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25.10.2013 | Fahrzeugtechnik | Im Fokus | Onlineartikel

Wie nachhaltig ist Carsharing?

Autor:
Christiane Brünglinghaus

Vor fünf Jahren hat Daimler mit 50 Smart Fortwo sein Carsharing-Programm unter der neuen Marke Car2go ins Leben gerufen. Seit dem Programmstart hat sich der gesamte Carsharing-Markt stark weiterentwickelt. Mittlerweile interessiert sich jeder zweite Autofahrer für die gemeinschaftliche Nutzung von Autos. Viele wollen damit die Umwelt entlasten. Doch wie Öko ist Carsharing eigentlich?

Daimler will im Bereich Carsharing weiter wachsen. Bislang nutzen 500.000 Kunden die mehr als 9000 Smart Fortwo, darunter 1100 batterieelektrisch angetriebene Fahrzeuge. Im September 2013 wurden die Car2go-Smart erstmals mehr als eine Million mal angemietet. Car2go ist mittlerweile an 23 Standorten in sieben europäischen und nordamerikanischen Ländern aktiv. Von morgen an soll das Car2go-Angebot auch in Columbus, Ohio, verfügbar sein und im November kommt die kanadische Stadt Montreal zum Car2go-Netzwerk dazu. Auch in Europa soll das Wachstum in den kommenden Jahren weiter voran gehen.

Glaubt man einer aktuellen Bitkom-Umfrage unter Autofahrern, dann werden sich die Aktivitäten im Bereich Carsharing wohl lohnen. Denn laut Umfrage hat das Teilen von Autos enormes Potenzial. Jeder zweite Autofahrer kann sich mittlerweile vorstellen, solche Angebote zu nutzen. Bei den unter 30-Jährigen seien es sogar zwei Drittel, in der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahre über 60 Prozent. Nach Abgaben des Bundesverbands Carsharing (bcs) haben im vergangen Jahr rund 450.000 Kunden über 11.000 Fahrzeuge bei professionellen Carsharing-Anbietern genutzt. Tendenz steigend.

Drei unterschiedliche Carsharing-Modelle

Doch Carsharing ist nicht gleich Carsharing. Es gibt im Wesentlichen drei unterschiedliche Modelle, erläutert Bitkom. Beim sogenannten stationsabhängigen Carsharing mieten Kunden die Wagen für einen bestimmten Zeitraum, meist ein paar Stunden oder einen ganzen Tag. Die Autos werden an bestimmten, festgelegten Parkplätzen beziehungsweise Stationen abgeholt und wieder abgestellt. Das Modell ist mit klassischen Mietwagen vergleichbar. Anbieter ist beispielsweise Flinkster.

Immer mehr Kunden nutzen auch stationsunabhängige Angebote wie DriveNow von BMW oder eben Car2Go von Daimler. Bei diesen sogenannten Free-Floating-Angeboten gibt es keine festen Stationen mehr. Per App auf dem Smartphone können angemeldete Nutzer nach einem verfügbaren Auto in der Umgebung suchen und dieses direkt buchen. In der Regel wird pro Minute gezahlt. Nach der Fahrt können sie das Auto irgendwo parken, es fallen keine Parkgebühren an.

Beim dritten Modell stellen Autobesitzer ihren eigenen Wagen gegen Geld anderen zur Verfügung, häufig inklusive speziellem Versicherungsschutz. Zentrale Anlaufstellen für diese Art des Carsharings sind Webplattform wie autonetzer.de. Hier finden die Eigentümer von Autos und Interessenten zusammen.

Wie umweltfreundlich ist Carsharing?

Carsharing liegt also im Trend. Die gemeinschaftliche Nutzung von Autos gilt als flexibel und nachhaltig - besonders wenn die Autos mit Strom fahren. Doch wie umweltfreundlich ist Carsharing eigentlich? Die Antwort scheint schnell gegeben zu sein: Mehr Carsharing bedeutet weniger Privatfahrzeuge und damit weniger Umweltbelastung. Aber wie hoch sind Verkehrs- und Umweltentlastungseffekte des Carsharings wirklich?

Die Nachhaltigkeit scheint vor allem vom Carsharing-System abhängig zu sein. Free-Floating-Carsharing-Anbieter werden oft dafür kritisiert, nicht so umweltfreundlich zu sein. Sie würden den Nutzer dazu motivieren, häufiger zu fahren. Da in der Regel nicht nach Fahrtstrecke, sondern nach Zeit abgerechnet wird, zweifeln manche Experten an der Nachhaltigkeit beziehungsweise den Verkehrs- und Umweltentlastungseffekte des stationsunabhängingen Carsharings.

Free-Floating in der Kritik

Der Bundesverband Carsharing äußerte beispielsweise die Befürchtung, dass Free-Floating-Kunden wie von Car2go den auf eine Zeitkomponente beschränkten Tarif häufiger für Spritztouren nutzen, bei denen in kurzer Zeit viele Kilometer zurückgelegt werden. Möglich sei laut bcs auch, dass das flexible Autokonzept den ÖPNV kannibalisiere. Daimler betont hingegen, dass Car2go nicht im Wettbewerb zu anderen Formen städtischer Mobilität, wie dem öffentlichen Nahverkehr oder dem Taxi, stehe. Im Gegenteil, der Autohersteller sieht das Angebot als ideale Ergänzung bestehender Systeme.

Ebenfalls zweifelt auch Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe an der Nachhaltigkeit von Free-Floating-Angeboten, wie er den Stuttgarter Nachrichten verriet: "Die nicht stationsgebundenen Carsharing-Konzepte der beiden großen Automobilhersteller sind ein Frontalangriff auf den öffentlichen Personennahverkehr und ökologischer Blödsinn."

Die These, dass die Nachhaltigkeit vom Carsharing-System abhängen könnte, scheinen auch folgende Ergebnisse einer Studie des Automotive Institute for Management (AIM) an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht zu stützen. Danach würden Kunden von Free-Floating-Anbietern Carsharing häufiger nutzen, dafür aber in deutlich kürzeren Nutzungszeitspannen als solche von stationsbasierten Anbietern. Während die Fahrzeuge bei Letzteren zu 70 Prozent zwischen zwei und vier Stunden gemietet werden, würden Kunden von Free-Floating-Anbietern die gebuchten Fahrzeuge zu 90 Prozent nur bis zu einer Stunde nutzen.

Beim Vergleich der Nutzungsmotive zwischen Nutzern stationsbasierter Anbieter und Free-Floating-Kunden wird laut AIM-Studie deutlich, dass Carsharer bei Free-Floating-Anbietern eine abwechslungsreiche Auswahl an Fahrzeugen stärker vorziehen als Kunden stationsbasierter Anbieter. Dafür sei das Nutzungsmotiv der geringen Umweltbelastung für Nutzer von stationsbasierten Anbietern wichtiger als für die der Herstellerangebote.

Empirische Studie zur Nutzung von Carsharing

Inwieweit lässt sich das "Für und Wider" der Carsharing-Angebote nun abwägen? Bislang wird viel vermutet, jedoch wenig wissenschaftlich untersucht und bestätigt. Vielleicht schafft hier die Carsharing-Studie des Öko-Instituts und des ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung Abhilfe. Das Forschungsteam führt dazu seit vergangenem Jahr eine umfangreiche empirische Studie zum Verkehrsverhalten von Autofahrern am Beispiel von Car2go durch. Folgende Fragen wollen die Forscher beantworten: Wie umweltfreundlich ist Carsharing wirklich gegenüber dem Besitz eines eigenen Autos? Wie verändert sich die Verkehrsmittelwahl der Nutzer? Und können batterieelektrische Pkw ihre Vorteile im Carsharing-Betrieb gegenüber herkömmlichen Autos ausspielen und ihre vermeintlichen Einschränkungen überwinden? Mit ersten Antworten und Ergebnissen ist laut ISOE wohl in einem halben Jahr zu rechnen. Vielleicht lässt sich dann die Frage nach der Nachhaltigkeit von Carsharing genauer beantworten.

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