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01.11.2017 | Fahrwerk | Im Fokus | Onlineartikel

Die Evolution des Lenkrads

Autor:
Christiane Köllner

Das Lenkrad überträgt nicht nur Lenkimpulse, es ist auch eine vielseitige Schaltzentrale. Im autonomen Fahrzeug wird es dann zumindest temporär verschwinden. Ein Überblick über die Evolution des Lenkrads.

Das Lenkrad ist die älteste und wohl wichtigste Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine im Fahrzeug. Der Franzose Alfred Vacheron benutzt 1894 beim ersten Automobilrennen der Welt, der Wettfahrt von Paris nach Rouen, als wahrscheinlich erster Autofahrer der Geschichte ein Lenkrad. Über 120 Jahre später sind Lenkräder nicht mehr nur Lenkräder. Vom einfachen Lenkrad entwickelt es sich im Laufe der Zeit hin "zum Sicherheitselement, zur Schaltzentrale und Designelement", wie die Springer-Autoren Metin Ersoy et al. im Kapitel Bestandteile der Lenkung aus dem Fahrwerkhandbuch die Evolution des Lenkrads beschreiben. 

Empfehlung der Redaktion

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Lenkrad

Als eines der ersten Bauteile im Innenraum eines Fahrzeugs nimmt der Fahrer das Lenkrad wahr. Es ist eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, da zum Einen die Lenkbewegungen über das Lenkrad eingeleitet werden und zum Anderen

Das Lenkrad als Schaltzentrale

Das Lenkrad ist heute noch nicht aus dem Auto wegzudenken. Zum einen werden die Lenkbewegungen über das Lenkrad eingeleitet und zum anderen erfolgt eine direkte Rückkopplung der Fahrsituation an den Fahrer. Auch zur aktiven Erkennung des Fahrerzustands kann das Lenkrad einen Beitrag leisten. Gleichzeitig ist es eine Schaltzentrale für zahlreiche Systeme. "Seit einigen Jahren nimmt das Lenkrad eine Vielzahl von Bedienelementen zum Beispiel zur Steuerung eines Bordcomputers und Radio-, Navigationsfunktionen sowie Getriebebedienungen auf. Es werden Anzeigeelemente und Funktionsbeleuchtungen implementiert. In diesem Zuge nehmen Bussysteme zur Kommunikation zwischen Lenkrad und Fahrzeug Einzug in die Lenkradelektronik", erläutern die Springer-Autoren Manfred Harrer und Peter Pfeffer im Kapitel Lenkrad aus dem Lenkungshandbuch.

Heute ergänzen Wischgesten und Spracheingaben den Knopfdruck: Erstmals sind zum Beispiel in der neuen Mercedes-Benz E-Klasse berührungssensitive Bedienelemente in einem Serienlenkrad verbaut, die Daimler als Touch-Control bezeichnet. Bei Touch-Control handelt es sich um einen optischen Sensor, der die Fingerbewegung in beliebiger Richtung detektiert. Wie die Oberfläche eines Smartphones sind die kleinen Flächen berührungssensitiv und reagieren auf horizontale und vertikale Wischbewegungen. So kann der Fahrer sich mit dem Daumen durch das Menü wählen ohne die Hände vom Steuer zu nehmen. Auch Continental hat eine Gestensteuerung für das Lenkrad entwickelt.

Ein sprachgesteuertes Lenkrad zum Mitnehmen hat hingegen Jaguar Land Rover vergangenen September vorgestellt. Das Lenkrad "Sayer" arbeitet mit künstlicher Intelligenz und ist in der Lage hunderte von verschiedenen Aufgaben zu erfüllen. Das Lenkrad soll seine Basis in der Wohnung des Besitzers haben und neben den automobilen Lenkradfunktionen auch verschiedenste Aufgaben im Haushalt erledigen. Geht es nach Jaguar, soll es künftig das einzige Teil eines Autos sein, das sich noch im persönlichen Besitz des Nutzers befindet. 

Lenken wird präziser und leichter

Von solch einem intelligenten Lenkrad der Zukunft haben Autofahrer in den ersten Jahren nach 1894 nicht einmal geträumt. Allerdings war für sie das Lenkrad selbst eine wichtige Innovation. Zuvor waren Autos nur mit einem Lenkhebel ausgestattet, wie Daimlers Stahlradwagen von 1889.

Demgegenüber hat das Lenkrad viele Vorteile: Nicht nur, dass es sich deutlich besser greifen und halten lässt. "Vor allem aber wird die Lenkbewegung der Räder aus der neutralen Mittelstellung bis zum Anschlag nun auf mehrere Umdrehungen der Lenksäule verteilt. Das macht die Steuerung mit einem Schlag viel präziser und erlaubt entsprechend höhere Fahrgeschwindigkeiten", wie Mercedes-Benz in einem Historienbeitrag zur Evolution des Lenkrads bis zum autonomen Fahren erklärt.

Als die Daimler-Motoren-Gesellschaft dann 1900 im ersten Mercedes auch noch die Lenksäule deutlich schräger stellt, wird die Bedienung des Autos noch leichter. Daher wurden die frühen Mercedes-Modelle ab 1902 offiziell "Simplex" genannt, wobei der Namenszusatz auf die vereinfachte Bedienbarkeit hinweisen sollte. Noch leichter wird das Lenken, als Chrysler im Jahr 1951 als erster Fahrzeughersteller eine Servolenkung namens "Hydraguide" bei den Modellen New Yorker und Imperial einführte. Die Lenkung wurde von Gemmer produziert und basierte auf den Patenten von Francis W. Davis. 

Lenkrad vom Aussterben bedroht?

Die hydraulische Servolenkung ist ein Anfang, die dem Autofahrer aktiv beim sicheren Steuern und Fahren helfen soll. Sukzessiv kommen eine Reihe elektronischer, unfallvermeidender Assistenzsysteme hinzu. Aus der Anforderung nach energiesparenden Lenksystemen haben sich Anfang der 90er Jahre elektrohydraulische Lenksysteme entwickelt. In den letzten Jahren vollzieht sich ein Wandel von hydraulischen Systemen zu rein elektrisch betriebenen Lenksystemen. Die elektrischen Servolenkungen haben im Vergleich zu hydraulischen Lenksystemen den Vorteil, dass sie bedarfsgerecht angesteuert werden können. Dazu kommen vielfältige Möglichkeiten, die Lenkung in elektronische Systeme wie den Parkassistenten oder Spurhalteassistenten einzubinden. 

Da ist der Schritt zum autonomen Fahren nur folgerichtig. Wenn das Auto selbst das Steuer übernimmt, wird das Lenkrad jedoch überflüssig. Für den Fall, dass man zum Beispiel den Rinspeed Etos autonom fahren lassen möchte, lässt sich das Lenkrad auf Knopfdruck einfahren. Ford hat sich jüngst eine weitere Idee patentieren lassen: Der Autobauer arbeitet an einem Konzept für leicht an- und abbaubare Lenkräder und Pedale.

Wahrscheinlich werden wir das Lenkrad so schnell aber nicht los. Alternative Steuerungen sind wohl auch nicht in Sicht. 

Eine Ablösung des Lenkrads durch alternative Bedienelemente wie zum Beispiel durch einen Joystick wird auch in Zukunft nur schwer vorstellbar. Verstärken wird sich jedoch der Trend, Informationen für den Fahrer im Lenkrad anzuzeigen", prognostizieren die Springer-Autoren Harrer und Pfeffer im Kapitel Ausblick – Zukunft der Lenkung aus dem Lenkungshandbuch

Die Autoren sind sich sicher: Das Lenkrad wird sich zu einer immer wichtigeren Bedien- und Kommunikationseinheit im Fahrzeug entwickeln. Das Lenkrad bleibt – vorerst.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Bestandteile der Lenkung

Quelle:
Fahrwerkhandbuch

01.07.2015 | Entwicklung | Ausgabe 7-8/2015

Beitrag des Lenkrads zur aktiven Erkennung des Fahrerzustands

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Ausblick – Zukunft der Lenkung

Quelle:
Lenkungshandbuch

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