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18.04.2018 | Fahrerassistenz | Nachricht | Onlineartikel

Fahrerassistenz auf dem Weg zum autonomen Fahren

Autor:
Michael Reichenbach
5:30 Min. Lesedauer

Eben noch die Ehrlich Brothers mit Zauberkünsten, jetzt treffen sich hier in Wiesbaden die Experten, um neueste Entwicklungen des automatisierten Fahrens auf der 4. ATZ-Fachtagung Fahrerassistenzsysteme zu diskutieren.

Der Umzug ist gelungen. Letztes Jahr traf man sich noch im Frankfurter Gesellschaftshaus des Palmengartens unter dem Motto "Fahrerassistenz am Wendepunkt", siehe Onlinemeldung von Markus Schöttle vom 28.04.2017. Heute und morgen (18. und 19. April 2018) finden 220 Teilnehmer im Rhein-Main Congress Centrum in Wiesbaden zusammen, um sich über Neuigkeiten rund um die Themen Assistenzsysteme, automatisiertes Fahren und autonome Fahrzeuge zu informieren und auszutauschen. Diese Zahl ist eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr, sagte Chefredakteur Dr. Alexander Heintzel bei der Begrüßung der Zuhörerschaft im nagelneuen Tagungs- und Messezentrum. 22 Aussteller begleiten die Tagung mit ihren Ständen und Exponaten.

Aktuell zeigt sich in Wiesbaden auf der 4. Internationalen ATZ-Tagung "Fahrerassistenzsysteme – von der Assistenz zum Automatisierten Fahren", dass der Wendepunkt überschritten und das nächste Maximum angestrebt wird. Viele Fahrerassistenzsysteme sind mit Sensorik und Aktorik so weit up-to-date, dass sie als serienreif bezeichnet werden können. Im nächsten Schritt kommt es darauf an, sie miteinander zu verknüpfen, die Vernetzung des Autos mit der Cloud und Infrastruktur voranzutreiben und die Steuergeräte zu Rechensystemen auszubauen. Für Systeme des autonomen Fahrens, also auf Stufe 5, müssen komplexe Algorithmen in Echtzeit abgewickelt und riesige Mengen an Messdaten von Radar, Lidar und Kamera ausgewertet werden können. Dieser Trend spiegelt sich im nächsten Jahr auch in einem neuen Tagungsnamen wider, sie lautet dann für das Jahr 2019 auf: "Automatisiertes Fahren – Von der Fahrerassistenz zum autonomen Fahren – 5. Internationale ATZ-Fachtagung Autonomes Fahren".

Hafner: Das Auto wird neu erfunden

Doch zurück zum aktuellen Geschehen in Wiesbaden. Tagungsleiter Professor Torsten Bertram (TU Dortmund) übernahm im Kongresszentrum die Einführung und wies darauf hin, dass es schön ist, "im Veranstaltungsprogramm nicht so sehr die Funktionen, sondern mehr die wichtigen Nebenbedingungen wie die Sensorik vertreten zu sehen". Anschließend stellten Daimler und Continental ihre Keynotes vor.

Michael Hafner zeigte aus Daimlers Sicht die Wiedererfindung des Autos mit seinen Wegen hin zum autonomen und unfallfreien Fahren auf. "Die nochmalige Erfindung des Automobils in meinem Vortragstitel ist zwar ein großer Begriff, er ist aber auch nicht zu hoch gegriffen", wenn man an die Umwälzungen bei Sensoren, Aktoren und Rechenleistung denkt. Hafner setzte einen klaren Schwerpunkt darauf zu zeigen, wie es gelingen kann, solche Systeme wirklich sicher zu entwickeln und zu betreiben, um zum autonom fahrenden Auto zu gelangen. Nichtsdestotrotz seien die Basiskomponenten, auch wenn der Tagungsname sich gerade ändere, auf denen aufgesetzt wird, die etablierten Assistenzsysteme, wie sie seit 1978 mit dem ersten System, dem ABS, ausgereift bekannt sind. Um dem Endkunden aber sichere Systeme anbieten zu können, sind zuvor umfangreiche Tests notwendig. Daimler habe etwa zehn Millionen Testkilometer in Europa, Australien, den USA und China absolviert, um auch Szenarien zu entdecken, "die einem am Schreibtisch nicht einfallen". Dem Thema Daten sammeln und viele Kilometer mit Kamera, Lidar und Radar abspulen komme eine höhere Aufmerksamkeit zu. Das macht die Prüfprozeduren und Testfälle so kompliziert, bevor VDA-Stufe-3- und Stufe-4-Systeme auf den Markt kommen könnten. In Melbourne beispielsweise gebe es für Europäer ein ungewöhnliches Verkehrsszenario, konstatierte Hafner, das man normalerweise nicht bedenkt: "Man muss links ausscheren, um rechts abzubiegen".

"Und es ist unglaublich wichtig, dass wir beim Einführen der Stufe-4- und -5-Systeme Vertrauen beim Endkunden schaffen", sagte Hafner. Wird der Käufer nicht überzeugt, kreuzt er diese Systeme auf seiner Bestellliste nicht an oder nutzt sie in der Praxis nicht. Mit speziellen Schulungen im Autohaus und über Erklärvideos möchte Daimler ihn überzeugen. Zu den Vorteilen, die herübergebracht werden müssten, zählt, dass die Maschine immer funktioniere, "sie trinkt keinen Alkohol", sei in jeder Sekunde aufmerksam, egal ob bei Tag oder Nacht, im Sommer oder Winter. Die Absicherung der ADAS sei ein wichtiger Punkt, so Hafner, dazu gehört das Entwickeln nach ISO 26262, was zwar aufwendig, aber eine Fleißarbeit und machbar sei. Abschließend stellte Hafner fest: "Wir müssen Vertrauen in Technik schaffen", wenn es um das autonome Fahren geht. Dann biete sich dem Kunden eine völlig neue Mobilitätserfahrung im dritten Raum: neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz werde auch das Autoinnere zum Erlebnis.

Lauxmann: Die Stadt wieder lebenswert machen

Ralph Lauxmann von Continental entwarf in der zweiten Keynote eine neue Erlebniswelt in der Großstadt. "Dazu entwerfen wir Mobilitätskonzepte mit einem multimodalen Ansatz", führte Lauxmann weiter aus. Mit autonomen People Movern und elektrischen Robotaxis könne es gelingen, die Unfallzahlen zu reduzieren, den Stress beim Fahren zu senken und die Luftverschmutzung außerhalb der urbanen Räume zu belassen. Diese beiden neuen Fahrzeugklassen seinen zwischen dem individuellen Verkehr mit dem Privatauto und den öffentlichen Bussen und Bahnen das geeignete Bindeglied, um den Verkehr besser und nahtlos zu gestalten. So werde der Traum möglich, die Städte wieder lebenswert zu machen, das heißt Flächen, die bisher dem Verkehr vorbehalten waren, etwas Straßen und Parkhäuser, zu reduzieren, zu begrünen oder zum Wohnen zu nutzen.

Andere Länder wie Japan und Singapur arbeiteten zusammen mit Continental an modernen Verkehrskonzepten, weil sie die Probleme schon erkannt hätten. Es müssten neuen Lösungen her, damit der Straßenverkehr sicherer und nachhaltiger werde. Dazu sei es aber notwendig, stellte Lauxmann fest, dass intensiv in die Vernetzung investiert würde. Bisherige Projekte zur 4G- und 5G-Telekommunikation seien nicht ausreichend; die Connectivity und Infrastruktur muss massiver vorangetrieben und verbessert werden. Dazu gehört auch eine Aufrüstung der Rechenkapazitäten an Bord. "Manche sagen, wir werden bald nur noch einen einzigen Hauptrechner im Fahrzeug statt der hundert Steuergeräte haben. Ich bin zwar nicht dieser Meinung, aber so oder so wird die Komplexität zunehmen". Um sie zu beherrschen, sei der Einsatz der Tools für die funktionale Sicherheit unabdingbar.

Die 4. ATZ-Fachtagung findet noch morgen in Wiesbaden statt, unter anderem mit einem neu ins Programm genommenen Vortrag von Mircea Gradu von Velodyne Lidar zu Sensortechniken aus internationaler Sicht für das Stufe-3- bis Stufe-5-Fahren. Oder man sieht sich im nächsten Jahr wieder: zur 5. Tagung im April 2019 am Tagungsort Rhein-Main-Gebiet.

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