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21.10.2013 | Erneuerbare Energien | Interview | Onlineartikel

Bioenergie im Strommarkt der Zukunft

Autor:
Günter Knackfuß
4:30 Min. Lesedauer

Die Erneuerbaren Energien müssen zunehmend Verantwortung für die Systemsicherheit der Stromversorgung übernehmen. Das heißt, sie müssen zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage und dem reibungslosen Zusammenspiel der unterschiedlichen Anlagen im Netz beitragen. Bioenergie hat dabei den Vorteil, dass sie flexibel eingesetzt werden kann. Im Expertengespräch bewertet Jörg Mühlenhoff, Referent für Energiewirtschaft bei der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) die Turbulenzen im Bioenergie-Sektor und schildert, wie Biogasanlagen zur Netzstabilität beitragen können.

Springer für Professionals: Der Bioenergie-Sektor ist in letzter Zeit in Turbulenzen geraten. Wie bewertet die AEE diese Situation?

Jörg Mühlenhoff: Schon vor der zunächst gescheiterten "Strompreisbremse" kam es im wichtigsten Agrarenergiebereich zu einer Investitionsdelle: Der Zubau von Biogasanlagen ging 2012 stark zurück. Wurden 2011 noch fast 1.300 neue Biogasanlagen installiert, so ging der Zuwachs um drei Viertel zurück auf nur noch 340 Neuanlagen. Gestiegene Preise für Agrarrohstoffe wie auch regionale Flächenkonkurrenzen gelten vor dem Hintergrund der 2012 in Kraft getretenen EEG-Novelle als Gründe für das vorläufige Ende des Biogas-Booms. Unabhängig von der EEG-Novelle, die nach der Bundestagwahl ansteht, ist schon jetzt klar: In Zukunft geht Qualität vor Quantität. Künftig werden viele Biogasanlagen verstärkt gefordert sein, nicht mehr rund um die Uhr möglichst viel Strom, sondern bedarfsgerecht genau dann Strom zu erzeugen, wenn Nachfrage und Strombörse es verlangen. Im Biokraftstoffbereich ist seit der Umstellung auf das Quotengesetz seit 2008 eine Stagnation zu beobachten. Durch die Reduktion der Steuerbefreiung sind Biokraftstoffe gegenüber fossilen Kraftstoffen ins Hintertreffen geraten. Zudem verunsichert die Debatte um eine noch strengere Deckelung der Ausbauziele die Landwirte und heimischen Biokraftstoffproduzenten.

Was können Bioenergieanlagen im erneuerbaren Energiemix leisten?

Bioenergie hat dabei den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu Sonne und Wind keine volatile, wetterabhängige Quelle der Stromerzeugung ist. Bioenergieträger sind bereits "gespeicherte Sonnenenergie" und können flexibel eingesetzt werden. Strom aus Bioenergieanlagen bietet sich damit als idealer "Teamplayer" für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage an. Notwendig ist jedoch ein Umstieg auf einen flexibilisierten Betrieb der Bioenergieanlagen, die bisher noch meist rund um die Uhr stabil stets dieselbe Strommenge erzeugen. Die Anlagen müssen für eine bedarfsorientierte Stromerzeugung, ausgerichtet an Preissignalen des Strommarkts und der schwankenden Nachfrage anderer Erzeuger, fit gemacht werden. Technisch sind Systemdienstleistungen schon heute kein Problem. Dazu gehören z.B. Sicherung der Netzstabilität durch Bereitstellung von Blindleistung zur Spannungshaltung im Stromnetz oder die Bereitstellung von Regelenergie zum Ausgleich von Differenzen zwischen prognostiziertem Stromverbrauch und prognostizierter Stromerzeugung.

Welche Beiträge sind zum Ausgleich einer wetterabhängigen, fluktuierenden Einspeisung möglich?

Nach unserer Einschätzung und Studien von BET Aachen und IZES Saarbrücken könnten flexibilisierte Biogasanlagen ein verfügbares Ausgleichspotenzial von insgesamt rund 16.000 MW anbieten. Innerhalb weniger Minuten könnte diese Kapazität bei Überangebot im Netz gedrosselt oder bei steigender Nachfrage hochgefahren werden. Zum Vergleich: Die Kapazität der deutschen Braunkohlekraftwerke wird von der Bundesnetzagentur auf rund 18.000 MW beziffert. Diese fossilen Großkraftwerke könnten wegen ihrer technisch bedingten Trägheit voraussichtlich jedoch nur wenige Tausend Megawatt für den kurzfristigen Ausgleich von Solar- und Windstrom zur Verfügung stellen – mit miserabler Klimabilanz.

Wie können Bioenergieanlagen flexibel werden?

Bioenergieanlagen, die bedarfsgerecht Strom erzeugen wollen, müssen zunächst den Bedarf im Netz kennen. Dazu ist die Einrichtung entsprechender Informationskanäle notwendig, die Signale des Netzbetreibers bzw. des Stromhändlers übertragen. Werden Nahwärmenetze und andere Wärmeabnehmer versorgt, muss deren Wärmebedarf gut kalkuliert werden, um gegebenenfalls einen zusätzlichen Wärmespeicher nachzurüsten. Schließlich soll niemand frieren, wenn die Stromerzeugung des BHKW gedrosselt wird. Vor allem ist aber eine Investition in zusätzliche BHKW-Kapazitäten notwendig, so dass diese modular gefahren werden können. Teillastbetrieb eines einzelnen BHKW wäre wenig sinnvoll. Nicht zuletzt ist die Größe des Gasspeichers entscheidend. Je mehr Biogas unter der Fermenterhaube "zwischengeparkt" werden kann, desto flexibler können die BHKW gefahren werden.

Ein Paradebeispiel dafür ist das Biogassystem der Nordstrander Inselenergie in Schleswig-Holstein. Über welche Vorteile verfügen die Energiebauern dort?

Die Nordstrander Inselenergie fährt ab Oktober 2013 ihre BHKW bedarfsgerecht, indem sie den Strom über eine Genossenschaft an der Strombörse vermarktet. Liegt der Preis zu niedrig, kann die Stromerzeugung gedrosselt werden. Außerdem nimmt die Anlage am Regelenergiemarkt teil. Dank des sehr großen Gasspeichers, der für 12 Stunden Biogaserzeugung ausreicht, können BHKW-Kapazitäten auch über größere Zeiträume abgeschaltet werden. Die Biomasse vergärt während dieses Zeitraums natürlich weiter. Das entstehende Biogas kann aber in den Gasspeichern aufgefangen werden. Ein Nahwärmenetz mit über 100 Abnehmern sorgt für eine sehr effiziente Verwertung der Biomasse. Darunter ist bei weitem nicht nur der viel gescholtene Mais. Die Betreiber bauen auch ein Hafer-Bohnen-Gemenge an, das die Bodenqualität verbessert. Auch Schafmist kommt zu Einsatz.

Welche Marktmodelle geben der Bioenergie weiterhin Chancen für einen langfristig wirtschaftlichen Betrieb?

Ohne eine feste Einspeisevergütung geht es nicht. Eine ausschließliche Vermarktung an der Strombörse kann keine flexible Stromerzeugung aus Bioenergie gegenfinanzieren. Die diskutierten Kapazitätsmärkte können nur dann einen Anreiz für die Flexibilisierung bieten, wenn sie – wie im aktuellen EEG – als technologiespezifische Flexibilitätsprämie ausgelegt sind.

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