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14.01.2019 | Fintechs | Im Fokus | Onlineartikel

Das Fintech-Einhorn galoppiert

Autor:
Angelika Breinich-Schilly

Mit frischem Investitionskapital von rund 300 Millionen Dollar will die Mobile Bank N26 den US-amerikanischen Markt erobern. Damit verfolgt das deutsche Fintech zielstrebig seine hochgesteckten Globalisierungspläne.

Rund 300 Millionen Dollar (260 Millionen Euro) hat die Finanzierungsrunde unter Federführung der New Yorker Risikokapitalgesellschaft Insight Venture Partners eingebracht. Mit diesem Coup hat sich die Smartphone-Bank N26 nicht nur die finanzielle Basis für die Expansion in den USA geschaffen, sondern auch ihre Bewertung auf 2,7 Milliarden Dollar gesteigert. Das Unternehmen ist damit ein sogenanntes Einhorn und Top-Player unter den jungen deutschen Finanztechnologie-Unternehmen. Als Unicorn gelten Start-ups mit über einer Milliarde US-Dollar Marktbewertung. 

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Interesse der Investoren ist groß

Hendrik Brandis, Mitbegründer des deutschen Risikoinvestors Earlybird, bezeichnete in der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" die Finanzierung als "Ritterschlag für die deutschen und europäischen Fintechs". Auch bei der jüngsten Runde in New York seien die alten Investitionspartner dabei gewesen, ergänzt Christian Nagel, Earlybird-Partner und Beiratsmitglied von N26, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Man hätte deutlich mehr Geld einsammeln können, so groß sei das Interesse gewesen. Zu den Investoren gehören auch die Allianz-Versicherungsgruppe oder der Staatsfonds GIC aus Singapur.

Nicht weniger als die erste globale mobile Bank möchte N26 nach Aussage des Mitgründers und CEO Valentin Stalf werden. Aktuell verfügt das Finanzunternehmen, das mit seinem mobilen Konto 2015 an den Markt ging, rund 2,3 Millionen Kunden in 24 Ländern. In den kommenden Jahren soll die Zahl auf 100 Millionen Nutzer anwachsen. "Ob sich dieses Ziel erreichen lässt, kommt auf die Märkte an, in die man eintreten will, und dass man dort mit dem Produkt den richtigen Nerv trifft", sagt Clas Beese, Mitbegründer der Hamburger Fintech Week im Gespräch mit Springer Professional. "Wenn viele Kunden den Service weiterempfehlen, geht das schnell. Problematisch wird es, wenn eine Lokalisierung des Angebots nötig wird, weil die Kunden eben doch nicht überall gleich ticken", so Beese. Eine Falle, in die bereits die etablierten Banken getappt sind. "In diesem Fall stellt sich die Frage, ob nicht ein lokaler Wettbewerber die besseren Chancen hat."

Globalisierungsstrategie setzt auf gleichartige Bedürfnisse

Für Stalf stellt sich die Frage nach lokaler Anpassung scheinbar nicht. "Unser Produkt müsste auf der ganzen Welt gut ankommen, denn die Bedürfnisse von Bankkunden sind überall sehr ähnlich", sagte er in einem Interview mit dem Bankmagazin (9/2017). "Wir sind heute eine der am schnellsten wachsenden Banken in Europa." Bereits 2017 fokussierte sich das Unternehmen auf die Empfehlungen von Bestandskunden, um zu wachsen. "Hätten wir unsere Bank vor 20 Jahren gegründet, müssten wir wohl viel mehr Geld in traditionelles Marketing stecken und zum Beispiel über Zeitungsannoncen versuchen, unsere Seriosität zu vermitteln." Dennoch haben regionale Märkte unterschiedliche regulatorische Anforderungen, die es zu beachten gilt, warnt Beese. "Das könnte sich auf das Produkt und am Ende auch auf die Kosten auswirken." Zudem bräuchten lokale Märkte die richtigen Produkte von entsprechenden Drittanbietern. Nicht alles lasse sich global sinnvoll vermarkten. "Auch das ist ein Kostenfaktor." 

Für Beese sind die aktuellen Nutzerzahlen von N26 dennoch beeindruckend: "Der kostenlose Service lockt natürlich viele online-affine und neugierige Leute". Das Produkt sei intuitiv und das Konto schnell eingerichtet. Das komme bei den Kunden an. "Ein Konto ist heute kein Grund mehr, um in eine Filiale zu gehen." Eine Aussage, die sicher nicht nur für europäische Kunden, sondern auch für potenzielle Nutzer in den USA gilt. Zudem ist der Markt jenseits des Atlantiks banktechnisch nicht gerade besonders fortschrittlich. Schecks gehören dort immer noch zu den beliebtesten Zahlungsmitteln. Ein Vorteil, den sich N26 zunutze machen kann. "Dass in den USA ein Bedarf an solchen Produkten besteht, zeigt der Erfolg von Paypal", erklärt Beese. Er vermutet, dass der Trend für mobile-only Konten mit Produkten von Drittanbietern, die etwa Versicherungspolicen vertreiben, zu einem monopolistischen oder oligopolistischen Markt werden wird.

N26 profitiert von der Plattform-Idee

"Je mehr Kunden der amerikanische Ableger von N26 hat, desto attraktiver ist es für Drittanbieter, sich dort anzuschließen", meint Beese. Das gelte auch umgekehrt: Je mehr attraktive Drittanbieter bei N26 in den USA eingebunden seien, desto besser finden das die Kunden. "Und diese werden sich für das Angebot mit dem höchsten Nutzen entscheiden. Es wird also zu einem Wettlauf und die größte und attraktivste Plattform kommen."

Den etablierten Instituten dürften die aktuellen Nachrichten und die globalen Visionen von N26-Gründer Stalf wohl zu denken geben. Nicht die Zahl der aktuellen Kunden verursacht dabei den größten Schreck. "Das Konto ist ja kostenlos", so Beese. Für sich allein genommen stelle es erst mal keinen Ertragsbringer dar. Aber die hohe Bewertung spiegele die Phantasie der Investoren wider, die sich Ertragsmöglichkeiten durch den Zugang zu einer stark wachsenden Kundenzahl versprechen. "Sie setzen auf den Plattform-Gedanken von N26 als Freemium-Geschäftsmodell, nicht auf die reine Kontoführung", erklärt der Fintech-Experte. Heißt, das Basiskonto bleibt kostenlos, wer mehr möchte, bucht die Bezahlvariante. Bei den meisten klassischen Banken, wie etwa den Sparkassen, gibt es das Basiskonto nicht in einer kostenlosen Variante. 

Um die Plattform besonders attraktiv zu machen, sucht N26 nach passenden Kooperationspartnern, um etwa Fremdwährungsüberweisungen zu ermöglichen oder Kredite und Versicherungen anzubieten. "Wir entwickeln nicht alles selbst, sondern arbeiten mit den besten Fintechs und traditionellen Anbietern zusammen", erklärte CEO Stalf im Bankmagazin-Interview. Hierzu gehören aktuell Transferwise, Auxmoney oder das Insurtech Clark. Zudem werde die Unternehmensstrategie oft nicht von Ideen inspiriert, die aus dem Retailbaking stammen, sondern auch aus der Musik- oder Reisebranche. Und die Smartphone-Bank verfüge über "eines der modernsten IT-Systeme, die es in Europa, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, gibt", betonte Stalf im Bankmagazin-Gespräch selbstbewusst.

Alte Bank-IT als Hemmschuh

Und gerade an einer modernen und schlanken IT, die schnelle Prozesse ermöglicht, mangelt es den etablierten Finanzunternehmen. So werkelt die Sparkassengruppe bereits seit Frühjahr 2016 an seiner App "Yomo", die junge, online-affine Kunden ansprechen soll. Doch bietet die aktuelle Standardvariante nicht so viele Funktionen, wie es die Nutzer vom N26-Angebot gewohnt sind. Dabei können auch die klassischen Geldhäuser durchaus in kurzer Zeit neue Produkte entwickeln. Ihnen fehlt es bei der Umsetzung allerdings an ausreichenden Ressourcen. "Zu viel Zeit und Aufwand fließt in die Aufrechterhaltung und Anpassung der alten IT-Systeme", meint Beese. Auch die Fusion von Sparkassen verschlinge Manpower, die dann für die Implementierung von neuen Services und deren Umsetzung in der Fläche fehlt. "Hinzu kommt, dass sich die Innovationsgeschwindigkeit im Banking stark erhöht hat."

So werden die agilen Fintechs gerne als Kooperationspartner von den klassischen Geldhäusern genutzt. Dennoch bleiben sie vielfach Gegner im Kampf um den Kunden und Wettbewerbsanteile. "Während aktuell das Einlagengeschäft der traditionellen Banken durch die anhaltende Niedrigzinsphase stark beeinträchtigt ist und die Kreditanstalten nach der Finanzkrise diverse kostenintensive Regulierungen befolgen müssen, ziehen Fintechs durch innovative, IT-basierte und auf den Kunden fokussierte Finanzdienstleistungen eine zunehmend große Zahl von Bankkunden an", resümieren daher Sebastian Reinig, Katharina Ebner und Stefan Smolnik im Beitrag "FinTechs – Eine Analyse des Marktes und seines Bedrohungspotenzials für etablierte Finanzdienstleister" der Zeitschrift HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik (Ausgabe 6/2018).

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