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21.07.2016 | Fachkräftemangel | Im Fokus | Onlineartikel

Wettbewerbsvorteil durch ausländische IT-Spezialisten

Autor:
Detlev Spierling
3:30 Min. Lesedauer

Fach- und Führungskräfte in Deutschland verfügen im internationalen Vergleich über eine unterdurchschnittliche allgemeine Digitalkompetenz. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt der IT-Spitzenverband Bitkom.

Ob Programmierer, Business Analyst oder Big Data-Experten – dass viele Unternehmen hierzulande große Schwierigkeiten haben, Stellen für IT-Spezialisten zu besetzen, ist nichts Neues. So prognostizierte etwa die Computing Technology Industry Association (CompTIA) schon vor drei Jahren in einer Studie, dass deutsche Unternehmen aus Fachkräftemangel technologisch ins Hintertreffen geraten können.

Viele Arbeitgeber suchen aber auch deshalb verstärkt IT-Spezialisten im Ausland, weil die digitale Expertise deutscher Bewerber im internationalen Vergleich häufig unzureichend ist. Zu diesem Ergebnis kommt die Bitkom in einer Befragung von 986 Personalentscheidern und Geschäftsführern in Unternehmen ab 50 Mitarbeiter aus allen Branchen in Deutschland, die sich in den vergangenen zwölf Monaten mit der Rekrutierung ausländischer Fach- und Führungskräfte beschäftigt haben.

So geben drei von vier Unternehmen (72 Prozent) an, dass sie ausländische Fach- und Führungskräfte rekrutieren, die über eine hohe Digitalkompetenz verfügen. Jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) geht davon aus, dass es durch die Anwerbung von ausländischen Experten einen Wettbewerbsvorteil bei der digitalen Transformation gewinnt. Sechs von zehn Unternehmen (60 Prozent) sind der Meinung, dass Fach- und Führungskräfte in Deutschland im internationalen Vergleich über eine unterdurchschnittliche allgemeine Digitalkompetenz verfügen.

Widerspruch zu anderen Branchen

Dieser Befund überrascht deshalb, weil er im Widerspruch zu den landläufigen Erfahrungen aus anderen Branchen steht, in denen das deutsche duale Ausbildungs- und Studiensystem häufig als Vorbild gilt. In vielen anderen Ländern wie etwa in den USA oder Großbritannien seien Führungskräfte im mittleren Management “durch ihren Mangel an praktischem Umsetzungswissen unterqualifiziert“, schreibt Gerhard Bosch unter der Überschrift “Fachkräftemangel: Scheinproblem oder Wachstumshemmnis?“ in der Zeitschrift ‘Wirtschaftsdienst‘ (auf Seite 583 in Ausgabe 9/2011). Die “große Kluft zwischen nur akademisch gebildeten Führungskräften und den angelernten Beschäftigten“ führe in diesen Ländern zu Produktivitätsrückständen oder Qualitätsproblemen, erläutert der Springer-Autor unter Berufung auf "mehrere vergleichende Untersuchungen zwischen deutschen, britischen und US-amerikanischen Unternehmen mit gleichen Produkten und Technologien“.

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Der Arbeitsmarkt für IT-Fachleute in Deutschland

Rekrutierungen aus Nicht-EU-Ländern dauern am längsten

Wenn Unternehmen eine freie Stelle besetzen wollen, kann sich der Einstellungsprozess nach Bitkom-Angaben lange hinziehen. Während die Stellenbesetzung bei einer Suche im Inland in drei Viertel (68 Prozent) der Fälle innerhalb von neun Monaten abgeschlossen ist und in jedem vierten Fall (23 Prozent) sogar weniger als drei Monate dauert, ist der Zeitaufwand im Ausland natürlich deutlich höher. Bei Bewerbern aus dem EU-Ausland ist die Stelle nur in jedem zweiten Fall (53 Prozent) binnen neun Monaten besetzt, kommt der Kandidat aus einem Nicht-EU-Land, zieht sich die Rekrutierung noch deutlich länger hin.

IT-Arbeitgeber sollten auf Netzwerke und Empfehlungen setzen

Angesichts dieser schwierigen Lage empfiehlt Dr. Christian Kugelmeier Arbeitgebern auf unternehmensnahe Netzwerke und Empfehlungen zu setzen. Im Kapitel “Personalsuche in Unternehmen heute und morgen – von einer nicht aufzuhaltenden Trendumkehr“ des Buches "Arbeitskultur 2020 - Herausforderungen und Best Practices der Arbeitswelt der Zukunft" schreibt der Springer-Autor auf den Seiten 576/577:

Unternehmen sind daher zukünftig mehr denn je dazu angehalten, die Diversität im Unternehmen zu maximieren, um der marktseitig stetig wachsenden Komplexität ein adäquates Modell entgegenzusetzen. Interne Spannungen in der Sache auszuhalten und sich im Dialog schnell iterativ zu einer marktadäquaten Lösung hinzubewegen, wird ein entscheidendes Differenzierungskriterium der Zukunft sein. Hierzu brauche ich starke und handlungsfähige Persönlichkeiten, die Dissens aushalten und gemeinsam mit ihren Teams und ohne Ansehung von Personen oder Hierarchien auf der Suche nach der für den Markt besten Lösung sind. Solche werden über eine Fachlichkeitsbeschreibung in Anzeigen nur sehr schwer zu finden sein; die Mitarbeiterfindung wird sich weiter und weiter über die unternehmensnahen Netzwerke/Empfehlungen vollziehen."

Hoher bürokratischer Aufwand im Einstellungsprozess

Auch die Bitkom empfiehlt Business-Netzwerke und Online-Plattformen, über die heute auch im Ausland sehr einfach geeignete Kandidaten identifiziert und angesprochen werden könnten. "Leider ist der bürokratische Aufwand im Einstellungsprozess aber noch so hoch, dass es oft zu extremen Verzögerungen kommt“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Das gehe von der Anerkennung von Abschlüssen bis zur Beantragung der Arbeitsgenehmigung. "Angesichts des verbreiteten Fachkräftemangels ist es sehr wichtig, Experten aus dem Ausland für den hiesigen Arbeitsmarkt zu gewinnen“, sagt Rohleder. 

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