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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung und Forschungsübersicht

Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit stellt eine Lektüre von Erzähltexten dar, die zwischen 1933 und 1945 1 von (ursprünglich) deutschsprachigen Autoren und Autorinnen im britischen Exil verfaßt wurden. Trotz der zahlreichen Eingrenzungen des Untersuchungsgegenstands, die in den kursiv hervorgehobenen Bestandteilen der Formulierung der Themenstellung zum Ausdruck kommen, kann diese Studie nicht den Anspruch erheben, ihr Thema erschöpfend zu diskutieren; vielmehr bleibt sie selbst innerhalb des streng abgesteckten, gleichwohl noch immer umfangreichen Gegenstandsbereichs auf die Privilegierung bestimmter Aspekte zu Lasten anderer angewiesen, kann sich aber glücklicherweise in einer Reihe von Fragen, die die Exilliteratur in Großbritannien betreffen, auf Befunde stützen, die in der interdisziplinären und internationalen Exilforschung erarbeitet wurden. Diese Forschungsbeiträge stekken vor allem die historischen, politischen und soziologischen Hintergründe (weniger allerdings die literarischen Aspekte) des Exils in Großbritannien mit einem Umfangreichtum und einer Gründlichkeit ab, die Wolfgang Frühwald und Wolfgang Schieder zu der Feststellung gelangen lassen, daß die Forschung “[besonders gut [...] über die Exillage in Großbritannien unterrichtet”2 sei.
Dirk Wiemann

2. Schreiben im britischen Exil

Abstract
Do not look at the names, look beyond them, look deeper. I do not want to exaggerate but, believe me, there is a story behind each story, almost a book behind each book. Where has it been conceived and when? In burning homes, in the concentration camp? Where has it been written? In a railway station waiting room, shipping company waiting room, the passport control office waiting room, in how many waiting rooms, in how many rooms, in how long and sordid a series of boarding houses, changing as faces change yet remaining always diabolically equal? You know what I mean — the old paper, dull and tearing, the mirror blind, plugs blocked, the souls of past tennants lurking in all the cupboards, people squabbling next door, and someone having a piano lesson. There these books of ours have been typed, corrected, wrapped for posting, unwrapped again when returned accompanied by that polite little printed note. All this, and the waiting and the hope, and the frustration, if not worse, lies behind these books. I think it is because of this that they are such a scanty and puny lot, and they are the healthiest, the ones who survive. So many were stillbom, the authors having been pressed into a labour gang, beaten to death in Germany, starved to death in Poland, or committed suicide while of sound mind; the manuscripts having been lost, destroyed, confiscated, or returned, returned, and returned again.
Dirk Wiemann

3. Blicke auf England aus dem Exil

Zusammenfassung
Die folgenden Überlegungen widmen sich den vorherrschenden Topoi, mit denen in Großbritannien Exilierte sich in ein Verhältnis zu ihrem Asylland zu setzen versuchten. Gerade hier gilt es, zwischen Dokumenten aus der Zeit und der großen Anzahl retrospektiver Äußerungen zu unterscheiden: Während in aller Regel nachträgliche Kommentare zum Gastland — möglicherweise auch durch den Vergleich mit den Asylpraxen diverser anderer Staaten motiviert — dazu tendieren, das Exil in England nahezu durchweg positiv zu bewerten, sprechen die eigentlichen ‘Zeugnisse’, d.h. die zwischen 1933 und 1945 niedergeschriebenen Texte, eine durchaus (und zumindest gelegentlich deutlich) andere Sprache. Im Rahmen dieser — zugegebenermaßen nur äußerst knappen — Darstellung von Aussagen über England aus dem Exil werden nachträglich verfaßte Texte vollständig ausgeklammert, da diese nicht als Beiträge zum zeitgenössischen Dialog und zur zeitgenössischen Hervorbringung von England-Konstruktionen aufzufassen sind, sondern vielmehr in den Kontext der Nachkriegsdebatten fallen.
Dirk Wiemann

4. Geschichte(n) erzählen

Zusammenfassung
Die vorliegende Studie fragt nach der Verfaßtheit und Funktion der im britischen Exil entstandenen Texte als Narrationen in einem spezifischen historischen Kontext. Hierbei wird das Erzählen idealtypisch als eine Bedeutung produzierende und (somit) ideologisch positionierende Praxis angenommen, die sich von anderen kommunikativen Handlungsformen unterscheiden läßt, sofern sie durch die eigenständigen Regulative des narrativen Diskurses organisiert wird. Zugleich ist aber Erzählen selbst in seinen konventionellsten, ge-nerischen Formen nicht auf die Operation innerhalb des Geltungsbereichs eines traditionellen Diskurses zu reduzieren, sondern stets auch als eine konkret historische Praxis aufzufassen, in der die Ordnungsfaktoren des Diskurses auf eine Weise zur Anwendung gebracht und möglicherweise modifiziert werden, die sich der geschichtlichen Situation verdankt. Es bedarf also eines methodischen Ansatzes, der den manifest vorliegenden Erzähltext als eine parole er-faßt, die einerseits als Äußerung historisch geprägt und verortbar, andererseits aber ohne eine Berücksichtigung ihrer Verpflichtung auf die langue des narrativen Diskurses, die sie gewissermaßen konkret aktualisiert, nicht zu verstehen ist.
Dirk Wiemann

5. “Aus dem Unsinn der Sinn”: Romances des Exils

Zusammenfassung
Im folgenden wird versucht aufzuzeigen, daß und wie sich die Erzähltexte des britischen Exils in ihrer überwiegenden Mehrheit als romances im engeren, literaturtheoretischen Sinn konstituieren und somit auf einem spezifischen, nun ausführlich zu diskutierenden Subtext basieren. Um Verwirrungen vorzubauen, sei zunächst erläutert, in welchem Sinn der Terminus der romance hier vorläufig verwendet wird. Eine ausführlichere und präzisierende Begriffsbestimmung erfolgt im Anschluß an eine erste, exemplarische Textdiskussion im zweiten Drittel dieses Vorlaufs.
Dirk Wiemann

6. “Salvation through the cross”: Hermynia Zur Mühlens Came the Stranger

Zusammenfassung
Hermynia Zur Mühlen organisiert ihren Roman Came the Sranger sehr transparent als einen ‘Verschobenen Mythos’: Die narrative Handlung wird an eine Steuerungserzählung aus der sakralen Tradition — nämlich die neutestamentarischen Passionsberichte — rückgebunden, und die Uberdeterminierung dieser Analogierelation verweist deutlich auf ihre Funktion wie auch ihre Angestrengtheit. Indem das im Text geschilderte Geschehen mit seinen deutlichen realhistorischen Referenzen von Beginn an als nachvollziehende Variation der Passionsgeschichte ausgewiesen wird, läßt sich aus ihrer Logik der Verlauf der Narration Zur Mühlens — und damit implizit auch der Realgeschichte, auf die sie rekurriert — antizipieren. Der sakrale Prätext steuert insofern zunächst den Plot des Romans und erweitert über diesen hinausgehend seinen Geltungsanspruch auf die reale Geschichte. Die Funktion des Textes scheint in dieser Hinsicht weniger in der narrativen Ausfaltung der in der Passionsbotschaft kodifizierten Bedeutung zu liegen, sondern eher im beharrlichen Postulat ihrer Applizierbarkeit auf die historische Situation.
Dirk Wiemann

7. Ein Realist, der keiner war: Arthur Koestlers Arrival and Departure

Zusammenfassung
Arthur Koestlers Texte sind über die Grenzen unterschiedlicher Textsorten hinweg füreinander bemerkenswert durchlässig: Problemlos integriert der Romancier ausführliche argumentative Sequenzen in den fiktionalen Text; ebenso zitiert der Essayist den Autobiographien, der wiederum aus den Texten der Romane abschreibt. Verschiedene Aspekte dieser außerordentlichen internen Kontinuität sind einerseits auf dem Weg thematischer Analysen, andererseits mit Blick auf eine durchgängig gleichbleibende Schreibhaltung Koestlers eruiert worden. Frank Knopfelmachers These, wonach in “Koestler’s preoccupation with Zionism (that is, with his Jewishness) [...] the key to his entire oeuvre”1 zu suchen sei, steht Leo Hamalians generellere Feststellung gegenüber, daß eine “persistent quest for meaning in the universe”2 die Konstante im Schreiben Koestlers darstelle. In der Tat ist die Sinnsuche in Koestlers Texten das wesentliche Thema, und zwar — wie Hamalian andeutet — in einer ‘kosmischen’ Dimension: Koestler hält in all seinen Texten an einem spannungsvollen Dualismus von Selbsterhaltung und Selbstüberschreitung (“self-assertion” und “self-transcendence”) fest, wobei die Selbstüberschreitung und -auflösung in einen als kosmisch gedachten Bezug selbst dort die eindeutig übergeordnete Figur bildet, wo — wie etwa in Koestlers antikommunistischem Schlüsselroman Darkness at Noon 3 — die Denunziation mißglückter bzw. fehlgeleiteter “self-transcendence” zum zentralen Thema wird.
Dirk Wiemann

8. “Juden. Von überall”: Robert Neumanns An den Wassern von Babylon

Zusammenfassung
Sein umfangreiches und komplexes Exilwerk weist den österreichischen Schriftsteller Robert Neumann als einen der produktivsten und relevantesten Schreiber im britischen Exil aus. Mit Struensee und Eine Frau hat geschrien befindet er sich noch in relativem Einklang mit einer der konstitutiven Tendenzen der Exilliteratur in den dreißiger Jahren1: der Modellierung historisch verbürgten Geschehens zu Faschismusanalysen bzw. -gegenkonzeptionen. Zwar liegen bereits diese Texte quer zum bestimmenden Postulat der ‘Volkstümlichkeit’, wie es insbesondere in der marxistischen Debatte (aber auch über diese weit hinausreichend) durchgesetzt wird, doch lassen sie sich ohne weiteres auf es beziehen. An den Wassern von Babylon besteht dem gegenüber aus zehn relativ autonomen Teiltexten, die durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden sind. Insofern knüpft der Text strukturell an traditionelle Novellenzyklen an (Richard A Bermann spricht im Zusammenhang mit Neumanns Roman von einem “tragischen Dekameron des Judentums”2) und bildet einen Rückgriff Neumanns auf eine Form, mit der er bereits 1931 in seiner Erzählung Das Schiff ‘Espérance’ experimentiert hatte.
Dirk Wiemann

9. “The good old remedy: silence”: Tragödien des Exils

Zusammenfassung
Neben dem Hauptbestand der Exiltexte, die auf der Basis eines romantischen Subtextes organisiert sind, lassen sich zwei kleinere Textgruppen identifizieren, die, obwohl sie sich primär als Einspruch gegen Faschismus und Krieg konstituieren, auch als polemische Kommentare zur historischen Euphorie der romances gelesen werden können. Im folgenden Kapitel werden zunächst diejenigen Texte diskutiert, die sich nach einem ‘tragödialen’ Subtext bilden; hierbei handelt es sich um ein relativ kleines Korpus mehrheitlich sehr einfacher Erzähltexte, so daß die Analyse hier auf eine kursorische Lektüre begrenzt werden kann.
Dirk Wiemann

10. “Underminings of absolute standards”: Satiren des Exils

Zusammenfassung
Daß zwischen den Strategien der romance und der Tragödie unüberbrückbare Differenzen bestehen, wurde im Rahmen der bisherigen Überlegungen hinreichend thematisiert. Gleichwohl läßt sich eine Gemeinsamkeit nicht übersehen, die sich allerdings weniger auf die ideologische Konkretion des Antifaschismus bezieht, als vielmehr auf die grundlegende rhetorische Strategie: Romances wie Tragödien konstituieren sich in hohem Maße aus ihrer jeweils unterschiedlich vorgenommenen Positionierung innerhalb der Konstellation zum Faschismus, dem sie ihre spezifischen, im Rahmen der jeweiligen textuellen Logik nicht transzendierbaren Oppositionskonzepte — sakralisierte Politik oder idyllisierte Privatheit — entgegenstellen. Diese Oppositionskonzepte liefern ein als quasi metaphysische Gegegebenheit ausgewiesenes “abschließendes Vokabular”1, ein Ensemble nicht überschreitbarer ideologischer Setzungen, auf deren Unantastbarkeit die in den..Texten evozierte Dissidenz sich stützt.
Dirk Wiemann

11. “Revenge on society”: Anna Sebastians The Monster

Zusammenfassung
Die aus Wien stammende Schriftstellerin Friedl Benedikt (1916–1953), die zwischen 1939 — dem Zeitpunkt ihrer Emigration nach London — und 1950 unter dem Pseudonym Anna Sebastian drei englischsprachige Romane in Großbritannien veröffentlichte, ist bislang von der Literaturwissenschaft einschließlich der Exilforschung nahezu vollständig übersehen worden. Lediglich Waltraud Strickhausens Aufsatz über “Englische Romane von Exilautoren” widmet sich (wenn auch äußerst knapp) den Texten Anna Sebastians und rekonstruiert zudem eine fragmentarische Biographie der Autorin, hierbei in erster Linie auf Briefe Elias Canettis gestützt, “als dessen Schülerin sich Friedl Benedikt verstand”1. Auch in Canettis Autobiographie, nämlich im Augenspiely finden sich Belege für die Kontakte, die im Wien der mittleren dreißiger Jahren zwischen Benedikt und Canetti bestanden; vor allem beinhalten diese Passagen Hinweise auf die Meisterrolle, die die junge, mit ersten schriftstellerischen Projekten experimentierende Friedl Benedikt ihrem Grinzinger Nachbarn, der seinerzeit ausschließlich als Autor der Blendung bekannt war, hartnäckig antrug2.
Dirk Wiemann

12. Exil als Modernität — Modernität als Exil Ernest Bornemans The Face on the Cutting-Room Floor

Zusammenfassung
1937, vier Jahre bevor sein bei Jarrolds publizierter Roman Love Story als literarisches Debüt rezipiert wird, legt Ernest Borneman unter dem Pseudonym ‘Cameron McCabe’ seinen ungleich spektakuläreren Erstling vor: den hochkomplizierten, selbstreferentiellen Kriminal- und Detektivroman The Face on the Cutting-Room Floor, dessen Wirkung in den dreißiger Jahren zwar auf einen kleinen Kreis von Insidern beschränkt blieb, der aber auf lange Sicht als einer der wenigen Exiltexte in Großbritannien zu beachten ist, die über eine erste Auflage hinaus Beachtung finden konnten1. 1993 nimmt Christopher Petit in seiner essayistischen Skizze über “Julian Maclaren-Ross and the Case of the Vanishing Writers”2 en passant auf Bornemans Text Bezug und folgt zugleich dem wesentlichen Aspekt der Rezeptionsgeschichte, die sich in der Tat auf das mysteriöse ‘Verschwinden’ des Autors konzentriert und Züge einer gewissen Legendenbildung aufweist. Zwar war 1974, anläßlich der Neuauflage von The Face on the Cutting-Room Floor bei Gollancz, die Identität des Autors definitiv preisgegeben worden3. Dennoch hielten sich bis weit in die 80er Jahre unterschiedlichste Varianten der Zuordnung — neben Victor Gollancz wurde Cyril Connolly der Autorschaft verdächtigt4 -, so daß noch die Penguin-Ausgabe von 1986 mit der in ihrem Anmerkungsapparat vorgelegten Identifizierung des Verfassers werben kann.
Dirk Wiemann

13. Statt eines Nachworts: Selbstkritik

Zusammenfassung
Mit Bornemans Text bricht diese Lektüre von Exilerzählungen ab, ohne sich zu einer Bilanz pointieren zu lassen — außer vielleicht derjenigen, daß sich unter dem Rubrum der ‘Exilliteratur’, selbst bei einer engen Fokussierung auf die in Großbritannien entstandenen Texte, eine erstaunliche Vielfalt narrativer Strategien und Formen verbirgt. Das Postulat der heilsgeschichtlichen Analogie (Zur Mühlen) und die subversive Mimikry der formalisierten Detektionsliteratur (Borneman) resultieren in Texten, die kaum aufeinander beziehbar scheinen, wie sehr auch die heuristische Schematisierung, die in dieser Studie vorgenommen wurde, an der Herstellung solcher Beziehung arbeiten mag. Doch gerade indem die Texte nach dem Kriterium der aus ihnen rekonstruierbaren Subtexte einander zugeordnet oder entgegengestellt und insofern in Verbindung gesetzt wurden, sollten die Differenzen, die hinsichtlich ihrer jeweiligen Verfaßtheit bestehen, profiliert werden: Erst durch den Rückbezug auf diejenigen Impulse, zu denen sie sich alle, aber eben auf sehr unterschiedliche Weisen positionieren und konstituieren, werden sie vergleichbar und in ihren Spezifika erschließbar. Dies erforderte in der Erörterung des einzelnen Textes eine gewisse Ausführlichkeit, die ich hoffe, nicht übertrieben zu haben. Resultate, die sich auf das gesamte Korpus beziehen ließen, werden hiermit jedoch erneut erschwert, sofern nun jeder einzelne Text in seiner Eigenheit hervortritt.
Dirk Wiemann

14. Literaturverzeichnis

Ohne Zusammenfassung
Dirk Wiemann

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