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30.01.2013 | Fahrzeugtechnik | Im Fokus | Onlineartikel

Produktentwicklung in der Automobilindustrie

Autor:
Christiane Brünglinghaus
3:30 Min. Lesedauer

In der Automobilindustrie nehmen marktseitig die Unsicherheiten und Volatilitäten sowie produktseitig die Komplexität immer mehr zu. Die Suche nach neuen, marktfähigen Produktlösungen wird durch diese Dynamik und Komplexität erschwert.

Die Automobilindustrie sieht sich heute verschiedenen zukunftsprägenden Herausforderungen gegenübergestellt: stagnierende Umsätze in den Triademärkten, steigende Kundenanforderungen, erhöhte Produktkomplexität, verkürzte Modellzyklen, Markteintritte neuer Hersteller aus Fernost, gestiegene gesetzliche Umweltauflagen und ein gestiegenes Umweltbewusstsein der Autofahrer. Daraus ergibt sich für die Branche auch die Notwendigkeit, ihre bisherigen Produktentwicklungssysteme zu überdenken und anzupassen.

Dieses Thema greift Viktoria Heindorf in ihrem Buch „Der Einsatz moderner Informationstechnologien in der Automobilproduktentwicklung“ auf. Sie beschreibt die zentralen Anforderungen und die wichtigsten Umfeldveränderungen, die die Automobilbranche betreffen. Auf diesen Beschreibungen aufbauend analysiert sie die daraus resultierenden Implikationen für eine wettbewerbsfähige Produktentwicklung. Komplexität und Dynamik im Unternehmensumfeld zählen danach zu den Hauptherausforderungen.

Komplexität

Vor allem die Diffusion von mechatronischen Systemen im Automobil sei zu einem großen Teil für die Technologie- und Produktkomplexität verantwortlich. Eine Vielzahl unterschiedlicher Technologien aus den Bereichen der Mechanik, Elektrik, Mikroelektrik und der Informations- und Softwaretechnik müssen heute funktional und räumlich integriert werden. Dies führe im Vergleich zur traditionell größtenteils rein mechanisch geprägten Systemintegration zu wesentlich komplexeren technischen Wechselwirkungen zwischen Funktionen und Komponenten in der Produktarchitektur.

Ein weiterer Komplexitätsfaktor liegt laut Heindorf heute in der hohen Varianten- und Modellvielfalt. Sie sei Ergebnis gezielter Modelloffensiven der Automobilhersteller als Antwort auf einen intensivierten Wettbewerb bei gleichzeitig zunehmend gesättigten Märkten und anspruchsvolleren Kunden. So haben die Hersteller die Anzahl ihrer Fahrzeugsegmente und -klassen sowohl horizontal als auch vertikal drastisch erhöht. Ziel ist es, auf diese Weise einen Großteil des Gesamtmarktes einschließlich kleinerer Marktnischen abzudecken. Die Varianten- und Modellvielfalt erhöhe die Zahl der auszuwählenden und gegebenenfalls auch zu testenden Problemlösungen. Damit gehe tendenziell eine Verlängerung des Entwicklungsprozesses und/oder eine Erhöhung des Ressourceneinsatzes pro Zeiteinheit einher.

Technologie- und Produktkomplexität sowie die Varianten- und Modellvielfalt bedingen wiederum Anzahl und Grad der Prozess-Interdependenzen. Die Prozesse werden umfangreicher, einzelne Prozessschritte sind intensiv miteinander verwoben. Dadurch werden die Prozesse vielfältiger und komplexer. Die angestiegene Prozesskomplexität spiegelt sich in einer verstärkten Vernetzung der Abläufe wider. Es genüge nicht, dass sich die Prozessakteure auf ihren eigenen Aufgabenbereich konzentrieren. Sie seien zunehmend in Verhandlungs- und Abstimmungsaktivitäten involviert.

Dynamik

Die Dynamik im Unternehmensumfeld stelle eine weitere zentrale Herausforderung für Produktentwicklungssysteme dar. Diese habe in den letzten Jahren weiter an Schärfe gewonnen.

Eine entscheidende Dynamik gehe von der rasanten technischen Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten aus. Fortschritte in vielen Feldern wie etwa im Halbleiterbereich oder der elektrischen Aufbau- und Verbindungstechnik führten zu einer verstärkten Diffusion von mechatronischen und softwarebasierten Systemen in der Automobilindustrie.

Die Automobilproduzenten sehen sich zudem mit einem steigenden Wettbewerbsdruck konfrontiert, dessen Ursache in der Globalisierung und Liberalisierung von Märkten sowie Sättigungstendenzen in den Kernmärkten der Industrieländer liege. Strategien der Differenzierung durch Produktvielfalt, Design, Qualität und Innovation gewinnen in diesem Preiswettbewerb daher an Bedeutung.

Darüber hinaus verlieren Absatzmärkte zunehmend den Charakter der Homogenität der Produkte und der Anonymität der Kundenbeziehungen. Kunden verlangen nach Produkten, die sich von den klassischen volumenträchtigen Standardmodellen differenzieren. Stattdessen sollen sie ihren individuellen Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen und den neuesten Stand der Technik reflektieren.

Schlussfolgerungen

Der Stand der Technik, die Konkurrenzbedingungen und Kundenanforderungen können sich in relativ kurzer Zeit verändern. Daraus ergibt sich laut Heindorf die Notwendigkeit, Produktkonzepte den Umfeldbedingungen zeitnah anzupassen oder gegebenenfalls ein Produkt zu realisieren, das sich deutlich von dem ursprünglich intendierten Konzept unterscheidet. Es seien generell zwei Ansatzpunkte denkbar, diesen Herausforderungen zu begegnen: die Erhöhung des Reaktionsspielraum in laufenden Entwicklungsprozessen durch mehr Flexibilität und die Beschleunigung von Innovations-, Design- und Entwicklungszyklen, um Veränderungen zuvorzukommen.

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