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Über dieses Buch

Gibt es Alternativen zu Fakten?Dieses Buch greift die wichtigen Fragen auf, die seit dem „March for Science“ im Frühjahr 2017 auf der öffentlichen Agenda stehen: Untergraben „gefühlte Wahrheiten“ und „alternative Fakten“ zunehmend unsere gesellschaftlichen Debatten? Was kann überhaupt als gesichertes Wissen gelten - und wie gelangen Forscherinnen und Forscher an Evidenz? Ist wissenschaftsskeptisches oder gar -feindliches Denken auf dem Vormarsch? Und was macht Menschen anfällig für Fake News und Verschwörungstheorien?Die hier versammelten Beiträge aus Spektrum der Wissenschaft, Gehirn&Geist sowie spektrum.de liefern vielfältige Anregungen, neu über Wahrheit, Unwahrheit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Wissenschaft nachzudenken. Der erste Teil des Buches behandelt die Frage, was Fakten ausmacht und wie Wissenschaftler sie gewinnen. Hier wird unter anderem deutlich, dass Forschung keine ewigen Gewissheiten produziert, sondern dass Interpretation, Vorläufigkeit und Revision sie im Gegenteil geradezu kennzeichnen. Der zweite Teil stellt Fake News und Verschwörungstheorien in den Mittelpunkt und erläutert, was Menschen dazu bringt, selbst die krudesten Behauptungen für bare Münze zu nehmen - und wie sich Lügen medial verbreiten. Der abschließende Teil widmet sich der Frage, wie Vertrauen in Wissenschaft entsteht und welche systemischen Schwachstellen des Wissenschaftsbetriebs dieses unterminieren können.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Wissenschaft und Wahrheit

Frontmatter

Wie wahr sind wissenschaftliche Tatsachen?

»Zu Fakten gibt es keine Alternative!«, war einer der Slogans des »March for Science«. Was soll das eigentlich heißen? Was sind diese Fakten überhaupt, von denen dauernd die Rede ist?»Zu Fakten gibt es keine Alternative!« Unter diesem Banner gingen im April 2017 beim »March for Science« weltweit mehrere hunderttausend Menschen auf die Straße – um die derzeit als bedroht empfundene Stellung von Wissenschaft in der Gesellschaft zu verteidigen. Es ist der Gegenentwurf zu den »alternativen Fakten«, auf die sich Trump-Beraterin Kellyanne Conway berief, als sie kurzerhand die Zuschauerzahlen bei der Vereidigungsfeier des US-Präsidenten frisierte. Fakten, so die Botschaft, sind der Wesenskern der Wissenschaft.Doch die Aussage findet nicht überall Zustimmung. »Habe gerade einen Riesenschrecken bekommen«, schrieb der renommierte Sozialwissenschaftler Armin Nassehi angesichts des Slogans. Wissenschaftskitsch sei der Satz und so schludrig formuliert, dass er ihn als Einstieg für seine Vorlesung verwenden werde. Die unterschiedlichen Bewertungen der scheinbar so klaren Aussage deuten auf ein tieferes Problem hin – und zwar mit den Fakten selbst, zu denen es keine Alternative geben soll. Was aber muss man sich unter dem Begriff vorstellen, der vermeintlich so zentral für die Wissenschaft ist?

Matthias Warkus

Wissenschaft, Erkenntnis und ihre Grenzen

Die Naturwissenschaft beschreibt die Welt im Wesentlichen so, wie sie ist. Wer das Gegenteil behauptet, lässt sich zwar nicht widerlegen, muss aber absurde Konsequenzen in Kauf nehmen.Klimaforschung ist ein überaus kompliziertes Geschäft. Die Beteiligten sehen sich veranlasst, neue Forschungsgegenstände zu definieren wie zum Beispiel die atlantische Umwälzströmung. Unmittelbar sehen kann man sie nicht; vielmehr postulieren die Forscher die Existenz dieser globalen Strömung, die nahezu den gesamten Atlantik umfasst, weil sie damit eine Fülle von Beobachtungsdaten zu einem einheitlichen Gesamtbild zusammenfügen können. Haben sie sich damit ihre Welt zurechtkonstruiert? Sind die Begriffe, mit denen sie das globale Klima beschreiben, nichts weiter als Produkte ihres Hirns, deren Bezug zur Realität zumindest zweifelhaft ist? Sind sie willkürlich gewählt? Könnten sie insbesondere mit gleichem Recht auch anders definiert werden? Ist etwa die gesamte Klimaforschung eineWillkürveranstaltung vergleichbar der Kleidermode oder einem Kunststil – durchaus mit rudimentärem Realitätsbezug und vom Konsens einer großen Anzahl Menschen getragen, aber in wesentlichen Teilen im Diskurs einiger Fachleute ausgehandelt und nicht weiter begründbar? Haben wir daher die Freiheit, sie nicht ernst zu nehmen? Ich behaupte: Nein, und werde im Folgenden Argumente dafür anführen.

Michael Esfeld

„Ich schätze die Anarchie in der Wissenschaft“

Der Aachener Physiker Michael Krämer sucht am Genfer Teilchenbeschleuniger LHC nach neuen Naturgesetzen. Ein Gespräch über die aufwändige Suche nach Erkenntnis, den Wert philosophischen Reflektierens und die größten offenen Fragen der Physik.

Michael Krämer

„Wir haben Zugang zu den Dingen an sich“

Gaukelt unser Denkapparat uns die Welt nur vor? Der Bonner Philosoph Markus Gabriel widerspricht einer alten Ansicht, wonach »alles« eine Konstruktion des Gehirns ist. Sein Gegenmodell heißt: Neuer Realismus.

Markus Gabriel

Was können wir von der Welt wissen?

Leben wir in einer simulierten Scheinrealität statt in einer Welt tatsächlich existierender Dinge? Diese These der so genannten Skeptiker lässt sich zwar nicht grundsätzlich widerlegen, erscheint aber ziemlich unwahrscheinlich.Im Kultfilm »Matrix« der Wachowski-Brüder von 1999 arbeitet Thomas A. Anderson tagsüber als Programmierer in einer Softwarefirma. Nachts schlüpft er in die Rolle eines berüchtigten Computerhackers, der unter dem Pseudonym Neo sein Gehalt aufbessert. In Wirklichkeit ist jedoch sein ganzes Leben, wie Neo im Lauf der Geschichte schmerzlich erfahren muss, bloß Teil einer gigantischen computergenerierten Scheinwelt, der »Matrix«. Wohnung, Arbeitsplatz, Freunde, Stadt, Restaurants – sie alle existieren nicht, sondern sind nur Konstrukte einer Softwaresimulation. Man schreibt nicht mehr das Jahr 1999, sondern 2199. Bereits Anfang des 21. Jahrhunderts übernahmen, so der Filmplot, intelligente Maschinen die Macht auf der Erde. Sie halten Menschen in riesigen Anlagen zwecks Energiegewinnung. Deren Körper schwimmen in Kapseln, die mit Nährflüssigkeit gefüllt sind. Über Schläuche und Drähte sind die Menschen an Computer angeschlossen, die ihnen eine perfekte Scheinrealität vorgaukeln.

Elke Brendel

Wahrheit aus der Maschine

Computersimulationen werden in der Forschung immer wichtiger – erzeugen bald Algorithmen wissenschaftliche Fakten?Die weiße Reaktorkuppel des englischen Kernkraftwerks Sizewell B leuchtet bei Sonnenschein weit über die flache, grüne Landschaft Suffolks. Auf der einen Seite der Anlage liegen Felder und Weiden, auf der anderen rollt die Nordsee an den Strand. Die ersten Häuser des Dorfs Leiston liegen zwei Kilometer entfernt, und direkt vor der Zufahrt zum Meiler wartet der Pub »Vulcan Arms« auf Gäste. Es ist fast eine Provinz-Idylle.Eher ungewöhnlich aber ist, dass sich zuletzt Fachleute aus gut 30 Ländern mit dem englischen Meiler beschäftigt haben. Sizewell B mit seinem Schornstein, dem Rohr für abfließendes Kühlwasser im Meer und den Dörfern in der Umgebung lieferte den Schauplatz für einen Wettstreit der Simulationsrechnungen, um zehn Modelle zur Ausbreitung radioaktiver Stoffe zu testen.Alle starteten mit den gleichen Daten über eine fiktive Freisetzung von radioaktivem Jod, Zäsium oder Kobalt. Die Programme sollten dann kalkulieren, wie sich die Stoffe in der Umwelt verbreiten. Die entscheidende Frage war, welche Strahlendosis die Bewohner der Gegend erhalten würden, wenn sie Muscheln aus dem Meer essen, lokale Möhren verzehren, die Milch ihrer Kühe trinken und am Strand schon mal etwas Sand in den Mund bekommen.

Christopher Schrader

Gute Daten allein reichen nicht

Eine lebendige Wissenschaftskultur ermutigt zu unterschiedlichen Interpretationen der Beobachtungen. Aber wie sehr schränken kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse unsere Wissenschaften ein?Im vergangenen Sommer habe ich die Maya-Stadt Chichén Itzá auf der Yukatan-Halbinsel in Mexiko besucht. Dort gibt es ein Observatorium, von dem aus Priesterastronomen von 600 bis 1200 n. Chr. detaillierte astronomische Beobachtungen durchführten. Die Ruinen – Stufenpyramiden, Tempel, Säulengänge und andere Strukturen aus Stein – zeigen, dass Astronomie eine wichtige Rolle in dieser Hochkultur spielte. Die Maya verfolgten mit großer Genauigkeit die Positionen und die relativen Helligkeiten von Sonne, Mond, Planeten und Sternen. Sie dokumentierten ihre astronomischen Daten in Kodizes, gefalteten Büchern, die viel mehr Einzelheiten enthielten als die Aufzeichnungen anderer Kulturen dieser Epoche. Die Priesterastronomen verwendeten Beobachtungen und komplexe mathematische Berechnungen, um Finsternisse vorherzusagen. Sie entwickelten einen Sonnenkalender mit 365 Tagen, der im Verlauf von 100 Jahren einen Fehler von nur einem Monat aufwies.

Avi Loeb

Die große Illusion

Ist unser Bild der Welt nur das Produkt neuronaler Prozesse? Laut Forschern prägen die Eigenarten des Gehirns, was und wie wir wahrnehmen. Trotzdem sei unser Erleben kein Hirngespinst, halten Philosophen dagegen.»Wenn du die blaue Kapsel schluckst, ist es aus«, sagt Morpheus mit bedeutungsschwerem Blick. »Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das, was du glauben willst.« Der Computernerd Neo hat die Wahl: Entscheidet er sich gegen die blaue Kapsel und für die rote, wird er die Wahrheit sehen, verspricht Morpheus. Neo nimmt – logisch: die rote! Im nächsten Moment erwacht er in einem schleimigen Kokon, aufgehängt in einem mit Flüssigkeit gefüllten Tank. Er ist nackt und an diverse Schläuche angeschlossen. Maschinen haben die Herrschaft auf der Erde übernommen und halten sich die Menschheit als Energiespender. Um sie in Ruhe ausbeuten zu können, speisen sie in das Nervensystem der Erdlinge eine Matrix ein: die Welt, wie Neo sie kannte. Sie ist in Wahrheit nichts weiter als eine kolossale Computersimulation.

Christian Wolf

Auch Physiker sind Philosophen

In seinem letzten Essay spricht sich der kürzlich verstorbene Physiker Victor Stenger dafür aus, dass die Philosophie auch im Rahmen der modernen theoretischen Physik ihre Berechtigung hat.Im April 2012 führte Ross Andersen ein Interview mit dem theoretischen Physiker, Kosmologen und Bestsellerautor Lawrence Krauss, das unter dem Titel »Hat die Physik Philosophie und Religion überflüssig gemacht?« in der Zeitschrift »The Atlantic« erschien. Krauss’ Antwort auf diese Frage empörte Philosophen, denn er sagte: »Die Philosophie war einmal ein Fachgebiet mit Inhalten« und fügte später hinzu: »Die Philosophie ist ein Fachgebiet, das mich leider an diesen alten Woody-Allen-Witz erinnert: ›Wer nichts kann, der lehrt, und wer nicht lehren kann, unterrichtet Sport.‹ Und das übelste Teilgebiet der Philosophie ist die Wissenschaftsphilosophie; die einzigen Leute, soweit ich das beurteilen kann, die Aufsätze von Wissenschaftsphilosophen lesen, sind andere Wissenschaftsphilosophen. Sie haben keinerlei Einfluss auf die Physik, und ich bezweifle, dass andere Philosophen sie lesen, denn sie sind ziemlich fachspezifisch. Zu verstehen, was sie rechtfertigt, fällt deshalb wirklich schwer. Und so würde ich sagen, dass diese Spannung auftritt, weil sich Philosophen bedroht fühlen – und sie haben jedes Recht dazu, denn die Wissenschaft macht Fortschritte und die Philosophie nicht.«

Victor Stenger

Die Physik – ein baufälliger Turm von Babel

Physiker versprechen immer wieder, ein Theoriegebäude zu errichten, das die gesamte Welt erklärt. Dabei müsste jeder wissen, der die Disziplin zu seinem Beruf gemacht hat, dass sogar in längst errichteten Stockwerken teils gewaltige Risse klaffen.»Ich will wissen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Und ich will die fundamentalen Gesetze verstehen, die unser Universum zu dem machen, was es ist.« So oder ähnlich würden wohl viele angehende Physiker erklären, was sie bewegt, diese Wissenschaftsdisziplin zu ihrem Beruf zu machen. Wir Physiker wollen schlicht und einfach lernen, wie die Welt funktioniert. Physik ist die fundamentalste der Naturwissenschaften – so sehen es die Physiker selbst, und diese Sichtweise prägt auch die Art und Weise, wie Physik gelehrt wird.

Tony Rothmann

Wissenschaft und Falschheit

Frontmatter

Gefühlte Wahrheit

Emotionen, so heißt es, hätten einen immer größeren Einfluss auf politische Meinungen. Doch dass unser Denken zahlreichen Verzerrungen unterliegt, wissen Psychologen schon lange. Warum beschäftigen uns die »gefühlten Wahrheiten« gerade jetzt so sehr?Nachdem die CDU bei der Berlin-Wahl im September 2016 eine bittere Niederlage einstecken musste, hielt Angela Merkel eine ziemlich nachdenkliche Rede. »Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten«, so die Bundeskanzlerin. »Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.« Danach tauchte dieser rätselhafte Begriff plötzlich überall auf. Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte »postfaktisch« einstimmig zum Wort des Jahres 2016. Die Redaktion des »Oxford English Dictionary« traf mit »post-truth« eine ganz ähnliche Entscheidung. Offenbar passt der Begriff perfekt in eine Zeit, in der Wahrheiten ebenso verhandelbar scheinen wie Weltanschauungen oderpolitische Agenden.

Theodor Schaarschmidt

„Fake News“ in sozialen Netzwerken

Internetnutzer verbreiten in großem Umfang Falschmeldungen und abwegige Verschwörungstheorien. Statistische Untersuchungen von Inhalten auf Facebook zeigen das enorme Ausmaß der Entwicklung und liefern neue Einsichten zu den Mechanismen dieses beunruhigenden Phänomens.Sicher kennen Sie das: Sie sitzen mit Freunden oder Familienmitgliedern beim Abendessen, und das Gespräch kommt auf Gerüchte aus dem Internet, beispielsweise die Rolle von Kondensstreifen von Düsenflugzeugen bei der Erderwärmung oder die Vorzüge von Methoden der alternativen Medizin. Oder Sie verfolgen am Fernseher die Kommentare bekannter Komiker oder Sänger, die ganz ohne spezifische Kenntnisse von Wirtschaft und Politik plötzlich zu gefragten Analysten der internationalen Situation werden.

Walter Quattrociocchi

Die Geheimniswitterer

Lady Di lebt! Flugzeuge versprühen Chemtrails! Warum hängen manche Menschen so kruden Verschwörungstheorien an? Aktuelle Forschung zeigt: Das ist auch eine Frage der Mentalität.Fort Detrick in Maryland beherbergt biologische Labore der höchsten Sicherheitsstufe, in denen Forscher im Auftrag des US-Militärs und der nationalen Gesundheitsbehörde Seuchenuntersuchen. Das ist für jedermann im Internet nachzulesen. Was die meisten nicht wissen: Ende der 1970er-Jahre wurde hier das HI-Virus herangezüchtet – um damit Homosexuelleund andere unerwünschte Teile der Bevölkerung auszurotten. Allerdings erfolglos, denn eigentlich gibt es Aids ja gar nicht. Und wenn doch, ließe es sich ganz einfach mit Aspirin behandeln, was die Pharmaindustrie verheimlicht, um aus der Krankheit Profit zu schlagen. Schuld an all dem sind natürlich die Freimaurer, die insgeheim die USA regieren und vermutlich alle homosexuell sind.

Roland Imhoff

„Geschichte ist nicht planbar“

Konspirationsforscher Michael Butter erklärt, welchen gedanklichen Fehler Verschwörungstheoretiker begehen – und wie ihre Ideen schon Kriege begünstigt haben.

Michael Butter

8 Fakten zu Verschwörungstheorien

Scheinbar hängen immer mehr Menschen Verschwörungstheorien an. Woher kommen die eigentlich, welche war die erste, und was hilft dagegen?Verschwörungstheorien scheinen auf dem Vormarsch. Überall im Netz trifft man auf »alternative Erklärungen«, die böse Mächte und geheime Bünde für Ereignisse wie den 11. September, das Fehlen einer Heilmethode für Krebs oder die Flüchtlingskrise verantwortlich machen. Ob Wissenschaft, Politik oder Finanzwelt – zu fast jedem Vorgang, der nicht ganz leicht zu verstehen ist, findet man eine Verschwörungstheorie. Doch wie ist dieses Phänomen überhaupt entstanden? Glauben wirklich immer mehr Menschen an Verschwörungstheorien? Und wie geht man am besten damit um, wenn einen die eigene Mutter oder ein Arbeitskollege mit Chemtrails, der Flat-Earth-Theorie oder den Bilderbergern konfrontiert?»Spektrum.de« hat darüber mit zwei Experten gesprochen, die Verschwörungstheorien erforschen. Michael Butter ist Professor für Amerikanistik an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Er leitet den interdisziplinären EU-Forschungsverbund »Vergleichende Analyse von Verschwörungstheorien«, der im letzten Jahr gestartet ist. Sebastian Bartoschek ist Psychologe und hat für seine Promotion »eine empirische Grundlagenarbeit« über Verschwörungstheorien verfasst. Dazu fragte er online zu 95 Verschwörungstheorien, wie bekannt diese sind und auf wie viel Zustimmung sie stoßen. Eines wird klar, wenn man mit Butter und Bartoschek spricht: Man weiß noch viel zu wenig über das Phänomen.

Philipp Hummel

Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt

Der Mensch als solcher ist keineswegs offen für Argumente. Im Gegenteil, wir halten an lieb gewonnenen Überzeugungen fest – oft gegen jede Vernunft.Als der US-Senat im Februar 2017 den konservativen Politiker Scott Pruitt als neuen Chef der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA bestätigte, löste das bei vielen im alten Europa – wieder einmal – nur Kopfschütteln aus: Pruitt hatte mehrfach abgestritten, dass menschliches Verhalten den Klimawandel beeinflusst. Dabei können sich, was die Leugnung wissenschaftlicher Fakten angeht, die Europäer an die eigene Nase fassen. Die Skepsis gegen Schutzimpfungen für Kleinkinder etwa ist einer Umfrage aus dem Jahr 2015 zufolge in Deutschland nur marginal geringer als in den USA. Länder wie Frankreich oder Italien zählen sogar weltweit zu den impfkritischsten – ganz im Gegenteil etwa zu Entwicklungsländern wie Ecuador, Ghana oder Bangladesch.Warum aber ist es so, dass Menschen an Überzeugungen festhalten, die nach überwältigendem wissenschaftlichem Konsens falsch sind? Wieso tun wir uns generell schwer damit, unliebsame Tatsachen in unser Weltbild zu integrieren – und fallen beispielsweise als Fußballfans selbst dann nicht vom Glauben ab, wenn Skandale eine Mannschaft erschüttern, nehmen aber Fake News dankbar an, wenn sie unsere politische Einstellung stützen?

Joachim Retzbach

Gewusst warum

Wonach streben wir am meisten im Leben? Liebe, Glück, Gesundheit – oder vielleicht Erklärungen? Für die Psychologin und Philosophin Tania Lombrozo sind Warum-Fragen die Triebfedern des Denkens.

Tania Lombrozo

Das Hypothesen testende Gehirn

Unser Bild der Welt wird stets auch davon geprägt, was wir erwarten. Denn das Gehirn macht fortwährend Annahmen über die Umgebung und führt sie mit den Sinnesdaten zusammen. Forschern zufolge stellt das ein grundlegendes Arbeitsprinzip unseres Denkorgans dar.Neulich im Keller: Auf der Suche nach dem Glas mit den eingelegten Kürbissen tritt Frau Meier ans Vorratsregal hinten in der Ecke. Da flackert die altersschwache 40-Watt-Birne, gibt ein Zischen von sich und ist hinüber. Auf einen Schlag herrscht Finsternis. Frau Meier streckt die Arme aus und tastet sich Schritt für Schritt in Richtung Treppe vor. Irgendwo standen doch die Fahrräd… Autsch! – hier war das also. Etwas nach links und weiter. Hoppla! Da ist wohl schon die erste Stufe.

Manuela Lenzen

„Täuschen ist ein Teil unserer Natur“

Für Dan Ariely von der Duke University in Durham (USA) steht fest: Lüge und Täuschung wurzeln tief im menschlichen Denken. Der Verhaltensökonom erklärt, warum der Hang zur Verstellung aus unserem Leben nicht wegzudenken ist.

Dan Ariely

Können Algorithmen Falschmeldungen entlarven?

Forscher arbeiten bereits daran, Computern beizubringen, unseriöse Quellen zu erkennen. Aber können Algorithmen auch Falschmeldungen an sich identifizieren? Zeitweise schien es so, als hätte die Wissenschaft diese Idee schon zu den Akten gelegt. Aber eine Wette und ein Streit unter Forschern geben nun neue Hoffnung.Ende 2016 ächzte die Welt unter den so genannten Fake-News. Und auch 2017 wird das Problem aller Voraussicht nach nicht kleiner. Im Gegenteil: Angesichts der anstehenden Bundestagswahl könnte es bald sogar noch größere Dimensionen annehmen. Zuletzt hat nun Facebook selbst angekündigt, in Deutschland gegen Falschmeldungen vorgehen zu wollen. In Zusammenarbeit mit dem Recherchebüro Correctiv will das Netzwerk künftig Beiträge gezielt auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, wenn viele Nutzer sie als falsch melden. Stellt sich ein Post dann tatsächlich als unwahr heraus, soll er mit einem Warnhinweis versehen werden.Das Verfahren, das Facebook anstrebt, ist aufwändig – und erfordert viel Manpower, wenn die Zahl der potenziellen Falschmeldungen in die Höhe schießt. Da scheint die Hoffnung auf eine technische Lösung nicht unberechtigt: Wie schön wäre es, wenn Computer selbst die Welt von Falschmeldungen befreien könnten! Schließlich haben Algorithmen die Fake-News erst groß werden lassen.

Eva Wolfangel

Wissenschaft und Vertrauen

Frontmatter

Die drei Dimensionen des Vertrauens

Wie stärkt man das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft? Ein Gespräch mit dem Psychologen Rainer Bromme nach dem »March for Science«.

Rainer Bromme

Die fatale Folge von Sensationsmeldungen

Bevor man in der Physik ein bahnbrechendes Ergebnis verkündet, sollten bestimmte Standards erfüllt sein, findet der Astrophysiker Jan Conrad.In den vergangenen Jahren verkündeten Wissenschaftler in der Astroteilchenphysik und Kosmologie eine Reihe von großen Entdeckungen. Die Liste umfasst überlichtschnelle Neutrinos, Gammastrahlen aus dem Zerfall von Teilchen der Dunklen Materie und sogar Spuren von Gravitationswellen in der kosmischen Hintergrundstrahlung – hervorgerufen durch eine Phase rascher Expansion des frühen Universums. Die meisten dieser Sensationsmeldungen stellten sich als falscher Alarm heraus; und so wie ich es sehe, dürfte es den übrigen ähnlich ergehen.Es hat Folgen, scheinbar spektakuläre Resultate an Kollegen und die Öffentlichkeit auszuposaunen, bevor diese von unabhängigen Gutachtern überprüft sind; oder obwohl man wusste, dass schon bald bessere Daten verfügbar sein würden. Wissenschaftler, die Entwicklungen vor nicht allzu langer Zeit noch enthusiastisch verfolgt haben, schütteln nur noch die Köpfe und scherzen über »noch so einen Kandidaten für Dunkle Materie«. Zu oft haben die Forscher auf diesem Gebiet falschen Alarm geschlagen, und nun haben sie an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ein Kollege erzählte mir, dass die Gutachtergremien immer zurückhaltender würden, die astrophysikalische Suche nach den Teilchen der Dunklen Materie zu fördern.

Jan Conard

Wir haben kein besseres Verfahren

2014 publizierte die englische Fachzeitschrift »Lancet« eine Artikelserie über Missstände in der biomedizinischen Forschung: Falsche Anreizsysteme und mangelnde Qualitätssicherung in der internationalen Publikationsmaschinerie führten dazu, dass ein großer Teil der Forschungsmilliarden unterm Strich nur »Müll« hervorbringe. Wie lässt sich das System erneuern? »Spektrum der Wissenschaft« sprach darüber mit dem Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen und dem Chef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, Andreas Barner.

Harald zur Hausen, Andreas Barner

„Man kann die Psychologie als Vorreiter sehen“

Erstaunlich viele psychologische Experimente lassen sich nicht mit vergleichbarem Ergebnis wiederholen. Das hat eine Qualitätsdebatte ausgelöst, die weit über das Fach hinausgeht.

Klaus Fiedler

Fehlverhalten in der Forschung

Zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Schavan – Plagiatsskandale schüren auch Zweifel an der Qualitätssicherung in der Forschung: Wie viel Täuschung durchzieht die Wissenschaft? Sind Abschreiben, Lug und Trug gar an der Tagesordnung? Und welche Gegenmaßnahmen helfen? Ein Gespräch mit Bernhard Kempen, dem Vorsitzenden des Deutschen Hochschulverbands, und dem Rektor der Universität Heidelberg, Bernhard Eitel.

Bernhard Kempen, Bernhard Eitel

Wie (un)zuverlässig ist die Forschung?

Viele wissenschaftliche Arbeiten lassen sich nicht reproduzieren. Schon ist von einer Vertrauenskrise die Rede. Doch wer mit pauschalen Urteilen um sich wirft, macht es sich zu einfach.Als meine Tochter heiratete, beschloss ich, ihr ein ganz besonderes Hochzeitsgeschenk zu machen: eine selbst konstruierte Uhr. Der Designer Clayton Boyer präsentiert auf seinerWebsite www.lisaboyer.com/Claytonsite/Claytonsite1.htm zahlreiche Anleitungen für den Bau von hölzernen Chronometern. Ausgestattet mit diesen Plänen, die in vielerlei Hinsicht dem Methodenteil eines Papers ähneln, machte ich mich sogleich ans Werk. Zerlegt in ihre Bestandteile, erscheint eine Uhr gar nicht so kompliziert.

Peter Walter

Und was hilft nun wirklich?

In medizinischen Studien gibt es viele Fehlerquellen. Manche werden gar bewusst in Kauf genommen, um das erwünschte Ergebnis herbeizuführen. Aber auch wer es richtig machen will, hat es nicht immer leicht.Wer krank ist und zum Arzt geht, sollte eigentlich auf der Grundlage besten Wissens versorgt werden. Doch mit der Faktenlage ist es so eine Sache. »In der Medizin können wir uns niemals sicher sein, welche Folgen unser Handeln haben wird. Wir können lediglich das Ausmaß der Unsicherheit eingrenzen«, schrieb der Kinderarzt William A. Silverman vor knapp 20 Jahren in seinem Buch »Where’s the evidence?« (PDF). Das ist ernüchternd. Ebenso die Zahlen, die Nicholas Schork vom Scripps Research Institute (San Diego) im Magazin »Nature« auflistet. Jeden Tag würden Millionen von Menschen Arzneien einnehmen, die ihnen nicht helfen. Selbst die zehn umsatzstärksten Medikamente in den USA nützten nur selten: Das Multiple-Sklerose-Medikament Glatirameracetat beispielsweise hilft nur einem von 16 Betroffenen, das Antidepressivum Duloxetin nur einem von neun. Von einigen Arzneistoffen wie den Statinen, die routinemäßig zur Senkung des Cholesterinspiegels verschrieben werden, profitierte sogar nur einer von 50. »Es gibt Medikamente, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen sogar gefährlich sind, weil in klinische Studien meist nur weiße Ethnien einbezogen werden«, kritisiert der Biostatistiker Schork.

Ulrike Gebhardt

Eine signifikante Geschichte

Im Jahr 1908 legte ein Mitarbeiter der Guinness-Brauerei den Grundstein für einen Irrtum, der sich bis heute bemerkbar macht.Am 11. Februar 2016 verkündeten die Astrophysiker des LIGO-Experiments ihre große Entdeckung: Zum ersten Mal hatten sie ein Signal aus den Tiefen des Alls aufgefangen, das perfekt mit der rund 100 Jahre alten Vorhersage von Gravitationswellen aus Einsteins Relativitätstheorie übereinstimmte. 5,1 Sigma stark war das Signal, hieß es in der Meldung, die alle Medienberichte aufgriffen. Damit sei das Ergebnis »signifikant«; die Existenz der Gravitationswellen unzweifelhaft bewiesen.Solche Signifikanzwerte, wie sie sich mit Mitteln der Statistik berechnen lassen, werden heute in den Medien und der Forschung wie Grenzen der Wahrheit behandelt. Wer sich aber die Geschichte der Signifikanz anschaut, erkennt: Die größten Entdeckungen der Naturwissenschaft kamen zu Stande, auch ohne dass jemand ihre Signifikanz berechnete. Wie sich zeigt, ist Signifikanz alles andere als die Schwelle der Wahrheit. Und ihre vermeintlich fixen Grenzen beruhen auf reiner Intuition.

Christian Honey

Wissenschatftsmythen sind hartnäckig

Irrtümer und Wunschdenken begleiten den Erkenntnisgewinn der Menschheit. Nicht selten richtet das Schaden an – und blockiert echten wissenschaftlichen Fortschritt.Schon 1997 boten Ärzte im Südwesten Koreas ein Ultraschallscreening zur Früherkennung von Schilddrüsenkrebs an. Die Nachricht verbreitete sich schnell, und schon bald beteiligten sich immer mehr Mediziner daran. Letzten Endes wurde das Screening landesweit als Teil einer Regierungsinitiative zur allgemeinen Krebsvorsorge eingeführt. Hunderttausende ließen sich so für umgerechnet 30 bis 50 US-Dollar untersuchen.Dadurch stieg die Zahl aufgedeckter Schilddrüsenkrebsfälle rapide an: von 5 auf 70 pro 100.000 Einwohner zwischen den Jahren 1999 und 2011. Bei zwei Drittel der Patienten wurde die Schilddrüse entfernt und die lebenslange Einnahme von Schilddrüsenhormonen verordnet, was beides aber mit Risiken behaftet ist.Zu erwarten wäre, dass ein kostspieliges und öffentliches Gesundheitsprogramm auch Leben rettet – doch das war hier nicht der Fall. Schilddrüsenkrebs ist inzwischen in Südkorea der am häufigsten diagnostizierte Krebs; doch die Rate der Todesfälle hat sich überhaupt nicht verändert und liegt nach wie vor bei einem von 100.000 Einwohnern. Auch als einige Ärzte in Korea dies realisierten und den Stopp des Screeningprogramms vorschlugen, pochte die koreanische Gesellschaft für Schilddrüsenerkrankungen auf das Recht des Einzelnen auf Screening und Behandlung.

Megan Scudellari

Frontalangriff auf die wissenschaftliche Methode

Spekulative Theorien bedürfen laut einigen Forschern keiner experimentellen Überprüfung, um als wissenschaftlich zu gelten. Dieser Ansatz untergräbt die Wissenschaft.Im vergangenen Jahr nahm eine Debatte in der Physik eine beunruhigende Wende: Nicht alle fundamentalen Theorien lassen sich anhand von Beobachtungen überprüfen und so fordern einige Wissenschaftler, das Vorgehen in der theoretischen Physik anzupassen. Sei eine Theorie nur ausreichend elegant und aussagekräftig, so ihr Appell, müsse diese nicht experimentell überprüft werden – das bricht mit jahrhundertealter philosophischer Tradition, nach der wissenschaftliche Erkenntnis sich erst durch empirische Befunde bewähren muss. Wir kritisieren den neuen Ansatz scharf, denn wie der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper bereits feststellte: Jede wissenschaftliche Theorie muss falsifizierbar sein.

George Ellis, Joe Silk

Vom Labor in den Plenarsaal

Harte Tatsachen für alternativlose Entscheidungen? Die Rolle der Wissenschaft in der Politik ist umstritten. Das hat eine lange Tradition.Dass Wissenschaftler mit ihren Weltanschauungen nicht hinterm Berg halten, ist spätestens seit Galileo Galilei keine Seltenheit mehr. Auch im 19. Jahrhundert ist die akademische Aufsässigkeit weit verbreitet. »Der Naturforscher […] findet das Heil nur in der Demokratie«, schreibt 1850 der Philosoph und Anthropologe Ludwig Feuerbach. Ein deutlicher Seitenhieb gegen die Obrigkeit, denn die Revolution 1848/49 ist gerade erst gescheitert.Zeitgenosse Carl Vogt, ein Naturforscher, wird noch deutlicher: »Jedes belebte Atom lechzt nach Anarchie, strebt nach Freiheit, entwickelt sich nur im Lichte dieser Sonne zu höherer Vollendung!« Und wenn schon das Atom freiheitsliebend ist, dann gilt das wohl auch für den Menschen: »Der Fortschritt der Menschheit zum Besseren liegt nur in der Anarchie, und das Ziel ihres Strebens kann nur die Anarchie sein. Ja! die Anarchie!« Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, ist übrigens keine politikwissenschaftliche Arbeit, sondern erschien 1851 unter dem Titel »Untersuchungen über Thierstaaten«.

Astrid Herbold

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