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2018 | Buch

FluchtMigration und gesellschaftliche Transformationsprozesse

Transdisziplinäre Perspektiven

herausgegeben von: Dr. Simon Goebel, Prof. Dr. Thomas Fischer, Prof. Dr. Friedrich Kießling, Prof. Dr. Angela Treiber

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Über dieses Buch

Der Band thematisiert gesellschaftliche Wandlungsprozesse, die im Kontext von FluchtMigration zu beobachten sind. Alle Beiträge vereint die Perspektive auf Migration als Normalzustand gesellschaftlicher Wirklichkeit. Die Analysen politischer Strukturen, die historisierenden Betrachtungen migrantischer Lebenswelten sowie die ethnografischen Detailforschungen über Alltagsphänomene bilden ein breites Spektrum theoretisch-methodologischer Zugänge ab. Als transdisziplinäre Zusammenschau bietet der Band Einblicke in aktuelle Forschungsfelder und Forschungsprojekte zu FluchtMigration.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Einleitung
Zusammenfassung
Spätestens seit 2013 macht FluchtMigration als Phänomen in Deutschland und in Europa kontinuierlich Schlagzeilen. Politik und Medien übertreffen sich mit Kritik oder Forderungen nach flüchtlingspolitischen Maßnahmen, mit Handlungsempfehlungen und mit Gesetzesänderungen, die der Steuerung und Kontrolle von FluchtMigration dienen sollen. Rassistischen Diskursen und deren Praxen, die den Verlust einer vermeintlich nationalen Identität fürchten, stehen antirassistische oder flüchtlingsfreundliche gegenüber, die u. a. durch das vielfältige ehrenamtliche Engagement Beachtung finden.
Thomas Fischer, Simon Goebel, Friedrich Kießling, Angela Treiber
Souveränität oder Solidarität? Die Reformbemühungen um das krisenhafte EU-Grenzregime
Zusammenfassung
Das Kapitel untersucht die schwierigen Bedingungen einer Reform des EU-Grenzregimes. Insbesondere das Dublin-Abkommen, das die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten für Flüchtlingsschutz in der EU festlegt, gilt als reformbedürftig. Folgen des Abkommens sind eine Ungleichverteilung der Kosten für das gemeinsame Gut Flüchtlingsschutz, die nur von einem Teil der EU-Mitgliedstaaten getragen werden. Der Beitrag nennt Gründe für diesen Status quo der unsolidarischen Lastenteilung. Ein Mechanismus zur Umverteilung von Flüchtlingen, so das Argument, wurde durch Faktoren wie die Pfadabhängigkeit von Politiken als auch Entscheidungsmustern, der Konsensorientierung der Mitgliedstaaten und dem Interesse an Souveränitätserhalt, verhindert. Die neuerlich angestoßenen Reformvorhaben erlauben eine Überprüfung dieser Faktoren. Der Autor stellt fest, dass trotz graduellen Politikwandels und einer Abkehr von Konsensentscheidungen seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015, die ungleiche Verteilung der Lasten im Grenzregime institutionalisiert bleibt. Das Interesse der Mitgliedstaaten an Souveränitätserhalt steht substanziellem Politikwandel entgegen und perpetuiert die grundsätzliche Krisenhaftigkeit des EU-Grenzregimes.
Christof Roos
In a State of Déjà Vu: Turkey Facing the Refugee Problem
Abstract
This paper attempts to place the official institutions and policies of the Turkish state regarding refugees in a historical perspective, drawing attention to continuities since the early years of the Republic. The first part of the paper focuses on the Exchange of Populations that took place between Turkey and Greece in the 1920s. It offers a synoptic view of the process by which the nascent Turkish state dealt with the refugees who came to Turkey according to the terms of the Convention signed between the two countries. It shows that the Turkish state generally devised the existing institutional framework of the imperial period to handle the process (e.g. redistribution, resettlement, integration, etc.) and adopted on the whole an arbitrary approach, again reminiscent of the imperial era, towards the arising problems of the refugees. This framework and approach were combined to constitute the foundations of the Turkish state’s stance on refugees and refugee phenomena. The second part of the paper goes on to argue that the recent flow of Syrian refugees to Turkey revealed the degree of continuity in the state’s stance over the refugee matters. It was not until the direct intervention of the EU owing to the booming effects of the refuge flow on its core countries that the Turkish state began to consider certain revisions in its institutions and policies. But an overview of these revisions shows that the traditional approach with all its characteristics remain for the most part unchanged and one feels almost in a complete state of déjà vu when looking at the actions of the state in these two instances almost hundred years apart from one another.
Onur Yıldırım
„Wir sind vertrieben, ohne es zu wissen.“ Narrative Konstruktionen zu Binnenmigration und Binnenvertreibung in Kolumbien
Zusammenfassung
Knapp sechs Millionen Binnenvertriebene, sogenannte Desplazados, sind das Resultat eines seit Jahrzehnten andauernden inneren Konflikts in Kolumbien. Obwohl es Vertreibungen in allen Phasen der gewaltsamen Auseinandersetzungen gab, wurden die Betroffenen lange nicht als eigenständige Opfergruppe wahrgenommen und gingen vielmehr in der allgemeinen Binnenmigration unter. Seit knapp 20 Jahren existiert jedoch ein gesetzlicher Rahmen, der die Binnenvertriebenen als eigenständige Gruppe mit bestimmten Rechten definiert. So werden z. B. mit Beginn der Übergangsjustiz die Opferversionen der Vergangenheit gehört und finden so Eingang in die aktuelle Debatte um Konflikt und Postkonflikt. Dieser Beitrag zeigt, wie sich die Binnenvertreibung in den letzten Jahren als eigenständiger Diskurs etabliert hat, der „Desplazado-Sein“ nicht mehr als Zustand wahrnimmt, der überwunden werden kann und somit verschwindet, sondern als bleibende Erfahrung in den Vordergrund stellt.
Tatjana Louis
„Ein völlig liberalisiertes Ausländertum“? Politischer Aktivismus von Exilkroaten als Herausforderung für die bundesdeutsche Innen- und Sicherheitspolitik, 1950er-60er Jahre
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit dem politischen Aktivismus kroatischer Emigranten in der Bundesrepublik nach 1945 und nimmt insbesondere die politische Gewalt gegen Vertreter und Einrichtungen des jugoslawischen Staats in den Blick, die von einigen Akteuren aus diesem Milieu ausging. Viele kroatische Politaktivisten genossen politisches Asyl oder waren als arbeitssuchende Migranten erst in Deutschland radikalisiert worden. So war die Frage nach dem gebotenen politischen Umgang mit ihnen eingebunden in ein Geflecht von innen-, migrations-, asyl- und außenpolitischen Erwägungen auf verschiedenen Ebenen. Wie sich dies genau gestaltete, ist Gegenstand der folgenden Ausführungen, die anknüpfen an Überlegungen zur Migrantisierung der deutschen Zeitgeschichte mithilfe einer Kulturgeschichte des Politischen. Thematisch wird das Attentat auf die jugoslawische Handelsmission in Bonn-Mehlem im November 1962 im Zentrum stehen. Dieses bescherte den kroatischen Emigrantengruppen bis dahin unbekannte Aufmerksamkeit und hatte unter anderem zur Folge, dass sie im Rahmen bundesdeutscher Konzeptionen zum Staatsschutz diskutiert wurden.
Matthias Thaden
„Wandel durch Annäherung“? Gesellschaftliche Konflikte im Kontext der Flüchtlingsunterbringung im ländlichen Sachsen
Zusammenfassung
Im Zuge erhöhter Fluchtmigration nach Deutschland seit dem Jahr 2014 sind Gemeinden und Bevölkerung damit konfrontiert, Zugewanderte unterzubringen. So werden auch Regionen einbezogen, die bis dato stark von Abwanderung geprägt waren, sodass die Neu-Zugewanderten theoretisch zu einer demografischen Stabilisierung beitragen könnten. Die alteingesessene Bevölkerung steht diesem Wandel jedoch teils kritisch gegenüber. In der Analyse einer Bürgerversammlung im Vorfeld einer Ansiedlung von Asylsuchenden lässt sich exemplarisch zeigen, wie lokal-globale und gesellschaftstheoretische Argumente vorgetragen werden, um gegen Zuwanderung zu argumentieren. Den Argumentationen liegen essenzialisierende Identitätskonstrukte zugrunde, mit denen im öffentlichen Raum Gemeinsamkeit gesucht und hergestellt wird. Die Feindlichkeit gegenüber Ausländer/innen ist nicht monokausal zu erklären. Aus den Redebeiträgen lassen sich Aspekte der relativen Deprivation ebenso erkennen, wie eine Überhöhung der Eigengruppe und stereotype rassistische Bilder.
Birgit Glorius, Anne-Christin Schondelmayer, Robinson Dörfel
Neues aus der Mittelstadt. Flucht und Migration in Passau
Zusammenfassung
Im Herbst 2015 wurde der Münchener Hauptbahnhof zum Symbol der deutschen „Willkommenskultur“. Mit den jüngsten Flucht- und Migrationsbewegungen nach Westeuropa, die durch die gewaltsamen Konflikte im Mittleren Osten erzwungen wurden, entwickelten sich aber gerade kleine und mittlere Städte in Deutschland zu wichtigen Schnittstellen und Knotenpunkten. Auf diese Weise wurde auch die niederbayerische Mittelstadt Passau für viele Menschen zu einem neuen Ankerplatz. Im urbanen Alltag jenseits der Metropolen München und Berlin wird seither verhandelt, was unsere Gesellschaft künftig ausmacht. Die Verortung der Ankommenden in Stadt und Region, Interaktionen und Begegnungen sowie die Entstehung von Zugehörigkeiten und Identifikationen sind dynamische, komplexe und andauernde Prozesse, die in diesem Beitrag auf der Grundlage von teilnehmenden Beobachtungen, Gesprächen mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, Studierenden und anderen Passauerinnen und Passauern, dem intensiven Austausch mit Geflüchteten sowie einer Auswertung von lokalen und überregionalen Mediendiskursen dokumentiert und analysiert werden.
Christine Egger
Bürgerschaftliches Engagement zwischen den Bedürfnissen geflüchteter Menschen und staatlicher Politik: Das „Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf“ in Berlin
Zusammenfassung
Der Artikel untersucht die Institutionalisierung bürgerschaftlichen Engagements zwischen lokaler und staatlicher Politik und den Bedürfnissen Geflüchteter am Beispiel des Willkommensbündnisses im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorf. Er beleuchtet die sogenannte „Willkommenskultur“, die bislang noch kaum wissenschaftlich erforscht ist. Der Artikel zeigt, dass das Bündnis zur Öffnung der Gesellschaft gegenüber Geflüchteten beiträgt und die Situation der Geflüchteten entscheidend verbessert. Dafür bündelt und koordiniert es das Engagement einzelner Akteure der Zivilgesellschaft und stellt den Bezug zu staatlichen Strukturen und hauptamtlich im Flüchtlingsbereich tätigen Akteuren her. Das Willkommensbündnis steht aber auch vor vielen Herausforderungen, wenn es darum geht, auf neue gesellschaftliche Anforderungen einzugehen und Geflüchtete an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben zu lassen. Die fortschreitende Diversifizierung von Asylrechten und Prozeduren, insbesondere in Bezug auf die Bleibeperspektiven von Geflüchteten, die paritätische Einbindung von Geflüchteten in die Arbeit des Bündnisses und die Unterstützung des Bündnisses seitens staatlicher Träger, die eine nachhaltige Institutionalisierung des Engagements ermöglichen würden, stellen besondere Schwierigkeiten dar.
Carolin Leutloff-Grandits
Dozieren, intervenieren, kapitulieren? Wissenschaftler_innen in politischen Talkshows über Flucht
Zusammenfassung
Politische Talkshows fungieren als Gradmesser des öffentlich-medialen Diskurses. Sie greifen jene Themen auf, die tagesaktuell eine hohe mediale Resonanz erfahren und inszenieren sie mit Mitteln unterhaltender Fernsehästhetik. Besonders häufig wurde in den letzten Jahren das Thema Flucht aufgegriffen. Mitentscheidend für die Frage, welche Vorstellungen und Narrative in den Sendungen dominieren, ist die Auswahl der Gäste durch die Polittalk-Redaktionen. Die Gäste weisen häufig einen bemerkenswerten Mangel an Expertise zum diskutierten Thema auf. Insofern fragt der Beitrag mit Blick auf Polittalks, in denen Flucht thematisiert wird, inwiefern Wissenschaftler_innen als Akteure in Polittalk-Sendungen diesem Mangel begegnen oder begegnen könnten. Die Analyse einschlägiger Sendungen sowie zweier Experteninterviews verweist auf ein Dilemma, wonach die fernsehmedialen Rahmenbedingungen einer wissenschaftlich fundierten Argumentationsweise hinderlich sind, gleichzeitig aber der wissenschaftliche Anspruch besteht, Expertise in den öffentlichen Raum zu tragen.
Simon Goebel
Refugees Welcome? Eine rassismuskritische Perspektive auf Forschungsprozesse im Zuge von FluchtMigration
Zusammenfassung
Refugees Welcome, bekannt als Statement asylpolitisch-kritischer Aktivist*innen und Refugee-Netzwerken, wurde und wird insbesondere seit den gegenwärtigen Migrationsbewegungen von Menschen in und durch Deutschland zur Solidaritätsbekundung an geflüchtete Personen genutzt. Was bedeutet es im Allgemeinen für eine kritisch reflexive Migrationsforschung, sich dem Thema FluchtMigration zu nähern und was bedeutet es im Besonderen mit Blick auf freiwilliges Engagement in diesem Bereich? Rassismuskritische Überlegungen zur Forschung über Engagement für Geflüchtete werden im vorliegenden Artikel mit Blick auf ein aktuelles Projekt beleuchtet. Der Artikel befragt Zielrichtungen von Analysen in diesem Bereich und zeigt dabei Einblicke in das Interviewmaterial aus der eigenen Forschungspraxis. Langfristig gehen mit der Reflexion von bestehenden Machtverhältnissen Veränderungen im wissenschaftlichen Denken und in akademischen Strukturen einher. Forschung in diesem Bereich bedeutet, sich politisch an dem Diskurs um einen Umgang mit Refugees Welcome zu beteiligen.
Sabine Hoffmann
Metadaten
Titel
FluchtMigration und gesellschaftliche Transformationsprozesse
herausgegeben von
Dr. Simon Goebel
Prof. Dr. Thomas Fischer
Prof. Dr. Friedrich Kießling
Prof. Dr. Angela Treiber
Copyright-Jahr
2018
Electronic ISBN
978-3-658-19036-1
Print ISBN
978-3-658-19035-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19036-1