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11.06.2014 | Fertigungstechnik | Interview | Onlineartikel

„Kleben wird die Verbindungstechnik des 21. Jahrhunderts“

Autor:
Marlene Doobe

Das Fraunhofer IFAM blickt in diesem Jahr auf 20 Jahre klebtechnische Weiterbildung zurück. Von Anfang an dabei ist Prof. Andreas Groß. Springer für Professionals sprach mit ihm darüber, warum in der Klebtechnik die Personalqualifizierung so wichtig ist.

Springer für Professionals: War die Umsetzung der Idee einer überbetrieblichen klebtechnischen Personalqualifizierung vor 20 Jahren eine Notwendigkeit oder ein Geschäftsmodell des Fraunhofer IFAM?

Andreas Groß: Im Vordergrund stand die Notwendigkeit! Weg vom „Kleben kann doch jeder!“. Weg vom „Geklebt haben wir doch schon im Kindergarten“. Weg vom unreflektierten Übertragen negativer Alltagserfahrungen in das berufliche Umfeld, weil der „Alleskleber“ - o Wunder - doch nicht alles klebt. Eine entsprechende „Universalschraube“ gibt es natürlich nicht - das erschien jedem logisch. Also: Triebfeder war eindeutig, die Entwicklung der industriellen Klebtechnik mit Hilfe der Weiterbildung voranzutreiben und strukturiert Innovationen zu ermöglichen. An ein „Geschäftsmodell“ haben wir zu dem Zeitpunkt gar nicht gedacht. Im Gegenteil: Wir sind sogar davon ausgegangen, dass der eigentliche Bereich „Klebtechnische Weiterbildung“ unter dem Strich ein Zuschussgeschäft bleibt, wir aber möglicherweise über dieses Instrument FuE-Projekte akquirieren können. Prof. Hennemann – unser damaliger Institutsleiter – hat dieses Risiko immer mitgetragen und mich in jedweder Weise unterstützt. Dass die klebtechnische Weiterbildung bis heute diesen Umfang angenommen hat, dass wir mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern zusammenarbeiten, dass wir unsere Lehrgänge weltweit durchführen, dass es ein echtes „Geschäftsfeld“ ist, davon haben wir nicht einmal zu träumen gewagt!

Können Sie ein Beispiel für das Wertschöpfungspotenzial nennen, das durch Einsatz der Klebtechnik im Wettbewerb zu herkömmlichen Fügeverfahren möglich ist?

Schwierige Frage. Das Wertschöpfungspotenzial ist nicht quantifizierbar. Natürlich funktionieren moderner Leichtbau und Mischbauweise im Wesentlichen nur mit Klebtechnik. Aber es ist bis jetzt unmöglich, an belastbare Zahlen heranzukommen. Was ich aber sagen kann, ist, dass Personen nach der jeweiligen Weiterbildung mit „klebtechnisch“ offeneren Augen durch die Welt gehen. Mögliche Fehlerquellen in der Fertigung werden viel eher gesehen, potenzielle Einsatzmöglichkeiten der Klebtechnik viel eher identifiziert. Ich denke schon, dass die klebtechnische Weiterbildung ihren Beitrag zum kontinuierlichen Wachstum des Klebstoffmarktes leistet.

Können Sie eine Prognose abgeben, wie sich die Einsatzbreite der Klebtechnik in den nächsten 20 Jahren entwickelt. Welches sind Ihrer Meinung nach die treibenden Faktoren?

Klare Antwort: Die Klebtechnik wird die Verbindungstechnik des 21. Jahrhunderts! Was die Niettechnik im 19. und die Schweißtechnik im 20. Jahrhundert war, wird die Klebtechnik im 21. Jahrhundert. Ich begründe diese These wir folgt: Die Anforderungen an Produkte und Bauteile steigen ständig: höhere Geschwindigkeit, reduziertes Gewicht, schickeres Design, höhere Funktionalität, größere Sicherheit und an was man sonst noch alles denken kann. Eines aber bleibt: Die Anforderungen steigen! Und um diese technologisch, ökonomisch und ökologisch zu erfüllen, werden neue Werkstoffe gebraucht und eingesetzt. Der Motor der Werkstoffentwicklung ist also, Anforderungen der Zukunft erfüllen zu können. Nur: Der einzelne Werkstoff - die Metalllegierung, das GFK oder CFK, der Kunststoff oder die Keramik – wird allein die steigenden Anforderungen nicht erfüllen können. Die Werkstoffkombination ist das Gebot der Zukunft. Das Multi Material Design wird immer wichtiger. Und hier kommt das Potenzial der Klebtechnik zum Tragen: Nur klebtechnisch ist es möglich, Werkstoffe langzeitbeständig unter Erhalt ihrer Eigenschaften zu verbinden und dadurch neue, anforderungskompatible Bauweisen zu ermöglichen. Das ist aber nur mit qualifiziertem Personal – vom Werker bis zum Ingenieur und Konstrukteur – möglich, da die Vorteile der Klebtechnik nur realisiert werden können, wenn sie fachgerecht eingesetzt wird. Und hierbei ist und bleibt die klebtechnische Weiterbildung ein entscheidender Baustein!

Zur Person
Prof. Dr. Andreas Groß leitet den Bereich Technologietransfer und Personalqualifizierung des Fraunhofer Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM in Bremen sowie seit 1994 das Klebtechnische Zentrum. Seit 2000 lehrt er an der Hochschule Bremen und leitet im Deutschen Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. (DVS) verschiedene Ausschüsse und Arbeitsgruppen.

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