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29.07.2016 | Fintechs | Kolumne | Onlineartikel

Lending Club hat geschummelt – und dabei wohl das einzig tragfähige Geschäftsmodell gefunden

Autor:
Prof. Dr. Christian Rieck

Das ehemalige Vorzeige-Fintech Lending Club hat manipuliert und damit die Geschäftsidee des Peer-to-Peer-Lendings in Gefahr gebracht. Vielleicht haben sie die Idee damit aber auch gerettet.

Lending Club war ein Vorzeige-Fintech. Die Plattform ermöglicht, dass Investoren direkt Kredite an Kreditsuchende vergeben können, ohne eine Bank in der Mitte. Diese Idee wurde lange als Revolution der Kreditbranche gefeiert, weil für das Kreditgeschäft weder der teure Apparat der Banken noch das „Vorhalten des teuren Eigenkapitals“ gebraucht wird. Alles schien effektiver, schneller und besser zu werden als mit den so altmodisch wirkenden Banken.

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Natürlich mussten erst einige Details ausgestaltet werden, bevor so eine Plattform richtig funktioniert. Ein offensichtliches Problem besteht darin, dass es sich nicht lohnt, wenn lauter kleine Investoren immer wieder einzelne Bonitätsprüfungen vornehmen müssen. Diese Tatsache war immer ein zentrales Argument für Banken: Sie kennen ihre Kunden besser als die anderen Investoren es tun, und sie können die Bonitätsprüfung effektiver und in größerem Stil durchführen als wenn jeder Investor sein eigenes Süppchen kochen würde.

Was Peer-to-Peer-Plattformen leisten

Peer-to-Peer-Plattformen haben das erkannt und versprechen folglich, eben diese Aufgabe für die Investoren zu übernehmen. Das klingt zunächst so, als ändere sich nicht viel gegenüber der Situation, in der Banken die Bonität prüfen. Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied: Wenn Banken die Kredite auf die eigene Bilanz nehmen, dann tragen sie auch das Risiko einer Fehleinschätzung. Sie haben daher einen erheblichen Anreiz, in diesem Prozess keine systematischen Fehler zu machen. Nicht so bei einer Plattform, die die Kredite nur durchreicht: Eventuelle systematische Fehler bezahlt hier jemand anderes.

Interessanterweise ist dies exakt der gleiche Fehlanreiz, der zur Finanzmarktkrise 2007 geführt hat: Auch damals wurden Kredite durch Institutionen vergeben und überwacht, die die damit verbundenen Risiken einfach weiterleiten konnten. Natürlich führt dies zu einem Interessenkonflikt: Wer ein Darlehen vergibt, erhält Provision dafür; wenn die Kredite häufiger als erwartet ausfallen, dann zahlt jemand anderes die Zeche. Diese Konstruktion führt zwangsläufig zu Marktversagen. Denn wenn die Investoren diesen Zusammenhang verstehen, dann gibt es für sie ein einziges rationales Verhalten: sich vom Markt zurückzuziehen. Vorher müssen sie das natürlich erst noch lernen und verhalten sich eine Zeit lang nicht rational, was dann zu einer Krise führt, in der sie viel Geld verlieren.

Es verwundert daher nicht, dass Lending Club die Angaben einiger Kredite manipuliert hat, um sie passend zu machen. Wenn wir jetzt denken, dies ließe sich durch bessere Kontrollen verhindern, dann irren wir uns. Es muss der Fehlanreiz beseitigt werden, erst dann kann man sich einigermaßen sicher sein. Aber vielleicht zeigt uns die Reaktion auf den Skandal die richtige Richtung: Lending Club hat als Folge des Skandals eigene Kredite aufgekauft. Damit übernimmt die Plattform Teile des Risikos und hat auf einmal ein Eigeninteresse, dass richtig beurteilt wird. Man könnte auch sagen: Der Fintech wird zur Bank.

Eine Lehre kann man aus dieser Krise schon einmal ziehen: Das Gebilde des Bankensystems ist in seiner Gesamtheit ein ausgeklügeltes System, bei dem man nicht einfach einmal schnell ein Bauteil herausnehmen kann, in der Überzeugung, es sei überflüssig. Oft hat es eine etwas versteckte Funktion, die aber sehr bedeutend sein kann. 

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