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Über dieses Buch

Das Buch entwickelt ausgehend von einem interdisziplinären Lehrprojekt neue Verfahren zur Analyse von Wählerwanderungen und erprobt diese praktisch. Dazu wurde eine Nachwahlbefragung bei der Landtagswahl und der Bundestagswahl 2013 in München durchgeführt und ausgewertet. Es wird eine ausführliche Analyse der Wählerwanderung im Vergleich zu den vorherigen Wahlen und zwischen den beiden Wahlen, die innerhalb einer Woche stattfanden, inklusive der Gründe für Parteienwechsel präsentiert. Weiter werden methodische Neuentwicklungen, sogenannte Hybridmodelle zur Analyse der Kombination von Befragungsdaten und offiziellen Wahlergebnissen der einzelnen Stimmbezirke aufgezeigt. Diese Form der Analyse hat ein hohes Potential für die valide Schätzung von Wählerwanderung.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Ausgangspunkt und Motivation der Studie

Zusammenfassung
Zunächst wird auf eine erstaunliche Forschungslücke hingewiesen: Aggregatdatenbasierte Wählerwanderungsanalysen weisen ein schwerwiegendes Identifikationsproblem auf, surveybasierte glaubwürdige Wählerwanderungsanalysen sind derzeit nur mit äußerst aufwändigen Exit Poll-Analysen durchführbar. Daten und Analyseverfahren der wenigen kommerziellen Anbieter sind für die Forschung allerdings in der Regel nicht zugänglich. Daher wird hier ein neues Untersuchungsdesign für eine eigene Exit Poll-Analysen in einer Metropole vorgeschlagen. Zudem wird ein neues Verfahren der Kombination von Individual- und Aggregatdaten entwickelt, das eine effizientere Stichprobengestaltung und Schätzung ermöglicht. Anschließend werden die wahlrechtlichen Grundlagen der Landtags- und Bundestagswahlen in der Metropole München beschrieben. Schließlich werden die vorausgegangenen und die aktuellen Wahlergebnisse bei der Landtagswahl und der Bundestagswahl 2013 dargestellt.
Paul W. Thurner, Mirjam Selzer, André Klima, Helmut Küchenhoff

Kapitel 2. Die Münchner Ergebnisse im Bundes- und Landesvergleich: Ein Ude-Effekt in München?

Zusammenfassung
Kapitel 2 ordnet die Wahlergebnisse in München zu den Bundes- und Landtagswahlen seit 1994 in den deutschland- bzw. bayernweiten Trend ein. Es zeigt sich, dass durchschnittliche Wahlbeteiligung und Stimmenanteile von SPD und CSU in München sehr eng den durchschnittlichen Ergebnissen im Bund bzw. in Bayern folgen. Daraus lässt sich die Hypothese ableiten, dass Wählerwanderungen in München vergleichbar auch in anderen Wahlorten der Bundesrepublik, zumindest aber Bayerns, beobachtbar sein sollten. Abweichungen vom bayernweiten Trend sind durch spezielle Dynamiken des Wahlkampfes erklärbar. Mittels eines Difference-in-Differences-Designs wird gezeigt, dass 2013 bei der Landtagswahl in München ein Kandidateneffekt des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters und SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude vorliegt: Dieser Kandidateneffekt wirkt sich spezifisch auf den SPD-Zweitstimmenanteil aus, der dadurch 5 Prozentpunkte über dem allgemeinen SPD-Trend liegt. Der „Ude-Effekt“ geht vermutlich v.a. auf Grünen-Wähler zurück, die ihre Stimme zugunsten Christian Udes gesplittet haben. Theoretisch lässt sich dies als Spill-Over eines Amtsinhaberbonus erklären. Dieses aus den Aggregatdaten gewonnene Ergebnis deckt sich mit der Wählerwanderungsanalyse der Exit Poll-Studie zu Wechselwahlverhalten und -gründen auf Individualebene.
Lukas Rudolph

Kapitel 3. Wählerwanderung

Zusammenfassung
Dieses Kapitel stellt die zentralen Annahmen der großen Theoriestränge zur Erklärung von Wählerverhalten allgemein und wechselndem Wahlverhalten im Besonderen vor und beleuchtet die Erklärungskraft der beiden Ansätze der soziologischen Schule sowie des sozialpsychologischen und des rationalistischen Ansatzes im Hinblick auf die Wählerwanderung. Aus einem empirischen Blickwinkel heraus werden schließlich die Möglichkeiten der Messung eines solchen Wählerverhaltens diskutiert.
Mirjam Selzer

Kapitel 4. Studiendesign

Zusammenfassung
Mit dem Ziel der Schätzung der Wählerwanderungen in München zwischen den Landtagswahlen 2008 und 2013, zwischen den Bundestagswahlen 2009 und 2013 sowie zwischen Landtags- und Bundestagswahl 2013 wurden bei beiden Wahlen 2013 (Landtagswahl: 15.09.2013, Bundestagswahl: 22.09.2013) in München Wahltagsbefragungen durchgeführt. Diese erfolgten als Vollerhebungen in 17 zufällig ausgewählten Stimm- bzw. Wahlbezirken Münchens, die bei beiden Wahlen identisch waren. Die Umfrage wurde als mehrstufige Zufallsstichprobe geplant. Als Beobachtungseinheiten, die im ersten Schritt gezogen werden sollten, wurden die Wahlorte festgelegt. Um eine möglichst effiziente Stichprobe zu erhalten, wurde auf der Ebene der Wahlorte eine Schichtung durchgeführt. In der zweiten Stufe wurde aus den gewählten Wahlorten per einfacher Zufallsstichprobe eine feste Zahl von Stimm-/Wahlbezirken ausgewählt. In diesen Stimm-/Wahlbezirken wurde dann eine Vollerhebung durchgeführt. Die Fragebögen zur Erhebung des Wahlverhaltens wurden im Rahmen eines interdisziplinären Seminars zur Wahlforschung von Studierenden entwickelt. Als Anhaltspunkte dienten etablierte Frageformulierungen und Fragebogensequenzen unter anderem von infratest dimap und aus der German Longitudinal Election Study (GLES). Nach der Datenerhebung wurden die erhobenen Informationen zur Vorbereitung der Auswertung weiter aufbereitet.
André Klima, Helmut Küchenhoff, Mirjam Selzer, Paul W. Thurner

Kapitel 5. Befragungsgüte

Zusammenfassung
In diesem Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Befragungen sowohl bei der Landtagswahl als auch bei der Bundestagswahl 2013 diskutiert. Die mittleren Ausschöpfungsquoten lagen bei 71,2 % bzw. 69,0 %. Bei beiden Wahltagsbefragungen betrug der Anteil der vollständig ausgefüllten Fragebögen deutlich mehr als 80 %. Im Vergleich mit den amtlichen Endergebnissen auf Stimm- bzw. Wahlbezirksebene zeigt sich, dass (erwartungsgemäß) die Abweichungen bei den Erinnerungsfragen deutlich größer sind, als bei den Fragen zum aktuellen Wahlverhalten (bis auf einen Ausreißer zur Landtagswahl 2013). Mit Bündnis 90/Die Grünen existiert eine Partei, die konstant in allen Konstellationen überschätzt wird, was darauf hindeutet, dass die Grünen-Wähler in der Stichprobe leicht überrepräsentiert waren. Zudem gelingt der selten mögliche Nachweis, dass manche Personen offensichtlich auch bei Exit Polls, die eigentlich aufgrund von Befragungszeitpunkt und -situation als besonders gutes Instrument zur Messung von Wahlverhalten gelten, falsche Angaben machen.
Mirjam Selzer, Katharina Brand

Kapitel 6. Wechselgründe

Zusammenfassung
Mittels einer offenen Frage wurde sowohl im Landtags- als auch im Bundestagswahlfragebogen der Grund für ein von der jeweils 5 bzw. 4 Jahre zurückliegenden Wahlentscheidung abweichendes Wahlverhalten 2013 erfragt. Die von rund zwei Drittel der Wechselwähler gemachten Angaben wurden anhand eines dafür entwickelten Codierschemas mit den inhaltlichen Hauptkategorien Unzufriedenheit, Performance, Personal, Issues, Wahltaktik und Sonstiges, die jeweils weiter in Unterkategorien differenziert wurden (z. B. positiv / negativ), vercodet. Im Ergebnis zeigt sich für Landtags- und Bundestagswahl eine sehr ähnliche Verteilung der Wechselmotive. Im Vordergrund standen jeweils einzelne Issues bzw. die Wahlprogramme der Parteien.
Mirjam Selzer, Johannes Breitwieser, Ursula Ohliger

Kapitel 7. Hochrechnung aus den Individualdaten

Zusammenfassung
Hier werden Methodik und Ergebnisse der Hochrechnung aus den Daten der Wählerbefragung vorgestellt. Die Hochrechnung aus der zweistufigen Stichprobe erfolgt mit Hilfe des Quotientenschätzers. Um Verzerrungen durch Non-Responder und falsche Angaben zu reduzieren, wird auf der Ebene der Stimmbezirke eine Korrektur der empirischen Wählerwanderungstabelle mit dem sog. IPFP- Algorithmus vorgenommen. Hierbei werden auf der Ebene der Stimmbezirke die amtlichen Ergebnisse der beiden entsprechenden Wahlen genutzt. Präsentiert werden die Ergebnisse für die Wählerwanderungen zwischen den Bundestagswahlen 2009/2013 und den Landtagswahlen 2008/2013.
Helmut Küchenhoff, Shuai Shao, Levent Alkaya

Kapitel 8. Ökologische Inferenz

Zusammenfassung
Eine Alternative zur Nutzung von Individualdaten bei der Schätzung von Wählerwanderungen stellt die ökologische Inferenz dar. Bei dieser wird zur Schätzung nur auf die offiziellen Wahlergebnisse der betrachteten beiden Wahlen zurückgegriffen. Obwohl Daten zur Verknüpfung der beiden Wahlentscheidungen auf individueller Ebene fehlen, können durch die vorliegenden Informationen aus vielen Gebietseinheiten Modelle zur Schätzung der Wählerwanderung entwickelt werden. Dazu sind mehrere Ansätze in der Literatur vorgeschlagen worden. Bei der Evaluation und dem Vergleich ausgewählter Modelle zeigt sich, dass diese über eine unterschiedliche Eignung zur Schätzung von Wählerwanderungen verfügen. Die beste Schätzgüte kann dabei mit dem „Multinomial-Dirichlet-Modell“ erreicht werden. Eine ausführliche Diskussion der praktischen Probleme verdeutlicht weiterhin, dass diese bei der Datenaufbereitung unbedingt zu berücksichtigten sind. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass trotz dieser Herausforderungen eine Schätzung der Wählerwanderung mit der ökologischen Inferenz unter bestimmten Bedingungen möglich ist.
André Klima, Paul W. Thurner, Christoph Molnar, Thomas Schlesinger, Helmut Küchenhoff

Kapitel 9. Hybrid-Modelle

Zusammenfassung
Ein Modelltyp, bei dem Individual- und Aggregatdaten in einem Modell zur Schätzung der Wählerwanderung verwendet werden, sind die sogenannten Hybrid-Modelle. Sie stellen oft eine Weiterentwicklung von hierarchischen Bayesianischen Modellen für die ökologischen Inferenz dar. Das von uns entwickelte neue „Hybride Multinomial-Dirichlet-Modell“ wird in diesem Kapitel vorgestellt und evaluiert. Mit einer Simulationsstudie wird gezeigt, dass das Hinzuspielen von Individualdaten im Vergleich zur ökologischen Inferenz immer zu einer besseren Schätzung der Wählerwanderung führt. Der Unterschied ist stärker ausgeprägt, wenn eine realistische höhere Variabilität zwischen den Wahlbezirken angenommen wird. In realistischen Szenarien kann mit dem Hybrid-Modell auch eine Verbesserung im Vergleich zur Hochrechnung aus Individualdaten erreicht werden. Weiterhin zeigt sich, dass es einen Sättigungseffekt gibt, so dass eine höhere Anzahl an Individualdaten nur noch begrenzt zu einer Verbesserung der Schätzung führt. Ein inhaltlicher Vorteil bei der Anwendung des Hybrid-Modells ist, dass die Schätzung mit diesem die gesamte Wählerschaft beschreibt, während die Hochrechnung aus der Nachwahlbefragung nur die Wählerwanderung der Wähler bei der zweiten Wahl beschreiben kann. Das vorgestellte „Hybride Multinomial-Dirichlet-Modell“ ist von uns im R-Packet eiwild implementiert worden.
André Klima, Thomas Schlesinger, Paul W. Thurner, Helmut Küchenhoff

Kapitel 10. Wählerwanderung bei Landtags- und Bundestagswahl 2013

Zusammenfassung
Nachdem sich in dem vorausgegangenen Kapitel das von uns neu entwickelte Hybrid-Modell ‚eiwild‘ auf der Basis des Multinomial-Dirichlet-Modells entsprechend der Ergebnisse von Simulationsverfahren als das beste herausgestellt hat, wird es nun zur Identifikation der Wählerströme herangezogen. Wir bestimmen separat die Übergangsmatrizen zwischen den Landtagswahlen 2008 und 2013, den Bundestagswahlen 2009 und 2013, und nutzen die außergewöhnliche Möglichkeit, die Wählerströme zwischen der nur durch eine Woche getrennten Landtagswahl 2013 und Bundestagswahl 2013 zu schätzen.
Paul W. Thurner, André Klima, Lukas Rudolph

Kapitel 11. Zusammenfassung und Fazit

Zusammenfassung
Im letzten Kapitel werden kapitelweise die zentralen Ergebnisse zusammengefasst. Es wird hervorgehoben, dass die systematische statistische Kombination von Individual- und Aggregatdaten einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der Kosten, und zur Erhöhung der Validität bei der Analyse von Wählerwanderungen auf lokaler, regionaler wie nationaler Ebene darstellt. Allgemeiner aber ermöglicht das von uns entwickelte Verfahren die Untersuchung von strukturellen Zusammenhängen und Prozessen in administrativen Räumen.
Paul W. Thurner, Helmut Küchenhoff
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