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Über dieses Buch

Geschichtspolitik ist für die extreme Rechte von zentraler Bedeutung. Das spiegelt sich in ihren Publikationen ebenso wie bei ihren Aufmärschen mit historischen Bezügen. Das kollektive Gedächtnis der extremen Rechten ist durch ein Repertoire an Mythen, Bildern und Erzählungen geprägt, die in Anlehnung an Pierre Nora als „Erinnerungsorte“ begriffen werden können. Diese beziehen sich nicht nur auf geografische Orte, sondern auch auf Ereignisse, Artefakte oder Ideen. Erinnerungsorte erfüllen für dieses politische Spektrum eine wichtige sinnstiftende Funktion: Sie sollen dessen nationalistische und ethnozentrisch-rassistische Gemeinschaftsentwürfe legitimieren.
Quellennah skizzieren die Autorinnen und Autoren ausgewählte Erinnerungsorte, analysieren deren symbolische Aufladung, dekonstruieren die daran geknüpften Mythen und fragen nach der strategischen Bedeutung für extrem rechte Politikkonzepte.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Erinnerungsorte der extremen Rechten

Zur Einleitung
Zusammenfassung
Mit Festakten unter Beteiligung vieler Staatsoberhäupter und anderer politischer Repräsentantinnen und Repräsentanten wurde zu Pfingsten 2014 der 70. Jahrestag der Landung alliierter Verbände in der Normandie am 6. Juni 1944 begangen. Der D-Day bildete ein Schlüsselereignis auf dem Weg zur Befreiung Europas und seiner Menschen vom Nationalsozialismus und Faschismus. Doch auch andere historische Ereignisse finden ihren Ausdruck in der gegenwärtigen Geschichtskultur. Überall in Europa wird in diesem Jahr im Rahmen zahlloser Ausstellungen, Tagungen und Publikationen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert.
Martin Langebach, Michael Sturm

Schicksal – Heldentum – Opfergang

Der Gebrauch von Geschichte durch die extreme Rechte
Zusammenfassung
Am Nachmittag des 17. November 2013 versammelte sich vor dem in den Jahren 1933/1934 ursprünglich für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichteten ›Ehrenmal‹ im Bochumer Stadtteil Wattenscheid eine Handvoll Aktivistinnen und Aktivisten der NPD. Die bizarre Veranstaltung wird seit einigen Jahren regelmäßig anlässlich des Volkstrauertags von den ›Nationaldemokraten‹ durchgeführt.
Michael Sturm

›Germanische‹ Erinnerungsorte

Geahnte Ahnen
Zusammenfassung
Archäologie liefert der extremen Rechten nicht nur Bildmotive für ihren Lifestyle. In der Szene ist die glorifizierte ›germanische‹ Vergangenheit auf T-Shirts, Schmuck und vielem mehr zwar modisch omnipräsent, es geht aber um mehr als nur um Accessoires. Wochenendausflüge zu frühzeitlichen Fundorten oder Museen und Sonnwendfeiern an vermeintlich germanischen Kultstätten sind Ausdruck einer weltanschaulichen aufgeladenen Auseinandersetzung mit prähistorischen Orten, die vom rechten Rand teilweise sehr intensiv und radikal vereinnahmt werden.
Karl Banghard

Die Wewelsburg und die »Schwarze Sonne«

Von der Entlastungslegende zum vitalen Mythos
Zusammenfassung
Im Sommer 2011 besuchte eine Reisegruppe der NPD im Rahmen ihrer »Gemeinschaftsfahrt« nicht nur das Hermannsdenkmal bei Detmold und die Externsteine bei Horn-Bad Meinberg, sondern auch die Wewelsburg bei Paderborn. Hier hielt einer der Kameraden einen »unzensierte[n] Vortrag über den Aus- und Weiterbau der Burg, sowie über die mythischen Hintergründe der verschiedenen Burgherren« (NPD Nordrhein-Westfalen 2011) und brachte damit den Zuhöerinnen und Zuhörern jene Mythen näher, die sich seit etwa 1950 um dieses Renaissanceschloss aufgebaut haben – und die heute dazu führen, dass die extreme Rechte die Wewelsburg als ihr allein gehörend begreift.
Dana Schlegelmilch, Jan Raabe

Die ›Konservative Revolution‹

Geistiger Erinnerungsort der ›Neuen Rechten‹
Zusammenfassung
Nur Eingeweihte wussten von dem Treffen am 7. Mai 2011 auf dem Münchner Nordfriedhof. Ein handverlesener Kreis von Publizisten und Aktivisten, hauptsächlich aus dem Umfeld des privaten ›Instituts für Staatspolitik‹ (IfS), kam am Grabe des 1936 verstorbenen Populärphilosophen Oswald Spengler zusammen. Anlass war der 75. Todestag des Mannes, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Buch »Der Untergang des Abendlandes« weltbekannt wurde. Die Ausrichtung der Feier durch das IfS, einer zentralen Institution der ›Neuen Rechten‹, war kein Zufall. In diesen Kreisen gehört die Lektüre Spenglers zum guten Ton.
Volker Weiß

›Tag der nationalen Arbeit‹

Der 1. Mai als Erinnerungsort der extremen Rechten
Zusammenfassung
Das Schauspiel wiederholt sich so oder ähnlich in jährlichem Turnus an wechselnden Orten. Am 1. Mai 2014 fand es unter anderem im sächsischen Plauen statt. Rund 500 Rechtsextremisten demonstrieren unter der Parole »Arbeitsplätze zuerst für Deutsche«. Trommler und Fahnen begleiten den Zug, ein ›Kapitalist‹ spielender Demonstrant peitscht einen als ›Arbeiter‹ verkleideten. Die bestimmende Farbe des Zuges ist Rot, wie von den Veranstaltern vorab gewünscht. »Arbeit adelt«, das Motto des Reichsarbeitsdienstes (RAD), liest man auf roten T-Shirts. Und auf ebenso roten Transparenten prangt wahlweise der »Arbeiterriese« mit Hammer oder ein abgewandeltes Symbol der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft.
Harriet Scharnberg

Der Annaberg

›Ein Symbol des erwachten Deutschtums‹
Zusammenfassung
Jedes Jahr im Mai findet in der idyllisch am gleichnamigen Gewässer gelegenen oberbayerischen Gemeinde Schliersee eine nicht ganz alltägliche Gedenkveranstaltung statt. An der kleinen Kapelle auf dem Weinberg mitten im Ort wird die Erinnerung an das Freikorps Oberland und an die Kämpfe um den Annaberg im einstigen Oberschlesien gepflegt. Andrea Röpke und Oliver Schröm haben die dortige Traditions-Gedenkfeier im Jahr 2002 eindrücklich beschrieben.
Jörg Kronauer

Die Waffen-SS

Deutungsmuster der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit« (HIAG) und andere Apologien
Zusammenfassung
In dem Lied »Ruhm und Ehre« der Rechtsrock-Band Stahlgewitter fallen martialische Worte. Es geht um Kampf und Heldenmut, um Treue sowie um das Opfer für das Vaterland.
Karsten Wilke

Heldengedenken

Neonazistische Heldenehrung als Abwehrkampf gegen den Bolschewismus – das Beispiel Halbe
Zusammenfassung
»Sie kämpften für die Freiheit Europas. Indem wir uns nun zu ihnen melden, werden wir eins mit den Gefallenen unseres Volkes. Ich rufe die Toten des Heeres! Ich rufe die Toten der Marine! Ich rufe die Toten der Luft waffe! Ich rufe die Toten der Waff en-SS!« (N-Bildarchiv 2006). Auf jeden dieser Rufe antwortete ein Chor aus hunderten Stimmen von stramm stehenden Neonazis mit einem zackigen: »Hier!«. Nach der Totenehrung folgte das gemeinsame Absingen des Liedes »Wenn alle untreu werden« in der Textversion von Max von Schenkendorf.
Christoph Schulze

Luftkrieg

Akteure und Deutungen des Gedenkens seit 1945
Zusammenfassung
»Hier stehen sie, die Gefallenen der Heimatfront. Hier, in unseren Reihen!« Mit diesem Ausruf schließt im Januar 2012 der Organisator einer Demonstration von organisierten Neonazis anlässlich des 67. Jahrestages der alliierten Luft angriffe auf Magdeburg seinen Rückblick.
Martin Clemens Winter

8. Mai 1945

Zusammenfassung
»Der 8. Mai ist Anlass genug, dass sich noch jene zusammenfinden, die der deutschen Opfer von Gewalt, Terror und Ausrottungsgesinnung gedenken wollen«, setzte Udo Pastörs, Fraktionsvorsitzender der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern in seiner Rede an diesem geschichtsträchtigen Tag im Mai 2012 in Demmin an: »Liebe Freunde, Befreier vergewaltigen nicht, wie hier an diesem Ort, wo sich die geschändeten deutschen Frauen, weil sie ihren Stolz mit ins Grab nehmen wollten, sich in die eiskalten Fluten dieses Flusses stürzten.
Martin Langebach

Alliierte Kriegsgefangenen- und Internierungslager

»Folterlager« in Bad Nenndorf und »Massenvernichtung« in Remagen: Neonazi-Propaganda gegen alliierte Besatzungspolitik
Zusammenfassung
Bad Nenndorf im August 2013: Etwa 300 Neonazis beteiligen sich an einem »Marsch der Ehre«. Die Anwesenden laufen in der Gluthitze schweigend durch die Straßen, einige tragen schwarze Fahnen. Junge Männer schlagen auf Trommeln, die mit ihren roten Flammenzungen optisch denjenigen der Hitlerjugend nachempfunden sind. Auf mitgebrachten Spruchbändern stehen Parolen wie »Wir gedenken der Toten unseres Volkes« oder »Die Totenehre ist des Volkes Ehre«. Andere Transparente tragen pathetische Sprüche: »Menschlichkeit nennt Ihr das Leichentuch, das Ihr über unser Volk gebreitet«.
Barbara Manthe

Rudolf Heß

Kristallisationspunkt der extremen Rechten
Zusammenfassung
Mehr als 25 Jahre nach seinem Tod ist Rudolf Heß eine der bedeutendsten Figuren der extremen Rechten. Kein anderer Anlass hat es bisher geschafft, neonazistische Mobilisierungen und Inszenierungen so nachhaltig zu beeinflussen wie das Gedenken an den Hitler-Stellvertreter. Um ihn rankt sich eine mythisch verklärte Erzählung, in der es weniger um historische Fakten als um eine bestimmte Botschaft geht: Rudolf Heß als Sinnbild für Treue, Ehre, Opferbereitschaft, Standhaft igkeit und Pflichterfüllung in einem Abenteuer voll Hinterlist und Verrat.
Maica Vierkant

Konzentrationslager

Die Gedenkstätte Sachsenhausen – Ein Erinnerungsort der extremen Rechten?
Zusammenfassung
Der Bus 804 Richtung Malz fährt am Bahnhof Oranienburg ab. Er hält auch an der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen (GuMS). Insbesondere in der ›Hochsaison‹ von Frühjahr bis Herbst, wenn zahlreiche Besuchergruppen in die Gedenkstätte strömen, ist der lediglich stündlich fahrende Bus meist überfüllt.
Dagmar Lieske

Backmatter

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