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15.04.2020 | Führungsqualität | Im Fokus | Onlineartikel

Improvisieren ist nicht "irgendwie durchkommen"

Autor:
Michaela Paefgen-Laß
3:30 Min. Lesedauer

Sich durchwurschteln und irgendwie durchkommen: Wer Improvisation skeptisch beäugt, übersieht ein wertvolles Instrument zur Problemlösung von dem besonders Führungskräfte in VUKA- und Corona-Zeiten profitieren können.

Oscar Wilde liebte es Theater zu spielen. "Es ist so viel realistischer als das Leben". Die Wirklichkeit mit Lust an der Performance als Theaterstück zu erleben? Das scheint auf den Alltag kaum übertragbar und für Unternehmen regelrecht fahrlässig. Das geopolitische Geschehen, die digitale Transformation, Skandale, Verstöße, Umstrukturierungen oder Klimakatastrophen und Pandemien wie jetzt das Corona-Virus, all das wirft Führungsverantwortliche wie Mitarbeiter aus der Tagesroutine und lässt sie in den Schubladen nach passenden Fahr- und Krisenplänen suchen. 

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2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Führungskräfte & Rollenspieler

In dem einen Team der Mannschaftskapitän und Topscorer, im anderen Antreiber und Ballverteiler, im nächsten dann Bankspieler oder nicht einmal das. Solche Rollenwechsel gehören zum sportlichen Heranwachsen im Basketball dazu und man kann von ihnen  viel für die Arbeit in Teams, Projekten und Organisationen lernen. 


Als Chef zum Schauspieler im Improvisationstheater werden

Aber nicht nur die gefürchteten "Schwarzen Schwäne", die urplötzlich, unerwartet und unheilbringend auftauchen, können Organisationen, Banken und Börsen verwunden. Auch verhältnismäßig kleine Unwuchten innerhalb von Unternehmen, wie unzufriedene Mitarbeiter oder holprige Veränderungsprozesse treffen Chefs oft unvorbereitet und fordern sie zu schnellen Lösungsvorschlägen auf. Wäre es nun verantwortungsvoll, die Vorgesetzten einfach mal ins Schauspieltraining zu schicken?

The Play that goes wrong (Chaos auf Schloss Haversham) heißt eine britische Komödie, die seit 2017 von Theatermachern, Presse und Publikum gleichermaßen gefeiert wird. Als Stück-im-Stück wird auf der Bühne eine Theatergruppe gezeigt, die sich um Kopf und Kragen improvisiert, weil alles, was während einer Aufführung schiefgehen kann, selbstverständlich schiefgeht. 

Texthänger und falsche Auftritte sind im Verlauf des Abends noch das kleinste Problem und trotzdem spielt sich das Ensemble risikobereit und einfallsreich Schritt für Schritt bis zum Schlussapplaus durch. Improvisieren lässt sich als die Fertigkeit definieren, auf Unerwartetes, aus dem Stegreif mit mutigem, wildem Denken und kreativen Ideen reagieren zu können. Dafür braucht es nicht viel mehr als Lust am xperimentieren und Mut zu Fehlern. Ganz einfach, oder?

Improvisation heißt, Veränderung anzunehmen

Improvisation ist auf der Bühne und im Leben ein Prozess, der spontan beginnt, ausgelöst durch eine Situation, die bejahend angenommen wird, für die es noch kein Muster gibt und deren Ausgang ungewiss ist. Was zählt ist die Gegenwart. Aber: "Wenn Führung künftig improvisieren soll, stellt sich die Frage, wie das mit Planung zusammengehen soll", schreiben die Springer-Autoren Hans Joachim Hoppe, Jürgen Jünger und Tilo Esche im Buchkapitel "Führung und Improvisation" (Seite 17). Schließlich habe jede Entscheidung systemische Folgen, was die Spontaneität des Handels auf den ersten Blick einschränke. 

Auf der anderen Seite punkten die Lerneffekte der Bühne. Theater und Improvisation öffnen den Blick, ermutigen zum Spiel mit neuen Perspektiven, akzeptieren auch abwegige Situationen und setzen auf funktionierende Teams. All das liefert gute Gründe, Improvisation zu einer Führungskompetenz der Zukunft zu ernennen. Denn, Führung als Improvisation (Seite 18):

  • konstruiert Wirklichkeiten,
  • entscheidet situativ,
  • interveniert systemisch in das Denken und Handeln der Mitarbeiter,
  • hebt sich selbst auf, jedenfalls als exklusive Tätigkeit exklusiver Personen in exklusiven Positionen.

Führung mit Improvisation verändern

Trainings wie sie das Fastfood Theater München und ähnliche Improtheater-Schulen in ganz Deutschland anbieten, bestärken Führungskräfte und Mitarbeiter darin, "auch unter unsicheren Umständen und ohne klar abgesteckte Hierarchien, eigenständig und initiativ handeln zu können". Springer-Autorin Susanne Schinko-Fischli überträgt die Prinzipien der angewandten Improvisation auf die Entwicklung von Führungskräften und Coaches. Die Skills, die dabei vermittelt werden, sind:

  • den Partner gut aussehen lassen
  • die Situation bejahen: "ja, und …"-Prinzip
  • in spielerischer Atmosphäre agieren
  • neugieriges Zuhören
  • Akzeptanz
  • Flexibilität/Spontaneität
  • Fokus auf dem Hier und Jetzt
  • Risiken eingehen
  • Aufmerksamkeit und Achtsamkeit
  • Balance zwischen Freiheit und Struktur

Fazit: Unternehmenstheater als Improvisationstheater, da sind sich Hoppe, Jünger und Esche sicher "wirkt auf die Ermutigung und Selbstermächtigung des Unternehmens in Veränderungsprozessen, beantwortet den Wunsch des Systems nach externer Heilung einer Störung mit der Ermutigung, die Störung als Entwicklungspotenzial zu sehen und zu akzeptieren, und mit der Ermutigung zur Selbststeuerung" (Seite 34). Sicheres Auftreten, mehr Präsenz, mehr Gelassenheit und mehr Vertrauen in sich und andere sind Nebeneffekte, die sich bei der Theaterimprovisation spielerisch einstellen, im Unternehmensalltag dann anfangen zu wirken.

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