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Über dieses Buch

Die Corona-Krise zwingt uns zu gewaltigen Veränderungen unserer privaten Lebensführung und erfordert höchst umstrittene politische Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und zur Verteilung knapper Ressourcen. Sie verlangt große Anstrengungen von den Wissenschaften, und sie hat nicht zuletzt erhebliche Auswirkungen auf die kulturelle Identität von Gemeinschaften. Dieses Büchlein gibt einen Überblick über die wichtigsten Fragen und Probleme, die eine globale Pandemie für die philosophische Ethik aufwirft. Nach einer Analyse des Begriffs und des Werts der Gesundheit präsentiert und bewertet es die prominentesten Lösungsvorschläge und soll mit einer Reflexion über die Forderungen der Gerechtigkeit und die Inhalte eines guten Lebens zur Orientierung unseres persönlichen und politischen Handelns beitragen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Ganz allgemein hat eine philosophische Ethik die Aufgabe, die vielfältigen Maßstäbe zur Bewertung unseres individuellen und politischen Handelns einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Als zentrale Probleme einer Ethik der Pandemie kann man die Frage nach der moralischen Rechtfertigung und Kritik unserer Reaktionen auf die Corona-Krise einerseits sowie die Frage nach deren Auswirkungen auf die Vorstellungen des guten Lebens in unterschiedlichen Kulturen andererseits bezeichnen. 
Peter Rinderle

Kapitel 2. Begriff und Wert der Gesundheit

Zusammenfassung
Gesundheit kann man als eine Abwesenheit von körperlichen oder geistigen Störungen verstehen; dabei kann die Vorstellung eines gesunden Menschen sowohl zwischen Kulturen als auch zwischen Personen variieren. Eine „objektive“ Messung des Guts der Gesundheit ist deshalb nicht möglich. Was die Frage nach einer gerechten Verteilung der Gesundheitsversorgung in Zeiten der Pandemie angeht, so verfügen wir im Rahmen einer Idee des Suffizientarismus über ein einfaches Kriterium: Jedem Menschen sollte ein ausreichendes Maß an Versorgung zur Verfügung stehen; alle Menschen sollten auf diese Weise gesund genug bleiben können. Dabei setzt sich das Gut der Gesundheit aus verschiedenen Gütern zusammen, die untereinander in einen Konflikt geraten können.
Peter Rinderle

Kapitel 3. Freiheit und Gesundheit im Widerstreit?

Zusammenfassung
Welche Einschränkungen der Freiheiten rechtfertigt der Schutz der öffentlichen Gesundheit? Der Konsequentialist wägt die gesellschaftlichen Vor- und Nachteile politischen Handelns ab und wendet sich dann, wenn sich deren Nutzen in Grenzen hält, gegen gravierende Eingriffe in persönliche und politische Freiheiten. In einer deontologischen Ethik kommt dagegen dem Menschenrecht auf Leben ein hoher Stellenwert zu; aus diesem Recht leitet sich eine kategorische Pflicht des Staates zum Schutz der Gesundheit aller Bürger ab. Im Rahmen einer suffizientaristischen Ethik der Pandemie müssen beide Ansätze berücksichtigt und kombiniert werden. Beachten sollte man zudem, dass es keinen tragischen Konflikt, sondern auch ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Werten Freiheit und öffentliche Gesundheit gibt.
Peter Rinderle

Kapitel 4. Lebensschutz um jeden Preis?

Zusammenfassung
Das Corona-Virus fordert täglich das Leben vieler Menschen; gleichzeitig kostet der Shutdown jeder Volkswirtschaft sehr viel Geld. Wie kann man dieses Dilemma lösen? Für einen Deontologen verbietet sich die Verrechnung des Werts eines menschlichen Lebens mit anderen Werten; er postuliert ein kategorisches Gebot zum Schutz eine jeden Lebens. Der Konsequentialist dann dagegen darauf hinweisen, dass die wirtschaftlichen Kosten eines Shutdowns Auswirkungen auf die zukünftige Gesundheitsversorgung haben werden und dann unter Umständen viele Menschenleben kosten können. Für beide Auffassungen sprechen gute Gründe, die Frage „Geld oder Leben?“ ist deshalb nicht ganz richtig gestellt. Auch zwischen dem wirtschaftlichen Wohlstand einer Gesellschaft und der öffentlichen Gesundheit gibt es ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis.
Peter Rinderle

Kapitel 5. Von der Makro- zur Mikroebene

Zusammenfassung
Im Fokus der bisherigen Überlegungen standen Fragen, die auf der Makro-Ebene des politischen Handelns angesiedelt sind. Auf der Mikro-Ebene sind Probleme angesiedelt, die die moralische Bewertung der Handlungen von Individuen betreffen. Die moralischen Pflichten von Staatsbürgern und Pflegekräften wird man in erster Linie aus einer deontologischen Perspektive näher bestimmen müssen. Aus dieser Perspektive gibt es gute Gründe für die Annahme einer allgemeinen, moralischen Pflicht zur Impfung – aus der übrigens kein rechtlicher Zwang zur Impfung abgeleitet werden kann. Auf der Mikro-Ebene wird deontologischen Überlegungen ein gewisser Vorrang zukommen, obwohl man auch dort nicht auf konsequentialistische Ergänzungen verzichten kann. Auf verschiedenen Ebenen der Veranwortung kommt moralischen Prinzipien also eine unterschiedliche Bedeutung zu.
Peter Rinderle

Kapitel 6. Verpflichtungen von Ärzten und Pflegenden

Zusammenfassung
Pflegekräfte stehen zunächst unter einer speziellen Verpflichtung, die Gesundheit ihrer Patienten zu schützen; sie haben gleichzeitig ein moralisches Recht zum Schutz ihres eigenen Lebens. Wenn nun die Ressourcen der Gesundheitsversorgung knapp werden, können sich Ärzte und Pflegende in Triage-Situationen vor schwierige Entscheidungen gestellt sehen. Erlauben solche Umstände überhaupt noch gerechte Verteilungen von Ressourcen? Sind Pflegekräfte dann in erster Linie zur Loyalität ihren eigenen Patienten gegenüber verpflichtet? Oder sollten sie eine strikt unparteiliche Haltung einnehmen und den größtmöglichen Nutzen zum Maßstab ihres Handelns machen? Darf sich ein Arzt aus moralischen Gründen über die Forderungen des positiven Rechts hinwegsetzen und seinem Gewissen folgen? Auf einer Mikro-Ebene gibt es gute Gründe, einer deontologischen Moral einen gewissen Vorrang sowohl gegenüber konsequentialistischen Überlegungen als auch gegenüber den Vorschriften des positiven Rechts einzuräumen.
Peter Rinderle

Kapitel 7. Zur Bedeutung der Wissenschaften

Zusammenfassung
In Zeiten der Pandemie kommt den Wissenschaften eine große Bedeutung zu. Die Erkenntnisse, die uns von Virologen, Epidemiologen, Ökonomen, Psychologen und Soziologen zur Verfügung gestellt werden, sind für eine erfolgversprechende Eindämmung des Infektionsgeschehens unverzichtbar. Deshalb stellt sich im Rahmen einer Ethik der Pandemie die allgemeine Frage, welche Rechte und Pflichten Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete nun genau haben. Vor allem auch das Verhältnis von wissenschaftlicher Expertise und politischer Legitimität in einer liberalen Demokratie wird dabei zu untersuchen sein. Während die Gesellschaft die Eigengesetzlichkeit des Systems der WIssenschaften respektieren muss, sollten die Wissenschaften umgekehrt auch die legitimen Grenzen ihres Tuns und Lassens in einem demokratischen Rechtsstaat anerkennen.
Peter Rinderle

Kapitel 8. Politische und kulturelle Herausforderungen

Zusammenfassung
Das Gut der Gesundheit und dessen Verteilung werfen in Zeiten der Pandemie nicht nur Fragen der Moral oder der Gerechtigkeit auf. Sie stehen darüber hinaus in einem engen Zusammenhang mit Fragen der Legitimation von politischer Herrschaft einerseits und den Inhalten eines guten Lebens von Einzelpersonen sowie eines gelungenen Zusammenlebens von Gemeinschaften andererseits. Zum einen ist die Gesundheitsversorgung ein knappes Gut, um dessen Verteilung erbittert gestritten wird; zur Lösung dieses Problems bedarf es verbindlicher politischer Entscheidungen. Und zum anderen hängt das gute Leben von Menschen in den meisten Fällen von einer ausreichenden Qualität ihrer gesundheitlichen Verfassung ab.
Peter Rinderle

Kapitel 9. Schluss

Zusammenfassung
Die Corona-Pandemie hat der Menschheit mit einem Schlag nicht nur die Bedeutung der Gesundheit vor Augen geführt, sondern vor allem auch die globalen Dimensionen dieses Guts klar gemacht. Viele Infektionskrankheiten kennen keine nationalen Grenzen und breiten sich im Zeitalter der Globalisierung – im wahrsten Sinne des Wortes – in Windeseile über den ganzen Globus aus. Im vorliegenden Büchlein sollten wichtige Fragen einer normativen Bewertung der gesundheitlichen Folgen und der Bekämpfung von Pandemien aufgeworfen und beantwortet werden. Die Corona-Krise wird uns in vielerlei Hinsicht zum Umdenken zwingen. Sie wirft nicht nur schwierige ethische Fragen nach der gerechten Verteilung der Gesundheitsversorgung unter den Menschen auf; sie wird auch im Hinblick auf die Legitimation von Herrschaft sowie die Weiterentwicklung unseres kulturellen Selbstverständnisses gravierende Konsequenzen haben.
Peter Rinderle

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