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2018 | Buch

Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise

Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit

herausgegeben von: Dr. Jochen Roose, Moritz Sommer, Franziska Scholl

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

Buchreihe : Bürgergesellschaft und Demokratie

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Über dieses Buch

Der Sammelband beleuchtet unterschiedliche Perspektiven auf zivilgesellschaftliche Akteure in der europäischen Wirtschafts- und Finanzkrise und ordnet diese theoretisch ein. Dabei geht der Blick auf zivilgesellschaftliche Aspekte in seiner ganzen Breite. Er betrachtet Dynamiken der öffentlichen Auseinandersetzung, zivilgesellschaftliche Resilienz mit (oft lokalen) Initiativen zur Bearbeitung der Krisenfolgen und transnationaler Solidarität sowie Proteste, Protestorganisationen und Protestparteien. Dabei richtet sich der Blick auf die südlichen Krisenländer, aber auch auf Deutschland. Insbesondere gehen aktuelle Ergebnisse derzeit laufender, zum Teil international vergleichender Forschungsprojekte in den Band ein.

Der Inhalt• Krisendiskurse und kollektive Deutungsmuster• Zivilgesellschaftliche Akteure in der Krise• Implikationen für die Bewegungsforschung

Die ZielgruppenDer Band ist relevant für alle, die sich mit der Entwicklung Europas und der Zivilgesellschaft beschäftigen. Er bietet aktuelle Forschungsergebnisse für Wissenschaftler/innen, Studierende und interessierte Laien in den Feldern Bewegungsforschung, Politikwissenschaft, Soziologie, Kulturwissenschaft und Europawissenschaft, insbesondere Südeuropa.

Die HerausgeberDr. Jochen Roose ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik, assoziierter Wissenschaftler am Institut für Protest und Bewegungsforschung und Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Moritz Sommer promoviert am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin und ist Leiter der Geschäftsstelle des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

Franziska Scholl ist assoziierte Wissenschaftlerin des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Frontmatter
Krise und Zivilgesellschaft
Potenziale und Herausforderungen der zivilgesellschaftlichen Rolle in der Eurozonen-Krise
Zusammenfassung
Seit Oktober 2009 hat die Eurozonen-Krise zu fundamentalen Verwerfungen im gemeinsamen Währungsraum geführt. Parallel zur Krise im politisch-finanzwirtschaftlichen System der Eurozone formierte sich in den am stärksten betroffenen südeuropäischen Staaten eine umfassende politische, ökonomische und gesellschaftliche Krise.
In Krisenzeiten werden bestehende Handlungs- und Interpretationsroutinen hinterfragt und von neuen Strukturen abgelöst. Dabei kommt der Zivilgesellschaft eine besondere Rolle zu. Zivilgesellschaftliche Akteure kompensieren krisenbedingt fehlende staatliche Leistungen und sie tragen zur kollektiven Deutung der Krisensituation bei. Vor dem Hintergrund der drastischen Haushaltskürzungen in Südeuropa und der gesamt-europäischen Debatte um die Ursachen und Folgen der Krise erhalten beide Funktionen der Zivilgesellschaft in der Eurozonen-Krise eine zentrale Bedeutung.
Für die Zivilgesellschaft war und ist die Eurozonen-Krise Chance und Herausforderung zugleich. Die Beiträge dieses Sammelbandes blicken auf die Rolle der Zivilgesellschaft in der sich ändernden, politischen und gesellschaftlichen Realität der Eurozone. Ziel ist es ein breites Spektrum zivilgesellschaftlicher Reaktionen auf die Krise empirisch zu beleuchten und theoretisch einzuordnen.
Jochen Roose, Moritz Sommer, Franziska Scholl

Krisendiskurse und kollektive Deutungsmuster

Frontmatter
How did European Citizens Respond to the Great Recession? A Comparison of Claims Making in Nine European Countries, 2008–2014
Abstract
This paper examines the political responses of European citizens in the public domain, which is ‘claims making’, in the context of the economic crisis that started in 2008. The goal is to show how citizens in nine European countries have responded to the economic crisis—or at least how they have dealt with issues pertaining to it. We adopt a broad definition of claims making, including both a discursive (speech acts) and a behavioral (collective mobilizations) dimension. We do so using a broad focus that includes not only countries that have suffered greatly during the crisis, but also others that have, in part, been spared from it. Our aim is twofold: first, we want to provide a descriptive analysis of actors, issues, frames and other main characteristics of claims making, so as to consider potential (mis)matching with established scholarly knowledge of European models and institutional approaches. Second, we explain variations in claims making, in terms of both form and content, by means of comparing different political opportunities at work in the nine countries.
Manlio Cinalli, Marco Giugni
Verantwortungszuschreibungen in der Eurozonen-Krise
Das Kommunikationsverhalten von Politik und Zivilgesellschaft im deutsch-griechischen Vergleich
Zusammenfassung
Die gegensätzlichen Rollen Deutschlands und Griechenlands in der Eurozonen-Krise machen die Analyse der Krisendiskurse beider Länder besonders interessant. In diesem Beitrag analysieren wir öffentliche Verantwortungszuschreibungen in Medien aus Deutschland, Griechenland sowie in Berichten der Nachrichtenagentur Thomson Reuters zwischen 2009 und 2016. Im Mittelpunkt stehen Debattenbeiträge von institutionalisierter Politik und Zivilgesellschaft. In erster Linie prägen Wahlkämpfe und die Krisenintensität das Kommunikationsverhalten im öffentlichen Raum. Während der Blick in Deutschland auch nach (Süd-)Europa geht, wird überraschenderweise gerade in Griechenland die Schuld innerhalb der nationalen Grenzen zugeschrieben, auch von zivilgesellschaftlichen Akteuren. Erst mit der SYRIZA-Regierung intensiviert sich der diskursive Konflikt zwischen griechischen (Regierungs-)Akteuren, der EU und Deutschland. Eine bequeme Fremdattribution von Verantwortung an die EU oder Deutschland gibt es in der griechischen Öffentlichkeit nicht.
Jochen Roose, Moritz Sommer, Franziska Scholl

Zivilgesellschaftliche Akteure in der Krise

Frontmatter
Confronting Austerity in Greece: Alternative Forms of Resilience and Solidarity Initiatives by Citizen Groups
Abstract
Citizen initiatives flourished in the past several years, in response to the severe impacts of the economic crisis that affected Greece. The aim of this chapter is to offer fresh perspectives and systematic findings on such citizen solidarity initiatives in the country, both at the national and local levels. With respect to the former, the first part of the chapter offers new preliminary findings in the context of the LIVEWHAT (Living with Hard Times) project, and provides an overview of the main features of Alternative Action Organizations (AAOs), traced at the national level through a novel, hubs-based organizational website methodology. In the second part of the chapter the focus shifts from the national to the local level and empirically illustrates the social solidarity actions in Heraklion and Chania, the two largest urban centres in the island of Crete with long histories of philanthropic and solidarity organizations. The finding that an increased number of these solidarity initiatives address urgent needs related to food, housing and medicine, highlights the deep impacts of the crisis and the survival oriented resilience of the growing number of newly socio-economically marginalized groups.
Maria Kousis, Stefania Kalogeraki, Marina Papadaki, Angelos Loukakis, Maria Velonaki
Krisenproteste in Portugal – von plötzlichen Massenprotesten und Zeiten der Stille
Zusammenfassung
Zwischen 2011 und 2013 beobachten wir einen starken Anstieg von Massenprotesten und die Entstehung neuer Initiativen und Aktivist_innengruppen. Diese stehen im engen Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, von der Portugal sehr stark betroffen war. Aus bewegungstheoretischer Sicht und im Vergleich mit Anti-Austeritätsprotesten anderer Länder sind sowohl Zeiten langer Abwesenheit von Protest als auch das Ende der von den sozialen Bewegungen organisierten Massenproteste im Jahre 2013 überraschend. In diesem Beitrag analysiere ich diese Dynamik und betrachte hierzu verschiedene bewegungsexterne und -interne Faktoren. Nach einer kurzen Beschreibung der Protestdynamiken der Krisenproteste in Portugal werden hierzu die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, politische Konstellationen und Entscheidungen, sowie Proteste in anderen Ländern betrachtet. Der Artikel zeigt, dass die sozialen Bewegungen oft günstige Gelegenheitsstrukturen nicht nutzen konnten, weil sie zu den jeweiligen Zeitpunkten nicht über ausreichendes Organisationspotenzial verfügten. Großdemonstrationen blieben punktuelle Ereignisse. Der Niedergang der Proteste 2013 ist weniger eine Folge sich verändernder politischer Gelegenheitsstrukturen, als die Vernachlässigung des Ausbaus der Bewegung. Die Verbesserungen der Wirtschaftsdaten und das Ende der Interventionen der Troika in Portugal im Juni 2014 schwächten die sozialen Bewegungen nochmals. Seit dem Regierungswechsel nach den Parlamentswahlen im Oktober 2015 verlegte sich der Widerstand gegen die Sparpakete weitgehend in die institutionalisierte Politik.
Britta Baumgarten
Syriza, Podemos and Mobilizations Against Austerity: Movements, Parties or Movement-Parties?
Abstract
This chapter traces the development of two political parties during the last few years, Syriza in Greece and Podemos in Spain: adopting a broad anti-austerity agenda, both parties have been electorally successful in the last years against the background of broader social transformations and conflicts generated due to the protracted crisis experienced in Southern Europe. In order to study the origins and evolution of these parties we link concepts and methodologies developed within two different fields of study—social movements and political parties- so as to understand the interaction between collective mobilizations and party system changes. Moreover, we attempt to explore aspects of convergence between the two cases so as to reflect on the relationship developed between parties and movements during crisis. Both parties acted as ‘movement parties’ for a short period of time revealing on the one hand the massive loss of trust in traditional parties and institutions in both countries, and on the other the fact that it was the ordinary citizens who became agents of protest and change in Southern Europe. Still, both Syriza and Podemos seem as adopting conventional party strategies and discourse losing, thus, their relation with grassroots mobilizations.
Hara Kouki, Joseba Fernández González
Chancen und Grenzen europaweiter Mobilisierungen
Die Krisenproteste aus der Perspektive von Gewerkschaften zweier wenig betroffener Länder
Zusammenfassung
Der Beitrag widmet sich den Chancen und Grenzen von transnationalem, gewerkschaftlichem Handeln am Beispiel der grenzüberschreitenden Krisenproteste. Anhand zweier empirischer Schlaglichter aus „Nicht-Krisenländern“ im Zentrum (Österreich) und der Peripherie (Bulgarien) wird der Frage nachgegangen, warum sich die Gewerkschaften aus diesen Ländern (nicht) an den grenzüberschreitenden Krisenprotesten beteiligten. Es zeigt sich, dass die große Heterogenität der nationalen Auseinandersetzungen sowie die (nationalstaatlich geprägten) gewerkschaftlichen Kulturen als zentrales Hindernis für die Etablierung transnationalen, gewerkschaftlichen Widerstandes wirkten. Gewerkschaften beider Länder haben sich nicht oder nur kaum an den grenzüberschreitenden Krisenprotesten beteiligt. Auch das wohl am häufigsten vorgebrachte Erklärungsmuster ähnelt sich: Es wird auf die angenommene, mangelnde transnationale Solidarität „ihrer“ ArbeitnehmerInnen verwiesen. Grenzüberschreitend geteilte Frames, die eine Möglichkeit der „Übersetzung“ der Mobilisierungsanliegen in nationale Auseinandersetzungen bieten, konnten sich, wie die Forschung zeigt, im Zuge der Krisenproteste also nicht etablieren. Der Beitrag schließt mit einem offenen Blick auf die Zukunft grenzüberschreitender, gewerkschaftlicher Mobilisierungen. Die Autorin geht von einer Zunahme an nationalstaatenübergreifender Regionalisierung gewerkschaftlichen Handelns insbesondere in der Peripherie Europas aus und verortet aber gleichzeitig ein Auseinanderdriften der Handlungsrealitäten von Gewerkschaften verschiedener Regionen.
Julia Hofmann
Vom Lob der Krise – Krisenvorstellungen und Krisenpolitik rechtsaußen
Zussamenfassung
Die Idee der ‚Krise‘ ist im Denken der extremen und populistischen Rechten allgegenwärtig. Sie findet Anwendung mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie die Europäische Finanzkrise (2007 ff.) oder steigende Zuwanderung und Schutzsuche seitens Geflüchteter (2014 ff.). Im Grunde werden solche Phänomene als Ausdruck einer grundlegenden Krise liberaler und globalisierter Gesellschaften angesehen, die ‚Europa‘ und mehrheitlich ‚weiße‘ Gesellschaften in die Dekadenz und damit in den Abgrund treibe. Gleichwohl verbindet sich mit der ‚Krise‘ für die extreme und populistische Rechte auch die Hoffnung auf eine ‚nationale Wiedergeburt‘. Gegenwärtig werden demzufolge die AfD mit ihren Wahlerfolgen und Pegida – als Ausdruck einer breiten nativistischen Massenbewegung – als Hoffnungsträgerinnen ausgemacht. Der Beitrag rekonstruiert den Aufstieg rechter Parteien und Bewegungen vor dem Hintergrund rechter Krisendeutungen.
Fabian Virchow, Alexander Häusler

Implikationen für die Bewegungsforschung

Frontmatter
Lernfall oder Paradigmenwechsel für die Bewegungsforschung
Anregungen durch die Bewegungen im Kontext der Eurozonen-Krise
Zusammenfassung
Die Entwicklung neuer Protestbewegungen, wie sie in Südeuropa im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise der Eurozone entstanden sind, bieten eine Gelegenheit, die verfügbaren Theorien kritisch zu hinterfragen und zu ergänzen. Die Autoren nutzen aktuelle Entwicklungen der sog. Krisenproteste, um sieben Thesen zu entwickeln, die einen Beitrag zur Weiterentwicklung spezifischer Ansätze der Bewegungsforschung leisten. 1) Diffusion verdient in der Bewegungsforschung neue Aufmerksamkeit, wobei der Vorbildcharakter von Bewegungen für andere unabhängig von spezifischen Taktiken oder Gelegenheit entscheidend sein dürfte. 2) Der geringe Grad an Europäisierung verweist auf ein fundamentales Mobilisierungsproblem über den Nationalstaat hinaus. 3) Deprivation zur Erklärung von Mobilisierung erhält neue Aufmerksamkeit, ohne dass die theoretischen Einwände gegen den Ansatz ausgeräumt sind. 4) Das Verhältnis von politisch-ökonomischem System und Mobilisierung muss theoretisch neu ausgerichtet werden. 5) Das Verhältnis von sozialstruktureller Herkunft und Protestteilnahme ist unzureichend reflektiert. 6) Selbstorganisierte Lebensbewältigung ist ein elementarer Bestandteil von sozialen Bewegungen. Allerdings sind bisher Strategien der Selbsttransformation und Unterstützungsleistung für Bedürftige als Ausdruck politischen Handelns und Bewegungszugehörigkeit weiterhin stark untererforscht. 7) Die geografische Fokussierung der Bewegungsforschung auf den globalen Nordwesten Europas und auf Nordamerika wird durch die aktuellen Bewegungen in Richtung Südeuropa erweitert, doch Mittelosteuropa bleibt außerhalb der Aufmerksamkeit. Damit argumentiert dieser Beitrag insgesamt, die Proteste im Zuge der Eurozonen-Krise sind eine Lernmöglichkeit für die Bewegungsforschung, die nicht ungenutzt verstreichen sollte.
Jochen Roose, Sabrina Zajak
Metadaten
Titel
Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise
herausgegeben von
Dr. Jochen Roose
Moritz Sommer
Franziska Scholl
Copyright-Jahr
2018
Electronic ISBN
978-3-658-20897-4
Print ISBN
978-3-658-20896-7
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-20897-4