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24.11.2016 | Fintechs | Interview | Onlineartikel

"Der deutsche Markt nimmt baltische Angebote dankend an"

Autor:
Eva-Susanne Krah
Interviewt wurde:
Jevgenijs Kanzanins

ist seit Oktober 2015 Geschäftsführer von Twino.

Fintechs verändern die Finanzbranche global. Jevgenijs Kazanins erklärt im Interview, wie sich junge Finanztechnologie-Unternehmen aus den baltischen Ländern im Vergleich zu Deutschland entwickeln und was sie für den deutschen Markt interessant macht.

Springer Professional: Herr Kazanins, in Westeuropa,, insbesondere in Großbritannien und Deutschland, entwickelt sich eine lebendige Fintech-Szene und Kooperationen mit Banken nehmen rasant zu. Welche Situation finden junge Finanztechnologie-Firmen in osteuropäischen Märkten vor?

Jevgenijs Kazanins: Ich glaube, dass die wichtigste Einflussgröße für Fintechs in Osteuropa – insbesondere in den baltischen Staaten – die Notwendigkeit ist, von Anfang an global zu denken. Während Start-ups sich in Deutschland ausschließlich auf den ausreichend großen dortigen Markt konzentrieren können, müssen Fintechs hier von Anfang an international denken und expandieren. Zahlreiche Fintech-Gründungen aus Estland, Lettland und Litauen haben schon nach kurzer Zeit ein pan-europäisches Profil. Beispiele dafür sind Transferwise, Bitfury oder auch Twino.

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Was treibt das Fintech-Wachstum in diesen Märkten an?

Ein modernes Bankensystem, die Verfügbarkeit von Ingenieurs-Talenten und die Notwendigkeit, international zu operieren, sind die stimulierenden Faktoren für das rapide Wachstum der Fintech-Szene in den baltischen Staaten. Ich erwarte, dass sich in Zukunft noch mehr Player aus der Region auf internationaler Ebene etablieren werden.

Welche Gründungsbedingungen finden Start-ups im Vergleich zu Deutschland vor?

Leider sehen sich Fintech-Start-ups in unserer Region mit einem Mangel an spezialisierten Inkubatoren, Tech-Quartieren und Investoren konfrontiert. Teilweise fehlen diese sogar komplett. Durch die kleinen Märkte ist das Ökosystem der baltischen Staaten in dieser Beziehung weit weniger entwickelt als beispielsweise in Deutschland oder dem Vereinigten Königreich. Trotzdem hält die geringe Größe der baltischen Staaten durchaus Vorteile für Fintech-Start-ups bereit. Denn die Regulierung passt sich hier meist deutlich besser an neue Fintech-Bereiche an als andernorts. Estland hat zum Beispiel schon eine eigene Gesetzgebung für Peer-to-Peer-Lending eingeführt. Lettland bringt diese gerade auf den Weg. Die regulierenden Behörden sind mehr darauf bedacht, die Interessen von Fintech-Unternehmen zu berücksichtigen. Das liegt meines Empfindens nach daran, dass diese als wesentlicher wirtschaftlicher Wachstumsfaktor für die ganze Region gesehen werden.

Hierzulande haben Fintechs angestammte Geschäftsbereiche der Banken, etwa das Kreditgeschäft, mit ihren Angeboten disruptiv verändert. Welche Geschäftsfelder besetzen sie im osteuropäischen Markt vor allem?

Das Peer-to-Peer-(P2P)-Lending ist der am schnellsten wachsende Fintech-Sektor in der Region. Estland hat sich von Anfang an als Innovationstreiber auf diesem Gebiet etabliert, hier wurden die ersten Plattformen früher gegründet als in Westeuropa.

Woran machen Sie diese Entwicklung fest?

In den ersten drei Quartalen 2016 war beispielsweise das Volumen der durch lettische P2P-Plattformen vergebenen Kredite nur leicht niedriger als das deutscher und französischer Marktteilnehmer. Dazu kommt, dass lettische Plattformen sehr viel schneller wachsen als ihre zentraleuropäischen Wettbewerber. Diese Entwicklung wird vor allem durch deutsche Investoren befeuert. Die größten Anbieter in Kontinentaleuropa, gemessen am Volumen der vergebenen Kredite, waren beispielsweise Younited Credit aus Frankreich mit 19 Millionen Euro im Oktober, Auxmoney aus Deutschland mit 18 Millionen und Twino mit elf Millionen Euro an vergebenen Krediten im gleichen Zeitraum. In den vergangenen zwölf Monaten ist Twino über 1.000 Prozent gewachsen.

Welche Geschäftsmodelle könnten auf den deutschen Markt überschwappen – und wie schnell?

Der deutsche Markt nimmt viele baltische Angebote dankend an. Blicken wir auf die Herkunft der Investoren, werden Peer-to-Peer-Angebote aus den baltischen Staaten schon jetzt von Investoren aus Deutschland dominiert. Bei uns werden zum Beispiel etwa 25 Prozent der über die Plattform laufenden Investments von Investoren aus Deutschland getätigt. Und wir hören von ähnlichen Volumen bei anderen Unternehmen. Investoren schätzen die im Vergleich zu deutschen Plattformen deutlich höheren Zinsraten.

Wo entstehen Kooperationen zwischen Banken und osteuropäischen Fintechs, die auch für die deutsche Finanzbranche interessant sind oder den Markt weiter verändern könnten?

Trotz der Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit hat das deutsche Bankensystem eine starke und erfolgreiche Geschichte. Partnerschaften und Kooperationen zwischen Fintech-Unternehmen und den Geldinstituten haben daher das Potenzial, große Innovationen hervorzubringen. Ein Beispiel könnte eine Partnerschaft zwischen deutschen Banken und pan-europäischen P2P-Plattformen sein. Solche Kooperationen würde es deutschen Kreditinstituten erlauben, in neue, profitablere Märkte für Konsumentenkredite, wie Polen, einzutreten, ohne dort wirklich Geschäftseinheiten aufbauen zu müssen. Deutsche Geldhäuser könnten vom lokalen Know-how und der Effizienz der P2P-Anbieter profitieren. Diese erhielten wiederum durch das Kapital und die Glaubwürdigkeit der deutschen Banken ein besseres Standing in ihrem eigenen Markt.

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