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15.11.2016 | Finanzbranche | Interview | Onlineartikel

"Eine weichere Regulierung der US-Bankhäuser ist zu erwarten"

Autor:
Eva-Susanne Krah
Interviewt wurde:
Prof. Martin Hellmich

ist Professor für Financial Risk Management an der Frankfurt School of Finance & Management.  

Die Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten stellt Banken und Finanzdienstleister international vor Herausforderungen. Denn niemand weiß bisher genau, welche Auswirkungen auf die Finanzwirtschaft zu erwarten sind. Einschätzungen des Finanzexperten Professor Martin Hellmich.

Springer Professional: Herr Professor Hellmich, der Schock über den Ausgang der US-Wahl sitzt bei manchen Vertretern der Finanzbranche noch tief, obwohl die Reaktionen an den weltweiten Börsen nur kurzzeitig heftig waren. Stimmt Sie der Wechsel eher froh oder besorgt – und worauf müssen sich Banken und Anleger aus Ihrer Sicht mit Trump als Präsident jetzt einstellen?

Martin Hellmich: Dieser Wechsel kann nur besorgt stimmen vor dem Hintergrund, dass die einzige Hoffnung im Moment darauf beruht, dass wesentliche Ankündigungen von Herrn Trump zu seiner künftigen Politik nicht zur Umsetzung kommen. Und dass er auch seinen bisherigen Stil im Wahlkampf und im Umgang mit Menschen nicht auf seine politischen Kontrahenten überträgt. Die Erfahrungen von 2016 mit dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump zeigen, dass wir es im Westen mit einem sehr gefährlichen Symptom zu tun haben, das sich im kommenden Jahr unter anderem bei der französischen Präsidentenwahl fortsetzen könnte. Spätestens ein Sieg von Marine Le Pen in Frankreich würde unter anderem die Glaubwürdigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) schwer tangieren. Dies könnte zu sehr schweren Verwerfungen und Kurskorrekturen in den Finanzmärkten und zu massiven Steigerungen der langfristigen Zinsen führen.
Selbst wenn es so weit nicht kommt, gibt es zahlreiche weitere Risikofaktoren, wie zum Beispiel die Umsetzung protektionistischer Politik oder Handelskriege mit China.
Das Prinzip Hoffnung, auch wenn es zuletzt stirbt, beruht momentan darauf, dass Herr Trump möglichst wenig vom dem tut, was er während des Wahlkampfs angekündigt hat und dass sein Politikstil ein grundsätzlich anderer als sein Wahlkampfstil sein wird. Trump ist regelmäßig und erheblich unterschätzt worden, somit traue ich ihm beides zu, es ist allerdings nicht mein Basisszenario.
Man darf auch nicht vergessen, dass der Sieg von Trump ein Teil der Finanzkrise ist: Während die US-Banken sehr schnell zu ihrer Stärke zurückgefunden haben, hat sich durch die Krise die Situation wesentlicher Teile der Mittelschichten verschlechtert und das Wählerpotenzial für Populisten ist gestiegen.

Welche Folgen könnten die angekündigten Maßnahmen Trumps im Vorfeld der Wahl mittel- und langfristig für das internationale Geschäft in den Finanzmärkten und die Kundenbeziehungen der Kreditinstitute haben?

Im internationalen Finanzgeschäft dürfte die ohnehin schon starke Dominanz der großen US-Banken im Vergleich zu ihren europäischen Konkurrenten weiter zunehmen. Von Trump ist eine künftige weichere Regulierung der US-Bankhäuser zu erwarten. Und auch seine Ankündigung, dass Amerika künftig zuerst kommt, wird den US-Häusern im globalen Konkurrenzkampf weiter den Rücken stärken. Ich erwarte deswegen, dass der Marktanteil der US-Häuser steigt. Die europäischen Geldhäuser werden hier das Nachsehen haben und wichtige Kundenbeziehungen im internationalen Geschäft könnten verloren gehen. Dies ist wiederum ein wichtiges Beispiel für große und wichtige Interessen, für deren Vertretung Größe und Gewicht europäischer Nationalstaaten nicht ausreichend ist. Für die USA ist Rechtspopulismus sicher auch nachhaltig schädlich, aber Europa wird durch diese Politikrichtung in seiner globalen Bedeutung marginalisiert.

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Die US-Finanzmarktregulierung sieht Trump kritisch. Welche Veränderungen könnten hier auf die Finanzhäuser zukommen?

Wie gesagt erwarte ich zunächst einen einseitigen Vorteil für die US-Häuser. Die großen US-Banken sind ohnehin in einer Position der Stärke. Die Folgen der Finanzkrise haben sie durch einen schnellen und konsequenten Eingriff des Staates bewältigt. Und es gibt in den USA sechs große Häuser mit einem globalen Geschäftsmodell, die als Heimatmarkt einen effizienten, homogenen Kapitalmarkt haben. In Europa ist die Lage diametral entgegengesetzt: Hier haben die Kreditinstitute die Folgen der Finanzkrise noch nicht bewältigt und zahlreiche nationale Champions zerstören sich die Margen gegenseitig in fragmentierten europäischen Märkten. Grenzüberschreitende Zusammenschlüsse in Europa und das Projekt der europäischen Kapitalmarktunion sollte Fortschritt bringen, aber der Weg ist komplex und lang. Selbst die Regulierung ist ein Wettbewerbsvorteil für die US-Häuser.

Warum?

Während die steigenden Eigenkapitalanforderungen von den sehr profitablen US-Häusern leicht erfüllt werden, lähmen sie die geschäftlichen Tätigkeiten der europäischen Konkurrenz. Interessant sind hierzu auch die divergierenden Vorstellungen im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS): Die US-Seite will interne Modelle abschaffen oder hohe, auf den Standardansätzen basierenden, Floors einführen, während die deutsche Seite das Gegenteil erreichen will. Die Ratio ist klar: Die dadurch erheblich reduzierten Möglichkeiten der Eigenkapitalersparnis wird vor allem die europäischen Banken schwächen. Ein Kompromiss im BCBS ist im November nicht in Sicht.

Wo sehen Sie direkte Auswirkungen auf das unmittelbare Finanzumfeld in Deutschland durch den politischen Kurswechsel in den USA, zum Beispiel im Investment Banking und für das Risikomanagement der Kreditinstitute?

Das ist aus heutiger Sicht sehr unklar. Durch den Machtwechsel in den USA könnten die Differenzen in wichtigen internationalen Gremien, etwa dem BCBS, zunehmen. Im schlimmsten Fall würde man das Ziel einer global einheitlichen Regulierung aufgeben müssen. Dies könnte dann wieder zu einem Deregulierungs-Wettbewerb führen, um die eigenen Häuser oder Finanzplätze zu stärken. Die Beschlüsse auf den G20-Gipfeln 2009 in London und Pittsburgh wären dann schnell Geschichte. Dies wiederum könnte bedeuten, dass man höhere Barrieren für Banken aus anderen Wirtschaftsräumen errichtet, was möglicherweise mit anderen protektionistischen Tendenzen zusammenfällt. Die Erkenntnis, dass sich mit derartigen Tendenzen alle Seiten nur verschlechtern, wird zwar irgendwann eintreten. Aber bis dahin könnte der politische und ökonomische Schaden bereits sehr groß sein.
Wie sich solche Entwicklungen dann auf SSM, SREP und MaRisk auswirken werden, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Ich erwarte allerdings in den nächsten Monaten noch höhere Volatilitäten an den Märkten, als wir sie ohnehin schon beobachteten. Investment Banking und Risikomanagement in deutschen Häusern werden kurz- bis mittelfristig mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert sein, sich mit hohen Volatilitäten, noch niedrigen Zinsen, geringer Profitabilität und zunächst weiter steigenden regulatorischen Anforderungen auseinanderzusetzen.

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