Skip to main content
main-content

07.07.2014 | Erneuerbare Energien | Interview | Onlineartikel

Kampf für alternative Energieerzeuger und Verbraucher

Autor:
Günter Knackfuß

Der Bundesverband Erneuerbare Energie macht sich in der Europa-, Bundes- und Landespolitik für den schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien stark. Im Interview berichtet Hermann Falk über die Verbandsaktivitäten.

Springer für Professionals: Die Erneuerbaren stehen jetzt ständig im Fokus der Öffentlichkeit. Was steht zurzeit ganz oben auf der Verbandsagenda?

Hermann Falk: Ganz entscheidend für den BEE und die Branche ist die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Wir arbeiten bis zum letzten Tag daran, dass durch diese Novelle der Ausbau der Erneuerbaren nicht abgewürgt wird. Insbesondere die Bioenergie und die Photovoltaik sind akut bedroht. Und die in Bayern und Sachsen geplanten Abstandsregelungen würden den weiteren Ausbau der kostengünstigen Windkraft an Land dort unmöglich machen. Außerdem wollen wir verhindern, dass durch die geplanten Ausschreibungen die Energiewende den Bürgern aus der Hand genommen und wieder den Konzernen gegeben wird. Ausschreibungen sind so aufwändig und teuer, dass sie zum Beispiel für die rund 900 Energiegenossenschaften in Deutschland abschreckend wären. 

In der Diskussion ist auch das sogenannte Grünstromprivileg. Was hat es damit auf sich?

Weitere Artikel zum Thema

Das Grünstromprivileg wird von der Bundesregierung gestrichen. Es soll ersetzt werden durch die verpflichtende Direktvermarktung auf Basis der gleitenden Marktprämie. Dadurch können aber Kunden nicht mehr direkt aus EEG-geförderten Anlagen mit Strom beliefert werden. Fast alle Ökostromprodukte, die in Deutschland angeboten werden, basieren dann lediglich auf Ökostromzertifikaten aus dem Ausland, zum Beispiel Norwegen. Weil sich unsere Branche damit nicht abfinden will, haben wir das sogenannte Ökostrommarktmodell entwickelt. Es gibt Stromversorgern eine Wahlmöglichkeit: Entweder sie fördern den Ausbau der Erneuerbaren Energien durch die Zahlung der EEG-Umlage, wie bisher, oder sie nehmen Strom aus EEG-Anlagen direkt ab. Dafür zahlen sie die durchschnittlichen Kosten für EEG-Strom und dürfen sich Herkunftsnachweise für echten Grünstrom ausstellen lassen. Und das Modell wirkt leicht entlastend auf das EEG-Konto.

Wie bewerten sie generell die wirtschaftlichen Effekte der Erneuerbaren Energien?

Die Erneuerbaren Energien stehen mittlerweile für 27 Prozent der Stromproduktion in Deutschland. Und das hat enorme wirtschaftliche Auswirkungen: Im Jahr 2013 lagen die Investitionen in Erneuerbaren-Anlagen und ihre Fertigungsmaschinen bei 16,3 Mrd. Euro. Der Betrieb der Anlagen schuf einen Umsatz von weiteren 15,2 Mrd. Euro. Die direkte Wertschöpfung der Branche betrug rund 17 Mrd. Euro. Obwohl die Photovoltaik durch überzogene Förderkürzungen einen Einbruch erlitten hat, steht die Erneuerbaren-Branche insgesamt immer noch für mehr als 370 000 Arbeitsplätze. Bund und Länder nehmen pro Jahr fast 6 Mrd. Euro an Steuern durch unsere Branche ein. Für die Stahl-, Kupfer, Chemie- und Elektroindustrie gehören die Erneuerbaren zu den wichtigsten Kundengruppen. Auch das Handwerk profitiert sehr stark.

 

Ihr Verband bemüht sich aktiv um die Verbreitung von Pioniervorhaben, z.B. um die energetischen Modernisierungsmaßnahmen der Berlin-Charlottenburger Baugenossenschaft. Welche Innovationen bestimmen dieses Projekt?

Die Wohnanlage mit 196 Wohnungen hat ein Blockheizkraftwerk im Keller und Photovoltaikanlagen auf den sechs Dächern der Häuser. Die Hybridanlage versorgt die Mieter umweltfreundlich mit Strom und Wärme. Zusätzlich hat die Berliner Energieagentur mit einem Zuschuss von der Charlottenburger Baugenossenschaft das gesamte Nahwärmeleitungsnetz mit einer Länge von 240 Metern modernisiert. Die CO2-Minderung der Anlage beläuft sich auf 143 Tonnen im Jahr, das sind 60 Prozent. Und die Mieter können den selbst erzeugten Strom mindestens zehn Prozent günstiger beziehen als vom örtlichen Versorger.   

Schule macht auch der "energieautarke Ort" Feldheim. Kann diese Lösung ein Beispiel sein für weitere Kommunen?

Die Bürgerinnen und Bürger im brandenburgischen Feldheim haben es geschafft, mehr als 100 Prozent ihres Strom- und Wärmebedarfs aus örtlichen Erneuerbaren-Anlagen zu decken. Die Wärmeversorgung kostet 15 Prozent weniger als bei jedem konventionellen Anbieter. Der Strom ist sogar 25 Prozent günstiger. Außerdem hat das Dorf gemeinsam mit einem örtlichen Unternehmer ein eigenes Strom- und Nahwärmenetz verlegt. Was Feldheim geschafft hat, ist großartig. Wir als BEE setzen uns sehr für regionale Erzeugung von Strom und Wärme ein, ob aber Autarkie sinnvoll ist, muss jede Kommune für ihren konkreten Einzelfall entscheiden.

Einen wichtigen Stellenwert hat auch die Bioenergie - nicht nur in Brandenburg. Welche Risiken und welche Chancen bestehen gegenwärtig?

Durch die geplante EEG-Reform wird die Bioenergie stark gefährdet – und das, obwohl die Ukraine-Krise gerade zeigt, wie wichtig die Versorgung mit heimischem und regelfähigem Biogas ist. Der von der Bundesregierung geplante Ausbaudeckel von 100 Megawatt pro Jahr ist ohnehin schon so niedrig, dass viele Unternehmen nicht überleben können. Hinzu kommt: Die vorgesehenen Kürzungen bei der Vergütung und die sehr restriktiven Vorschriften bei den Einsatzstoffen verschlechtern die Rahmenbedingungen so stark, dass nur noch ein Zubau von 6 Megawatt statt 100 Megawatt pro Jahr realistisch ist. Was das für die Branche bedeutet, kann sich jeder leicht ausrechnen.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Biomasse

Quelle:
Regenerative Energietechnik

2012 | OriginalPaper | Buchkapitel

Photovoltaikanlagen

Quelle:
Photovoltaik

2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Stromerzeugung aus Windenergie

Quelle:
Erneuerbare Energien
    Bildnachweise