Ablenkung ist weiterhin unterschätztes Unfallrisiko
- 05.02.2026
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Autofahrer lassen sich häufig von der Fahraufgabe ablenken, etwa vom Smartphone. Das birgt ein erhöhtes Unfallrisiko. Verkehrsexperten fordern jetzt, die Strafen für Handynutzung beim Autofahren zu verschärfen.
Viele Touchscreens im Auto führen zu stärkerer Ablenkung der Autofahrer.
Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e.V. (ADAC)
Wer beim Autofahren das Handy in die Hand nimmt, sollte zwei Punkte im Fahreignungsregister bekommen. Das zumindest fordern Fachleute, die darüber beim Verkehrsgerichtstag Ende Januar in Goslar gesprochen haben. Zum Ausgang der Fachtagung wurden Empfehlungen zu verschiedenen Verkehrsthemen abgegeben. Demnach soll zudem das Bußgeld für Handy-Vergehen auf mindestens 250 statt 100 Euro angehoben werden.
Wie bisher sollte bei Unfällen oder der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer die Geldbuße höher ausfallen. Derzeit bekommen Autofahrer einen Punkt, etwa wenn sie ein Handy während der Fahrt in die Hand nehmen oder länger als einen "kurzen" Augenblick auf einen Bildschirm schauen. Aus Sicht der Expertinnen und Experten muss der Begriff "kurz" allerdings genauer definiert werden.
Die Ablenkung durch Handys und andere elektronische Geräte im Straßenverkehr sei "noch immer" ein unterschätztes Unfallrisiko, teilten die Experten mit. Sie forderten deshalb auch mehr Kontrollen, etwa mit sogenannten Handy-Blitzern, für die man eine bundesweite Gesetzesgrundlage brauche. Ferner sprachen sie sich für weniger Touch-Bedienung im Auto aus. Auch auf dem Fahrrad sollte die Handynutzung darüber hinaus härter bestraft werden, mit einem Punkt.
Griff zum Handy am Steuer für viele denkbar
Wie Ablenkung die Verkehrssicherheit konkret beeinträchtigt, weiß die Prüfgesellschaft Dekra: "In vielen Ablenkungssituationen steigt das Unfallrisiko um rund die Hälfte, so eine Studie der Allianz, etwa bei bestimmten Smartphone-Anwendungen, beim Lesen und Schreiben von Textnachrichten oder beim Bedienen der Navigation", so Dekra. Wer während der Fahrt im Bordcomputer einen ansprechenden Radiosender suche, erhöhe sein Unfallrisiko sogar noch stärker.
Viele Fahrer scheint das nach Einschätzung der Dekra wenig zu beeindrucken. Denn fast 43 % würden den Griff zum Mobiltelefon am Steuer nicht ausschließen. Aus Sicht von Stefanie Ritter, Unfallforscherin bei Dekra, eine riskante Haltung: "Wer nur eine Sekunde abgelenkt ist, legt bei Tempo 80 über 22 Meter im 'Blindflug' zurück. Bei Tempo 50 im Stadtverkehr bleibt das Fahrzeug 14 Meter ohne Kontrolle".
Touchscreen-Bedienung verlängert Bedienzeiten
Auch eine ADAC-Auswertung zur Bedienfreundlichkeit von Fahrzeugen zeigt: Fahrzeugbedienung führt zu immer mehr Ablenkung. Denn durch die fortschreitende Digitalisierung hätten es Autofahrer zunehmend schwer, ihr Fahrzeug intuitiv zu bedienen. Das gelte besonders dann, wenn Funktionen im Menü des Infotainmentsystems versteckt seien. Einer Dekra-Untersuchung zufolge kostet die Bedienung dann deutlich mehr Zeit, teilweise mehr als doppelt so viel als bei physischen Knöpfen. Entsprechend verlängere sich die "Blindfahrt".
Die Vielzahl der Ablenkungsquellen schlage sich laut Dekra auch in der amtlichen Unfallstatistik nieder, die seit 2021 Ablenkung als Unfallursache separat ausweise. So sei 2024 im Straßenverkehr bei insgesamt in 8.722 Unfällen Ablenkung die Ursache gewesen. Dabei seien 106 Personen tödlich und 1.572 schwer verletzt worden. Unfallforscherin Ritter geht allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus. "Vieles lässt sich im Nachhinein nur schwer oder überhaupt nicht nachweisen". Darauf ließen auch weitaus höhere Zahlen aus dem Ausland schließen.
ADAC-Autotest: Verschlechterung der Bedienung
Als Beleg für den Negativtrend hinsichtlich der Bedienbarkeit moderner Autos führt der ADAC eine Auswertung seiner Autotests der vergangenen sieben Jahre an. Dabei habe sich eine stetige Verschlechterung der Bewertungen im Kapitel Bedienung gezeigt. Demnach erhielten die Fahrzeuge im ADAC-Autotest im Jahr 2019 im Schnitt noch die Note 2,3 im Kapitel Bedienung. Kein Kandidat sei schlechter gewesen als die Note 3,2. Im Jahr 2025 zeige sich ein anderes Bild: Die Durchschnittsnote sei mit 2,7 nur noch befriedigend, das schlechteste Fahrzeug habe sogar nur mit einer 4,0 abgeschnitten. "Die Zeitreihe zeigt eine klare Tendenz und ist nicht zufällig: Sie steht im Zusammenhang mit der Einführung neuer und überwiegend softwaregetriebener Bedienung, die sich auf Touchscreens mit verschachtelten Menüstrukturen und Tasten ohne haptisches Feedback konzentriert", heißt es vom Automobilclub.
Laut ADAC würden die Untersuchungen deutlich machen, dass sich in Fahrzeugen mit überwiegender Touchscreen-Bedienung die Bedienzeiten verlängern und Autofahrer sich stärker konzentrieren müssen, um eine Fehlbedienung zu verhindern oder eine Funktion zu finden. In der Folge steige die Ablenkung und damit das Unfallrisiko.
Euro NCAP passt Bewertungsschema an
Auf diese Entwicklung reagiert der ADAC im Rahmen des europäischen Programms für Fahrzeugsicherheit Euro NCAP. "Künftig können Fahrzeuge nur noch dann die volle Punktzahl erhalten, wenn bestimmte Funktionen durch einen sogenannten 'Direct Physical Input', also zum Beispiel als Knopf oder Schalter mit direktem haptischen Feedback, zur Verfügung stehen", erklärt der Automobilclub. Diese Regel gelte für Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und eCall. Andere Funktionen müssen mit einem oder zwei Schritten im Untermenü des Fahrzeugs verfügbar sein.
Technik überlegt einsetzen
Fahrzeughersteller sollten nach Meinung des ADAC die softwaregetriebene Bedienung kritisch hinterfragen. "Für viele Funktionen ist es sicher nicht notwendig, einen eigenen Knopf oder Schalter vorzuhalten", heißt es vom Automobilclub. Die Fahrzeugbedienung über Touchscreens sei nicht nur unsicher. Zahlreiche Rückmeldungen von ADAC-Mitgliedern würden zudem zeigen, dass sie von vielen Verbrauchern auch nicht gewünscht sei, da sich Knöpfe und Schalter für viele Funktionen bewährt hätten.
Autofahrern rät der ADAC, dass sie sich vor der ersten Fahrt oder nach einem Software-Update mit der Menüführung des Autos vertraut machen sollten. Das gelte besonders für Funktionen, die sicherheitsrelevant sein könnten. Auch die Dekra empfiehlt: Aufgaben mit Ablenkungspotenzial sollten vor dem Losfahren erledigt werden.