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06.10.2015 | Finance + Banking | Im Fokus | Onlineartikel

Sturm auf die Wolfsburger Trutzburg

Autor:
Andreas Nölting

Volkswagen ist für ausländische Investoren bisher uneinnehmbar wie eine Festung. Ohne Transparenz gegenüber den institutionellen Investoren aber wird es der Konzern schwer haben, gestärkt aus dem Manipulations-Skandal zu kommen.

Der Dax ist das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Die im berühmten Börsenindex notierten Konzerne stehen für Innovation, Solidität, Wachstum und Transparenz. Ob Adidas, Beiersdorf oder Linde – die deutschen Top-Konzerne sind bei Anlegern und Kunden weltweit beliebt. Sie sind das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft und an ihrem Wohlergehen hängen Millionen Arbeitsplätze.

Richtig „Deutsch“ ist der Dax allerdings schon lange nicht mehr. Denn wie aus einer Studie der Beratungsgesellschaft EY hervorgeht, liegen inzwischen 56 Prozent des Börsenkapitals der Dax-Konzerne im Ausland. Institutionelle Investoren oder Versicherer bündeln das Sparvolumen, das Lehrer aus Kalifornien, australische Rentner oder deutsche Fondssparer sicher und rentierlich anlegen wollen.

Eine nahezu deutsche Veranstaltung

Ein prominenter Konzern hingegen wirkt wie aus der Zeit gefallen und steht wie eine Trutzburg gegen die Macht ausländischer Investoren und ihrer Forderung nach einer transparenten Unternehmenspolitik: Volkswagen erscheint für ausländische Investoren uneinnehmbar wie eine Festung – in der Hand der Familienclans Porsche und Piëch, die gemeinsam 52 Prozent des Kapitals halten. Weitere 20 Prozent gehören dem Land Niedersachsen und 17 Prozent der Qatar Holding. Eine nahezu deutsche Veranstaltung, bei der Ausländer wenig zu melden haben.

Der Diesel-Skandal bei Volkswagen zeigt nun allerdings, das ein derart „feudalistisches System“ (Managementberater Reinhard Sprenger) anfällig für schwere Managementfehler und Tricksereien ist. Die massiven Abgas-Manipulationen konnten wohl nur solange im Haus geheim bleiben, weil dort eben ein Führungssystem etabliert worden ist, das auf Druck und Angst basiert, und die Compliance-Regeln – also die Gesetze guter Unternehmensführung – komplett versagt haben.

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Warum blieben die Machenschaften so lange verborgen? Warum hat der Aufsichtsrat nicht rechtzeitig nachgeforscht und gehandelt – es ist schließlich nicht die erste Affäre bei VW? Der neue VW-Chef Matthias Müller verspricht jetzt „schonungslose Aufklärung“. Und er kündigt zudem eine neue transparente Unternehmenskultur an: „Dazu werden wir die strengsten Compliance- und Governance-Standards der gesamten Branche entwickeln und umsetzen. Auch hier müssen wir in Zukunft Maßstäbe setzen.“

Die ersten Schritte zu einem unabhängigen Aufsichtsrat sind allerdings misslungen. Die geplante Bestellung von Finanzchef Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden erzürnt die Anlegerschützer und institutionellen Investoren. Zwar gilt Pötsch als durchaus integer und kompetent. Er ist aber Teil des alten Systems. Und ihm wird vorgeworfen, die Anleger zu spät über den Abgas-Skandal informiert zu haben. Viele US-Kanzleien reiben sich angeblich bereits die Hände und bereiten Klagen vor.

Ein Affront gegen den Kodex

Zudem wechselt der Finanzexperte ohne zweijährige „Abkühlphase“ direkt aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat – ein Affront gegen den Corporate-Governance-Kodex und die Profianleger. Dieser beliebte Weg sollte die Ausnahme bleiben, meint auch Springer-Autor Dieter Kuck im Kapitel "Die Anforderungen an Aufsichtsräte und Beiräte" (Seite 132) des Buchs „Aufsichtsräte und Beiräte in Deutschland“.

Ohne Transparenz, Vertrauen und ein gutes Arbeitsverhältnis zu den institutionellen Investoren aber wird es Volkswagen schwer haben, gestärkt aus der Diesel-Affäre zukommen. VW benötigt gute Bedingungen am Kapitalmarkt – auch um die hohen Strafgelder, die wohl oder übel drohen, künftig bezahlen zu können, ohne an Investitionen und Innovationen allzu sehr zu sparen. Erst der Druck der institutionellen Investoren wird die wahre Wende in Wolfsburg einläuten und die Mauern der Trutzburg zu Fall bringen.

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