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Über dieses Buch

Die Energieproduktion aus Windkraft ist ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende in Deutschland. Seit Jahren zeigen jedoch Untersuchungen, dass vor allem Fledermäuse und Großvögel vielfach durch Kollisionen an Windenergieanlagen sterben. Der richtige Umgang mit diesem Dilemma stellt eine politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Herausforderung dar. Um im Rahmen der Energiewende die Klimaschutzziele in Einvernehmen mit den Biodiversitätszielen zu erreichen, ist die Neu- und Weiterentwicklung der Methoden des Fledermausschutzes zentral. Dieses Open Access Buch beschäftigt sich mit den neuesten Erkenntnissen und Evidenzen über die Möglichkeiten, die Zahl der Fledermaus-Schlagopfer zu reduzieren. Führende Experten präsentieren den Kenntnisstand ihres jeweiligen Themen- und Tätigkeitsfeldes, präsentieren neue Daten und schlagen konzeptionelle Änderungen vor. Das Buch richtet sich damit sowohl an Wissenschaftler, Fachgutachter, Behördenvertreter, politische Vertreter sowie an Vertreter von Naturschutzorganisationen und des Ehrenamts.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zusammenfassungen

Frontmatter

Open Access

Kapitel 1. Akustische Erfassung von Fledermäusen – Möglichkeiten und Grenzen im Bau und Betrieb von Windkraftanlagen

Zusammenfassung
Für die Planung von Eingriffen werden beinahe immer akustische Erfassungen zur Feststellung der Betroffenheit von Fledermäusen durchgeführt. Aufgrund umfangreicher, in den letzten zehn Jahren verfügbar gewordener Automatisierung der Detektoren und der Aufnahmeanalyse ist die Methode als kostengünstige und arbeitserleichternde Anwendung bei Gutachtern sehr beliebt. Die Methode hat sich in der Planungspraxis etabliert und findet sich in allen Leitfäden wieder. Durch die Möglichkeit der simultanen Erfassung mittels automatischer Detektoren, aber auch durch die Langzeiterfassung, ist die Sammlung fachlich hochwertiger Daten möglich. Dennoch bestehen nach wie vor Grenzen der akustischen Erfassung, die sich auf die erhaltenen Daten auswirken. Physikalische Einflüsse begrenzen die Erfassungsreichweite, die weiterhin art- und verhaltensspezifisch ausgeprägt ist. Für solche Einflüsse hat der Anwender keine Kontrollmöglichkeit. Der spezifische Einsatz der Detektoren hat durch Standortwahl, Einstellungen und Untersuchungsprotokoll großen Einfluss auf die erhaltenen Daten. Hier kann der Anwender den Einsatz jedoch gezielt optimieren. Dennoch unterliegen die erhaltenen Daten einer großen Streuung. Auch die Rufe der Arten sind nicht immer eindeutig bestimmbar; zwischen- und innerartliche Variabilität erschweren die Rufanalyse. Für die Bewertung stehen nur wenige Schemata zur Verfügung. Diese sind beinahe ausnahmslos subjektiv geprägt und berücksichtigen die genannten Effekte der Erfassung auf die erhaltenen Daten nicht ausreichend oder gar nicht. Daher muss der Anwender nach wie vor bei der Interpretation der Ergebnisse differenziert vorgehen. Ein gutes Verständnis der Methode ist unumgänglich, um die Daten im Hinblick auf den begutachteten Eingriff rechtssicher zu bewerten. Einfache pauschalisierende Aussagen sind zumeist nicht möglich. Dennoch hat die Methode große Vorteile bei der Windkraftplanung, die Grenzen sind bei korrekter Anwendung und Interpretation der Daten nur selten limitierend.
Volker Runkel

Open Access

Kapitel 2. Windkraft im Wald und Fledermausschutz – Überblick über den Kenntnisstand und geeignete Erfassungsmethoden und Maßnahmen

Zusammenfassung
In Deutschland werden immer mehr Windenergieanlagen (WEA) an Waldstandorten errichtet. Für fast alle Fledermausarten stellen Wälder sensible Lebensräume dar, die sowohl als Quartier- als auch als Jagdgebiete genutzt werden. Neben dem Kollisionsrisiko sind an Waldstandorten auch erhebliche Lebensraumverluste zu erwarten. Um auch an Waldstandorten zu gewährleisten, dass der Ausbau der Windkraft nicht zu Lasten des Fledermausschutzes geschieht, müssen die Fledermausbestände mit spezifischen Methoden erfasst und muss auftretenden Konflikten mit angepassten Maßnahmen begegnet werden.
Akustische Erfassungen an Waldstandorten sowohl an Windmessmasten als auch an WEA-Gondeln zeigen, dass über dem Wald die gleichen Arten aktiv und somit kollisionsgefährdet sind wie im Offenland, die Zwergfledermaus, die Rauhautfledermaus, die Mückenfledermaus und die ähnlich rufenden Arten Abendsegler, Kleinabendsegler, Nord-, Breitflügel- und Zweifarbfledermaus. Zudem ist die Aktivität wie auch im Offenland abhängig von Temperatur, Windgeschwindigkeit sowie Nacht- und Jahreszeit. Die Artengruppen Myotis sowie Plecotus werden an Waldstandorten nur in Ausnahmefällen über den Baumkronen aufgezeichnet. Auch die Mopsfledermaus wird äußerst selten oberhalb des Kronendachs detektiert. Für diese Arten besteht daher im Normalfall kein erhöhtes Kollisionsrisiko. In der Nähe von Quartieren, z. B. Balzquartieren des Kleinabendseglers, können ungewöhnliche Aktionsmuster auftreten. Die Ergebnisse zeigen, dass das Kollisionsrisiko im Wald nicht generell höher ist als im Offenland. Daher können auch an Waldstandorten gängige Abschaltalgorithmen zur Vermeidung von Kollisionen auf Grundlage der Ergebnisse eines Gondelmonitorings entwickelt und angewendet werden. Allerdings muss an Waldstandorten vor allem in der Nähe von Quartieren kollisionsgefährdeter Arten auf Abweichungen vom üblichen Aktivitätsverlauf geachtet werden. Eine wichtige Stellschraube für einen effizienten Schutz von Fledermauspopulationen ist die Zahl zulässiger Schlagopfer pro Anlage, die möglichst gering gewählt werden sollte. Da ein erhöhtes Kollisionsrisiko für Fledermäuse sowohl an Standorten im Wald als auch im Offenland zu erwarten ist, sind anlagenspezifische Abschaltzeiten dem Stand der Technik folgend für jede WEA zu beauflagen.
Lebensraumverluste an Waldstandorten betreffen alle Arten, die Baumquartiere beziehen. Vor allem Wochenstuben sind gefährdet, wenn Anlagen in Quartierzentren gebaut werden und dadurch zahlreiche genutzte und potenzielle Quartiere zerstört werden. Darüber hinaus können Arten wie die Bechsteinfledermaus, die den geschlossenen Wald als Jagdgebiet bevorzugen, durch die Rodungsarbeiten auch essenzielle Jagdhabitate verlieren. Ob Störungen durch den Betrieb von WEA sowie mikroklimatische Veränderungen durch die Öffnung ehemals geschlossener Waldbereiche außerdem dazu führen, dass auch an die Rodungsflächen angrenzende Waldhabitate nicht mehr genutzt werden, ist Gegenstand aktueller Forschungen. Um Lebensraumverluste weitestgehend zu vermeiden, müssen die Quartierbereiche und Jagdgebiete der waldgebundenen Fledermausarten vor Errichtung der WEA intensiv erfasst werden. Hochwertige, ältere Waldgebiete mit einem großen Quartierangebot sollten von vornherein nicht in die Standortplanung für WEA einbezogen werden. Wiederholte Netzfänge bei guten Bedingungen sowie die Telemetrie reproduktiver Weibchen über einen längeren Zeitraum sind notwendig, um bedeutende Quartierbereiche und Jagdhabitate der jeweiligen Kolonien im Wald finden und abzugrenzen zu können. Nachgewiesene Quartiergebiete und essenzielle Jagdhabitate sollten aus Vorsorgegründen zuzüglich eines 200-m-Pufferbereichs von der Windkraftnutzung ausgenommen werden. Als Ausgleichsmaßnahme eignet sich vor allem der dauerhafte Nutzungsverzicht auf Waldflächen in Quartierbereichen und daran angrenzenden Flächen mit Aufwertungspotenzial in Kombination mit dem Ausbringen von Fledermauskästen.
Johanna Hurst, Martin Biedermann, Christian Dietz, Markus Dietz, Hendrik Reers, Inken Karst, Ruth Petermann, Wigbert Schorcht, Robert Brinkmann

Originalartikel

Frontmatter

Open Access

Kapitel 3. Expert*innenbewertung der Methoden zum Fledermausmonitoring bei Windkraftvorhaben

Zusammenfassung
Die Erfassung des Artvorkommens und der Aktivität von Fledermäusen im Rahmen von Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen (WEA) beruht auf der legalen Notwendigkeit, das gesetzlich verankerte Störungs- und Tötungsverbot geschützter Arten umzusetzen. In einer Internetumfrage baten wir Fachexpert*innen um eine Einschätzung der Eignung und Praxistauglichkeit von Methoden, die gegenwärtig für die Begleituntersuchung von Fledermäusen eingesetzt werden. Der Netzfang und die manuelle sowie automatische Erfassung der akustischen Aktivität von Fledermäusen in Bodennähe betrachteten die Fachexpert*innen als ungeeignet oder bedingt geeignet, um das Schlagrisiko für Fledermäuse an WEA bewerten zu können. Dies galt vor allem für Standorte im Offenland wie zum Beispiel auf Agrarflächen. Die automatische Erfassung der akustischen Aktivität von Fledermäusen in Gondelhöhe (Gondelmessung) wurde mehrheitlich, vor allem für den Zeitraum der Herbstmigration, als geeignet erachtet. Behördenvertreter*innen und Fachgutachter*innen bewerteten die Gondelmessung als wenig praxistauglich, aber prinzipiell geeignet. Der Netzfang wurde für Waldstandorte und speziell für die Wochenstubenzeit als geeignete Methode zur Erfassung der lokalen Fledermausaktivität beurteilt. Die Suche nach Quartierstandorten mittels Radiotelemetrie wurde besonders für Waldstandorte als geeignet bewertet. Fachgutachter*innen gaben häufiger als Behördenvertreter*innen an, dass sie Diskrepanzen zwischen der Gondelmessung und der Schlagopferzahl beobachten konnten. Die Fachexpert*innen waren sich uneinig darüber, ob die Schätzwerte für Schlagopfer mittels spezieller Hochrechnungen der Realität entsprechen. Nur etwa jeder fünfte Befragte gab an, dass diese Hochrechnung realistische Zahlen liefere. Die Mehrheit der Fachexpert*innen vermutete eine Unterschätzung der tatsächlichen Schlagopferzahl. Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass einige im Rahmen von Genehmigungsverfahren praktizierte Methoden von den Fachexpert*innen hinterfragt und deren Verlässlichkeit unter bestimmten Bedingungen kritisiert werden. Insbesondere schließen wir aus der Auswertung, dass die prinzipiell als geeignet bewertete akustische Aktivitätsmessung in Gondelhöhe mit Schlagopfersuchen an den betreffenden WEA kombiniert werden sollte, um die Unsicherheiten der einzeln angewandten Methoden zu reduzieren.
Christian C. Voigt, Manuel Roeleke, Olga Heim, Linn S. Lehnert, Marcus Fritze, Oliver Lindecke

Open Access

Kapitel 4. Akustische Aktivität und Schlagopfer der Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii) an Windenergieanlagen im nordwestdeutschen Küstenraum

Zusammenfassung
Der nordwestdeutsche Küstenraum zeichnet sich durch eine hohe Anzahl an Windenergieanlagen (WEA) aus; gleichzeitig liegt er in einem wichtigen Reproduktionsgebiet der Rauhautfledermaus, die als schlaggefährdete Art im Fokus dieser Untersuchungen steht. Zudem befindet sich das Gebiet im Zugweg dieser Art. Zwischen 2011 und 2016 wurde von uns in dieser Region ein Monitoring an WEA durchgeführt. Es wurden 90 WEA-Jahre (ein WEA-Jahr bedeutet die Beprobung einer WEA pro Saison; meist zwischen April und Oktober) erfasst, in denen WEA mit einem durchgängigen akustischen Aktivitätsmonitoring auf Gondelhöhe und einer begleitenden Schlagopfersuche (alle drei Tage) untersucht wurden. Alle untersuchten WEA wurden ohne vorsorglichen Abschaltalgorithmus betrieben. Die am häufigsten an WEA zu Tode gekommene Art war mit Abstand die Rauhautfledermaus (67 Tiere an allen Standorten). Im Gegensatz dazu war die akustische Aktivität verglichen mit derjenigen anderer Arten relativ niedrig (insgesamt 3811 Aktivitätsminuten der Rauhautfledermaus im Vergleich zu 14.355 Aktivitätsminuten aller Arten). Demzufolge entsprechen 57 akustische Aktivitätsminuten einem Totfund. Nach Berücksichtigung der Sucheffizienz und Abtragsrate ergab sich ein Schätzwert von 27 akustischen Aktivitäten für jeden erwarteten Totfund. Die meisten Tiere kamen im Zeitraum von Mitte August bis Anfang Oktober zu Tode, lediglich sieben Tiere wurden außerhalb dieser Zeit geschlagen. Die Diskrepanz zwischen relativ hoher Schlagopferzahl im Vergleich zur niedrigen Aktivität erschwert eine statistische Betrachtung. Ebenso sind die akustischen Nachweise und das Auftreten von Schlagopfern besonders im Sommer (Juli) nicht streng gekoppelt. Es lässt sich allerdings ein positiver Trend, aber keine signifikante Korrelation zwischen akustischer Aktivität und Schlagopferzahl feststellen. Um weitere Parameter zu identifizieren, welche die Zielvariablen erklären könnten, wurden generalisierte additive Modelle (GAM) für jeweils die akustische Aktivität und die Schlagopferzahl als Beobachtungsvariablen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen im Fall der der akustischen Aktivität einen Zusammenhang mit den technischen Parametern, der geografischen Lage der WEA sowie dem Beprobungsjahr. Diese Zusammenhänge sind jedoch nicht eindeutig, da hinter dem Faktor Beprobungsjahr weitere noch unbekannte Faktoren verborgen bleiben. Das GAM zu den Schlagopfern lässt ebenfalls erkennen, dass es noch weitere nicht identifizierte Parameter gibt, die den Erklärungswert des Modells steigern würden. Die Diskrepanz zwischen relativ geringer akustischer Aktivität und Schlagopfern lässt sich vermutlich durch die geringe Erfassungsreichweite für die im Untersuchungsgebiet am häufigsten geschlagene Art Rauhautfledermaus erklären. Basierend hierauf fordern die Behörden einiger Landkreise im Untersuchungsgebiet für das Monitoring an WEA ein zweites Mikrofon auf Höhe der unteren Rotorspitze. An küstennahen Standorten mit zu erwartender hoher Rauhautfledermausaktivität sollten zudem an einer Stichprobe von WEA eines Windparks zusätzlich Schlagopfer gesucht werden. Eine zusätzliche Absicherung durch eine weitere Methode würde die Aussagekraft des Gondelmonitorings erhöhen.
Petra Bach, Lothar Bach, Raimund Kesel

Open Access

Chapter 5. Akustisches Monitoring von Rauhautfledermaus an Windenergieanlagen: Ist ein zweites Ultraschallmikrofon am Turm notwendig?

Zusammenfassung
Energie aus Windkraft spielt im Rahmen der Förderung erneuerbarer Energieträger eine immer größere Rolle, allerdings kollidieren Fledermäuse regelmäßig mit Windenergieanlagen (WEA). Um derartige Kollision zu verhindern, fordern Behörden im Rahmen von Genehmigungsverfahren die Einführung von Abschaltzeiten, zumeist unter Zuhilfenahme des Programms ProBat. Im küstennahen Umfeld bzw. in Bereichen mit hoher Aktivität an Rauhautfledermäusen (Pipistrellus nathusii) wird dieses Programm bislang nur begrenzt eingesetzt. In Nordwestdeutschland wurde von uns in den letzten Jahren an 20 WEA zusätzlich ein zweites Mikrofon am Turm etwa 10–15 m unterhalb des tiefsten Streifpunkts der Rotorblätter getestet (Turmmikrofon). Auf dieser Höhe lässt sich eine deutlich höhere akustische Aktivität der Rauhautfledermaus messen als auf Gondelhöhe (Gondelmikrofon). Der akustische Erfassungsbereich beider Mikrofone überlappte sich hinsichtlich der Rauhautfledermaus nicht. Am Turmmikrofon zeigte sich nicht nur eine höhere Gesamtaktivität von Fledermäusen bzw. eine höhere Aktivität der Rauhautfledermaus, sondern auch eine unterschiedliche saisonale und nächtliche Verteilung der Aktivitäten im Vergleich zum Gondelmikrofon. Auch wenn das Aktivitätsmaximum am Turmmikrofon bei niedrigeren Windgeschwindigkeiten lag als beim Gondelmikrofon, war am Turmmikrofon die Aktivität noch etwa siebenmal höher als auf Nabenhöhe. Dies lag an der insgesamt höheren Aktivität von Fledermäusen am Turmmikrofon im Vergleich zum Gondelmikrofon; selbst bei relativ hohen Windgeschwindigkeiten (≥8,0 m/s). Die relativ hohe akustische Aktivität von Rauhautfledermäusen am Turmmikrofon könnte erklären, warum Schlagopfer (speziell von Rauhautfledermäusen) ohne entsprechende akustische Aktivitäten in Gondelhöhe anfallen. Die kombinierte Nutzung von Mikrofonen am Turm und im Gondelbereich könnte die Entwicklung von Abschaltalgorithmen aus Sicht des Fledermausschutzes verbessern.
Lothar Bach, Petra Bach, Raimund Kesel

Open Access

Kapitel 6. Fledermausaktivität in Gondelhöhe in Bergwaldgebieten der Steiermark, Österreich

Zusammenfassung
Die österreichische Klima- und Energiestrategie sieht einen massiven Ausbau der Windkraftproduktion vor. Die geplanten Standorte für den Ausbau in der Steiermark befinden sich hauptsächlich in Bergwaldgebieten. Bisherige Studien zum Thema Fledermausaktivität und Windkraft wurden vor allem im Tiefland oder in Mittelgebirgslagen durchgeführt. Aktuelle Untersuchungen aus dem Alpenraum zeigten teils beträchtliche Fledermausaktivitäten. Aus den Bergwäldern Österreichs liegen bis jetzt jedoch noch keine publizierten Daten zur Fledermausaktivität in Gondelhöhe vor. Ziel des vorliegenden Kapitels ist es, den Wissensstand darüber zu verbessern.
An fünf verschiedenen Standorten in Bergwäldern der Steiermark, Österreich, wurde die Fledermausaktivität in 1200 bis 1700 m über NN in Gondelhöhe mittels Batcordern (ecoObs) gemessen. Zusätzlich zur Fledermausaktivität wurden an vier Standorten die Windgeschwindigkeit und an zwei Standorten die Temperatur in Gondelhöhe erhoben. Die Standortauswahl erfolgte im Rahmen von Planungen für Windkraftprojekte. Der Erfassungszeitraum lag an allen Standorten zumindest zwischen Mai und Mitte September. An allen Standorten betrug der Rotor-Boden-Abstand maximal 50 m.
An den fünf Windparkstandorten wurden insgesamt mindestens acht Fledermausarten nachgewiesen. Das Artenspektrum umfasste sowohl ortstreue Arten wie Zwergfledermaus und Nordfledermaus als auch typische Langstreckenzieher wie Abendsegler, Zweifarbfledermaus und Rauhautfledermaus. An einem Standort wurde die Gattung Myotis aufgezeichnet. Es stammten 85,2–97,4 % der Aufnahmen von Vertretern der Gruppe Nyctaloid und 2,5–14,7 % von Vertretern der Gruppe Pipistrelloid.
Es wurde eine hohe Variabilität der Aufnahmenzahlen verzeichnet, sowohl zwischen den Standorten als auch am selben Standort zwischen den Jahren sowie innerhalb eines Windparks. Die dokumentierte Fledermausaktivität schwankte nicht nur stark zwischen den einzelnen Monaten, sondern auch an einzelnen Tagen. Die höchsten Aktivitäten wurden in den Monaten Juni bis September gemessen. Im April und Mai wurden generell geringe Aktivitäten dokumentiert. Im Oktober wurden noch an zwei Standorten höhere Aktivitäten registriert. Die hohen Variabilitäten unterstreichen die Wichtigkeit mehrjähriger Erhebungen mittels Gondelmonitoring sowie mehrerer Gondelmonitoring-Standorte innerhalb eines Windparks.
Die höchsten Windgeschwindigkeiten, bei denen Fledermäuse noch aktiv waren, reichten von 6,5–15 m/s. Erwartungsgemäß nahm die Aktivität mit zunehmender Windgeschwindigkeit ab. Dieser Rückgang variierte jedoch stark standortabhängig und auch innerhalb eines Standortes von Jahr zu Jahr. Fledermausaktivität begann teilweise bereits um den Gefrierpunkt.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Fledermäuse in Bergwäldern bei höheren Windgeschwindigkeiten sowie kälteren Temperaturen als in tieferen Lagen aktiv sind. Auch in der Jahresphänologie zeigen sich leichte Unterschiede: Hohe Aktivitäten treten bereits ab Juni, also außerhalb des herbstlichen Zuggeschehens, auf. Dies ist bei der Planung von Windparkprojekten in Bergwäldern zu berücksichtigen. Abschaltalgorithmen können nicht ohne weitere Anpassungen uneingeschränkt aus Tieflandstudien übernommen werden. Vorläufig ist aufgrund teilweise abweichender Aktivitätsmuster die Anwendung des ProBat-Tools an Bergwaldstandorten kritisch zu sehen. Da in den Bergwaldgebieten der Steiermark zu einem Großteil Windenergieanlagen mit niedrigen Rotor-Boden-Abständen zum Einsatz kommen, sollten zur Kontrolle der Wirksamkeit der Abschaltalgorithmen fallweise Schlagopfersuchen ab zumindest Juni durchgeführt werden. Zusätzliche Untersuchungen wären wünschenswert, um die Evidenzbasis zu systematischen Unterschieden zwischen Bergwald-, Tiefland- und anderen Gebieten zu erweitern.
Senta Huemer, Brigitte Komposch

Konzeptartikel

Frontmatter

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Kapitel 7. Best-Available-Science/Information-Mandat – evidenzbasierter Artenschutz in den USA

Zusammenfassung
Um die Qualität von komplexen Entscheidungen zu erhöhen, findet sich ein Best-Available-Science/Information-(BAS/I-)Wissenschaftsmandat unmittelbar im US-amerikanischen Umweltrecht adressiert, prominent auch im Artenschutzrecht. BAS/I wird zugesprochen, die Schnittstelle zwischen (wissenschaftlichen) Informationen (science push) und dem handlungsorientierten (policy pull) Arten- und Naturschutz und seiner Planungs- und Genehmigungspraxis transparent zu machen. Wir haben in einem exemplarischen Überblick untersucht, welchen Fokus das BAS/I-Mandat in den USA hat und wie es in der Rechtssetzung, der öffentlichen Verwaltung sowie in Leitfäden ausgefüllt wird. Dazu zählen z. B. das stete Aufzeigen von verbleibenden Unsicherheiten und eine ausgeprägte Peer-Review-Praxis wichtiger Dokumente und Entscheidungen. Zwar können mit diesem Überblick noch keine Aussagen zur Breite, Tiefe und Effektivität der Umsetzung des BAS/I-Mandats in der US-amerikanischen Praxis getroffen werden, wir beschreiben diesen Ansatz jedoch als Good-Practice-Beispiel, um das evidenzbasierte Wissenschaftsmandat zukünftig auch in Deutschland expliziter diskutieren zu können und Eingang in einschlägige Routinen finden zu lassen. Gewinnen könnte dabei in jedem Fall die Transparenz unserer Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Jessica Weber, Johann Köppel, Gesa Geißler

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Kapitel 8. Windenergievorhaben und Fledermausschutz: Was fordern Expert*innen zur Lösung des Grün-Grün-Dilemmas?

Zusammenfassung
Im Rahmen einer internetbasierten Umfrage wurde die Einschätzung von Expert*innen aus der Genehmigungspraxis von Windenergieanlagen (Vertreter*innen der Naturschutzbehörden und dem Windenergiesektor, Mitglieder und Mitarbeiter*innen von Umweltschutzorganisationen, Wissenschaftler*innen und Fachgutachter*innen) zur Vereinbarkeit von Artenschutz, speziell Fledermausschutz, und dem Ausbau erneuerbarer Energien, speziell Windenergieproduktion, abgefragt. Mehrheitlich bewerteten die Fachexpert*innen das derzeitige Artenschutzrecht als nicht zu streng und zudem als nicht hinderlich für den weiteren Ausbau der Windenergieproduktion in Deutschland. Des Weiteren bewertete die Mehrheit der Umfrageteilnehmer*innen die Windenergieproduktion an Waldstandorten als nicht im Sinne einer umweltverträglichen Energiewende und als zu sehr konfliktbelastet. Das größte Potenzial zur Lösung oder Abmilderung des Grün-Grün- Dilemmas sahen die Umfrageteilnehmer*innen bei den Naturschutzbehörden und in der wissenschaftlichen Forschung.
Marcus Fritze, Linn S. Lehnert, Olga Heim, Oliver Lindecke, Manuel Röleke, Christian C. Voigt

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