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Über dieses Buch

Dieses Buch enthält 33 Essays zum Thema Architektur. Architekten sind keine Eremiten, sondern Generalisten und zugleich Beobachter, Voyeure und Ideensammler. Deshalb sollte zu den erforderlichen Eigenschaften des Architekten oder auch des Designers (dem Bruder im Geiste) Neugier und der Hang zur fachlichen Grenzüberschreitung gehören. Was geschieht jenseits seiner Profession? Wie denken und leben andere? In welchem Abseits findet er Lösungen für seine gestalterischen Fragen? Mit Beute suchendem und forschendem Blick auf die Behausungen der Ärmsten zum Beispiel, vor allem in der dritten Welt, entdeckt er, mit weit geöffneten Augen forschend, Gestaltungsmöglichkeiten, die die eingefahrenen Geleise verlassen, unerwartete Basteleien zulassen, die die Aufnahmefähigkeit erweitern und manche Neuerungen erst denkbar machen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Erratum zu: Mann vor der Menge: Gursky

Ulf Jonak

Maßgebende Personen oder ihre Büros

Frontmatter

1. Das makellose Weiß

Man könnte meinen, Frankfurts beispielhafter Siedlungsbau der zwanziger Jahre sei nur noch ein Forschungsfeld für Stadthistoriker. Man könnte meinen, die einzigartigen Stadtrandsiedlungen (Römerstadt, Bruchfeldstraße, Westhausen und andere), obwohl von ihren Bewohnern geliebt, seien nur noch Gedenkstätten für Architekturtouristen. Eine urbane Tradition der Stadt- und Lebensgestaltung, der einfühlsamen Organisation des alltäglichen Miteinanders wird nicht mehr aufgegriffen. Stattdessen werden, wie es im neuen Stadtteil Riedberg geschieht, Hausgruppen und Häuser ins Gelände gestreut nach den Prinzipien der Erreichbarkeit, der Distanz und Konfliktvermeidung, anders gesagt, nach dem Prinzip des möglichst reibungslosen Nebeneinanders von Berührungsempfindlichen.

Ulf Jonak

2. Jean Prouvé: Die Poetik des technischen Objekts

Ein Stuhl wie ein Engel, die Rücklehne senkrecht gespalten, so dass zwei blecherne Schwingen entstehen. Das ist kein symbolisches Spiel, sondern eher eines der Formvollendung, denn in den Spalt können sich die Wirbel des Rückgrats unbeschwert einschmiegen. Man lehnt sich bequem zurück und fühlt sich partiell schwerelos. Jean Prouvé, der sich selbst, als „Mann der Fabrik“ bezeichnete, der nie Architekt genannt werden wollte, der aber einverstanden war, dass Le Corbusier von ihm sagte: er sei „ein geborener Konstrukteur, ein großer Konstrukteur, [der] wahrhafte Meisterwerke der Technik und Architektur realisiert habe“, war zweifellos einer der poetischsten Techniker des 20. Jahrhunderts. Seine Möbel, seine Bauten, seine Konstrukte atmen jenen Geist der „Ingenieur-Ästhetik“ aus, den Le Corbusier der „Baukunst“ entgegensetzte (Vers une Architecture, 1919) und behauptete, das eine sei „in voller Entfaltung“ und das andere „in peinlicher Rückentwicklung“.

Ulf Jonak

3. Trabanten für Moskau – Zeilen in Magnitogorsk

Ernst Mays Geburt jährte sich im Jahr 2011 zum 125sten Mal. Als er, einer der bedeutendsten Stadtplaner des 20. Jahrhunderts, seit 1925 Baudezernent in Frankfurt am Main, am 1. Oktober 1930 nach fünf erfolgreichen Jahren, nach einer ihm weltweit Aufmerksamkeit verschaffenden und reichlich publizierten Zeitspanne, die Stadt in Richtung Sowjet-Union verließ, waren die Abschiedsrufe der Zeitungen wehmütig bis hämisch. „Wir empfinden schmerzlich, dass der stürmisch Voranschreitende, dass dieser aufgeschlossene Mensch und Führer unsere Stadt verlassen und ein neues Feld für seine reformerische Arbeit aufsuchen will“, bedauerte die Frankfurter Zeitung (18.7.1930). Die Frankfurter Nachrichten dagegen schrieben(20.7.1930): „Die kristallklare Sachlichkeit wird nach Moskau verlegt. Ab nach Moskau! Der Mann, der in Frankfurt ‚die neue Sachlichkeit‘ im Wohnungsbau einführte und den man hier einen Diktator nannte, verlegt den Schauplatz seiner Tätigkeit nach Russland. […] Im Übrigen aber – das weiß er selbst am besten – weinen ihm die Frankfurter keine Träne nach.“

Ulf Jonak

4. Ein Architekt im Licht und Schatten

Louis Kahn, geboren am 20. Februar 1901, einflussreich wie nur wenige, ein Architekt für Architekten, betritt die Bühne des amerikanischen Zeitalters wie ein Revenant aus der Frühzeit der westlichen Welt. Die über alle Maßen hinaus gesteigerte Monumentalität von Kahns Spätwerk, dem Regierungszentrum von Dacca (Bangladesch, ab 1962), die düstere Melancholie seiner im Schatten verdunkelten Ziegelwände, von Licht durchfluteten Mauerstaffeln, wie von vorzeitlichen Giganten getürmt, geschichtet in rigoros geometrischen Kuben und Zylindern, in hintergründigen Symmetrien geordnet, zeugt von ähnlicher Allhingabe und Grenzen sprengender Fantasie wie die maßlosen Projekte Boullées, des französischen Revolutionsbaumeisters im 18. Jahrhundert. Eine der Romantik zugetane Neigung beflügelte Kahn auf der Suche nach den Ursprüngen der Architektur.

Ulf Jonak

5. Aristokratisches Baukastensystem

Getreidemehl und Marmorpulver. Müllersohn und Steinmetz. Nachdem er sich den Staub der jungen Jahre aus den Kleidern geklopft hatte und sich, befreit von den Fesseln des ungeliebten Brotverdienstes, in die Höhe reckte, avancierte er zum Begleiter und Studienfreund fürstlicher Gelehrter, vermaß und zeichnete für sie römische Altertümer und reifte letztlich zum Baumeister. Andrea Palladio, der vor exakt 500 Jahren in Padua geboren wurde, wuchs zum einflussreichsten Architekten der westlichen Welt heran, Inbegriff des Gesamtkunstwerkers bis in unsere Zeit.

Ulf Jonak

6. Welt als Kerker

Die Moderne beginnt und endet mit der Wahrnehmung des brüchigen Bodens, ja, des Abgrundes, über den sich das wache Bewusstsein spannt. De Sades Orgien- und Folterkeller, Poes Grube und Pendel, Freuds Analysen, Becketts von Mal zu Mal sprachloser endende Szenen und Bacons geschundene Körper zwischen geschliffenen Käfigkanten: Verdunkeltes Dasein angesichts Visionen von grenzenloser Weite oder asketischer Reduktion kennzeichnen die Fantasien der beiden vergangenen Jahrhunderte.

Ulf Jonak

7. Rem Koolhaas preist die Kultur des Staus

Die Frankfurter Zeilgalerie, diese wahnwitzige Spirale oder gemächliche Achterbahn entlang der Schatz- und Plunderkammern des Handels, diese turbulente Anhäufung kostspieliger und zugleich freigiebigster Reize, diese triviale Mixtur aus Touristenziel, Basar, Showbiz und Kirmes. Ist aus dem Geist des „Manhattanismus“ geboren. Ob es dem Investor Jürgen Schneider bewusst war, als er sein Projekt hochsinnig und sturköpfig, aber mit Hilfe dunkler Machenschaften in die Welt setzte, dass er im Geiste der naiven, renommiersüchtigen Kapitalisten des frühen New Yorks handelte?

Ulf Jonak

Randständig, interdisziplinär

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8. Becketts Verwaiser

Becketts Verwaiser, Becketts Versuchsanordnung: Eine Horde Menschen, in einem gasometerähnlichen Rund gefangen, ist unaufhörlich auf der Suche. Unaufhörlich, denn „das Hinlegen kennt man nicht im Zylinder, und die sich daraus ergebende Lage, die Wonne der Besiegten, ist ihnen hier für immer versagt.“ Unaufhörlich und perspektivlos auf der Suche: Wie fragwürdig bald ist die Behauptung solcherlei Tuns. Plant jeder Gefangene nicht sogleich die Rebellion, den Ausbruch oder verfällt angsterstarrt der Resignation? Anhaltendes, ergebnisloses Suchen aber erscheint uns irrwitzig, krankhaft das rastlose Umherirren, sinnlos die stumpfe Hoffnung. Aber auch wir, die Leser, erliegen der zwanghaften Wiederholung, lesen und repetieren: Eine Horde Menschen, in einem gasometerähnlichen Rund gefangen, ist auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Kessel.

Ulf Jonak

9. Paranoia im Hain

Eine Blasphemie, die anscheinend niemanden stört. Neben dem Eingang zum „Vittoriale degli Italiani“, Park und Villa Gabriele d’Annunzios, neben den üblichen Souvenirs, hängen T-Shirts, aufgespannt wie weiße Kreuze, wie eingelaufene Leichenhemden, versehen mit dem Bilde des kinnstrotzenden Mussolinischädels – dunkle Schweißabdrucke auf gebleichtem Leinen. Ein seltsames Potpourri: Im Eingang wenige Meter weiter, gegenüber dem Entrée zur Altstadt von Gardone, empfangen uns liebenswürdige Einlasserinnen, als ginge es in die Operette. Ringsherum ist Siestastimmung, pulsieren Kleinstadtgeräusche. Nichts ist zu spüren von faschistischer Heldenverehrung. Eher verborgen: Es ist, als ob ein jeder Frieden geschlossen habe mit jener unheilvollen Vergangenheit.

Ulf Jonak

10. Lauter Disneylands – Die Inszenierung der Architektur

In der alten Zeit überlappten sich Kinderwelt und Erwachsenenwelt. Man arbeitete und spielte miteinander. Später wurden die Erwachsenen erwachsener und die Kinder kindlicher. Im 20. Jahrhundert aber, da es mit einem mehr und mehr Freizeit gab, die gefüllt, ja erfüllt werden musste, da die Inhalte der Arbeitswelt immer technischer, unübersichtlicher, also komplizierter wurden und man sich überfordert sehnte nach harmlosen, folgenlosem Tun, da näherten sich Kinderwelt und Erwachsenenwelt wieder unmerklich einander an. Sport als Spiel, Literatur als Comic, Sprache als onomatopoetisches Geräusch: Peng & Whow! Die Spaßgesellschaft war im Entstehen.

Ulf Jonak

11. Mann vor der Menge: Gursky

Der professionelle Flaneur geht als Einzelgänger. Der Fotograf Andreas Gursky nimmt den Standpunkt des Einsamen ein gegenüber der Flut seiner Mitmenschen. Wie Caspar David Friedrichs ‚Mönch am Meer‘ stellt er sich der großmächtigen Kulisse. Der einzelne allein vor der Menge: „Dieser Menge eine Seele zu leihen, ist das eigenste Anliegen des Flaneurs“, sagte Walter Benjamin [‚Über einige Motive bei Baudelaire‘] Gursky, der Flaneur, will standhalten angesichts eines Heers von nur scheinbar Seelenlosen und hält Distanz dank seiner gezückten Waffe, der Kamera. Die Masse ist für ihn die unruhige Folie, durch die hindurch er sein Jahrhundert sieht.

Ulf Jonak

12. Steinerne Schwämme

Hans Henny Jahnn, der in leonardeskem Nebeneinander, vielleicht auch Durcheinander, Literatur, Künste und Wissenschaften betrieb, saß mitunter, zumindest in jungen Jahren, am Zeichenbrett und entwarf, von archaischen Tagträumen betört, schwerlastige, wie aus frühen Christenjahrhunderten herstammende Tempelarchitekturen. Der Romanik und besonders den aquitanischen Kuppelkirchen in Angoulême und Périgueux galt seine sublime Neigung, ja Zuneigung, weil sie für ihn die makellosesten Übertragungen menschlicher Leiblichkeit in beseelten Stein zu sein schienen. In seinem Roman „Fluss ohne Ufer“, dem literarischen Hauptwerk, findet sich folgende Stelle:

Ulf Jonak

Im Westen Europas

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13. Nachbarschaftsfest statt Festbankett

Das Eine hat wohl nichts mit dem Anderen zu tun: einerseits das Erschrecken über das Verschwinden des vertrauten Kastanienbaums im Atrium des Architekturmuseums und andererseits das Konsterniertsein über die Bedenkenlosigkeit, mit der sich die Entwerfer der ausgestellten Wettbewerbsbeiträge einer fremden Parallelwelt andienen. Und doch können wir beide Ereignisse zusammen als Zeichen für den Zustand einer Epoche deuten. Ein unmerklich fortschreitender Verlust der Bodenständigkeit und zugleich ein geradezu stoischer Gleichmut, mit dem die Besetzung städtischer Areale durch nicht anpassungswillige Machtsysteme geduldet wird. Es gab Zeiten, da sich Architekten auch als Kritiker empfanden und zumindest eine Minderheit sich gegen die Zumutungen eines Wettbewerbsauslobers wandte. Im Protest und nicht im Gewinn lag die Befriedigung. Doch nun gilt um der eigenen Karriere willen ein fast selbstverständlicher oder bestenfalls zynischer Konsens zwischen Dienenden und Bedienten.

Ulf Jonak

14. Odaliske im Osthafenquartier

Niemals wird sie mehr das sein, was sie einmal war, die gealterte Schöne, die hingelagerte, zweiköpfige Titanin, Nahrungsberge einsaugend, wiederkäuend, ausstoßend, sie, die Frankfurter Großmarkthalle, Ort der Völlerei und Preisgabe. Sie, die Denkmalgeschützte, wird sich wohl bis zur Unkenntlichkeit verwandeln, wenn sie erst in das künftige Ensemble der Europäischen Zentralbank integriert sein wird.

Ulf Jonak

15. Lug und Trug und Fachwerk

Wir lieben unsere Stadt. Wie bezaubernd wäre es, wenn wir zwischen guten Menschen wohnten, wenn geschäftige Kaufleute in den Erdgeschossen unserer Häuser wirkten, wenn freundliche Handwerker im Hinterhof werkelten und niedliche Kinder oder liebenswürdige Greise sich auf der Gasse ergingen. Ein vertrautes Miteinander. Die Sträßchen und Häuser wären ehrwürdig vernarbt, mit Fleiß von ihren Besitzern gepflegt. Ein bescheidenes Gemenge althergebrachter Bauweisen, eine charmante Sequenz von Licht- und Schattenspielen im Tagesverlauf. Eine liebliche Atmosphäre, erzeugt von Relikten aus alten Zeiten und zugleich behutsam angepasstem Neuen.

Ulf Jonak

16. Urhütte platziert

Über Land gehend entdecken wir sie mitunter: auffällig unauffällige Hausgestalten in bemerkbar zeitgenössischer und dennoch althergebrachter Bauweise, kleine Kapellen, dörfliche Rathäuser, Einfamilienhäuser, die dem Genius Loci huldigen und zugleich die Sprache des beginnenden Jahrtausends sprechen. Zweifellos beziehen sie sich auf den Ort und gewisse Bautraditionen, treiben aber die Annäherung an historische Formen nicht so weit, dass sie sich chamäleonhaft dem Umfeld anbiederten. Sie alle, von denen hier die Sprache ist, sind dem Urtypus des Hauses verpflichtet, so wie jedes in unserer Zivilisation aufgewachsene Kind es aufs Papier zeichnet. Ein Satteldach ohne Überstand, mit Lochfenstern wie Schießscharten und einer Tür mittig in der Giebelfassade. Der Hauskörper ist kantig geometrisiert, wie aus einem Stück geschnitten. Die Besonderheit des Entwerfers zeigt sich dann in der Präzision und darin, dass er redundante Zutaten peinlichst, doch wie selbstverständlich meidet. Dass die nackte Form des Urhauses auch museal anwendbar ist, hat O. M. Ungers im Frankfurter Deutschen Architekturmuseum mit seinem ‚Haus im Haus‘ dargestellt, zweifellos das Herz seines Entwurfs.

Ulf Jonak

17. Ein Villenviertel in Rabat

Er trat aus dem Halbschatten der Ladenarkade hervor und erzählte. Ein junger Mensch in Rabat, sein Leben voller Fallgruben, seine Geschichte voller Bizarrerien: Brüder, die ihn landauf, landab verfolgten, Schwägerinnen, die ihn im Geheimen verhexten. Eine Geschichte, einige Dirhams wert, wie aus tausendundeiner Nacht, kaum glaubhaft und dennoch dem wunderlichen Gewimmel der Medina angemessen, der Altstadt mit ihren Gerüchen, ihrem Staub und Glanz, ihren Händlerrufen und Farbenfluten.

Ulf Jonak

18. Luxem-Burg & Festung

Dies kleine Land. Durchquert hat man es schnell. Herein kommt vieles. Segelnde Wolken von Westen, noch ein wenig Meeresfrische mit sich führend, doch womöglich infiziert und verstrahlt in Cattenom, dem Atommeiler, den Frankreich so dicht vor die Grenze setzte. Herein kommen Autokarawanen von Osten, Trierer und Bitburger Kennzeichen, belagern die Tankstellen, zapfen den hier so preiswerten Sprit.

Ulf Jonak

Einordnungen und Gegensätze

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19. Deutung und Bedeutung

Wie alle Klischees hält sich auch folgendes hartnäckig: Die moderne Architektur sei nach einer kompromisslos strengen und zukunftsgläubigen Jugend zu einer einfallslosen Geldmaschine entartet; monoton, langweilig, ihre Nutzer verachtend. Erst im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts hätten einige produktive Köpfe den anfangs absichtlich geschichtslosen, später nur noch gesichtslosen Projekten Würde und Bedeutung wiedergegeben und sie damit in die Geschichte der Baukunst zurückgeführt. Der weißhäutige Funktionalismus sei gottseidank siech und inkontinent auf der Strecke geblieben.

Ulf Jonak

20. Revision der Postmoderne

Anders als das Einzelwerk trachtet jede Ausstellung, konzeptuell ein Ganzes, ja, eine in sich geschlossene Welt zu sichten. Wie die Puppe in der Puppe verweist das Kleine auf das Große, das Bild oder Modell auf das Reale, das reale Objekt auf den Genius Loci und dieser ist, wenn wir ihn denn fühlen, der Fokus unserer Weltanschauung.

Ulf Jonak

21. Störung im Regelmaß

Der Balken ist zu krumm, die Tür zu niedrig, das Bett zu schmal, das Leben zu kurz. Wir sind im Unzulänglichen zu Hause. Desto dringlicher beschäftigt uns die Sorge, dass etwas zulangt. Notfalls behelfen wir uns, indem wir unsere Wünsche reduzieren. Wir verlangen Bescheidenheit und stilisieren diese Tugend. Wir beugen uns und entfernen alles Überflüssige und kratzen das Redundante von den Gegenständen, bis sie im häufigen Gebrauch fast unsichtbar werden. Ein Gefühl von Freiheit entsteht, solange wir und die Dinge funktionieren. Doch „was gestern funktional war, kann zum Gegenteil werden“, kommentierte Adorno Architektur und Design der sechziger Jahre. Denn wenn wir Zusätzliches verlangen, wenn Wünsche entstehen, die Nutzung sich ändert, dann produziert das reduzierte Gerät, die minimal ausgestattete Umgebung das Gefühl von Widersinn, Enge oder Trostlosigkeit.

Ulf Jonak

22. Sun City – Sin City

Die Stadt der Helligkeit oder der Dunkelheit: Offenbar sind die Gegensätze nicht so konträr, wie wir sie gerne sähen. Man lernte seine Stadt besser kennen, wenn man die Extreme einfacher auseinander halten könnte. Doch gut und böse (‚sun‘ und ‚sin‘) sind nur schwer zu unterscheiden. Gut entpuppt sich unter Umständen als böse oder das Böse tut gut, das heißt, es wird genossen. Die Halbwelt fasziniert und macht zugleich Angstlust. Wir wollen teilhaben, dennoch nichts und Niemandem trauen. Die Vokabeln Vertrauen und Misstrauen offenbaren unsere Unsicherheit. Zwischen beidem schwanken wir, schwankten allerdings Dorf- und Stadtbewohner schon immer. Welchen Sinn hatten denn die Hauserker, die Sitzbänke vor den Eingängen? Es waren nicht nur Ruheplätze, Orte des nachbarlichen Geplauders, sondern ebenso Orte der Überwachung.

Ulf Jonak

23. Die Stadt, der Müll und die Mall

Die ausufernde, die hässliche, die eigenschaftslose Stadt: kühl und leidenschaftslos analysiert von Rem Koolhaas, Architekt, dessen dickleibiges Werkverzeichnis „S,M,L,XL“ ein Bestseller wurde, ein Buch, schwer und prall wie ein Versandhauskatalog. Rem Koolhaas, Hochschullehrer, versteht die Stadt als Labor, zum Beispiel die apokalyptische Stadtagglomeration im chinesischen Pearl-River-Delta (ein gewichtiger Reader), zum Beispiel die weltweite und epidemische Verwandlung des öffentlichen Raums zum flimmernden Konsumbezirk oder Shopping-Center. Shopping als Thema, auch dies nun wieder ein Buch, schwer und prall wie ein Versandhauskatalog.

Ulf Jonak

Hoch hinaus

Frontmatter

24. La Tour sans Fin oder Basis-Schaft-Kapitell

Häuptling wird, wer die anderen um Haupteslänge überragt. Der Triumph allerdings ist selten dauerhaft. So wird nach Rekorden gegiert. Rankings sind beliebt: Fast jährlich müsste die Liste der hundert höchsten Wolkenkratzer neu geschrieben werden. Die hektische Hochhauskonkurrenz in aller Welt zu sortieren: ein Sisyphus-Unterfangen. Da weder geografische noch chronologische Reihenfolgen brauchbar erscheinen, erweist Höhenentwicklung sich als schlüssigste, aber auch schlichteste Möglichkeit des systematischen Ordnens. Bebauungsvorschriften, konstruktive Neuerungen oder Veränderungen der Büro- und Kommunikationsstrukturen wären vielleicht im einzelnen aufschlussreichere Ansätze, eine Überschau zu entwickeln. Im Ganzen aber ergäben sich verwirrende Widersprüche oder erneute Unordnungen. Das irrationale Verlangen, den auffälligsten, den weltgrössten oder wenigstens europahöchsten Wolkenkratzer sein eigen zu nennen, wischt alle sachlichen Argumente beiseite, mit denen die Hochhausschwemme eventuell zu erklären wäre. Aus Raumnot wird kein Hochhaus gebaut. Prestigedenken, verborgenes Begehren und vage Bilder in den Köpfen bestimmen die Bauvorhaben offenbar ebenso gravierend wie funktionale oder betriebswirtschaftliche Vorgaben. So soll hier der Versuch unternommen werden, jene treibenden Kräfte, jene heimlichen Ursachen, die insgesamt so etwas wie eine kollektive Psyche formen, zum Anlass eines Gliederungssystems zu nehmen.

Ulf Jonak

25. Verlust der Bodenhaftung

Zu Besuch bei Bekannten im Wohnhochhaus. Das dreijährige Kind der Familie, wohl auch um sich groß zu tun, rennt wiederholt mit dem geneigten Kopf gegen die Zimmerwand, fällt um und lacht unbändig. Ebenso gerät jemand, der am Ausschreiten gehindert wird, außer sich. Unmerklich vielleicht, anders als das Kind. Wie auch im Flugzeug manche zu beobachten sind, die fast panikhaft erstarrt dösen. Der Entzug der archaischen Verhaltensweise, den Erdboden mit den Füßen zu ertasten oder wenigstens in Sprunghöhe über dem Grund sich zu bewegen, führt mitunter, meist in großen Höhen, zu mehr oder weniger verdrängten Angstzuständen.

Ulf Jonak

Grundsätze

Frontmatter

26. Zwischen nicht benachbarten Ecken

Die Diagonale im architektonischen Raum ist der Ort, wo das kleine Drama der verfehlten Selbstfeier stattfinden kann, wo sich Größen oder zu kurz Gekommene spreizen. In Adolf Behnes Buch Neues Bauen – Neues Wohnen (1927), das nicht nur wegen Walter Benjamins seitenlangem Zitat im Passagen-Werk (S. 285) unsere Aufmerksamkeit verdiente, sondern dem es auch gebührte, neu publiziert zu werden, steht eine umfängliche Polemik gegen den kleinbürgerlichen Tick, Zimmermöbel übereck zu stellen.

Ulf Jonak

27. Die Schönheit eines monoton gerasterten Parkhauses

Überfluss ist nicht zählbar. Wohl vergewissern wir uns des Vorhandenseins oder der Habbarkeit und versuchen zu zählen. Erleichtert sind wir, wenn ein Ende abzusehen ist. Wie Dagobert Duck überprüfen wir das, was uns zusteht oder uns zufliegt. Dagobert aber ist von seinem Reichtum überwältigt, ‚überflossen‘. Deshalb will ihm das Zählen nicht gelingen. Sein Besitz ist ausgeufert, sein Speicher quillt über.

Ulf Jonak

28. Das Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper

Morgens mit Rosenfingern erwachend und abends im Grauen verdämmernd: Nach und nach im Laufe des Tages entfalten sich die Oberflächen und verblassen im Laufe der Nacht. Nach und nach entfaltet sich die Vergangenheit und verblasst wieder unter den Konstruktionen der Gegenwart. Die ersten Häuser, Gefüge aus Stein, Erde oder Baumstämmen, lagen undefiniert im Gelände wie Felsbrocken oder Holzhaufen, auffällig nur im Sonnenlicht, im kontrastierenden Licht- und Schattenspiel. Im Zuge der Zeit, mit wachsender Kunstfertigkeit, entwickelten sich frühe Städte und ihre Bauten zu Ansammlungen immer geometrischerer Volumen, eine menschliche Gegenwelt zur ursprünglichen Welt aus Felsmassiven, Erdhügeln und Wäldern.

Ulf Jonak

29. Parasitäre Architektur

Das Haus hat seinen Ort. Es steht im Gelände, es bleibt unwiderruflich mit dem Erdreich verknüpft. Wie hervor gewachsen thront es über dem Boden. Gottfried Semper (1803–1879) spekulierte, dass der Uranfang des Häuserbaus der Erdaufwurf sei, ein aus Erde geformter Schutz des Herdes. Ein hüfthoher Hügel wie der Auswurf eines unterirdisch wühlenden und bauenden Wesens. Hineingetragen ein vom Blitz getroffener Ast, sein Feuer sorgsam gehütet. Ein Krater im Gelände wie ein glühender Karfunkel.

Ulf Jonak

30. Kubus, Höhle, Thermosbau

Flaschen, Dosen, Kanister, Tonnen, Wellbleche, Werbeschilder, Balken, Folien, Ziegel: Schrott und Sperrmüll aller Art, intelligent sortiert und verbaut. Die aus Not fabrizierten Hütten der Armen in den Slums der Megastädte werden ungefragt zu Vorbildern für einfallsreiche Nachhaltigkeit. Die Bedrängnis der Ärmsten, deren Bric-à-Brac, der wiederholte Gebrauch des Verbrauchten und Verschlissenen, das fast surreale Verknüpfen des ursprünglich nicht Zusammengehörigen erzeugt einen Anschein von Fantasie, die in Wirklichkeit aus Leid, Mangel und Zufällen zusammengesetzt ist. Sie können es kaum ändern: Den Slumbewohnern ist die Aussicht auf ein würdiges Dasein verwehrt und zugleich wird ihr Einfallsreichtum geplündert.

Ulf Jonak

31. Symm.doc: Leibraum – Cockpitarchitektur

Die Frage ist nicht, warum Architektur allzuoft symmetrisch ist, sondern -im Gegenteil- warum auch unsymmetrische Bauten errichtet werden. Wer weiß nicht, dass Gebäude und menschliche Körper sich aufeinander beziehen, folglich die angeborene Symmetrie auch in des Leibes Hülle wiederkehren müsste?

Ulf Jonak

32. Welle und Falte

Im Kleinen oder Grossen: Der Effekt bleibt gleich. Indem wir eine handtellergrosse Papierfläche wellen oder falten, wird sie standfester. Indem wir eine mannshohe Mauer wellen oder falten, wird sie biegesteifer. Beide machen sich breiter, breiten sich in die dritte Dimension aus. Das flache Papier, die ebene Wand sehen wir als Flächen, Reflektionsflächen oder Membranen. Doch gewellt oder gefaltet verändert sich ihre schlichte Wiedergabefähigkeit: nicht mehr Spiegel, nicht mehr Bildträger, nicht mehr Reflektor, dafür Raumhaltigkeit. Das Flache wird zum Relief. Zwischenzonen treten hervor oder zurück, Grenzübergänge verrutschen. Luftiger Raum dringt ins Konkave, Konvexes stösst in den Luftraum hinein. Davor und Dahinter, Aussen und Innen verzahnen sich, schwingen ineinander. Eindeutige visuelle Grenzen verschmieren.

Ulf Jonak

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