Venture Debt springt bei Start-ups in die Presche
- 14.12.2023
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Venture-Debt-Finanzierungen rücken immer mehr in den Fokus von Start-ups, belegen aktuelle Daten von KfW Research. Das wachsende Segment füllt eine Lücke im Finanzierungsumfeld junger Unternehmen und bietet einige Vorteile.
Venture Debt ist ein Kredit für Jungunternehmen, denen noch positive Cashflows als auch tangiblen Vermögenswerte für eine klassische Finanzierung fehlen.
Nuthawut Somsuk / Getty Images / iStock
Dass es Jungunternehmen in Deutschland an klassischen Finanzierungsmöglichkeiten mangelt, ist kein Novum. Wer kann, finanziert das Geschäftsmodell über Wagniskapital. Doch die Krisen der vergangenen Jahre sind auch an den Venture-Capital-Investoren nicht spurlos vorüber gegangen und haben viele Beteiligungsgesellschaften vorsichtig werden lassen. Das Beratungshaus EY spricht in seinem Start-up-Baromenter vom Sommer diesen Jahres von einem "deutlichen Dämpfer für die deutsche Start-up-Szene". Der Erhebung zufolge ist das Gesamtvolumen der Investitionen in der ersten Hälfte dieses Jahres verglichen mit der Vorjahresperiode um 49 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro zurückgefallen.
Insgesamt hat die Zahl großer Deals abgenommen, heißt es in der Analyse. Waren es im ersten Halbjahr 2022 noch 15 Abschlüsse im Wert von mehr als 100 Millionen Euro, zählten die EY-Experten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres lediglich fünf Investitionen in dieser Größenordnung. Halbiert haben sich auch die Abschlüsse in einem Volumen von jeweils mehr als 50 bis 100 Millionen Euro, von zwölf im ersten Halbjahr 2022 auf sechs in den ersten sechs Monaten dieses Jahres.
Venture Debt füllt Finanzierungslücken
Doch wo Kapital fehlt, tun sich auch Alternativen auf: Im Rahmen der Start-up-Finanzierung hat sich in den vergangenen Jahren "ein reger Markt für Fremdkapital […], so genanntes Venture Debt, etabliert", schreiben die Volkswirte von KfW Research in einem im November 2023 vorgestellten Report. Trotz der bislang nur dünnen studienbasierten Datenlage für dieses Segment haben sich die Experten mit der Entwicklung des Venture-Debt-Markts in Deutschland und Europa befasst und entsprechende Daten analysiert.
Ihnen zufolge waren hierzulande bis 2015 jährlich nur Transaktionen im einstelligen Bereich zu beobachten. Doch die Zahl der Deals ist 2022 auf 41 mit einem Gesamtvolumen von fast vier Milliarden Euro geklettert. "Auch in ganz Europa verzeichnete der Markt im Vorjahr seinen vorläufigen Höhepunkt mit 337 Finanzierungen und einem Volumen von rund 21 Milliarden Euro."
Geringere Zinslast gegenüber VC
"Venture Debt weist eine geringere Verlustgefahr auf als Venture Capital (VC), jedoch eine höhere als der klassische Bankkredit oder Private Debt", heißt es hierzu im Buch "Transformationsfinanzierung". Eine Venture-Debt-Finanzierung läuft laut Springer-Autor Thilo Grundmann tendenziell für einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren. Sie sei als Terminkredit ausgestaltet und werde - idealerweise - vollständig besichert. "Die jährliche Verzinsung variiert zwischen sechs und zwölf Prozent" und liege damit tendenziell niedriger als eine Venture-Capital-Finanzierung.
In Anbetracht der derzeitigen Rahmenbedingungen aus neuem Zinsumfeld und hoher makroökonomischer Volatilität werden die Herausforderungen für Start-ups auf dem Beteiligungskapitalmarkt für das erste hoch bleiben, und Venture Debt als komplementäre Finanzierungsquelle weiterhin gefragt sein", vermuten die KfW-Ökonomen in Ihrer Studie.
Auch in der Frühphase als Alternative gefragt
Da beim Finanzierungsbedarf von Start-ups oft schnell die Möglichkeiten von Gründern und informellen Investoren wie Business Angels ausgereizt sind, wird laut Springer-Autor Thomas Ulmer bereits in der Frühphase die Nutzung externer Finanzierungsquellen kritisch für die Performance des Jungunternehmens.
"In Abgrenzung zur traditionellen Kreditfinanzierung bezeichnet Venture Debt die Vergabe von Krediten an Start-ups, die noch keine positiven Cashflows erwirtschaften und die über keine tangiblen Vermögenswerte verfügen, welche als Kreditsicherheit dienen können", heißt es im Buch "Mechanismen und Einzigartigkeit von Acceleratoren".
Im Vergleich zur konventionellen Bankenfinanzierung orientieren sich Venture-Debt-Geber laut KfW Research daran, "wie wahrscheinlich ein Start-up in der Zukunft Wachstum generieren, und so erfolgreich neues Eigenkapital einsammeln oder profitabel werden kann". Als zentrale Akteure nennen die Volkswirte spezialisierte Venture-Debt-Fonds als auch Geschäftsbanken.
Vertragsgestaltung meist komplex
Diese schreiben im Vertrag mit den Unternehmen neben Laufzeit und Zinsen häufig auch individuelle Vereinbarungen zur Partizipation am Unternehmenserfolg (Equity Kicker in Form von Warrants) oder bestimmte Auflagen (Covenants) fest. Da die Verträge meist an den Einzelfall angepasst werden, ist diese Finanzierungsform laut der KfW-Experten allerdings "vergleichsweise komplex".
Die große Flexibilität bei der Vertragsgestaltung und die nach wie vor sehr rege Entwicklung des jungen Markts seien Gründe dafür, "dass sich bis dato keine umfassende, allgemeingültige Definition von Venture Debt etabliert hat".
Weniger Kapitalkosten und Zeitgewinn
Doch die Vorteile für die Jungunternehmer sprechen laut Studie für sich: Die Kapitalkosten sind gegenüber der Finanzierung mit Beteiligungskapital geringer und Start-ups geben bei dieser Finanzierungsvariante in der Regel keine oder nur in geringerem Umfang Gesellschaftsanteile ab. "Somit kommt es nicht zu einer Verwässerung der Anteile von Gründerinnen und Gründern sowie der Bestandsinvestoren und die Aufnahme von Venture Debt macht typischerweise keine neue Bewertung des Start-ups erforderlich“, so die KfW-Experten.
Zudem gewinnen Jungunternehmen auf diesem Weg Zeit bis zur nächsten Finanzierungsrunde oder vor der nächsten Bewertung, um "wertsteigernde Meilensteine" umzusetzen oder "eine Neubewertung zu ungünstigen Marktsituationen zu vermeiden". So haben auch Bund und die Föderbank mit dem Venture Tech Growth Financing (VTGF) ein Venture-Debt-Kreditprogramm aufgelegt.
Tansaktionsvolumen nimmt zu
Die genannten Pluspunkte verleihen den Transaktionen in Europa derzeit kräftig Auftrieb, wie folgende Grafik zeigt:
Dealroom.co, KfW Research
In ihrer Analyse stellen die KfW-Fachleute zudem eine steigende Zahl großvolumiger Transaktionen fest: "So machten in Deutschland im Jahr 2022 sehr große Abschlüsse mit einem Volumen von 250 Millionen Euro und mehr nur 17 Prozent der Deals aus, aber ganze 80 Prozent des Dealvolumens", erklären die Experten. Allein auf die beiden größten Deals, die auf die Einhörner Enpal und Celonis zurückgehen, seien insgesamt über eine Milliarde Euro des Transaktionsumfangs gefallen.
SVB-Pleite sorgt nur kurzfristig für Schock
Letztlich hat auch die Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) im März 2023 trotz einer zunächst großen Verunsicherung die Dynamik der Marktentwicklung nicht nachhaltig ausgebremst. "Die SVB hatte den Markt für Venture Debt maßgeblich mitentwickelt und gehörte international zu den größten Anbietern", so die KfW. Laut Springer-Autor Ulmer hatte die einstige "Hausbank der Hightechbranche in den USA" 2018 in Frankfurt ihre erste deutsche Niederlassung eröffnet. In London betrieb das Haus bereits seit 2005 das Ventrue-Debt-Geschäft.
Allerdings sei die Zahl der Verträge mit deutschen Unternehmen überschaubar gewesen, obwohl laut KfW Research der Vorfall "kurzfristig für eine Neubewertung der Risiken" gesorgt habe. "Insbesondere die Anzahl der im zweiten Quartal 2023 abgeschlossenen Deals sind Ausdruck einer schnellen Erholung und Wiederaufnahme der Finanzierungstätigkeit." Während die Experten im ersten Jahresviertel nur acht Deals mit einem Volumen von 115 Millionen Euro in Deutschland zählten, waren es von April bis Juni bereits wieder 18 in Höhe von insgesamt 855 Millionen Euro.
Nachfrage übersteigt das Angebot
Dennoch gibt es trotz der positiven Effekte auch einen Wermutstropfen: Während die Investoren die Marktentwicklung bis zur zweiten Jahreshälfte 2021 für die kommenden sechs Monate positiv einschätzten, rutschten die Stimmungsindikatoren zur aktuellen Lage und den Erwartungen im vierten Quartal 2022 in den negativen Bereich ab. Im Klartext: Die Geldgeber beurteilten die Verfügbarkeit von Venture Debt mehrheitlich negativ.
Auch Zahlen des Bitkom Start-up Reports, der im September 2022 vom Digitalverband veröffentlicht wurde, zeigen, dass sich zwar 31 Prozent der fast 150 befragten Jungunternehmen für diese Finanzierungsalternative interessieren, ihnen "das Angebot in Deutschland aber nicht attraktiv genug ist".
Allerdings fand die Befragung des Bitkom von April bis Juni 2022 statt. Im Juli läutete dann die erste von insgesamt zehn Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank die Zinswende ein. Dies führte unter anderem zu einer Verschärfung der Zugangsbedingungen für klassische Finanzierungen im Firmenkundengeschäft.
Venture Dept kontinuierlich weiterentwickeln
Insgesamt gehen die KfW-Experten deshalb davon aus, dass der Markt vorerst seinen positiven Entwicklungspfad fortsetzen wird:
In Anbetracht der derzeitigen Rahmenbedingungen aus neuem Zinsumfeld und hoher makroökonomischer Volatilität werden die Herausforderungen für Start-ups auf dem Beteiligungskapitalmarkt für das erste hoch bleiben und Venture Debt als komplementäre Finanzierungsquelle weiterhin gefragt sein", heißt es zur Begründung.
Die Einschätzung seitens Investoren zur Verfügbarkeit unterstreiche, dass die Herausforderung bei der Weiterentwicklung des Venture-Debt-Marktes in der aktuellen Marktlage weniger auf der Nachfrageseite liegt. Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Angebots sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das noch junge Finanzierungssegment "weiterhin einen steigenden Beitrag zur Verbesserung des Finanzierungsumfelds deutscher Start-ups und Wachstumsunternehmen leisten wird".