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24.07.2014 | Erneuerbare Energien | Interview | Onlineartikel

Ist der Teller-Tank-Konflikt bald vom Tisch?

Autor:
Julia Ehl

Die energetische Nutzung von Biomasse wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Im Interview erklärt Bernhard Widmann, wie sich die Situation entwickelt.

Springer für Professionals: Seit erscheinen der ersten Auflage des Buches "Energie aus Biomasse – ein ethische Diskussionsmodell" sind drei Jahre vergangen. Die zweite Auflage ist gerade erschienen. Hat sich in dieser Zeit aus Ihrer Sicht die Diskussion um die Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung tatsächlich versachlicht?

Bernhard Widmann: Einerseits werden in der Tat inzwischen fundiertere Argumente ausgetauscht, und die Debatte um Bioenergie wird an mehreren "Fronten" geführt, zum Teil auch etwas differenzierter, als noch vor ein paar Jahren. Ich hoffe und glaube auch, dass unser gemeinsames Projekt von TTN und TFZ, viele Messeauftritte und Vorträge, aber auch unsere Buchpublikation zu einer strukturierteren Auseinandersetzung mit diesem Thema beigetragen haben.
Andererseits beobachte ich mit Sorge, dass der anfängliche "Zusatzschub", der durch das tragische Reaktorunglück von Fukushima im Jahr 2011 zu Einsicht und breitem Konsens in der Gesellschaft über die Notwendigkeit der Energiewende geführt hatte, schon wieder am Abklingen ist. Die Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren und zu gestalten, um eines der wichtigsten existenziellen Jahrhundertthemen zu lösen, hat wieder abgenommen.

Wie meinen Sie das konkret?

Um es deutlich zu sagen: "ökonomisches Phlegma", das in der simplen wählergünstigen Aussage mündet, Energie müsse "bezahlbar" bleiben, der in unserer Gesellschaft weit verbreitete Charakter, an allem Neuen zunächst die Nachteile und die Risiken zu sehen und darüber die Chancen zu verpassen, und das Sankt Floriansprinzip "Energiewende ja, aber bitte nicht vor meiner Haustüre" gewinnen wieder die Oberhand. Was wir brauchen, ist Mut und Aufbruchsstimmung, Freude an der Energiewende und die Bereitschaft, in eine nachhaltige und überlebensfähige Zukunft ebenso gerne zu investieren, wie in viele andere (weitaus weniger sinnvolle) Bereiche.
Auch die aktuelle Energiepolitik sollte dabei viel deutlichere Zeichen setzen. Die zweite, aktualisierte Auflage unseres Buches kann dazu beitragen, sich auf der Basis fundierter Erkenntnisse aktiv zu informieren, denn die "passive Information" und Meinungsbildung durch unreflektierte Schlagzeilen, die derzeit die öffentliche Debatte zu prägen scheinen, sind kein ausreichendes Instrument für ein verantwortungsvolles Anpacken unserer Herausforderungen.

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In der zweiten Auflage des Buches wird auf neue gesetzliche Rahmenbedingungen eingegangen. Welche Änderungen sind hierbei aus Ihrer Sicht im Erneuerbare-Energien-Gesetz entscheidend?

Zum 01.01.2012 wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein weiteres Mal novelliert. Wichtige Eckpunkte im Bereich Bioenergie waren dabei, dass z. B. pflanzliche Öle in Blockheizkraftwerken nicht mehr nach EEG vergütet werden, dass Reststoffe aus der Landwirtschaft, der Landschaftspflege und dem Forstbereich sowie Holz aus Kurzumtriebsplantagen stärker berücksichtigt werden, dass Mais und Getreidekörner als Substrate in Biogasanlagen auf maximal 60 Prozent pro Kalenderjahr begrenzt wurden und dass durch geänderte Vergütungsstrukturen kleine, güllebasierte Biogasanlagen gefördert werden sollen. Damit wurden u.a. bereits Maßnahmen zur Begrenzung von Mais und zur Stärkung von Reststoffen umgesetzt, die im aktuell diskutierten Entwurf des "EEG 2014" – aus meiner Sicht fachlich nicht begründbar und überzogen – weiter verschärft werden. Hier war nicht zuletzt der undifferenzierte Vorwurf der sog. "Vermaisung" mit verantwortlich. Die anstehende Novelle zum EEG konnte in der vorliegenden 2. Auflage jedoch verständlicherweise nicht berücksichtigt werden.

Welche Veränderungen im Energiesteuergesetz beeinflussen die Debatte Ihrer Meinung nach am meisten?

Im Energiesteuergesetz wurde festgelegt, dass Biodiesel und Pflanzenöle als Reinkraftstoff seit 01.01.2013 nicht mehr steuerbegünstigt sind. Damit kam der Reinkraftstoffmarkt nahezu zum Erliegen – ein Bärendienst an der Energiewende. Die auch hier mehr von Emotionen als Wissen geprägte Debatte um Teller versus Tank, Regenwald etc. hat aus meiner Sicht einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung.

Welche Regelungen müssen ergänzend getroffen werden, damit die Energiegewinnung aus Biomasse zukünftig auf breitere Zustimmung treffen könnte?

Breitere Zustimmung bzw. Akzeptanz kann in erster Linie durch seriöse, auf Fakten beruhende Information entstehen. Hier können wir Wissenschaftler unseren Beitrag leisten, indem wir einerseits Technologien und Verfahren entwickeln, die effizient und umweltschonend regenerative Energie bereitstellen und andererseits die komplexen Zusammenhänge dieser biologisch-physikalisch-chemischen Systeme durchleuchten und in verständlicher Weise für den Bürger aufbereiten.

Wie kann dieser Prozess noch unterstützt werden?

Ich wünsche mir aber mehr Engagement von Medien und Entscheidungsträgern, sich über das häufig zu beobachtende Schlagzeilenniveau hinaus fundiert und differenziert mit dieser komplexen Materie auseinanderzusetzen; die Verantwortung der Medien in diesem Bereich wird meines Erachtens durchaus unterschätzt. Wir Wissenschaftler stehen jedenfalls für intensiven Informationsaustausch zur Verfügung.
Energiepolitisch wünsche ich mir eine stabilere Planungssicherheit auf der Basis langfristiger Entscheidungen anstelle allzu häufiger und zu stark ausfallender Maßnahmen zum Nach-/Umsteuern. Also das klare Bekenntnis zu einer Energiewende, die Einsparung, Effizienzsteigerung und erneuerbare Energien gleichermaßen umfasst, sich nicht nur auf Strom, sondern ebenso auf Wärme und Verkehr bezieht und das Bewusstsein, dass diese Energiewende nicht zu einem "bequemen Preis" zu haben ist. Denn erneuerbare Energie ist wertvoller als die Nutzung fossiler Energieträger zum "Plünderungstarif" mit ihren Auswirkungen auf Klima und Umwelt.

Wir alle müssen der Gesellschaft klar machen, dass wir mit der Verbrennung von 500.000 Jahren Erdgeschichte in einem Jahr in einem Maß über "unsere" Verhältnisse leben, die wohl mit "fossiler Arroganz" passend umschrieben werden kann. Mehr Maßhaltigkeit bei den beiden Lebensmitteln Nahrung und Energie und das Verständnis für die elegant und nachhaltig in Biomasse gespeicherte Sonnenenergie schaffen höhere Wertschätzung und damit Akzeptanz. Wenn unser Buch bei der eigenen Standortbestimmung des Lesers und zur Differenzierung der eigenen Argumente einen kleinen Beitrag leisten kann, hat sich die Arbeit gelohnt.

Die indirekte Landnutzungsänderung ist ein wesentlicher Kritikpunkt bei der Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung. Wie wird dies unter Wissenschaftlern derzeit gesehen?

Die Theorie der sogenannten indirekten Landnutzungsänderung (iLUC) geht davon aus, dass durch die Nutzung im Nicht-Nahrungs-Bereich von Ernteprodukten von einer geografischen Stelle ein Nahrungsdefizit entsteht, das durch Nutzungsänderung einer Fläche an anderer Stelle für die Nahrungsproduktion ausgeglichen wird. Ich sage bewusst Theorie, denn quantifizierbare Nachweise gibt es hierfür nicht. Die Wissenschaftler, die diese Theorie veröffentlicht haben, warnen sogar auf Grund einer immensen Datenunsicherheit davor, auf dieser Basis marktbestimmende Regelungen zu treffen. In der Tat wäre aus meiner Sicht eine Schlechterstellung von Bioenergieträgern auf der Basis dieser Theorie – wiederum undifferenziert – nicht verantwortbar. Dies insbesondere deshalb, weil in vielen Fällen gekoppelte Produktionssysteme von Nahrung und Energie vorliegen.

Können Sie hierzu ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel, das zeigt, dass die Realität eher umgekehrt ist: Von einem Hektar heimischem Raps lassen sich aus den 3,5 Tonnen Rapskörnern über 2 Tonnen hochwertiges Eiweißfuttermittel als Hauptprodukt gewinnen, wovon rein rechnerisch eine Kuh über 800 Tage lang mit regionalem, gentechnikfreiem Protein versorgt werden kann. Damit werden Sojaimporte und ggf. nötige Landnutzungsänderungen sogar vermieden. Quasi als Dreingabe erhält man außerdem 1.400 Liter Rapsöl bzw. Biodiesel, das als Kraftstoff bei einem sparsamen Pkw für 35.000 km reicht. Also: die Nährstoffe für den Teller (Trog), die gespeicherte Sonnenenergie für den Tank. Dafür muss nirgendwo Regenwald gerodet werden.
Diskutiert man über Flächenverbrauch, Flächenkonkurrenz, direkte und indirekte Landnutzungsänderung, dann müssten auch die PV- und die Windkraftanlage, der Getränkemarkt am Ortsrand, die Tabakplantage, der Golfplatz, das Straßenbauprojekt (natürlich zusammen mit seiner zusätzlichen ökologischen Ausgleichsfläche), um nur einige treffendere Beispiele der Flächennutzung außerhalb der Nahrungsproduktion zu nennen, einbezogen werden.

Und noch eins: Wieviel Fläche benötigen wir für die Produktion jener 11 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, die wir alleine in Deutschland jährlich wegwerfen?

Innerhalb der EEG-Reform soll der Bau von Biogas-Anlagen auf 100 Megawatt begrenzt werden. Wie schätzen Sie diese Vorgabe ein?

Energie aus land- und forstwirtschaftlicher Biomasse für Wärme, Strom und Mobilität deckt zu rund 8 Prozent den deutschen Endenergiebedarf und ist mit einem Anteil von über 62 Prozent der bedeutendste erneuerbare Energieträger. Die 7.720 deutschen Biogasanlagen mit einer elektrischen Leistung von 3,7 GW ersetzen dabei bereits heute mehr als zwei Atomkraftwerke. Nach einem sehr erfolgreichen Ausbau dieser Technologie in den letzten Jahren hat seit 2011 und insbesondere seit Inkrafttreten des "EEG 2012" der Zubau an Leistung aus Biogas bereits stark abgenommen; im Jahr 2013 waren es nur noch 300 MW. Der Fachverband Biogas prognostiziert für das Jahr 2014 auf der Basis des noch gültigen "EEG 2012" nur noch einen Zubau von 40 MW, sollte das "EEG 2014" tatsächlich so in Kraft treten, nur noch einen jährlichen Zubau von 6 MW.
Auch hier muss man deutliche Worte finden: Der aktuelle EEG-Entwurf geht aus meiner Sicht so weit an einem notwendigen stringenten Ausbau erneuerbarer Energieträger vorbei, dass ironischerweise die Begrenzung auf 100 MW gar nicht "erforderlich" ist. Vielmehr sollten die Vergütungsklassen für Energiepflanzen (differenziert) beibehalten werden und eine Zubau-Begrenzung ganz entfallen oder zumindest auf mindestens 300 MW angehoben werden.
Unabhängig davon muss konstatiert werden, dass der vorliegende Entwurf insbesondere die Energie aus Biomasse gegen Null abregelt. Dass ich die offensichtlich rein kostenorientierte Novellierung nicht nachvollziehen kann, habe ich bereits vorhin ausgeführt. Auch das Argument der "Vermaisung" der Landschaft kann man nicht gelten lassen, denn die relativen Anteile der Kulturpflanzen an den Ackerflächen in Deutschland haben in den letzten 20 Jahren nachweislich lediglich etwas geschwankt, eine "Vermaisung" oder andere signifikante Veränderung in den Anbauverhältnissen ist nicht gegeben. In einigen Landkreisen Deutschlands mit sehr hohen Anteilen Mais in der Fruchtfolge sollte jedoch gegengesteuert werden, was über das "EEG 2012" ja bereits eingeleitet ist.

Was kann wissenschaftlich für die positive Entwicklung hinsichtlich der Nutzung von Biomasse getan werden?

Auch von unserem Hause wird intensiv an weiteren Energiepflanzen und Anbausystemen geforscht. Es fehlt eine fachliche Grundlage für ein weiteres "Abregeln" von Energiepflanzen durch das EEG. Der aktuelle Gesetzentwurf würde jedoch bei Inkrafttreten die Zukunft der Energiepflanzen insgesamt, auch der Alternativen zum Mais (Hirse, Silphie, Amarant, Quinoa, Buchweiten, Sida etc.) mehr als in Frage stellen. Aber vor allem mit Energiepflanzen sind Chancen auf mehr Vielfalt und Biodiversität gegeben, die dann verloren gingen.

Welches Fazit ziehen Sie in Bezug auf Klimawandel und Energiewende?

Insgesamt gab es beim Ausbau der erneuerbaren Energieträger von 2012 auf 2013 erstmals einen Stillstand. Wollen wir das "2-Grad-Ziel" beim Klimaschutz erreichen, ist jedoch ein weiterer exponentieller Ausbau der erneuerbaren Energien von heute stagnierend 12,3  auf 60 Prozent Anteil bis zum Jahr 2050 erforderlich, bei gleichzeitiger Absenkung der Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent im Vergleich zu 1990 (hier jedoch steigen die Emissionen im dritten Jahr in Folge).
Wir alle müssen uns viel klarer zu Klimaschutz und Energiewende bekennen und zügig daran weiterbauen. Diese Herausforderungen dulden keinen Aufschub, bieten aber vielfältige Chancen für Wertschöpfung, Arbeitsplätze und eine gesunde Zukunft für unsere Nachkommen!

Das Interview führte Julia Ehl, Redaktion Springer für Professionals.

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