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Über dieses Buch

Kernfragen in Bezug auf Kontextualisierung, Repräsentation, Verantwortung und Beziehung zu Geflüchteten sowohl in Forschungs- als auch in Arbeitsfeldern sind in Flucht-Migrationsforschungen bisher wenig thematisiert. Die Autorinnen und Autoren widmen sich diesen Reflexionslücken sowie grundlegenden Repräsentations- und Ethikfragen. Die breit aufgestellte, transdisziplinäre Ausrichtung macht den Sammelband für Forschende unterschiedlicher Disziplinen ebenso relevant wie für Studierende, Lehrende, Praktikerinnen und Praktiker.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Forschung und Praxis zwischen Handlungsdruck und Orientierungsunsicherheit im Kontext von Flucht_Migration

Zusammenfassung
Ganz gleich, wo und mit wem wir uns in den letzten Jahren, spätestens seit dem „langen Sommer der Migration” 2015 (Hess et al. 2017), zu den Themen Flucht, Asyl, europäische Außengrenze, Solidarität oder auch Grenzmanagement unterhalten haben, haben wir nicht selten von unserem Gegenüber gehört, dass er*sie auch gerne ‚irgendwas mit Flüchtlingen‘ machen möchte: Seien es Studierende, die nach geeigneten Themen für ihre Forschungsarbeiten suchten, Kolleg*innen oder Nachbar*innen, die sich ehrenamtlich engagieren wollten, Journalist*innen, die uns als Forschende für Interviews anfragten oder auch Schüler*innen, die einen Beitrag für ihre Schulzeitung schreiben wollten, seien es Ärzt*innen, die Geflüchtete kostenlos (not-)versorgen wollten oder Praktiker*innen der Sozialen Arbeit, die in eine Tätigkeit mit Geflüchteten wechseln wollten. Auch wir Autor*innen dieses Sammelbandes sind da nicht außen vor: Wir haben ebenfalls zu und mit Geflüchteten geforscht, haben zur Flucht_Migrationsforschung gelehrt, haben uns ehrenamtlich engagiert, sind in der professionellen Sozialen Arbeit in Sammelunterkünften und für verschiedene Organisationen tätig.
Margrit E. Kaufmann, Laura Otto, Sarah Nimführ, Dominik Schütte

Begriffsreflexionen und Repräsentations(un)möglichkeiten

Frontmatter

Die eigenen Verstrickungen reflektieren

Method(olog)ische Überlegungen zur Untersuchung der biographischen Narrationen von geflüchteten und flüchtenden Menschen
Zusammenfassung
Im Rahmen von politischen, medialen, rechtlichen und wissenschaftlichen Darstellungen, die sich mit Migration beschäftigen, kommt der Kategorie des ‚Flüchtlings‘ mittlerweile ein zentraler Stellenwert zu. ‚Flüchtlinge‘ werden beforscht, über sie wird berichtet, sich gestritten, sie werden (des-)integriert, sie werden repräsentiert, ihnen wird geholfen, sie werden abgeschoben und nicht zuletzt bieten sie die Angriffsfläche für einige der rassistischsten und diskriminierendsten Reaktionen der deutschen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Dabei scheint jede*r zu wissen, um wen es geht, wenn von ‚den Flüchtlingen‘ gesprochen wird. ‚Flüchtling‘ scheint eine, aus den Herkunftsländern mitgebrachte, beinahe naturgegebene Eigenschaft der Menschen zu sein, die ab dem Sommer 2015 nach Deutschland kamen. Die Zuerkennung der ‚Flüchtlings‘-Eigenschaft erfolgt aber nicht nur förmlich und als rechtlicher Status in Deutschland, sondern auch institutionell, diskursiv und interaktiv werden ‚Flüchtlinge‘ im Rahmen von komplexen institutionellen, gesellschaftlichen und insbesondere wissenschaftlichen Kategorisierungen erst in Deutschland zu ‚Flüchtlingen‘ gemacht. Vor diesem Hintergrund diskutiert der Beitrag die eigene, wissenschaftliche Beteiligung bei der Herstellung von ‚Flüchtlings‘-Definitionen anhand der Auseinandersetzung mit den Biographieerzählungen von geflüchteten und flüchtenden Jugendlichen. Im Zentrum stehen hierbei method(olog)ische Überlegungen zur Verwobenheit von Fremd- und Selbstpositionierungen zwischen Diskurs und Subjekt. Daraus folgernd plädiert der Beitrag dafür, die wissenschaftliche Beschäftigung mit (biographischen) Texten als Übersetzung zu verstehen.
Dominik Schütte

Kritische Normalisierung statt Besonderung

Strategeme der Selbst/Repräsentation von Flucht_Migrant*innen auf dem Legalisierungmarkt von Almería
Zusammenfassung
Basierend auf meiner bestehenden Forschung zum „Legalisierungsmarkt“ der Agrarindustrie von Almería geht es mir erstens darum, eine praxislogische Heuristik flucht_migrantischer Kämpfe und Konkurrenzen vorzuschlagen: Ich verweise damit zunächst auf zeitlos-praktische Handlungslogiken der normalisierten Kampf- und Konkurrenzkultur des Neoliberalismus im Rahmen eines konsequent kampftheoretisch gedachten Grenzregimebegriffs. In repräsentations-methodologischen Reflexionen meines Beitrags geht es mir zweitens darum, sowohl die kritisch-selbstdefinierten ‚Normalitäten‘ meiner Gesprächspartner als auch ihre strategisch-assimilativen Selbstnormalisierungspraxen bedingungslos zu akzeptieren: Ihnen war im Dialog mit mir immer wieder explizit an einem praxislogischen Verstehen ihrer polyvalent auf hegemoniale wie selbstdefinierte ‚Normalitäten‘ verweisenden Strategien und Taktiken gelegen – entgegen anfänglich besondernden Subjektidentitätszuschreibungen durch mich und in medialen Diskursen. Hier möchte ich kontrastierend herausarbeiten, was konventionelle Skandalisierungen ‚illegaler‘ Arbeitsmärkte für tendenziell besondernde und damit denormalisierende Auswirkungen auf die mediale und ethnographische Repräsentation von Flucht_Migrant*innen haben.
Felix Hoffmann

Ethnografisch forschen und die Wirkmächtigkeit der Kleinheit

Methodentheoretische Überlegungen und empirische Einblicke zur Produktion, Wahrnehmung und Repräsentation von räumlichen Zuschreibungsdiskursen
Zusammenfassung
Die geografische Kleinheit Maltas ist ein bedeutender Bestandteil aktueller Flucht_Migrationsdiskurse. Bootsmigration wird diskursiv als bedrohliches und überlastendes Phänomen für das lokale Asylsystem sowie die Inselgesellschaft dargestellt. Die Kleinheit wird als wirkmächtige Bezugsgröße zur Legitimation restriktiver Migrations- und Asylmaßnahmen verwendet, um ein langfristiges Bleiben der neuankommenden, geflüchteten Menschen nahezu zu verunmöglichen. Die Kleinheit spielt jedoch nicht nur für nicht-geflüchtete Akteur*innen eine Rolle; die vermeintliche Abgeschlossenheit ist auch für Geflüchtete von Bedeutung. Aus den verschiedenen Dimensionen und Bedeutungen von Kleinheit ergeben sich auch Folgen für die forscherische Praxis und Repräsentation. Basierend auf ethnografischen Erhebungen sowie unter Bezugnahme von Überlegungen und Verbindungen aus Methoden und Theorie, wird veranschaulicht, dass Kleinheit als Relationsbegriff zu denken ist und dekonstruiert werden kann. Als mögliches Analysetool wird die Islandscape vorgeschlagen, die Raum als durch verschiedene Akteur*innen geformt und performt versteht. Dies ermöglicht, Malta nicht allein durch seine physischen Grenzen und damit die tatsächliche Größe, begrenzt durch das Meer, als beschränkt und abgegrenzt zu sehen, sondern aufzuzeigen, welche Praktiken zu Be- und Entgrenzungen führen.
Laura Otto, Sarah Nimführ

Empirische Einblicke und forschungstheoretische Umsetzungen

Frontmatter

Humanitäre Medieninterventionen

Ethnographie digitaler Infrastrukturen in Unterkünften für Geflüchtete
Zusammenfassung
Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit „free network communities“ in Deutschland, die sich seit dem Sommer 2015 vermehrt für die Kommunikationsrechte und technische Unterstützung von geflüchteten Menschen einsetzen. Mein Beitrag basiert auf einer ethnographischen Analyse von Freifunk, jener Initiative, die bereits seit dem Jahr 2000 die Gestaltung offener Bürgernetze in deutschen Städten vorantreibt. Im Zentrum stehen die konflikthaften Praktiken der Verhandlung, Planung und Installation von freier Internet-Infrastruktur in Bremer Unterkünften für Geflüchtete. Vor dem Hintergrund interdisziplinärer Wissenschafts- und Technikforschung (STS) und kritischer Migrationsforschung mache ich die politischen Implikationen sowie kollaborative Potenziale von humanitären Medieninterventionen deutlich.
Tim Schütz

Iraqi Refugees and Asylum Seekers between Settlement and Return

Hopes, Frustrations, and Dreams
Zusammenfassung
The stories and lived experiences of Iraqi refugees residing in Germany remain broadly overlooked in academic and public debates. Finding themselves in various situations and personal desires between settlement and return, this chapter focuses on three stories told by Iraqi refugees on how they give meaning to their very personal experiences. The chapter brings together ethnographic material as well as insights from a social worker’s perspective in the context of forced migration. Drawing on an understanding of narratives as being both relational and contingent allows us to move beyond authorities’ expectations of refugees’ stories, thereby highlighting diverse experiences diverging from the officially accepted refugee narrative. The chapter is guided by questions of the (im-)possibilities of representation and seeks to promote greater reflexivity among both social workers and academics conducting ethnographically driven research.
Sanaa Wajid Ali, Laura Otto

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe zugewanderter und geflüchteter Menschen

Eine ethnographische Forschung zu Sprachcafés
Zusammenfassung
Teilhabe zugewanderter und geflüchteter Menschen ist zentral, wenn es um gelebte Integration in einer Gesellschaft geht. Sowohl in Praxis als auch in Forschung im Kontext von Flucht_Migration fehlt es allerdings an Teilhabemöglichkeiten. Dieser Beitrag widmet sich aus diesem Grund aus einer ethnographischen Forschung heraus der Frage, wie sich Begegnungen, Forschung und Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Migrations- oder Fluchtgeschichte gemeinsam gestalten lassen. Antworten werden am Beispiel des bürgerschaftlichen Engagements in Form von Sprachcafés gegeben. Da die Autorin selbst ein solches anbietet, forschte sie in einer Doppelrolle, wodurch sich soziale Kontakte und Repräsentationsformen jenseits der Objektivierung entwickeln konnten. Sprachcafés beschreibt sie anhand von vier Dimensionen als Möglichkeitsräume für Teilhabe, reflektiert dabei jedoch auch Ambivalenzen und Grenzen sowie die Verstrickung dieser Räume mit dem hierarchischen staatlichen Asylsystem. Der Beitrag zeigt so insgesamt die Notwendigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen auf, welche eine Teilhabe zugewanderter und geflüchteter Menschen in Forschung und Praxis fördern.
Geesche Decker

Intermedium

Frontmatter

“We have to restructure the way the educational system works from scratch.”

Zusammenfassung
Abimbola, Edward and Leslie got to know each other in 2018 in the context of political mobilizations against racism and for the rights of migrants. As they heard about this book, the idea grew to produce a text together to represent the thoughts of those who are structurally excluded from the European academic system but have a lot of knowledge about it. According to the wish of the two men this text is kept very close to the spoken word.
Abimbola Odugbesan, Leslie Carmel Gauditz

Forschungspraktische Überlegungen zu konzeptuellen Ansätzen

Frontmatter

Einbindung von Übersetzenden im Kontext der Flucht_Migrationsforschung

Rollenverständnisse, Chancen und Herausforderungen
Zusammenfassung
In den letzten Jahren verzeichnete sich eine Zunahme der Flucht_Migrationsforschung und damit einhergehend ein Anstieg an Projekten mit Geflüchteten als Gesprächsteilnehmende. Methodische Herausforderungen in diesem Kontext ergeben sich u. a. durch den erforderlichen Umgang mit Sprachenvielfalt. Diskutierte Umsetzungsmöglichkeiten sind Gespräche mit zweisprachigen Forschenden, in einer Lingua franca sowie mit Übersetzenden. Basierend auf den Erfahrungen zweier qualitativer Forschungsprojekte stehen die Chancen und Herausforderungen von Gesprächstriaden zwischen übersetzender, befragter und forschender Person im Fokus. Übersetzungen verändern Aussagen und damit das Datenmaterial. Gleichzeitig ermöglicht eine Interpretations- und Übersetzungsleistung jenseits von sprachlich Verbalisiertem einen Erkenntniszuwachs. Die Zusammenarbeit mit Übersetzenden erfordert eine aktive Auseinandersetzung der Forschenden mit den jeweiligen Hintergründen der teilnehmenden Personen, deren Erwartungen an das Gespräch sowie den individuellen Rollenverständnissen.
Andrea Rumpel, Jana Tempes

Zur Frage von Repräsentation und Ethik

Kollaborativ forschen und filmen – geht das überhaupt? Eine Reflexion über die gemeinsame Arbeit an einem ethnografischen Film
Zusammenfassung
Kollaborative Praxis- und Forschungsansätze sind sowohl in der künstlerischen als auch in der akademischen Arbeit zu und mit Geflüchteten derzeit en vogue. Mit der tatsächlichen Umsetzbarkeit eines kollaborativen Ansatzes – im Sinne einer ausbalancierten Entscheidungs- und Tätigkeitsverteilung – sah sich die Autorin im Rahmen der Erstellung eines ethnofiktionalen Filmes konfrontiert. In der gemeinsamen Erarbeitung dieses Filmes mit zwei jungen Geflüchteten stellte sich heraus, dass die Kollaboration selbst zum (kreativen) (Aushandlungs-)Prozess wurde und keineswegs eine Methode darstellt, die spiegelbildlich aus den Lehrbüchern in die Praxis übertragen werden kann. Im Rahmen des ethnofiktionalen Filmprojektes Deutschlandfiction wurden vielmehr sämtliche Haltungen, Wünsche und Erwartungen der beteiligten Kollaborateur*innen berücksichtigt und ausgehandelt. Im Rahmen dieses Beitrags werden konkrete Situationen, Dynamiken und Entscheidungen reflektiert, um zu zeigen, welche Schwierigkeiten während einer kollaborativen Arbeit auftauchen können, aber auch, wie produktiv damit umgegangen werden kann.
Jana Eiting

„They come and build their careers upon our shit“ oder warum ich 2014/15 nicht über Geflüchtete geforscht habe und sie dennoch maßgeblich zu meiner Forschung beitrugen

Reflexionen über strukturelle Hürden und Grenzen der Wissensproduktion
Zusammenfassung
Der „Sommer der Migration“ 2015 führte zu einem „Boom“ in der Forschung zu Geflüchteten. Flüchtlingsinitiativen meldeten den Universitäten zurück, dass sie mit der Menge an Anfragen von forschungswilligen Studierenden überfordert seien. Auch für Menschen, die schon länger im Bereich Migration, Flucht und Asyl forschten, stellte sich die Frage, wie mit der Situation angemessen umzugehen sei. In diesem Beitrag wird die eigene Entscheidung, angesichts der Situation und eigener struktureller Rahmenbedingungen nicht mit und zu Geflüchteten zu forschen im Hinblick auf ihre Implikationen und Effekte kritisch reflektiert. Im Zentrum steht eine ethnografische Feldforschung auf Sylt, mit der die Politiken, Praktiken, Ökonomien und Infrastrukturen der Fürsorge in der ehrenamtlichen und professionellen Arbeit mit Geflüchteten untersucht werden sollten. Sehr schnell zeigte sich, dass die konzeptionell beabsichtigte Fokussierung auf die ‚ansässige‘ Bevölkerung nicht funktionierte, da die zu untersuchenden Praktiken in der direkten Interaktion zwischen der Bevölkerung Sylts und den Geflüchteten konkret wurden. In diesem Kontakt wurde Improvisation als das Feld auf allen Ebenen konstituierender Handlungsmodus deutlich und geriet damit in den Fokus meines Forschungsinteresses. Erst durch das Vertrauen von Geflüchteten bekam ich Zugang zu den machtdurchsetzten improvisatorischen Praxen der Behörden und ihren Effekten.
Silke Betscher

Feldausstieg in der Forschung zu Flucht_Migration

Vom Mythos der Distanz
Zusammenfassung
In den letzten Jahren hat ein Hype um Forschung zu Geflüchteten und Flucht_Migration stattgefunden. In dieser Forschung werden vielfach qualitative Methoden benutzt, welche maßgeblich vom Aufbau vertrauensvoller Beziehungen zu Forschungsteilnehmenden abhängen. Beim Feldausstieg im Bereich Flucht_Migration treten Herausforderungen auf, die sowohl Forschende als auch Forschungsteilnehmende belasten und koloniale Diskriminierungsstrukturen wiederholen können. Einschlägige Methodenliteratur vernachlässigt aber forschungsethische Dilemmata während des Ausstiegs aus ethnografischer Forschung. Deshalb wird gefragt: Inwiefern können und sollen nichtgeflüchtete Forschende, die zu Flucht und mit Geflüchteten arbeiten, mit der Möglichkeit des Verlassens des Feldes „Flucht“ umgehen? Die Rolle von Freundschaft, von Nähe und Distanz wird diskutiert. Es werden Reflexionsanregungen für das Forschungsdesign erarbeitet und versucht, einen Beitrag zu machtsensibler Forschung im Bereich Flucht_Migration zu leisten.
Leslie Carmel Gauditz

Theorie-Praxis-Transfer zu Ehrenamt, Sozialer Arbeit und universitärer Lehre

Frontmatter

Ehrenamtliche als Integrationslotsen im totalen Flüchtlingsraum?

Risiken und Chancen der Orientierung am Integrationsbegriff im Feld ehrenamtlicher Unterstützung für Geflüchtete
Zusammenfassung
Das Feld ehrenamtlicher Unterstützung für Geflüchtete ist ein weites: Im April 2017 leistete jede*r Zehnte in Deutschland aktive Hilfe für Geflüchtete. Diese Hilfe wird dabei eng mit Integrationsarbeit verknüpft, wie Befragungsergebnisse zu Motiven und Tätigkeitsbereichen des Engagements nahelegen. Darauf aufbauend werden die Logiken und Machtmechanismen des ‚totalen Flüchtlingsraums‘, wie Schroeder (2003) in Anlehnung an Goffmans ‚totale Institution‘ und Foucaults ‚panoptischer Gesellschaft‘ konzipiert, in Bezug auf Ehrenamtliche herausgearbeitet. In der Perspektive kritischer Migrationsforschung wird hinterfragt, wie ehrenamtliche Integrationsarbeit zur De- bzw. (Re-)Konstruktion des totalen Flüchtlingsraums beiträgt. Dabei wird deutlich, dass trotz des allgegenwärtigen Bezugs auf den Integrationsbegriff mitunter sehr Unterschiedliches darunter gefasst wird. Hierdurch werden Dominanzverhältnisse gerade im Hinblick auf Prozesse des Otherings (vgl. Hall 1989; Spivak 1985) unsichtbar gemacht. Auf diesen Überlegungen aufbauend wird die Notwendigkeit von Reflexionsräumen und -angeboten formuliert, wie auch die Notwendigkeit von qualitativ-rekonstruktiver Forschung, die Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster Ehrenamtlicher in den Blick nimmt.
Niklas-Max Thönneßen

Soziale Arbeit im Spannungsfeld von Individuum, Profession und Politik

Herausforderungen, Konzepte und theoretische Überlegungen zur Integrationsarbeit in Wien
Zusammenfassung
Im Sommer 2017 wurde in Österreich ein neues Integrationsgesetz erlassen. Im Rahmen dieses Integrationsgesetzes werden existenzsichernde Sozialleistungen für Geflüchtete an die Absolvierung von Integrationsmaßnahmen geknüpft. Akteur*innen der Integrationsarbeit in Wien stehen nun vor der Aufgabe, die Abläufe in der praktischen Arbeit an den neuen Gesetzestext anzupassen. Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht die Darstellung der Auswirkungen dieses Integrationsgesetzes auf die berufliche Praxis in der Sozialen Arbeit in Österreich, speziell in Wien. Die Analyse der Schwierigkeiten von Sozialarbeitenden bei der Umsetzung des neuen Integrationsgesetzes erfolgt durch die Besprechung eines Fallbeispiels. Dazu werden die Rahmenbedingungen der Europäischen Union herangezogen, wie auch die rechtliche Ausgestaltung des Integrationsgesetzes in Österreich. Mittels des Konzepts des Tripelmandats von Silvia Staub-Bernasconi erfolgt eine theoretische Beschreibung des Spannungsfeldes von individuellen, professionellen und politischen Bedingtheiten im Kontext des Integrationsgesetzes. Aus den Ergebnissen dieser Analysen werden abschließend Handlungsoptionen für Sozialarbeitende skizziert.
Mohamed Aboelwafa, Miriam Schulte-Holtey

Ethik- und Methodenfragen beim Forschen, Lehren und Lernen zu Flucht und Asyl

Für wen, unter welcher Perspektive und wie gestalten?
Zusammenfassung
Über die Beschäftigung mit Ethik- und Methodenfragen hinsichtlich des Forschens und Arbeitens zu Flucht und Asyl fokussiere ich in diesem Beitrag, vor dem Hintergrund kritischer, postkolonial-feministischer Theoriebildung, die Verbindung von Arbeiten, Forschen, Lehren und Lernen. Im Einstieg beziehe ich mich auf die Allgegenwärtigkeit von Vertreibung und Flucht und stelle Fragen nach der Perspektive des Umgangs damit sowie nach der jeweiligen Positionierung. Im Anschluss daran gehe ich auf ein eigenes Arbeits- und Forschungsprojekt mit Frauen mit Flucht_Migrationsgeschichten ein. An diesem Projekt, einer kritischen „Engaged Anthropology“ (Low und Merry 2010), waren auch Studierende beteiligt. Zusammen forschten wir im Rahmen meiner Methodenlehre unter dem didaktischen und methodischen Konzept des Forschenden Lernens als „Community of Practice“ (Lave und Wenger 1991, Kaufmann 2018a). Nach einer Reflexion von Dilemmata und Problemstellungen im Projekt diskutiere ich abschließend grundlegende ethische und methodische Fragen, denen wir uns beim Forschenden Lernen zu Flucht und Asyl zu stellen haben. Diese geben Denkanstöße und lassen sich auf andere Arbeiten und Forschungen zu Flucht_Migration und mit Menschen mit Flucht_Migrationsgeschichten übertragen.
Margrit E. Kaufmann
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