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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Dieses Buch ist das Ergebnis jahrelanger Studien zum Leben und Werk Nietzsches, aber auch Reflex eigener Lebenserfahrungen. Diesen Reflex zur Reflexion zu entfalten, d.h. die persönliche Rezeptionsgeschichte als Teil des wissenschaftlichen Forschungsprozesses zu verstehen und darzustellen, mag nicht unbedingt der herrschenden wissenschaftlichen Konvention entsprechen. Wenn ich trotzdem im folgenden die Phasen meiner Auseinandersetzung mit Nietzsche skizziere, so geschieht dies vor allem aus folgenden Gründen: erstens scheint mir die Tendenz, die eigene Subjektivität hinter der Maske der reinen, wissenschaftlichen Sachlichkeit zu verbergen, zum Scheindialog zwischen Scheinsubjekten zu führen, und zweitens wird auch der Sachverhalt kaschiert, daß eine humanwissenschaftliche Analyse immer Moment eines unabgeschlossenen und unabschließbaren Forschungsprozesses ist. Nietzsche gehört zu den Geistern, die starke Emotionen und emphatische Stellungnahmen provozieren. In der Rezeptionsgeschichte gibt es eine starke Tendenz zur Polarisierung der Positionen: es gibt Nietzsche-Verehrer, die ihn bewundern und sich gleichzeitig weitgehend mit ihm identifizieren, und es gibt Nietzsche-Hasser, die ihn ins Nichts verbannen möchten.1) Wahrscheinlich ist es aber vielen wie mir ergangen, der ich sowohl Phasen der Nietzsche-Verehrung bzw.Identifikation und Phasen der Nietzsche-Skepsis durchlebt habe. Die explizite Reflexion einer solchen individuellen Umwertung der Philosophie Nietzsches könnte auch einem tieferen Verständnis und einer gerechteren und ausgeglicheneren Würdigung dieses vielschichtigen und widerspruchsvollen Philosophen dienen.
Jørgen Kjaer

I. Franziska Nietzsche und das Verhältnis zwischen Nietzsche und seiner Mutter in der Nietzsche-Literatur. Bemerkungen zum Problem „Leben und Werk“ in der Nietzsche-Literatur

Zusammenfassung
Daß bei dem Lebensphilosophen Nietzsche Leben und Philosophie eng zusammengehören, wurde oft von Nietzsche-Forschern betont. Nichtsdestoweniger herrscht in der Nietzsche-Literatur eine Tendenz, entweder sein Werk unter Abstraktion von dessen lebensgeschichtlichem Kontext oder sein Leben unter Abstraktion von seinem Werk zu thematisieren. Die Versuche, Substantielles über den vermeintlichen Zusammenhang zwischen Leben und Werk zu sagen, befriedigen nicht, und zwar nicht zuletzt deswegen weil die Rolle der Mutter falsch eingeschätzt wurde. Im folgenden sollen einige charakteristische Stellungnahmen zum Problem “Mutter” und zum Problem “Leben und Werk” diskutiert werden.
Jørgen Kjaer

II. Der Briefwechsel zwischen Nietzsche und seiner Mutter 1850–58 und einige unveröffentlichte Geburtstagsgedichte Nietzsches für seine Mutter. Die verordnete Liebe

Zusammenfassung
Der erste überlieferte Brief von Nietzsche an seine Mutter ist vom 8. Aug. 1850 datiert. Die Mutter hielt sich damals in Eilenburg auf und Nietzsche war noch keine 6 Jahre alt:
“Meine liebe Mutter. Ich denke recht oft an Dich und möchte immer gern wissen wie Du Dich befindest; komm ja bald wieder zu uns. Ich bin gesund und munter, habe Dich sehr lieb und will seyn Dein gehorsamer Fritz”. (KGB I,1,1)
Man könnte von einem solchen konventionellen Brief, in dem genau das gesagt wird, was man zu dieser Zeit von einem Kind erwartete, und bei dem sogar aller Wahrscheinlichkeit nach Großmutter und Tanten behilflich gewesen sind, meinen, daß er gar nicht als Ausdruck von Nietzsches eigenen Gedanken und Gefühlen verstanden und analysiert werden könne. Häufig werden denn auch die schriftlichen Produkte nicht nur des ganz kleinen, sondern überhaupt des Kindes Nietzsche bis zu seiner vermeintlichen intellektuellen Selbständigkeit, etwa nach der Übersiedlung nach Schulpforta, abgefertigt als Ausdruck von Konventionalität in der Bedeutung von äußerlicher Anpassung. Daß sich das Kind Nietzsche extrem an die Erwartungen seiner sozialen Umwelt angepaßt hat, liegt auf der Hand, auch daß diese Anpassung sich vor allem durch seine Aneignung von den ihm zur Verfügung gestellten konventionellen, sprachlichen Ausdrücken manifestiert.
Jørgen Kjaer

III. Die Korrespondenz zwischen dem Schüler Nietzsche und seiner Mutter. Die Einsamkeit des Kindes und seine Angst vor Liebesverlust

Zusammenfassung
Die Aufnahme Nietzsches als Schüler der Landesschule Pforta 1858 führt aus guten Gründen zu einer Intensivierung der Korrespondenz zwischen Nietzsche und seiner Familie in Naumburg. Trotz der Tatsache, daß nur fünf Briefe der Mutter gegenüber 165 von Nietzsche erhalten sind, enthält diese Korrespondenz eine Fülle von wertvollen direkten und indirekten Informationen über das Verhältnis zwischen den beiden und über die Art, wie sie miteinander kommunizierten.
Jørgen Kjaer

IV. Das glückliche Kind und die gute Mutter

Zusammenfassung
In autobiographischen Schriften, Gedichten und Briefen beschreibt Nietzsche oft begeistert die intensiven Freuden seiner Kindheit. Diese Schilderungen werden vielfach bestätigt und ergänzt durch die Biographien seiner Schwester, in denen sie nicht nur aus den Aufzeichnungen ihres Bruders zitiert, sondern auch über viele eigene Erlebnisse berichtet und zudem aus der Familienüberlieferung zu Nietzsches früher Kindheit schöpft. Die späteren Urkundenfälschungen der Schwester sollten nicht dazu verleiten, auch ihre Biographien für unglaubwürdig zu halten. Zwar enthalten sie natürlich weder die objektive Wahrheit über Nietzsches Persönlichkeit — eine solche gibt es nicht — noch eine nüchterne, distanzierte und neutrale Beschreibung seines Lebens und seiner Persönlichkeit. Wie in Adalbert Oehlers Biographie über Franziska Nietzsche, spielt hier die immer idealisierende Liebe mit. Aber Idealisierung ist nicht an sich Lüge oder Unwahrheit. M.E. sind die Biographien der Schwester subjektiv wahr: sie hat sich gewiß ihre Kindheit und ihren geliebten Bruder rückblickend so vorgestellt, wie es aus ihrer Schilderung hervorgeht. Die Idealisierung ihres Bruders ist aber wahrscheinlich nicht nur Ausdruck der normalen Tendenz zur Idealisierung der Kindheit; sie hat, wie später im Leben, auch in ihrer Kindheit ihren Bruder maßlos bewundert. Eben dieser Sachverhalt ist für das Verständnis von Nietzsches Kindheit von größter Bedeutung, denn diese Bewunderung war ja ein realer Teil seiner Umwelt.
Jørgen Kjaer

V. Der „Fatum-und-Geschichte-Textkomplex“. Ein gescheiterter Versuch der emanzipatorischen Reflexion der entfremdenden Sozialisationserfahrungen

Zusammenfassung
Die Texte, die im folgenden analysiert werden, betrachte ich als gedanklich eng zusammengehörend und fasse sie unter der Bezeichnung “Fatum-und-GeschichteTextkomplex” (FGT) zusammen. Dieser Komplex umfaßt drei Hauptteile: 1. eine kleine Abhandlung “Fatum und Geschichte” (HKAW II,54), geschrieben in den Osterferien 1862 und als Synodalvortrag im Verein “Germania” präsentiert; 2. ein kleiner Aufsatz “Willensfreiheit und Fatum” (HKAW II,60) und 3. ein Fragment eines Briefes vom 27. April 1862 an die beiden anderen Vereinsmitglieder der “Germania”, Wilhelm Pinder und Gustav Krug. Der Aufsatz “Willensfreiheit und Fatum” ist nicht datiert und ist im Nietzschenachlaß unter einer anderen Hauptnummer registriert als die beiden anderen Komponenten des Textkomplexes. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß alle drei Texte gedanklich und zeitlich eng zusammengehören.
Jørgen Kjaer

VI. Die Korrespondenz Nietzsches mit seiner Mutter und Schwester zur Zeit seiner Jugendkrise

Zusammenfassung
Die vielen überlieferten Briefe aus der Periode der akuten Jugendkrise Nietzsches vermitteln einen recht plastischen Eindruck von dem Verhältnis zwischen Nietzsche und seiner Mutter sowie zwischen Nietzsche und seiner Schwester, die eine schwierige Rolle in dieser Familientragödie hatte. Der folgende Abschnitt soll dazu dienen, die im Vorhergehenden thematisierten Schwierigkeiten Nietzsches im Verhältnis zur Mutter und zum Weiblichen überhaupt durch einige illustrative Beispiele zu konkretisieren und zu belegen.
Jørgen Kjaer

VII. Weitere Zeugnisse der schweren Jugendkrise Nietzsches und das Problem der Sexualität. Männliche Sexualität als Skandal und narzißtische Kränkung

Zusammenfassung
Die vielen überlieferten Dokumente aus Nietzsches Leben in Schulpforta bezeugen, daß die Jugendkrise Nietzsches sehr qualvoll war und daß sie, wie üblich bei jungen Menschen, zu tiefgreifenden Änderungen seiner Persönlichkeit und seiner Lebensanschauung führte. In vieler Hinsicht sind Nietzsches Reaktionen und Verhaltensweise typisch für junge Männer aus gut bürgerlichen Häusern des 19. Jahrhunderts, nur fehlt das entscheidende Moment der Revolte gegen die Eltern. Gegen den Vater revoltieren kann er ja aus guten Gründen nicht. Gegen die Mutter zu revoltieren, ist generell schwieriger, hat einen vollständig anderen Sinn und ein ganz anderes Ergebnis als die Revolte gegen die väterliche Autorität. Dazu folgende generelle Überlegungen:
  • Die Revoke gegen den Vater dient der psychischen Lösung von den Eltern und der Entwicklung der männlichen Autonomie und Geschlechtsidentität. Wo der Vater fehlt und kein Ersatz sich anbietet, ist die Bewältigung dieser Aufgaben von vornherein erschwert. Besonders schwierig ist die Situation solcher Jungen, die von alleinstehenden, leidenden, an die Empathie der Söhne appellierenden Müttern erzogen werden, ohne wesentlichen Kontakt mit anderen primären Bezugspersonen, weil sie mit besonders starken emotionellen Banden an den mütterlichen Elternteil gebunden sind1).
Jørgen Kjaer

VIII. Die Korrespondenz Nietzsches mit Mutter und Schwester während seiner Studentenzeit. Zurückweichen vor der konsequenten Auseinandersetzung mit der Mutter und vor der aufklärerischen Selbstreflexion. Schopenhauers Philosophie als Steigerung des Narzißmus Nietzsches

Zusammenfassung
Bevor ich mich der tragischen Kulmination seines Verhältnisses zur Mutter zuwende, in das in zunehmendem Maße die Schwester verstrickt wird, sei es als Komplizin oder als Rivalin der Mutter, seien noch einige besonders aufschlußreiche Briefe aus Nietzsches Studentenzeit herangezogen, die ein klärendes Licht auf den Charakter von Nietzsches schweren Leiden und seine schwierige Beziehung zur Mutter werfen.
Jørgen Kjaer

IX. Das „Lou-Erlebnis“. Die dritte Autonomiekrise und das endgültige Scheitern seiner Emanzipation von Mutter und Schwester

Zusammenfassung
Nach den ersten Studienjahren und den Kontroversen um das abgebrochene Theologiestudium stabilisierte sich das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Beide waren offensichtlich daran interessiert, die zarten Bande, die sie miteinander verbanden, nicht unnötig zu belasten oder gar zu zerreißen. Die Professur in Basel und seine ersten Werke, durch die sich Nietzsche unter seinen Freunden und Bekannten nicht nur Respekt verschaffte, sondern auch viel Bewunderung und liebevollen Zuspruch erwarb, stärkten sein Selbstgefühl, und er trat auch mit größerer Selbstsicherheit gegenüber seinen Verwandten auf, die trotz des bedenklichen Inhalts seiner Bücher unglaublich stolz auf den jungen Löwen waren, der in den mondänsten Kreisen reüssierte. Das gute Verhältnis zwischen Mutter und Sohn ließ sich aber nur dadurch aufrechterhalten, daß sie sich stillschweigend darüber einigten, die kontroversen Gedanken Nietzsches, die er in seinen Werken veröffentlichte, und überhaupt sein philosophisches Denken als Gesprächsthema zu vermeiden. Die Welt seiner Mutter und die Welt seiner Werke und Gedanken wurden von beiden als hermetisch abgeriegelte Sphären betrachtet. Dies heißt, daß Nietzsche ein Doppelleben führte: als radikaler Philosoph und als rücksichtsvoller Sohn, der zugleich auf die alte Weise, d.h. sowohl reserviert als auch kontakthungrig, mit der Mutter über praktische Angelegenheiten und Nebensächlichkeiten kommunizierte, die nach wie vor nicht bloß Äußerlichkeiten für ihn waren.
Jørgen Kjaer

X. Also sprach Zarathustra

Zusammenfassung
Der Satz Nietzsches an seinen Verleger Schmeitzner, “Ich schreibe nur, was von mir erlebt worden ist, und ich verstehe es auszudrücken ” (KGB III,1,250), hat für Zarathustra eine ganz besondere Gültigkeit. Die in diesem Werk enthaltene Philosophie dient vor allem der Verarbeitung von Lebensereignissen und Erfahrungen, die als fatal im Sinne von lebensgefährdend und persönlichkeitszerstörend erlebt werden. Der Bewältigungsversuch hat aber, wie in den übrigen vergleichbaren Schriften Nietzsches, etwa der “FGT” und “Ecce homo”, den Charakter der Verleugnung und der illusionär grandiosen Umdeutung negativer Erfahrungen. Im Gegensatz zu dem “FGT” und zu “Ecce homo” sind aber die persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse auf vielfache Weise verschleiert und verschlüsselt, so daß das Werk nicht unmittelbar den Charakter des Autobiographischen trägt. Der Grund für diese Verschleierung ist aller Wahrscheinlichkeit nach, daß die zugrundeliegenden Erfahrungen besonders schmerzlich und peinlich sind, es handelt sich nämlich vor allem um die Lou-Affäre, obwohl das Werk schon vor diesem katastrophalen Ereignis konzipiert wurde. Obwohl es für jeden, der ein wenig Einblick in das Leben Nietzsches besitzt, eigentlich recht deutlich ist, was für brisante Lebensprobleme hier abgehandelt werden, wurde das Werk bisher unter weitgehender Abstraktion von Nietzsches Leben interpretiert1). Im folgenden soll auch zunächst versucht werden, primär einige werkinterne Sinnzusammenhänge herauszuanalysieren.
Jørgen Kjaer

XI. Schlußwort

Zusammenfassung
Es gibt in diesem Buch keinen Schluß in dem Sinne, daß die Ergebnisse der Untersuchung nunmehr in schöner Abrundung vorgelegt werden können. Die vorausgehende Analyse ist ein Moment einer noch andauernden Auseinandersetzung mit Nietzsche, mit dem Problem der Humanität, der menschlichen Existenz und mit mir selbst. Folgendes hoffe ich doch im vorhergehenden plausibel begründet zu haben:
1.
Nietzsches Persönlichkeitsstruktur, sein Verhältnis zu anderen Menschen, seine Einstellung zum Leben, zur Welt und zum menschlichen Dasein, seine Leiden und seine Lebensprobleme sind vor allem das Ergebnis seiner Interaktion und Kommunikation mit der Mutter. Die Mutter ist für Nietzsche der Katalysator des Philosophierens und die Urheberin der Grundeinstellungen zur Welt, zum Menschen, zum Leben und zu ihm selbst, die in seiner Philosophie bewußt oder unbewußt zum Ausdruck kommen, und sie ist auch das verschwiegene, hintergründige Hauptthema und problem seiner Philosophie. In diesem Sinne ist Nietzsches Philosophie Vordergrund und Oberfläche. Nietzsche hat selber nachdrücklich die Maskenhaftigkeit der Sprache thematisiert, d.h. den Sachverhalt, daß sie die Wahrheit — bei Nietzsche ein Weib — sowohl enthüllt als auch verbirgt. Man hat auch in diesem Zusammenhang Nietzsche idealisiert und ihm die Souveränität des maskenhaftironischen Spielens zugeschrieben. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, daß das, was die Sprache verbirgt, manchmal nicht nur dem Publikum verborgen bleibt, sondern auch dem Sprechenden. Das Verbergen kann den Charakter der Verdrängung oder des Selbstbetrugs haben. Ich habe versucht nachzuweisen, wie man wesentliche Aspekte von Nietzsches Philosophie als selbstbetrügerische, selbstidealisierende Selbstinszenierung auffassen kann, die die Konfrontation mit seinem eigentlichen Problem abwehren sollte. Solcher Illusionismus ist alles andere als ein Spiel, durch das der Lebensmächtige sich souverän über die Kleinlichkeiten des trivialen Lebens erhebt, er folgt vielmehr einem Zwang, da er vergeblich seiner Ohnmacht zu entkommen versucht.
 
Jørgen Kjaer

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