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06.11.2017 | Finanzbranche | Im Fokus | Onlineartikel

Brexitmania: Jedes dritte Kreditinstitut will weg

Autor:
Stefan Terliesner

Jedes dritte Finanzunternehmen in Großbritannien will aufgrund des Brexits das Geschäft ins Ausland verlagern. Frankfurt am Main könnte dabei der größte Gewinner sein. Doch die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien sind festgefahren.

Die Auswirkungen der gegenwärtigen nächsten Brexitphase zeigen sich vor allem an den Umzugsplänen von Unternehmen verschiedener Branchen und Finanzdienstleistern. Laut dem jüngsten "Brexit Tracker" des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) haben 66 von 222 Firmen über ihre Umzugspläne informiert. Das entspricht einem Anteil von 30 Prozent. Fast jedes dritte größere Finanzunternehmen in Großbritannien hat angekündigt, wegen des Brexits Personal und Geschäftsbereiche ins Ausland zu verlagern. 26 Banken, 17 Vermögensverwalter und 13 Versicherungen zählen dazu. Ende Juni 2017 hatten 27 Prozent, Ende März 2017 22 Prozent der betreffenden Kreditinstitute eine Verlagerung bekannt gegeben. Von den 66 Unternehmen ziehen 56 in die Europäische Union (EU) um. Nach Angaben von EY setzt sich Frankfurt am Main dabei als bevorzugtes Ziel auf dem europäischen Kontinent durch. Zu einem ähnlichen Resultat kommt die Helaba Landesbank Hessen-Thüringen in ihrer Studie "In der Pole-Position für Brexit-Banker", wie die untenstehende Grafik zeigt. 



Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud erwartet, "dass mindestens die Hälfte der aus London abwandernden Finanzjobs nach Frankfurt verlegt wird. Dies entspricht über einen Zeitraum von mehreren Jahren mindestens 8.000 Mitarbeitern."

Erst Anfang Oktober 2017 wurde bekannt, dass Goldman Sachs 10.000 Quadratmeter im Frankfurter Marienturm mietet. Das neue Hochhaus gegenüber den Doppeltürmen der Deutschen Bank – in der Szene "Soll und Haben" genannt – soll 2019 bezugsfertig sein. Beobachter gehen davon aus, dass die Entscheidung Signalwirkung auf andere Geldhäuser haben wird. Als erste Londoner Großbank hatte sich Standard Chartered im Frühjahr 2017 für Frankfurt entschieden. In einem Interview nannte Deutschlandchef Heinz Hilger als wichtigste Kriterien das Euro-Clearing vor Ort sowie die "Einbettung der Finanzwirtschaft in die Realwirtschaft". Die Deutsche Bank wiederum wird vermutlich bis zu 4.000 Stellen von London weg verlagern. 

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Wenn die Kontrolleure nach Frankfurt kommen

Als Folge des harten Brexits wollen einige Geldhäuser weg aus London. Zieht auch die europäische Bankenaufsicht von der Themse an den Main, entsteht ein neues Machtzentrum für die Finanzregulierung.


Finanzbranche schaut auf EBA-Standort

Die Abwanderung von Personal und Geschäftsaktivitäten ins Ausland könnte zum Exodus werden, wenn feststeht, in welcher Stadt die Europäische Bankenaufsicht (EBA) in Zukunft ihren Sitz hat. Im Beitrag "Wenn die Kontrolleure nach Frankfurt kommen" (Bankmagazin-Ausgabe 9/2017, S. 25-27) wird die Möglichkeit, dass ein neues Machtzentrum der Regulierung entsteht und die Bedeutung des Clearings deutlich. 

Im Rennen um die EBA liegt Frankfurt ebenfalls aussichtsreich im Rennen. Weitere Kandidaten sind Wien, Paris, Luxemburg, Brüssel, Prag, Warschau und Dublin. Der EU-Rat will am 20. November 2017 die Standortentscheidung treffen. Der Auswahlprozess wird von der EU-Kommission organisiert. Eine vorläufige Einschätzung liegt seit Anfang Oktober 2017 vor. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies (CFS) an der Frankfurter Goethe-Universität, zeigte sich "verwundert" darüber, dass die EU-Kommission an der deutschen Bewerbung für Frankfurt kritisiert, dass diese keine präzisen Informationen über Direktflüge sowie über Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs enthielte. "Diese Aspekte können nicht ernsthaft Grundlage einer Standortentscheidung für eine Behörde sein." Was zähle, sei eine enge Verzahnung von Europäischer Zentralbank und EBA im Hinblick auf eine funktionierende Krisenprävention.

Risiko verschiebt sich in Richtung USA

Das Beratungs- und Softwarehaus PPI wiederum weist darauf hin, dass sich in der Folge des Brexits eine Risikoverschiebung in Richtung USA ergeben könnte. Für Nils Purwin, Experte für Regulierung und Zahlungsverkehr bei PPI, bedeutet der Austritt aus dem Binnenmarkt, "dass vier vom Financial Stability Board als systemrelevant eingestufte Institute – HSBC, Barclays, Royal Bank of Scotland und Standard Chartered – innerhalb der EU nur noch mittelbar von der EBA kontrolliert werden." Sowohl für Ökonomen wie für jeden Politikinteressierten ist in diesem Zusammenhang das Kapitel "Brexit from a US point of view" aus dem Springer-Buch "An Accidental Brexit" von Paul J. J. Welfens spannend. Hier betrachtet der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Bergischen Universität Wuppertal den Brexit aus US-Sicht. Wie PPI-Fachmann Purwin weiter ausführt, stehen die Brexit-Folgen für den Zahlungsverkehr mit Stichworten wie SEPA, der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 und Instant Payments bisher zu wenig im Fokus. Hier wäre London ebenfalls außen vor, was unter anderem den Zahlungsverkehr mit dem britischen Pfund verteuern würde. Ohnehin sind die Veränderungen im Zahlungsverkehr gewaltig, hat Springer-Autor Carsten Akira Göbel in seinem Buch "Mobile Payment - Grundlagen, Strategien, Praxis" festgestellt.

Was die Brexit-Folgen für Zahlungstransaktionen betrifft, so muss man die Ergebnisse der Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien abwarten. Aktuell stecken sie "in einer Sackgasse“, wie es der EU-Unterhändler Michel Barnier am 12. Oktober 2017 formulierte. Knackpunkt ist das Geld. denn bisher haben die Briten keine abschließenden Angaben zu ihren noch zu leistenden finanziellen Verpflichtungen gemacht. Das aber ist laut Barnier Voraussetzung für die Gespräche über Freihandelsabkommen. 

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Quelle:
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