzion, der über die Vitalwerte der Insassen die Klimatisierung steuert. 

Allerdings wird die Entwicklung der Automotive Health nicht bei einzelnen Gesundheits- und Wellnessdiensten Halt machen. Glaubt man den Springer-Autoren, dann wird das Auto künftig "als eine weitere Modalität im Bereich der Gesundheitsüberwachung" funktionieren. 

Automotive Health beherbergt große Potenziale einer Disruption zweier Branchen durch die Digitalisierung, das Gesundheitswesen und die Automobilität", so die Autoren. 

Sie sprechen von nichts weniger als der "Veränderung der Gesundheitsversorgung". Gerade die Kopplung von E-Health-Lösungen in ein autonom fahrendes Auto, das digital und vernetzt ist, ermögliche eine neue Ebene der Gesundheitsversorgung. Die Vorstellungen reichen dabei vom autonom fahrenden MRT beziehungsweise Röntgengerät, der autonomen Apotheke bis hin zum autonom fahrenden Behandlungszimmer mit dem Arzt. 

Ist das Gesundheitssystem zu konservativ?

Also alles gut in der schönen, neuen, mobilen Gesundheitswelt? Nicht ganz. Denn neben den Chancen und Potenzialen der Automotive Health existieren auch einige Hürden, die es zu überwinden gilt. Hierzu zählen nach Angabe der Springer-Autoren die Akzeptanz und der Reifegrad der Technologie, gesetzliche Bestimmungen und Regelungen, das Know-how der Automobilindustrie und das Thema Datenschutz und Datensicherheit. Hinzu kämen die Strukturen des Gesundheitssystems. 

Überhaupt scheint das Gesundheitssystem selbst ein besonderer Hemmschuh für Automotive Health zu sein. Denn: Ist das traditionelle, konservative Gesundheitssystem eigentlich für innovative Geschäftsmodelle ausgelegt? Laut der Springer-Autoren seien disruptive Geschäftsmodelle momentan schwer denkbar. Deren aktuelle Einschätzung ist dementsprechend nüchtern: "Derzeit existierten im aktuellen Gesundheitssystem keine Ansätze und Strukturen, um die Automotive Health nutzbar werden zu lassen". Ganz ausschließen möchten sie solche Entwicklungen aber auch nicht. Es bedürfe jedoch der Anstrengung diverser Institutionen und Akteuren des Bundes aus Politik, Wirtschaft und Gesundheit, um Strukturen für die Automotive Health zu schaffen. Für Erste kommt man um einen herkömmlichen Arztbesuch wohl nicht herum. Das Auto als rollendes Sprechzimmer muss noch etwas warten.

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