Skip to main content
main-content

2022 | Buch

Gefühlte Zukunft

Emotionen als methodische Herausforderung für die Zukunftsforschung

herausgegeben von: Katharina Schäfer, Dr. Karlheinz Steinmüller, Prof. Dr. Axel Zweck

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

Buchreihe: Zukunft und Forschung

share
TEILEN
insite
SUCHEN

Über dieses Buch

Welche Rolle spielen Emotionen bei der Konstruktion, Kommunikation und Nutzung von Zukunftsbildern? Sind Emotionen primär eine Komponente, die Vorurteile transportiert? In welchem Maße sind Forschende selbst Emotionen ausgesetzt, die die Methodenwahl und die Ergebnisse beeinflussen? In dem Sammelband kommt die gesamte Breite der Thematik „Zukunftsforschung und Emotionalität“ zur Sprache, von den philosophischen Grundlagen bis zu methodischen Fragestellungen und Erkenntnissen aus der Praxis, die die enge Verschränkung von Kognition und Emotion in allen Phasen von Vorausschauprozessen belegen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Einführung
Zusammenfassung
Zukunft lässt niemanden kalt. Sie wird herbeigesehnt oder befürchtet, mit ihr verbinden sich Hoffnungen und Ängste. Damit sind Emotionen und Zukunft eng verflochten. Erstaunlich ist, dass Zukunftsforschende sich bislang kaum systematisch mit der eigenen als auch fremden Emotionalität auseinandergesetzt haben. Dieser Sammelband möchte einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen. Unterstützende Stimmen aus dem Netzwerk Zukunftsforschung und allgemein das Interesse der Kolleginnen und Kollegen bestärkten uns in dem Vorhaben. Nicht erschöpfende Fragestellungen des Buches sind dabei u. a.: Wo, in welchen Phasen des Forschungsprozesses und auf welche Weise fließt Emotionales ein? Ist die Befassung mit Zukunftsfragen überhaupt ohne eine affektive Komponente möglich? Sind Emotionen primär eine Komponente, die Vorurteile, Bias und verzerrte Sichtweisen transportiert? Welche Rolle spielt Emotionales bei der Formulierung und bei der Kommunikation von Zukunftsbildern, etwa durch Narrative?
Katharina Schäfer, Karlheinz Steinmüller, Axel Zweck

Grundlagen

Frontmatter
Gefühl und Zukunftsbild
Zusammenfassung
Menschen und ihre sozialen Systeme machen sich Bilder von ihrer Zukunft. Diese Zukunftsbilder sind in hohem Maße durch Emotionen geprägt und besitzen ein großes Potenzial, Emotionen zu erregen. Foresight-Prozesse sind bewusst gestaltete, mehrphasige Prozesse der Erzeugung und Nutzung von Zukunftsbildern. Alle Teilprozesse umfassen zutiefst konstruierende Tätigkeiten, die die Beteiligten mit komplexen Such- und Auswahl-Aufgaben konfrontieren. Bei deren Bearbeitung wirken Emotionen und andere Affekte mit, meist in Gestalt vereinfachender Heuristiken. Im Ergebnis sind Affekte an allen Auswahl- und Konstruktions-Schritten beteiligt. Der Beitrag untersucht über den gesamten Foresight-Prozess hinweg, welche emotionalen Einwirkungen und Auswirkungen bei der Erzeugung und Verwendung von Zukunftsbildern eine Rolle spielen können, wenn das Ziel lautet, mit seriös erzeugten Zukunftsbildern gegenwärtiges Entscheiden und Handeln zu orientieren.
Christian Neuhaus
Sein zur Lust. Zukünfte als Modalstrukturen
Zusammenfassung
Wir sind Zukünftige im Modus des Begehrens. Zukünfte begreifen heißt, die gegenwärtig Zukünftigen als auf dem Wege, als Sein zum Ziele und das heißt als Sein zur Lust zu begreifen. Wenn Zukunftsexpertise und Zukunftsbefähigung zur Mission der Zukunftskünste (Foresight, Futures Studies et al.) gehören, dann sind – so die These dieses Beitrages – zwei Herausforderungen Teil dieser Mission: Erstens müssen Zeitmomente – und darunter v. . Zukünfte – als Möglichkeitsräume mit je spezifischen Modalstrukturen verstanden werden. Danach unterscheidet sich das Heute vom Gestern darin, dass heute andere Dinge möglich sind als gestern. Um diese modale Perspektive auf Zeit zu erhellen, wird ein Mehrebenenmodell der Modalsphären vorgeschlagen (Teil 1). Zweitens ist das Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu den Inhalten der Zukünfte als emotionaler Bezug zu diesen zu verstehen: Emotionen sind die Form unseres Zukünftig-Seins. Zentral ist hier die prospektive Emotion: die Begierde (Teil 2). Schließlich (Teil 3) werden einige Ansatzpunkte für jene Zukunftskünstler angeboten, die sich auf philosophische Aspekte des Modalen und Emotionalen einlassen können und wollen. Dabei kann die bewusste Kultivierung eines Modalbewusstseins und die verstärkte Aufmerksamkeit auf emotional gegebene Vernunft als Orientierung dienen.
Bruno Gransche
Narrative Scharniere – Zur Vermittlung von Emotionalität und Zukunftsperspektiven
Zusammenfassung
Emotionalität leistet einen entscheidenden Beitrag zur Weltwahrnehmung des Menschen. Unter dem modernen Paradigma des Primats der Rationalität wurde dieser Beitrag sowohl von der Wissenschaft als auch der Gesellschaft im Ganzen lange Zeit ignoriert. Zunehmend werden emotionale Aspekte in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens bewusster und verstärkt auch Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. Gerade für die Zukunftsforschung ergeben sich daraus Erkenntnismöglichkeiten in Bezug auf die Entstehung, Entwicklung und Wirkung von Zukunftsdiskursen, die häufig auch über emotionsorientierte Argumentationen und Strategien geführt werden. Zukunft als Solche entzieht sich prinzipiell einem faktenbasierten „rationalen“ diskursiven Zugriff – auch und gerade in Bezug auf ihre emotionalen Qualitäten. Um zukünftige Entwicklungen sinnhaft zu erfassen und für den gesellschaftlichen Diskurs zu erschließen, sind Zukunftsperspektiven auf erzählerische Formen und Elemente angewiesen. Erzählungen und Narrative erweisen sich daher als relevanter Vermittlungsmechanismus, wenn es um die Reflexion der Formen und Funktionen von Emotionalität in Zukunftsdiskursen geht. Narrative dienen hierbei nicht nur als Vehikel um emotionale Aspekte in Zukunftsdiskurse einzubringen, sondern im Gegenzug auch dazu Emotionen in Zukunftsvorstellungen zu stabilisieren. Narrative lassen sich damit quasi als Scharniere verstehen, die eine stabile und zugleich dynamische Verbindung zwischen Emotionen und Zukunftsperspektiven vermitteln.
Michael Eggert, Axel Zweck
Zur Uneindeutigkeit von Zukunft – Widerspruchstoleranz im Umgang mit mehrdeutigen Zukünften
Zusammenfassung
Zukünftige Entwicklungen erscheinen mehrdeutig, schwer abschätzbar und widersprüchlich. Die Disziplin der Zukunftsforschung wird hier wirksam, indem sie zukunftsbezogenes Orientierungswissen generiert. Eine Perspektive, die jedoch häufig außer Acht gelassen wird, ist der subjektive Erfahrungsraum der Adressaten von Zukunftsstudien. Ungewisse Zukünfte produzieren widersprüchliche Emotionen – kann hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut werden oder ist sie eher Anlass zur Sorge? In dem Beitrag wird nach einer Beschreibung dreier Orientierungsmodi bezüglich mehr oder weniger ungewiss empfundener Zukünfte folgender Frage nachgegangen: Wie kann Zukunftsforschung Entscheider*innen dabei unterstützen, einen adäquaten Umgang mit der Uneindeutigkeit von Zukunft zu pflegen, ohne diese durch einfache Prognosen zu vereindeutigen? Mithilfe des psychologischen Konstrukts Widerspruchstoleranz wird aufgezeigt wie Entscheidungsträger*innen durch emotionale Ambivalenztoleranz und kognitive Ambiguitätstoleranz einen situationsadäquaten Umgang mit offenen Zukünften pflegen können. Es geht hierbei weniger um das Erreichen eines „Entweder ist die Zukunft so wie X oder sie ist so wie Y“, sondern vielmehr um das Aushalten-Können eines „Sowohl-als-Auch“. Eine funktionale Bewältigung der aus widersprüchlichen Zukünften entstehenden Spannungen ist nur durch die verstärkte Reflektion psychologischer Reaktionen zu erreichen.
Benjamin Jadkowski
Psychodynamik & Foresight. Zum subjektiven Faktor in der prospektiven Forschung
Zusammenfassung
In allen Ausprägungsformen der prospektiven Forschung sind wissenschaftliche Publikationen zu technischen, gesellschaftlichen, ökonomischen, ökologischen und politischen Zukunftsfragen stark überrepräsentiert. Dagegen spielen wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem „subjektiven Faktor“ nur eine Nebenrolle. Wenn sich die prospektive Forschung stärker mit der psychischen Dynamik des individuellen Zukunftsdenkens beschäftigen will, ist eine fundierte Auseinandersetzung mit einschlägigen Forschungsergebnissen der Psychologie, der Neurowissenschaften und der Psychotherapiewissenschaft unverzichtbar. Im vorliegenden Text werden – nach einer kurzen Einleitung – einige dieser humanwissenschaftlichen Theoriediskurse überblicksartig skizziert und in Form der folgenden vier Zukunftsdiskurse strukturiert:
  • Mentales Zeitreisen und individuelle Zukunftsperspektiven
  • Ungewissheit und Ambiquitäts(in)toleranz
  • Phantasie und Intuition in der (prospektiven) Forschung
  • Angst und (prospektive) Forschung.
Reinhold Popp
Der „subjektive Faktor“ – Angst, Angstabwehr und Hoffnung in den Berichten an den Club of Rome
Zusammenfassung
Georges Devereux entwickelt in „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ (1998) eine These, die über den dort betrachteten Gegenstandsbereich hinaus von Relevanz ist: Auf vielfältige Weise seien bei der Beobachtung sozialer und kultureller Phänomene und bei der Deutung wissenschaftlicher Daten psychodynamische Prozesse wirksam, die sich in dem Forscher selbst abspielen.
Bernd Villwock

Ergebnisse aus Projekten

Frontmatter
Risiken in Innovationsprozessen: Der Einfluss von Emotionen auf Risikoanalysen ethischer, rechtlicher und sozialer Implikationen von Innovationen
Zusammenfassung
Forschung und Innovation (F&I) eröffnen für Unternehmen und Beschäftigte fortwährend neue Möglichkeiten. Sich in dem Zusammenhang mit ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen auseinanderzusetzen ist nicht nur ein Gebot der ethischen, sondern auch der ökonomischen Vernunft. Die dafür notwendigen Abwägungsprozesse sollten einerseits rechtzeitig und kontinuierlich stattfinden und andererseits einen konstruktiven Umgang mit emotionalen sowie affektiven Komponenten ermöglichen. Die Bewertung von Forschung und Innovation auf allgemeiner Ebene stellt dabei nicht die größte Herausforderung dar, sondern die Ergebnisse für die tägliche Arbeit anwendbar zu machen, ohne dabei den Blick für das Ganze zu verlieren. Risikoanalysen bilden für die Analyse ethischer, rechtlicher und sozialer Implikationen (ELSI) insbesondere für Unternehmen und F&I einen vertrauten und pragmatischen Ansatz. Auf Basis dieser Überlegung wurde die AMICAI-Methode entwickelt. Die Daten einer Risikoanalyse von ethischen, rechtlichen und sozialen Implikationen eines digitalen Monitoring Systems zur Dauerbeobachtung von Parkinsonpatienten wurden in diesem Beitrag als Grundlage für eine Analyse hinsichtlich Emotionen genutzt. Diese Sekundäranalyse zeigt, dass sich in den Ergebnissen der Risikoanalyse mittels AMICAI auch der Einfluss von Emotionen auf die Risikobewertung wiederfindet. Auf Grundlage der Ergebnisse wird eine methodische Erweiterung von AMICAI vorgeschlagen. Die Berücksichtigung von Emotionen in Risikoanalysen könnte zukünftig einen wichtigen Aspekt in der Interpretation der Ergebnisse darstellen, der bislang meist in diesem Kontext und ähnlich gelagerten Foresightprozessen vernachlässigt wurde.
Christopher Brandl, Katharina Schäfer, Axel Zweck, Verena Nitsch
Im emotionalisierten Raum Human Factors in Hardware- und Software-Design von Robotern und Künstlicher Intelligenz
Zusammenfassung
Als Pionierarbeit auf dem Gebiet der Mensch-Maschine-Interaktion gilt die Arbeit des Japaners Masahiro Mori, seinerzeit Professor für Regelungstechnik an der Technischen Hochschule Tokio. In seiner 1970 erschienen Studie Bukimi no Tani Genshō (Englisch: Uncanny Valley, Deutsch: Das unheimliche Tal) befasste er sich mit der Akzeptanz von Robotern durch den Menschen. Diese steigt, stellte er fest, je menschähnlicher ein Roboter designt ist, sinkt jedoch schlagartig wieder ab, wenn das Erscheinungsbild mit dem eines Menschen nahezu identisch ist.
Bernd Flessner
Personas, ein Instrument zur erleichterten Handhabung emotionaler Aspekte in Foresightprozessen?
Zusammenfassung
Im Kontext der Zukunftsforschung existiert eine Reihe von Konzepten, Theorien und Methoden, die darauf abzielen, Zukunft greifbar zu machen. Zukunftsforschung hat Beziehungen zur Innovationsforschung, da gesellschaftliche Entwicklungen in modernen Gesellschaften mit technologischen eng verknüpft sind. Auch existieren Methodenkästen, die zu beiden Disziplinen Bezug haben. Beispielhaft zu nennen sind Foresight, Technologiefrüherkennung und Technikbewertung, die über verschiedene Ansätze das „Hier und Jetzt“ erfassen und davon Entwicklungspfade sowie Zukunftsbilder ableiten. Subjektive Kriterien wie Emotionalität werden dabei häufig ausgeklammert. Dabei bestimmen Emotionen maßgeblich u. a. die Akzeptanz neuer Technologien und deren Nutzungsverhalten. Dieses Defizit kann durch die Entwicklung sogenannter „Personas“ angegangen werden. In Personas können verschiedene Emotionen sowie subjektive Haltungen bzw. Einstellungen dargestellt werden. Gleichzeitig löst das Persona-Konzept emotionale Resonanz in Form von Empathie/Antipathie bei ihren Betrachter:innen aus. Dieser Beitrag strebt entsprechend eine methodische Verknüpfung des Persona-Konzeptes mit Instrumenten der Zukunftsforschung an. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Zukunftsforschung von einer Verknüpfung objektiver und subjektiver Kriterien profitieren kann.
Katharina Schäfer, Axel Zweck, Alexander Mertens, Christopher Brandl, Verena Nitsch
Einflussreiche Metaphern: Funktionen und Wirkungspotentiale von metaphorisch-emotionalen Ausdrücken beim Formulieren und Kommunizieren von Gegenwart und Zukunft
Zusammenfassung
Im gesellschaftlichen Diskurs über komplexe oder abstrakte Themen, insbesondere auch über zukunftsbezogene Themen, kommen regelmäßig Metaphern – bewusst gewählt oder unbewusst genutzt – zum Einsatz. Kombiniert mit Emotionen können sie zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit und Involviertheit bei Sprechenden wie Zuhörenden bzw. Lesenden führen. Aus Sicht der Zukunftsforschung wird in diesem Beitrag daher gefragt: Wie können emotional beladene Metaphern in der Kommunikation von Gegenwart und Zukunft wirken? Gibt es einen Einfluss von Metaphern auf unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln? Neben einer Einführung in die kognitive Metapherntheorie werden aktuelle Beispiele für die Nutzung von Metaphern im Kontext der Diskussionen um den Klimawandel anhand der sozialen Bewegung „Fridays For Future“ analysiert. Dabei werden Metaphern insbesondere auf die kognitiven und affektiven Mechanismen des Hervorhebens und Ausblendens reflektiert. Für zukunftsorientiertes Forschen ergeben sich Schlussfolgerungen für eine Sensibilisierung im Umgang mit Metaphern in zweierlei Hinsicht: zum einen geht es um die Reflektion vorhandener (emotional beladener) Metaphern in der Beschreibung gegenwärtiger Situationen (Problemstellungen) und gegenwärtiger Zukünfte. Zum andern geht es um die bewusste Formulierung und Kommunikation von „passenderen“ Metaphern in Zukunftsbildern.
Christian Schonert

Interdisziplinäre Perspektiven

Frontmatter
Ist Angst tatsächlich eine schlechte Ratgeberin?
Über den Zusammenhang von Technik, Emotionen und Früherkennung
Zusammenfassung
Für Technologiefrüherkennung und -vorausschau ebenso wie allgemein für Technikfolgenabschätzung stellt sich die Frage, ob sich Emotionen als produktive Faktoren nutzen lassen. Eine Antwort hierauf ließe sich aus unterschiedlichen Perspektiven geben, bspw. mithilfe psychologischer oder sozialpsychologischer Ansätze und Theorien oder im Rahmen handlungstheoretischer Betrachtungen. In der ersten Hälfte des folgenden Beitrags soll daher die Rolle von Emotionen in Entscheidungsprozessen beschrieben und der Bezug zu Technologiefrüherkennung und -vorausschau sowie Technikfolgenabschätzung hergestellt werden. Für den zweiten Teil des Textes wird eine Vorgehensweise gewählt, die hier als „retrospektive Technikfolgenforschung“ bezeichnet wird. Weil die kritische Reflexion gerade laufender Früherkennungs- und Vorausschauprozesse schwierig bis unmöglich ist, da die Validität der getroffenen Aussagen meist erst viel später überprüft werden kann, sollen zurückliegende Früherkennungs- und Vorausschauprozesse aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie daraufhin untersucht werden, ob und wie Emotionen diese Prozesse sowie deren Ergebnisse (mit) determinierten.
Karsten Weber
Wilde Zukünfte
Zur Emotionalität beim Umgang mit Wild Cards
Zusammenfassung
Wild Cards, Vorstellungen von wenig wahrscheinlichen, doch wirkungsstarken künftigen Ereignissen, erwecken Emotionen. Sie können verunsichern, erzeugen als Ausdruck von Befürchtungen Ängste, drücken bisweilen auch offene oder verborgene Hoffnungen aus. Und wenn ein derartiges Ereignis eintritt, überrascht es in der Regel die Betroffenen. Am Beispiel der Generierung und Formulierung von Wild Cards wird aus Sicht eines Praktikers das Wechselspiel von Kognition und Emotion in Zukunftsstudien untersucht. Bei der Arbeit mit Wild Cards kommt es darauf an, auch das Unwahrscheinliche und auf den ersten Blick wenig Plausible zuzulassen und mit Ungewissheit produktiv umzugehen. Die dabei wirksamen emotionalen Aspekte werden sowohl aus der Perspektive von Teilnehmenden von Workshops zur Generierung von Wild Cards als auch aus Perspektive der Moderation dargestellt und analysiert. Während Wild Cards als Gedankenspiel eine emotionale Distanzierung von ihren Inhalten erlauben, entsteht während der konkreten Imagination von Wild Cards als reale Möglichkeit in Form von Miniatur-Szenarios auch eine persönliche Betroffenheit.
Karlheinz Steinmüller
Geschichten aus der Zukunft – das Unfassbare erlebbar machen
Zusammenfassung
Geschichten beleben die Phantasie. Sie bieten Identifikation mit Phantasie, Charakteren und Emotionen. Sie berühren eigene Erfahrungen und das individuelle Erleben. In Gedanken wird das Erzählte wiederholt durchlebt und weitergesponnen. Als Ergänzung zwischen Märchen und Science Fiction wird hier für die Erzählform der Szenario-Novelle plädiert – als Geschichte aus der Zukunft. Szenario-Denken liefert Bilder einer möglichen Zukunft jenseits von Zahlen-Daten-Fakten. Die Novelle erzählt als Prosa die Neuigkeit(en) des Szenarios kurz und prägnant. Die Szenario-Novelle bietet eine sprachliche Form, emotional berührend innere Bilder aus der Zukunft anzulegen und emporsteigen zu lassen. Diese Inszenierungen laden zum Weiterdenken ein und zur vertieften Auseinandersetzung mit den Zukunftsbildern. Die emotionale Berührung führt in einen Dialog über das, was als eine wünschenswerte oder unerwünschte Zukunft erachten wird. Somit dient die Erzählform der Szenario-Novelle als Einleitung eines breiten gesellschaftlichen Dialogs über die Gestaltung der Zukunft.
Gereon Klein
Tabuisierte Zukünfte – Wie Tabus die Analyse des zukünftigen Möglichkeitenraums beeinflussen
Zusammenfassung
Ein grundlegendes Verständnis von Zukunftsforschung ist es, dass die Disziplin nicht die Zukunft, sondern gegenwärtig existierende Zukunftsbilder mit großer Wirkkraft identifiziert und analysiert. Doch bei der Analyse und Weiterverarbeitung dieser gegenwärtigen Zukunftsbilder finden auch Annahmen über zukünftige Entwicklungen Eingang, welche oftmals nicht faktorisiert, kontextualisiert und objektiviert werden. So sind Szenarien und Zukunftsbilder zwangsläufig immer auch beeinflusst von den individuell-kulturellen Anschauungen, Prägungen, Werte und Normen der Autor*innen. Eine dieser Störquellen sind Tabus, welche die insbesondere die Entwicklung von Möglichkeiten- und Optionenräume teilweise massiv beeinflussen, indem sie darauf Einfluss nehmen, was für die Teilnehmer*innen in Gegenwart und Zukunft, denk- und vorstellbar ist und sein darf. Zwar wurden in der Zukunftsforschung der Einfluss von Tabus bereits als ein im Prozess zu adressierendem Problem erkannt und die Vorteile der explorativen Szenariomethode für das Ansprechen von Tabus hervorgehoben ‒ doch der praktische Umgang mit dem Thema Tabus wurde bisher nur unzureichend methodologisch adressiert. Daher ergänzt der vorliegende Artikel die bestehende Literatur, indem er zunächst ein Schlaglicht auf die Rolle von Tabus im Kontext von Foresightprozessen im Allgemeinen und danach den Fokus auf die Betrachtung von Tabus entlang der Schritte eines explorativen Szenarioprozesses legt. Anhand erfahrungsbasierter Praxisbeispiele werden hierbei die mögliche Einflussnahme sowie geeignete Vermeidungsstrategien in jedem Prozessschritt der Szenarioerstellung skizziert.
Björn Theis, Cornelius Patscha, Johannes Mahn
Fearsight: von der Furcht, konkret zu werden
Zusammenfassung
Vage Aussagen zur Zukunft sind weit verbreitet: von schwammigen Formulierungen wie „nicht auszuschließen“ oder „potentielle Konsequenzen“ über den Gebrauch des Konjunktiv schaffen so manche Foresightreports mehr Unklarheit als Grundlage für Entscheidungsfindung. Der Grund hierfür ist nicht so sehr die Natur der Zukunft selbst, sondern die Furcht der Foresighter, konkret zu werden. Dafür gibt es viele Gründe: Angst vor Verantwortung im Falle einer Fehlanalyse, aber auch Angst vor den Emotionen selbst, die Foresight generiert, spielen eine Rolle. In diesem Artikel wird aufgezeigt, warum diese Furcht überwunden werden sollte, um bessere Foresight zu leisten.
Florence Gaub
Metadaten
Titel
Gefühlte Zukunft
herausgegeben von
Katharina Schäfer
Dr. Karlheinz Steinmüller
Prof. Dr. Axel Zweck
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-35890-7
Print ISBN
978-3-658-35889-1
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-35890-7