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30.07.2020 | Fundamentalanalyse | Interview | Onlineartikel

"Die Qualität der Finanzkommunikation verbessert sich"

Autor:
Swantje Francke
4:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Henning Zülch

Henning Zülch ist Inhaber des Lehrstuhls Accounting and Auditing an der Handelshochschule Leipzig (HHL). Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Finanzkommunikation.

Der Fall Wirecard gilt als jüngstes Beispiel für schlechte Finanzkommunikation. Was aber zeichnet gute Finanzkommunikation aus? Henning Zülch forscht auf diesem Gebiet seit Jahren und erläutert, welche Informationen Investoren heutzutage erwarten.

springerprofessional.de: Sie untersuchen seit vielen Jahren, was gute Finanzkommunikation ausmacht. Ein Gradmesser für die Informationsqualität externer Finanzkommunikation ist seit 2014 der gemeinsam vom Manager Magazin und der Handelshochschule Leipzig (HHL) ausgetragene Wettbewerb Investors‘ Darling. Dieser Wettbewerb gilt in Deutschland mittlerweile als der härteste Wettbewerb zur Finanzkommunikation. Welche Kriterien sind unerlässlich für eine effektive und zeitgemäße Finanzkommunikation?

Henning Zülch: Eine effektive Finanzkommunikation lässt sich anhand unseres RIC-Modells verdeutlichen, das die Qualität der Finanzkommunikation wissenschaftlich beurteilt. Dabei stehen die Dimensionen Reporting "R" und Investor Relations "I" für die Senderperspektive der Kapitalmarktkommunikation. Die Dimension Capital Markets „C“ bildet die Empfängerperspektive ab, also die Reaktion des Marktes. Konkret ergibt sich die Effektivität der Kommunikation aus dem Zusammenspiel der Bereiche Reporting und Investor Relations. Als entscheidungsrelevant haben sich dabei Informationen aus den Bereichen Management, Financials, Non-Financials und Prospectives für die Investoren herausgestellt, da diese Bereiche in ihrem Zusammenspiel einen Einblick in die Robustheit des bilanzierenden Unternehmens gewähren.

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Welche Entwicklung haben Sie über die vergangenen Jahre festgestellt – sei es auf Unternehmens- oder auf Stakeholderseite? Gibt es konkrete Kapitalmarkt-Entwicklungen, die zu einer veränderten Anspruchshaltung geführt haben?

Die Ergebnisse des Wettbewerbes Investors' Darling zeigen eine kontinuierliche Verbesserung der Qualität der Finanzkommunikation über alle am Wettbewerb teilnehmende Unternehmen in Deutschland. Dabei gibt es immer wieder Unternehmen, welche nicht kohärent in den Bereichen Reporting und IR berichten. Zudem wird vielfach der Berichterstattungsumfang nicht zielgerichtet reduziert. Als Beispiele seien hier die Reduzierung der Quartalsberichterstattung auf Quartalsmitteilungen genannt und eine unzureichende Strategieberichterstattung. Aber gerade das Zusammenspiel der beiden Dimensionen Reporting und Investor Relations wie auch der Umfang beziehungsweise Detailierungsgrad der Berichterstattung sind wesentliche Informationsgrundlagen für Analysten, um unter anderen auch die Glaubwürdigkeit der Unternehmensinformationen beurteilen zu können. Denn es gilt "Weniger ist manchmal weniger", da durch den reduzierten Berichtsumfang in der Regel wichtige Informationen verloren gehen.

Worauf legen Investoren und Analysten neuerdings besonderen Wert?

Mit Blick auf die oben angeführten entscheidungsrelevanten Informationsbereiche ist gerade für Investoren und Analysten der Bereich der Prospectives von herausragender Bedeutung. Unter diesem Begriff werden Aussagen zur zukunftsorientierten Darstellung des Unternehmens verstanden, also insbesondere Aussagen zu Strategie und Prognosen. Leider wird der Bereich der Prospectives nur stiefmütterlich behandelt und das obwohl sich gerade in Krisenzeiten zeigt: Nur wer eine Strategie hat, überlebt. Daneben sind Aussagen zum Management nicht zu unterschätzen. Denn die sogenannten "Critical Success Factors" für ihr Geschäftsmodell einfach darzustellen und zu erklären "Was mache ich eigentlich", ist essentiell für die Einschätzung der Robustheit des Unternehmens seitens der Investoren und Analysten. Denn sie sollen in die Lage versetzt werden, die künftige Unternehmensentwicklung unter den gegebenen Umständen einschätzen zu können.

Mit welchen Mitteln lässt sich über die Kommunikation das Vertrauen der Investoren sowie die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens auch künftig noch steigern? Sehen Sie einen Trend?

Empirische Untersuchungen zeigen: Gute Unternehmen berichten mehr als sie müssen. Das wird ersichtlich in einer ausführlichen Kommunikation in Bereichen, die zur freiwilligen Berichterstattung zählen. Dazu gehören die aktuellen Trends im CSR-Reporting, beziehungsweise ESG-Reporting allgemein, aber auch ein Ausbau der digitalen Berichterstattung, als die Berichterstattung über Nachhaltigkeit und Art und Umfang der Online zur Verfügung gestellten Informationen über die eigene Unternehmenshompage.

Transparenz ist ein Begriff, den viele Unternehmen gern für sich in Anspruch nehmen. Woran erkennen Sie echte Transparenz, und was sind Indikatoren für mögliche Täuschungen?

Echte Transparenz erkennt man sehr einfach daran, dass Unternehmen offen über Misserfolge sowie unangenehme Entwicklungen berichten und dazu passend einen tiefen Einblick in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage geben. Wichtig ist auch, einen aussagekräftigen Ausblick auf die künftige Entwicklung zu geben. Durch Verschleierungstaktiken wird hingegen oft versucht, diese Missstände zu verdecken. Das lässt sich an einem komplexen und unverständlichen Sprachstil erkennen, welcher sich in einer zusammenhangslose Darstellung und mit Defiziten behafteten Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage ausdrückt. Fehlende Transparenz zeigt sich oft auch in einer unzureichenden Berichterstattung im Bereich der Prospectives. Es fehlen dann aussagekräftige Informationen zu Strategie sowie Risiken und Chancen. Insgesamt zeigt sich fehlende Transparenz, wenn nicht sogar mögliche Täuschung, auch an einer inkonsistenten Berichterstattung, wie bei Wirecard.

In Ihrer Untersuchung haben Sie Wirecard als eines der Schlusslichter des Rankings für gute Finanzkommunikation benannt. Was unterscheidet Wirecards Kommunikation im Vergleich zum Primus des Rankings?

Im Vergleich zum letztjährigen Sieger von Investors' Darling – dem Immobilienunternehmen Vonovia – schnitt Wirecard außer im Bereich Kapitalmarkt-Performance in allen Kategorien und Unterkategorien deutlich schlechter ab als Vonovia. Wirecards Kommunikation ist geprägt von einer restriktiven Weitergabe von Informationen. Digitale Informationsangebote im Bereich der Finanzkommunikation sind kaum vorhanden und in der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage werden nur die notwendigsten Informationen preisgegeben. Diese Ergebnisse spiegeln sich auch in der Einschätzung der Analysten wieder. Die Ergebnisse von Investors' Darling zeigen im Vergleich beider Unternehmen: Erfolgreiche und gesunde Unternehmen besitzen eine gute Finanzkommunikation, die weit über das Mindestmaß des Gesetzgebers hinausgeht.

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