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11.04.2019 | Finanzbranche | Interview | Onlineartikel

"Die europäische Bankenbranche steht vor einer Merger-Welle"

Autor:
François Baumgartner
Interviewt wurde:
Stefan Müller

ist Geschäftsführer der DGWA Deutsche Gesellschaft für Wertpapieranalyse GmbH und seit 2006 geschäftsführender Gesellschafter der FCM Consulting. 

Was bedeutet die Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank für Deutschland und Europa? Im Gespräch mit Springer Professional erläutert DGWA-Geschäftsführer Stefan Müller mögliche Folgen eines Mega-Mergers für die Branche.                                                                         

Springer Professional: Wie beurteilen Sie die aktuellen Fusionsgespräche zwischen Deutscher Bank und Commerzbank (CoBa)?

Stefan Müller: Es bleibt spannend, weil sich mit der Unicredit und der BNP Paribas jetzt auch neue Player gemeldet haben, die ebenso die Commerzbank übernehmen möchten. Der Widerstand wächst, vor allem auf der Gewerkschaftsseite. Und es gibt hier keinen, außer Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der wirklich sagt: "Wir wollen das." Wenn die Großfusion beschlossen wird, bedarf es im Hinblick auf die Post-Merger-Integration eines riesigen Kraftaktes. Am Ende des Tages müssen das aber die CoBa-Aktionäre entscheiden, weil die Deutsche Bank rein formaljuristisch gesehen, die Commerzbank übernehmen will und die Anteilseigner dem zustimmen müssen.

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Unter den Investmentbanken sind amerikanische Großbanken wie etwa JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Morgan Stanley führend. Warum hat bislang keiner die Deutsche Bank als Übernahmekandidaten im Blick?

Ich glaube sogar, dass genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Weil man das aber in Berlin nicht will, passiert eben genau das, was gerade passiert. Das Drehbuch für eine Deutsche Commerzbank steht schon lange und eigentlich ist das jetzt nur noch die übliche Show, damit die Verantwortlichen ihr Gesicht nicht verlieren. Bleibt nur abzuwarten, ob es tatsächlich zu weiteren Angeboten dritter Banken kommt.

Das ganze Konstrukt dient also nur dazu, die Deutsche Bank aus ihrer Misere herauszuholen.

Der Eindruck drängt sich nicht nur mir auf, ja. Man will sicherstellen, dass die Deutsche Bank mit einem starken Partner im Bankgeschäft wieder eine europäische oder sogar weltweite Größe wird. Die Commerzbank ist als möglicher Partner in den Fokus gerückt, weil sie ihre Restrukturierungsbemühungen bislang besser umgesetzt hat. Damit ist die Commerzbank aber eben auch für andere europäische Großinstitute attraktiv geworden. Ferner gibt es wohl keine europäische Großbank, die aktuell mit der Deutschen Bank fusionieren will.

Die Aktie der Deutschen Bank befindet sich nach wie vor auf einem Allzeittief und die New Yorker Investmentgesellschaft Cerberus hat sich als Aktionär von Deutscher Bank und Commerzbank ebenso für eine Großfusion ausgesprochen. Warum?

Die bisherige Bilanz des Cerberus-Investments ist negativ. Als Cerberus einstieg, notierte die Aktie um die 16 Euro. Mittlerweile hat sich der Wert mehr als halbiert. Die Beratungssparte von Cerberus wurde im vergangenen Jahr bei der Deutschen Bank mandatiert, um die operativen Prozesse des Instituts auf Vordermann zu bringen. Seither hat der Finanzinvestor tiefere Einblicke in die Bank erhalten und möchte seinen Return on Investment verständlicherweise absichern. Die Auffassung von Cerberus scheint daher nun zu sein, dass die Übernahme der Commerzbank durchaus Sinn macht.

Die Bundesregierung ist mit rund 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt. Weshalb macht die Politik jetzt Druck?

Deutschland braucht mindestens eine weltweit führende und nicht angreifbare Bank, die deutsche Unternehmen weltweit repräsentiert und deren Geschäfte finanziert. Ich bezeichne so eine Bank als einen Local Global Player. Es kann doch nicht sein, das unsere Industrieunternehmen von ausländischen und auch noch zumeist amerikanischen Banken betreut werden, die auf diesem Weg tiefe Einblicke in diese Unternehmen erhalten.

Die Zeit läuft und über den Kaufpreis der Commerzbank wird schon heftig diskutiert. Der Deal könnte also noch in diesem Monat unter Dach und Fach sein. Auf was kommt es jetzt noch an?

Wir werden in diesem Monat noch klare Aussagen hören. Nach einem möglichen Übernahmeangebot der Deutschen Bank werden die Commerzbank-Aktionäre bei einem besseren Angebot einer dritten Bank möglicherweise anders entscheiden, vor allem auch, wenn dies etwa von den Gewerkschaften unterstützt werden würde. Auch wenn die Bundesregierung mit 15 Prozent ein Wörtchen mitzureden hat, ist das noch lange kein Garant dafür, dass erstere ihre Interessen durchsetzen kann und es ist fraglich, ob dann hinter den Kulissen politischer Druck ausgeübt wird, um ein solches Angebot einer dritten Bank zu verhindern.

Europäische Zentralbank und Kartellbehörden könnten die Fusion aber platzen lassen…

Das sehe ich überhaupt nicht. Ich denke, dass ist im Vornhinein weitestgehend besprochen worden. Die Rahmenbedingungen sind doch auch klar. Der Personalabbau und das Zusammenführen der unterschiedlichen IT-Plattformen beider Großbanken werden dagegen eine viel größere Herausforderung sein.

Viele Analysten und Wissenschaftler teilen die Ansicht, dass die Übernahme der Commerzbank eher negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der neuen deutschen Megabank hätte. Wie sehen Sie das und was halten Sie eigentlich von nationalen Champions?

Wir brauchen einen nationalen Champion, den Local Global Player. Also eine Großbank, die das lokale Geschäft global erfolgreich abbilden kann. Der Wettbewerb im Bankengeschäft ist aktuell brutal. Das Universalbankkonzept ist passé, da der Kunde – egal ob B2C oder B2B –  immer mehr Finanzdienstleistungen zu besseren Konditionen bei fragmentierten Anbietern erhält. Vieles funktioniert inzwischen online oder via App und Anbieter wie etwa Paypal wickeln mittlerweile einen immer größeren Teil des Zahlungsverkehrs ab. Selbst Baufinanzierungen können sie heute online durchführen. In der Konsequenz brauchen Sie beispielsweise in einer Stadt wie Frankfurt auch nur noch drei Zweigstellen dieser neuen Bank und ein zentrales Beratungszentrum. Durch die anstehende Großfusion sind beide Banken jedoch auf Jahre intern beschäftigt und müssen den harten Wettbewerb zumindest vernachlässigen.

Und wie sieht es mit dem Investmentbanking 'Made in Germany' in Zukunft aus?

Banken müssen sich neu erfinden. Die Commerzbank hat es bislang ganz gut gemacht aber viele europäische Großbanken sind da inzwischen trotzdem besser aufgestellt. Wir brauchen kein Investmentbanking, welches bei jedem Wertpapierskandal mit dabei ist. Wir brauchen ein neues, aber solideres Investmentbanking, das einen sicheren Mehrwert bringt.

Wenn die Fusionsgespräche scheitern sollten, wird es vor allem für die Deutsche Bank eng, oder?

Ganz eng. Die Deutsche Bank schafft es aus eigener Kraft nicht, wieder dahin zu kommen, wo sie einmal war. Sie braucht einen Partner. Aber er gibt harte Einschläge, wie etwa durch den Geldwäscheskandal und die Immobiliengeschäfte von Donald Trump. Das sind große Baustellen, die ein neutraler Aktionär nicht bereit ist, mitzutragen. Daher bleibt nur die Commerzbank, die durch die Staatsbeteiligung definitiv nicht neutral ist.

Wer würde von dieser Hochzeit profitieren und gibt es weitere Verlierer?

Der gesamte Wettbewerb profitiert von dieser Großfusion. Die neue Megabank wird jahrelang durch den Change-Prozess Wettbewerbsnachteile aufweisen. Viele Firmenkunden werden zu Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Landesbanken gehen, weil das Klima dort nicht von Unruhe geprägt ist. Und auch die Personaleinsparungen werden direkte Auswirkungen auf wichtige Kundenbeziehungen haben.

Die Commerzbank kann eine harte Kernkapitalquote von 12,9 Prozent vorweisen. Die Deutsche Bank kommt auf 13,6 Prozent und liegt damit über dem EU-Durchschnitt von 13,4 Prozent. Wie bewerten Sie Systemrisiken, die durch Fusionsvorhaben wie diese, entstehen könnten?

Da sehe ich keine. Und ich glaube, dass diese Vorgaben zum einen simulierbar sind und zum anderen auch mit den jeweiligen Regulierern schon entsprechend diskutiert wurden.

Sehen Sie eine neue Merger Welle in der Bankenindustrie?

Absolut. Die haben wir in Europa auch dringend nötig. Wir sind in ganz Europa 'overbanked' und global gesehen, nicht wettbewerbsfähig. Deshalb werden wir alle eine europäische Bankenfusionswelle miterleben. Und das vor allem beim Zusammenlegen von Middle und Back Offices. Da gibt es ein milliardenschweres Synergie- und Kosteneinsparpotential. Diese Abläufe sind überall die Gleichen, sie finden im Hintergrund statt. Folglich sind diese ideal zu konsolidieren. Selbst wenn die Front Offices dann blau, rot oder gelb bleiben.

Welche Optionen gibt es für die beiden deutschen Privatbanken noch?

Ich bin ein großer Freund einer europäischen Lösung. Ich glaube auch, dass selbst wenn diese Fusion stattfindet, man diese neue Bank später immer noch mit einem weiteren europäischen Player fusionieren kann und dann endlich wieder da ist, wo man als Deutsche Bank eigentlich alleine hin wollte.

Eine europäische Großfusion also. Für wen wäre zum aktuellen Zeitpunkt die BNP Paribas, HSBC oder eine UniCredit die bessere Wahl und warum?

Wenn diese Fusion scheitert, wird die Commerzbank ganz klar zum Übernahmeobjekt für viele Großbanken. Denn: Deutschland ist im Bereich Corporate und Retail Banking einer der wichtigsten Märkte für das internationale Bankgeschäft. Es gibt sehr vermögende Privatkunden und einen starken und erfolgreichen Mittelstand. Deshalb ist dieser Markt für jeden interessant, der in Europa dauerhaft wachsen will.

Mehr zum Thema Bankenfusion finden Sie in der Mai-Ausgabe des Bankmagazins. 

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