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19.06.2024 | Firmenkunden | Im Fokus | Online-Artikel

Kapitalmarktfinanzierung braucht mehr Gewicht

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

3:30 Min. Lesedauer

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Der Kapitalmarkt spielt bei der Investitionsfinanzierung in Deutschland kaum eine Rolle, so eine aktuelle Studie. Nur selten nutzen Firmen Private Equity, Verbriefungen oder einen Börsengang im Inland, moniert der europäische Finanzmarkt-Verband.

"Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft, steht vor der immensen Herausforderung, bis 2030 jedes Jahr rund 175 Milliarden Euro an Finanzmitteln aufzubringen, nur um die Dekarbonisierungsbemühungen voranzutreiben", kommentiert Adam Farkas, Chef der Association for Financial Markets in Europe (AFME), die Ergebnisse eines aktuellen Reports über die Rolle der Kapitalmärkte in Deutschland. 

Für diesen hat das Beratungshaus Zeb Consulting im Auftrag des Lobbyverbands die Kapitalmarktfinanzierung in der Bundesrepublik mit der in anderen Ländern verglichen. Der Studie zufolge sind hiesige Unternehmen fast ausschließlich auf Bankkredite angewiesen. 

Nachhaltige Transformation hat enormen Finanzierungsbedarf 

Es ist klar, dass die öffentliche Hand und die Banken allein diesen massiven Investitionsbedarf nicht finanzieren können. Wenn die Bundesregierung ihre ehrgeizigen Ziele der Transformation von Industrie, Infrastruktur und Verkehr in den kommenden Jahren erreichen will, muss sie sich dem enormen Potenzial der Finanzierung über die Kapitalmärkte zuwenden", betont der aus Ungarn stammende Volkswirt. 

So stellt in Deutschland das Bankdarlehen mit 29 Prozent die wichtigste Finanzierungsform der Wirtschaft dar. In Frankreich liegt der Anteil bei 24 Prozent, in den USA nur bei zwölf Prozent. "Das Wertpapiergeschäft, also die Erbringung von Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Kauf, Verkauf und der Verwahrung von Wertpapieren, ist über alle Kundensegmente hinweg deutlich kleiner", so die Studie.

Börsengang oder Private Equity sind die Ausnahme

Auch die Marktkapitalisierung aller hiesigen börsennotierten Unternehmen ist mit knapp 50 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich niedriger als etwa in Großbritannien (140 Prozent) oder in den Vereinigten Staaten (220 Prozent). Selbst in Frankreich liege sie im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung bei über 100 Prozent. 

Außerdem wir dem Report zufolge in Deutschland auch das Potenzial von Risikokapital nicht umfassend ausgenutzt. Im Jahr 2022 lag die Private-Equity-Finanzierung (PE) im Verhältnis zum BIP bei 0,4 Prozent. In den USA war es mit 3,6 Prozent fast zehn Mal mehr Wagniskapital. 

Schuldschein als deutsche Besonderheit

Beide Finanzierungsformen spielen vor allem für Betriebe in Familienhand, von denen 94 Prozent einen Umsatz von weniger als einer Million Euro aufweisen, sowie kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nur eine geringe Rolle. 

Vielmehr stellt der Schuldschein als speziell deutsches Konstrukt, der die Merkmale von Darlehen und Anleihen vereint, nach wie vor eine wichtige Finanzierungsquelle dar, die im Jahr 2022 ein Volumen von fast 40 Milliarden Euro umfasste. Aber auch Schuldscheindarlehen, bei denen ebenfalls Banken als erste Kreditgeber fungieren, werden nicht öffentlich gehandelt und können daher von ausländischen Investoren nicht genutzt werden. 

Verbriefungen setzen Kapital frei

Der Report sieht unter anderem in Verbriefungen eine mögliche Finanzierungsalternative, die das Kapital der Banken freisetzt und damit der Realwirtschaft mehr finanzielle Kapazitäten zur Verfügung stellt. Die meist individuell strukturierten Verbriefungen wandeln Forderungen zu handelbaren Wertpapieren mit festgelegten Verlustprofilen um. 

Die Verbriefung ist das erste europaweit einheitlich regulierte Finanzprodukt und gehört aufgrund von Regelungstiefe und Transparenzvorschriften bis hin zum Reporting jeder einzelnen verbrieften Forderung in einem öffentlichen Verbriefungsregister zu den transparentesten Kapitalmarktprodukten überhaupt. Verbriefungen tragen zur Stärkung der Finanzmarktstabilität bei, da sie Banken und Unternehmen eine zusätzliche Finanzierungsmöglichkeit bieten, die auf Basis von Forderungen und weitestgehend unabhängig von der eigenen Bonität zur Finanzierung und Risikosteuerung genutzt werden kann und deren Diversifikation erhöht", schreibt hierzu das Bundesfinanzministerium in einer Stellungnahme von April 2023. 

Der gemeinsame Fahrplan von Deutschland und Frankreich zur Stärkung der Verbriefung als Finanzierungsquelle für die Realwirtschaft könnte die Position größerer, kapitalmarktorientierter Banken deutlich verbessern, erläutert der AFME-Report.

Börsengänge verlagern sich ins Ausland

Als Negativtrend identifiziert die Studie allerding die seit 2019 steigende Zahl grenzüberschreitender Börsengänge deutscher Unternehmen - vor allem in den USA. Darunter waren in erster Linie Firmen aus dem Biotechnologiesektor (52 Prozent) und aus dem IT- beziehungsweise E-Commerce-Bereich (19 Prozent). 

"Unternehmen mit einem grenzüberschreitenden Börsengang wachsen nicht nur schneller, nachdem sie öffentliches Eigenkapital erhalten haben, es besteht auch die Tendenz, dass diese Unternehmen ihr Geschäft zunehmend von Deutschland in andere Länder verlagern", so der Report. 

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