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31.07.2017 | Finanzbranche | Interview | Onlineartikel

"Die Steigerung des Innovationsgrads ist für Banken überlebenswichtig"

Autor:
Eva-Susanne Krah
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Remigiusz Smolinski

ist Innovationsexperte und seit vielen Jahren in der Internet-Branche tätig. Aktuell leitet er das Business Development und Innovationsmanagement bei der Comdirect Bank. 

Wie agil sind Banken im Innovationsmanagement? Remigiusz Smolinski erläutert im Interview mit Springer Professional, worauf es für Kreditinstitute jetzt ankommt.

Springer Professional: Professor Smolinski, in Ihrem neuen Buch stellen Sie fest, dass die Marktakteure in der Finanzbranche vor allem Zukunftsszenarien bestmöglich durchspielen und notwendige Innovationen rechtzeitig aufgreifen sollten. Die Fintechs haben vorgemacht, wie das geht. Der Innovationsgrad in der Finanzbranche ist ja bisher im Vergleich zu anderen Branchen nicht sehr hoch. Sind Banken als klassische Player inzwischen innovativ genug?

Remigiusz Smolinski: Die Bankenbranche in Deutschland ist sehr heterogen. Trotz eines rückläufigen Trends gibt es immer noch etwa 2.000 Kreditinstitute. Sie reagieren auch unterschiedlich auf die technologischen und geschäftlichen Veränderungen sowie die Chancen und Herausforderungen, die sie mit sich bringen. Darunter sind moderne, innovative Banken, die ihre Prozesse, Strukturen und Strategien schon weitgehend an die Anforderungen unserer Zeiten angepasst haben. Allerdings ist das leider immer noch kein branchenübergreifendes Phänomen, obwohl der Nachholbedarf enorm und seine Dringlichkeit pressend sind. Nicht nur hat die deutsche Finanzbranche in den vergangenen Jahren deutlich weniger in Innovationen investiert – etwa < ein Prozent des Jahresumsatzes – als andere Branchen mit bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes. Sie wurde auch zum erklärten Ziel der innovativen und hungrigen Tech-Giganten, auch GAFAs genannt, wie Google, Apple, Facebook, Amazon, Alibaba, und zur neuen Heimat für finanzaffine Unternehmer mit ihren agilen, nutzerzentrierten Fintechs. Dazu kommt noch eine Unternehmenskultur, die oft Genauigkeit, Stabilität und Risikoaversion anstatt von Mut, Initiative und Agilität fördert. Erfreulich ist allerdings die ernüchternde Erkenntnis der Entscheidungsträger der meisten Banken, dass dieser Zustand nicht nachhaltig ist und dass die Steigerung des Innovationsgrades für sie überlebenswichtig ist.

Empfehlung der Redaktion

2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Mit ganzheitlichem Innovationsmanagement zur Finanzbranche der Zukunft

Innovative Technologien sowie neue Kundenanforderungen verändern die Art von Finanzdienstleistungen. Davon sind auch die Wertschöpfungsketten von etablierten Playern der Finanzbranche betroffen. 

Mit welchen Schritten können Banken und Finanzdienstleister an ein ganzheitliches Innovationsmanagement am besten herangehen?

Wenn das Thema Innovationen und Innovationsmanagement für die Organisation neu ist, empfehle ich immer, sie organisationell klar zu verorten. Radikale Veränderungen brauchen ein Gesicht, jemanden, der sie authentisch vertritt und vorantreibt. Sobald diese Verantwortung in der Organisation verankert ist, empfehle ich eine systematische Bewertung der aktuellen technologischen und geschäftlichen Entwicklungen, als Teil des Strategieentwicklungsprozesses. Obwohl ich ein großer Fan von Strategic Foresight bin, gibt es diverse Möglichkeiten, wie Organisationen sich systematisch mit der Zukunft beschäftigen können. Man kann es inhouse entwickeln aber auch extern einkaufen. Mittlerweile gibt es Dienstleister, die relativ günstig Standardlösungen anbieten, was für kleinere und mittelständische Organisationen sehr praktisch ist. Der dritte Schritt wäre, die Mitarbeiter für Innovationen zu inspirieren und sie dafür zu begeistern. 

Ein Traum von jedem leidenschaftlichen Innovationsmanager ist eigentlich die Selbstabschaffung, davon sind wir allerdings heute noch weit entfernt."

Remigiusz Smolinski

Wie schaffen es traditionelle Kreditinstitute, ihre Kunden in die veränderte Banking-Welt gewinnbringend mitzunehmen, beispielsweise in der Beratung? Robo Advice lässt grüßen …

Diese Frage verbindet zwei Aspekte des Innovationsmanagements, die essenziell sind: Verbreitung der Innovationen und deren Profitabilität. Eine grundlegende Annahme eines Innovationsmanagers ist, dass die Bedürfnisse des Kunden, seine Erwartungen und Probleme immer der Ausgangspunkt für jegliche Produktentwicklungsprozesse sein müssen. Diese fanatische Kundenzentrierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die später entwickelten Lösungen von den Kunden positiv wahrgenommen werden und sich auf dem Markt durchsetzen. Trotz alledem wird die Mehrheit der Innovationen scheitern. Systematisches Innovationsmanagement gibt leider keine Garantie, dass aus jeder Idee ein Wachstumsimpuls entsteht. Es erhöht allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt.  Innovationsmanagement kann, aber muss nicht ressourcenintensiv sein. Das ist eine strategische Überlegung des Unternehmens, welche Aspirationen es bei der Innovationsführerschaft hat. 

Die disruptiven Veränderungen in der Finanzbranche durch Fintechs hatten einen starken Schwerpunkt im Zahlungsverkehr und dem Kreditgeschäft. Was könnte aus Ihrer Sicht der nächste Innovationssprung im Bankenmarkt sein – und wer wird ihn anstoßen?

Ich erwarte, dass der nächste große Innovationssprung im Bankenmarkt durch datenbasierte Intelligenz erzeugt wird, die dem Kunden Arbeit abnimmt und die persönlichen Finanzen mühelos optimiert. Die Mehrheit der Kunden will sich mit den eigenen Finanzen nicht beschäftigen und zurzeit gibt es keine holistische und effiziente Lösung, die es automatisiert tun könnte.  Dieser Zustand wird nicht mehr lange anhalten. Technologisch sind wir schon imstande es problemlos zu tun.  Von wem wird der Durchbruch kommen? Von Fintechs? Eher unwahrscheinlich. Obwohl in der Finanzbranche gerade sehr viel unternehmerische Energie herrscht und smarte Lösungen oft vorkommen, ist der Kundenzugang nach wie vor eine große Herausforderung der Fintechs, der sehr teuer ist und die Verbreitung ihrer Technologien erschwert. Die neue Zahlungsdiensterichtlinie PSD 2 wird dies bestimmt ändern, aber wie gravierend, werden wir sehen. Banken oder GAFAs?  Banken besitzen den Kundenzugang und haben den Sense of Urgency mittlerweile erkannt. Viele investieren gerade immense Beträge in den Aufbau von Teams und Fähigkeiten, die bei dem Durchbruch eine entscheidende Rolle spielen könnten. GAFAs sind klare Technologieführer, können nachweislich innovative und smarte Produkte bauen, haben die notwendigen Ressourcen und erfüllen fast alle Voraussetzungen, bis auf eine: das Vertrauen. Dieses spielt jedoch bei Finanzen eine essenzielle Rolle und ich bin nicht sicher, ob sich das Finanzgeschäft einfach mit dem Werbegeschäft der GAFAs kombinieren lässt. Wer in der nächsten Innovationswelle ganz vorne mit dabei sein wird? Der Kampf hat begonnen und am Ende wird der Kunde entscheiden.

 

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