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03.03.2023 | Fintechs | Kolumne | Online-Artikel

Fintech-Markt steuert auf viele Veränderungen zu

verfasst von: Arun Mani

5:30 Min. Lesedauer

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Die Rezession droht, dann doch nicht. Die aktuelle wirtschaftliche Lage verunsichert junge Unternehmen - insbesondere die Fintech-Szene. Doch die oft beschworene Konsolidierungswelle wird zumindest 2023 ausbleiben. Allerdings steht die Branche vor spannenden Veränderungen.

Je höher der Flug, desto tiefer der Fall? Fintechs waren in den vergangenen Jahren regelrechte Stars der Start-up- und Venture-Capital-Branche. Kaum ein Vertical sammelte mehr Investorengelder ein oder wuchs schneller. Umso deutlicher nun die Erschütterungen seit Beginn von Inflation und Rezession: So brachen in Europa die Fundings von Venture-Capital-Investoren für Fintechs im vierten Quartal 2022 massiv ein und beliefen sich in der Summe auf 1,8 Milliarden Euro. Im Vorjahresquartal waren es noch über 5,5 Milliarden Euro, so eine Erhebung des französischen Wagniskapitalgebers Black Fin Tech für das Branchenmagazin "Finance Forward". Dies führt unweigerlich zur Frage: Was hält das Jahr 2023 noch für die Fintech-Szene bereit?

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Mehr Kapitaleffizienz bei Investoren gefragt

Dementsprechend vorsichtig sind derzeit die Investoren. Dies ist ein krasser Gegensatz zu der Fear-of-Missing-Out der vergangenen Jahre, also der Angst, den nächsten großen Star zu verpassen. Gerade 2021 sammelten Start-ups Venture Capital (VC), der Treibstoff der Branche, in nie dagewesenen Mengen ein. Und so lag der Fokus einiger Neustarter nicht unbedingt auf Kapitaleffizienz, sondern darauf, das im Überfluss vorhandene Geld in möglichst schnelles Wachstum zu investieren.

Dieser laxe Umgang mit Kapital endete in der zweiten Jahreshälfte 2022 und wird auch 2023 nicht fortgesetzt werden. Wagniskapitalgeber achten dafür umso stärker darauf, dass Unternehmen kapitaleffizient agieren und gute Umsatzzahlen aufweisen. Die Zeiten des Mantras "Wachstum um jeden Preis" sind vorbei, die Ära der schwarzen Null hat begonnen. 

Doch das muss keine schlechte Nachricht sein, denn der Zugang zu Kapital ist bei weitem nicht versiegt: Zahlen des Wagniskapitalgebers Atomico zeigen, dass europäische Investoren auf circa 80 Milliarden US-Dollar Dry-Powder sitzen, also Kapital, über welches VC-Geber in ihren Fonds verfügen, welches sie aber noch nicht investiert haben. Diese wollen mit dem Geld Start-ups finanzieren - jedoch vornehmlich die, die auf einem stabilen unternehmerischen Fundament stehen.

Late-Stage-Fintech haben es schwer

Treffen wird die Vorsicht der Investoren vor allem Fintechs aus dem Late-Stage-Bereich, also diejenigen, die bereits relativ weit fortgeschritten und lange am Markt sind. Warum? Zum einen sind die Investments hier im Durchschnitt deutlich höher. Zum anderen erwarten die Finanziers, dass sich ihre Investitionen schneller rentieren. Etwa indem ein Start-up an die Börse geht (IPO) oder die Gründer ihr Unternehmen verkaufen (Exit). 

Leider sind angesichts des derzeitigen Geschäftsklimas sowohl der Börsengang als auch Mergers & Acquisitions (M&A) für Startups unattraktiv. So fanden in Europa 2022 beispielsweise nur zwei IPOs mit einer Marktkapitalisierung über eine Milliarde US-Dollar statt. Zum Vergleich: 2021 betrug diese Zahl 25 (State of European Tech). 

Dieser Abschwung der Börsen-Märkte trifft Fintechs besonders hart: Laut einer Analyse des Wagniskapitalgebers Bain Capital Ventures entwickelt sich die Index-Performance der Top-Fintechs derzeit nicht nur schlechter als die der S&P 500 und des NASDAQ, sondern liegt im Wert inzwischen auch darunter. Bain geht sogar so weit und sagt, dass Fintechs derzeit vom Markt "bestraft" würden.

Early-Stage-Investments auf Rekordhoch

Anders ist die Lage für frühphasige Fintechs: Investment-Zyklen sind in dieser Phase viel länger und Wagniskapitalgeber investieren hier mit einem Horizont von bis zu zehn Jahren. Kurzfristige Krisen sind für sie daher "weniger" relevant. Und so erreichten Early-Stage-Investments in europäische Fintechs 2022 einen Rekordanteil von 72 Prozent (2022 State of Fintech Report, CB Insights). 

Doch auch hier gilt: Kapitaleffizienz ist der Schlüssel. Fintechs, die in Segmenten arbeiten, die einen relativ frühen und konstanten Revenue Stream garantieren, sind im Vorteil. Dazu gehört etwa der Software-as-a-Service-Bereich. Zudem performen derzeit laut Bain Capital Ventures Fintechs im B2B-Segment besser als ihre Endkonsumenten-fokussierten Gegenstücke.

Ansprüche der Fintech-Kunden ändern sich

Doch nicht nur der Kapitalmarkt hat sich für Fintechs geändert, auch auf dem Absatzmarkt haben sich die Interessen der Kunden verschoben. Denn lange Zeit waren Spezialisten, gerade im B2B-Markt, groß im Trend. Sprich, jene Tools, die einen bestimmten Teilaspekt gut meistern konnten.

Doch mit Beginn der Rezessionssorgen warfen und werfen viele Unternehmen einen genaueren Blick auf ihren Tech-Stack. Und sie fragen sich: Brauche ich wirklich für jeden Arbeitsschritt ein einzelnes Tool? Kunden haben Subscriptions als Kostenfaktor ausgemacht und versuchen dementsprechend, diesen zu reduzieren, indem sie ihren Tech-Stack konsolidieren.

Ein Problem für Fintechs, die ihren Erfolg darauf aufgebaut haben, sich in einer hochspezifischen Nische als First Mover breit zu machen. Jene Spezialisten, die sich darauf fokussiert hatten, ihre Nische anzuführen, könnten demnach schon bald unter der Konsolidierungswelle ihrer Kunden leiden. Umgekehrt profitieren die Anbieter umfassender All-in-One-Software.

Fintech-Branche bleibt Wachstumsmarkt

Grundsätzlich ist und bleibt die Fintech-Branche ein Wachstumsmarkt. Die Finanzbranche war lange Zeit und ist weiterhin ein relativ starres, rigides Gebilde; und das ist eine Chance für schnelle, agile Fintechs mit technologisch fortschrittlichen oder ausgeklügelten Lösungen.

Zwei Trends werden wir dennoch in 2023 und 2024 verstärkt sehen:

  1. Kapitalstarke Fintechs werden versuchen, von dem All-in-One-Bedürfnis der Kunden zu profitieren oder diesem zuvorzukommen. Entsprechend werden sie finanzielle Ressourcen in die Weiterentwicklung und die Diversifizierung ihres Produktportfolios stecken.
  2. Weniger finanzstarke Fintechs, sowie Fintechs, die am Anfang ihres Start-up-Lebens stehen, werden mehr auf Partnerschaften mit komplementären Unternehmen setzen, die vor oder nach ihnen in der Wertschöpfungskette stehen: etwa das Unternehmen für die Rechnungserstellung und -verwaltung mit der Buchhaltungssoftware und der Warenwirtschaft. API-Schnittstellen werden die Tools miteinander verbinden, sodass Daten zwischen den Plattformen fließen können und sie sich nahtlos in die Arbeitsprozesse einfügen.

Bleibt die anhaltende Frage nach der großen Konsolidierungswelle in der Fintech-Szene. An dieser Stelle können aber direkt hoffnungsvollere Töne angeschlagen werden, denn aller Voraussicht nach wird diese Welle in den kommenden Monaten zunächst ausbleiben und erst 2024 zuschlagen. Die meisten Fintechs verfügen derzeit noch über ein solides Finanzpolster, um mindestens dieses Jahr zu überbrücken. Wir befinden uns damit in der Phase, die man trefflich als Ruhe vor dem Sturm bezeichnen kann. 

Fintechs mit stabilem Finanzfundament im Vorteil

Ob Fintechs von der Welle letztendlich geschluckt werden oder unbeschadet auf dieser reiten, hängt maßgeblich davon ab, wie sie ab sofort Segel und Ruder ausrichten: Sie müssen einen grundlegend nachhaltigen Ansatz verfolgen, bei dem sie weniger auf externe Finanzmittel - etwa durch Investoren - angewiesen sind. Sicher eine Herausforderung, gerade für jene Fintechs, die ihren Fokus bislang auf maximale Skalierung legten. Doch 2024 werden die Unternehmen mit dem stabilsten Finanzfundament die agilsten sein - und auf einen Markt treffen, auf dem sie sich neue Anteile sichern können.

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