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08.12.2014 | Fossile Energien | Interview | Onlineartikel

Gas als Schlüssel für eine nachhaltige Energiewende?

Autor:
Günter Knackfuß

Die Gesellschaft steht vor der Aufgabe, ein unter ökologischen Aspekten nachhaltiges Energiesystem zu entwickeln. Im Interview ordnet Gerald Linke die Energiewende aus Sicht des DVGW ein.

Springer für Professionals: Die Internationale Gas Union IGU sieht Erdgas weltweit vor dem 'Eintritt in ein goldenes Zeitalter'. Wie beurteilen sie diese Aussichten?

Gerald Linke: Erdgas weist unter allen fossilen Kraftstoffen mit Abstand die geringsten CO2-Emissionen auf. Gegenüber dem Einsatz von Benzin und Diesel lässt sich mit Erdgas als Kraftstoff bis zu 24 Prozent des klimaschädlichen Treibhausgases einsparen. Auch bei anderen Schadstoffen wie Ruß und Stickoxiden schneidet Erdgas deutlich besser ab als Benzin und Diesel. Darüber hinaus ist der CO2-Ausstoß von Erdgas auf der Basis des Energieäquivalents um 45 Prozent niedriger als der von Kohle und um 27 Prozent niedriger als der von Erdöl. Weltweit werden jedoch weit mehr Kohle und Öl verbrannt als Gas. Bereits etablierte Erdgastechnologien bieten die höchste Effizienz bei gleichzeitig niedrigstem CO2-Ausstoß aller fossilen Brennstoffe. Daher ist es klimaschutz- und energieeffizienzseitig geboten, nachdrücklich für einen stärkeren Anteil des Gases am internationalen Energie-Mix einzutreten.

In Deutschland kommt Gas eine Schlüsselrolle zur Integration erneuerbarer Energien zu. Welche technologischen Entwicklungen sind darüber hinaus erforderlich, damit die Transformation des deutschen Energiesystems als Referenzmodell für potenzielle Nachahmer in der Welt auch zügig gelingt?

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Neben der Integration erneuerbarer Energien in das Energiesystem ist auch die Verbindung von Gas- und Stromnetzten eine deutsche Pionierarbeit mit potenziellen Auswirkungen auf den weltweiten Energieversorgungsmarkt. Denn durch die Energiewende kommunizieren Gas- und Strominfrastruktur in Deutschland immer stärker miteinander. Innovative gasbasierte Speichertechnologien gewinnen dadurch zunehmend an Bedeutung. Diese sind ein wichtiger Baustein, um das schwankende Angebot aus erneuerbaren Ressourcen wie Sonnen- und Windkraft auszugleichen und Strom verbrauchsabhängig produzieren zu können. Eine Lösung mit großem Potenzial ist die Power-to-Gas-Technologie. Aus regenerativ erzeugtem Überschuss-Strom wird durch die Elektrolyse Wasserstoff bzw. anschließend synthetisches Methan erzeugt und direkt in das vorhandene Gasnetz eingespeist. Damit wachsen Gas- und Strominfrastruktur zu einem Gesamtenergiesystem zusammen. Power-to-Gas ist damit das Bindeglied zwischen Strom- und Gasnetz.

Die spartenübergreifenden Potenziale der Energiewende rücken immer stärker in den Blickpunkt. Wie bewerten Sie die Synergieeffekte innovativer Energietechnologien, die etablierte Systemgrenzen überschreiten?

Als Ingenieure sind wird es gewohnt, Probleme in Teilaspekte einzuteilen und Systemgrenzen zu ziehen, um effizient zu Lösungen zu kommen. Dabei darf man aber nicht das große Ganze aus dem Auge verlieren. Mein Eindruck ist, dass diese Einteilung in der Vergangenheit zu eng und zu kleinteilig war. Erst der Ausbau der Erneuerbaren, dann der Fokus auf Transportkapazitäten und schließlich erst der Blick auf den wachsenden Energiespeicherbedarf. Diese Herangehensweise ist teuer und führt meiner Ansicht nach zu den falschen technischen Lösungen. Wir müssen uns von einem kleinteiligen Spartendenken und der Orientierung an Systemgrenzen lösen und wieder den Blick für das übergeordnete Ganze schärfen. Nur so werden wir die Ziele für 2050 effizient und sicher erreichen. Dabei ist Power-to-Gas die Brückentechnologie von der Storm- zur Gas-Infrastruktur und die entscheidende Drehscheibe zur Erschließung vieler weiterer Anwendungsfelder: Vom klassischen Wärmemarkt über die Stromproduktion einschließlich Kraft-Wärme-Kopplungbis hin zur klimafreundlichen Mobilität und dem Einsatz des Gases als Feedstock in der chemischen Industrie. Über den Weg der Verflüssigung von Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) werden derzeit weiterer Pfade erschlossen. Mit LNG können zusätzlich der Schwerlastverkehr sowie der Schiffsverkehr erreicht werden.

 

Werden sich Fracking-Technologien zur Erdgasförderung in Deutschland durchsetzen können?

Beim Thema Fracking befinden wir uns mitten in einer Meinungsfindungsphase, in der aufklärende Information, emotionale Vorbehalte, sicherheitsrelevante Bedenken und überprüfbare Fakten aufeinander treffen. Es gilt hier, unsere im internationalen Vergleich hohen Anforderungen an Sicherheit und Qualität – insbesondere der Trinkwasserqualität – und unsere Bedürfnisse nach energiewirtschaftlicher Autarkie nicht gegeneinander auszuspielen. Allerdings ist die kritische öffentliche Meinung bereits stark verfestigt und wird nur sehr schwer zu verändern sein. Deshalb wird es vielleicht ein Demonstrationsvorhaben in Deutschland geben, Förderung von Schiefergas mit Hilfe von Fracking erwarte ich aber eher in anderen Ländern.

Wie beteiligt sich der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches e.V., DVGW am Jahrhundertprojekt Energiewende?

Die Energiewende stellt eine große Herausforderung für die Ingenieurskunst in Deutschland dar. Der DVGWnutzt die gesamte Innovationskette von der Forschung zur industriellen Technologie bis hin zur Schaffung von Rechtssicherheit durch Kodifizierung einschlägiger Technischer Regeln. Durch den Primärenergieträger Erdgas sind Lösungen denkbar, die die Energiewende zum Erfolg führen können. Mit vier renommierten Gasforschungseinrichtungen und über 13.700 Mitgliedern ist der Verein das Labor des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts in der Gasversorgung und zugleich Katalysator für Innovationen, die den Weg in ein nachhaltiges Energiesystem der Zukunft weisen. Denn eines ist klar: Gas ist nicht nur der Motor der Energiewende, Gas ist die entscheidende Schlüsselressource, die zum Erfolg der Energiewende ganz entscheidend beitragen wird.

Wie bewerten sie das Netzwerk IGU-DVGW?

Das Netzwerk zwischenIGUund DVGW ist überaus engmaschig und wird seit vielen Jahren sehr intensiv gepflegt. Als Stimme der globalen Gaswirtschaft tritt die IGU für die Gasverwendung als grundlegenden Baustein einer nachhaltigen energetischen Zukunft ein. Darüber hinaus hat es sich die IGU zur Aufgabe gemacht, die weitere Entwicklung der Gaswirtschaft durch eine breitere Anwendung innovativer Technologien zu fördern. Nicht zuletzt in diesen zentralen Punkten ist die energiepolitische Agenda von IGU und DVGW nahezu deckungsgleich.AlsIGU-Gründungsmitgliedwird der DVGW sein Engagement inderIGU auch weiterhin sehr intensiv fortführen; sei es durch die Organisation vonIGU-Veranstaltungenoder die Leitung vonIGU-Ausschüssen.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

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