Skip to main content
main-content

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Die Konstruktion des Möglichen aus der Rekonstruktion des Wirklichen — Zur Themenstellung des Bandes

Die Konstruktion des Möglichen aus der Rekonstruktion des Wirklichen — Zur Themenstellung des Bandes

Zusammenfassung
Wie bekommen interpretativ orientierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die alltägliche Forschungsarbeit eigentlich zusammen mit dem, wonach die sogenannte breitere Öffentlichkeit stets aufs Neue fragt? Wie gelingt der Anschluß zwischen nicht enden wollenden Methoden-Debatten an das, was augenscheinlich im Zentrum des Interesses aller Diskussionen steht, die nicht in den kleinen Zirkeln einer dezidiert etwelchen Methoden- oder Theorieproblemen zugewandten Fachkollegenschaft geführt werden? Was haben unsere,kleinteiligen’ explorativ-interpretativen Detail- und Fall-Studien zu tun mit jenen unweigerlich großflächigen und nicht selten auch grobschlächtigen Gegenwarts- und Zukunftsbildern, die zu malen von uns zumindest dann erwartet wird, wenn wir uns an den Fenstern des akademischen Elfenbeinturmes auch nur zeigen, uns aus diesen hinauslehnen, oder wenn wir das Getürme gar verlassen? — Aus solchen Fragen resultiert die Thematik dieses Bandes über „Gegenwärtige Zukünfte“. Exemplarisch veranschaulichen lässt sich das Problem, das die Herausgeber seit längerem beschäftigt und schließlich veranlasst hat, einschlägig befasste Kollegen zu den nun hier versammelten diskursiven Beiträgen1 einzuladen, vielleicht an einem sozusagen,materialen‘Beispiel — am Beispiel eines der Arbeitsschwerpunkte der Herausgeber: an der Erkundung juveniler Lebenswelten.
Ronald Hitzler, Michaela Pfadenhauer

Zukunftswissen

Frontmatter

Prophetie und Prognose Zur Konstitution und Kommunikation von Zukunftswissen

Zusammenfassung
In seinem berühmten „Teiresias“-Aufsatz aus den 1940er Jahren geht Alfred Schütz der Frage nach, wie und in welcher Form wir Wissen von der Zukunft haben können (Schütz 1972). Dieses Problem behandelt Schütz am Beispiel des Teiresias bzw. Tiresias — jenes Sehers aus der griechischen Mythologie, der zwar die Zukunft sehen, in den Lauf der Ereignisse jedoch nicht eingreifen kann. Schütz nimmt in diesem Aufsatz eine dezidiert mundanphänomenologische Perspektive ein: Seine Hauptabsicht sei nicht, das hypothetische Bewusstsein eines mit der Gabe der Zukunftsschau befähigten, außergewöhnlichen Individuums zu analysieren. Vielmehr zielt er auf die Analyse des „Alltagsdenken des gewöhnlichen Menschen (…), der sein alltägliches Leben unter seinen Mitmenschen lebt und dabei Dinge, die passieren können, antizipiert“(Schütz 1972: 264). Schütz recht ernüchternde Folgerung lautet, dass Wissen über die Zukunft bei Menschen, die keine charismatischen Seher sind, wesentlich eine Form nach vorne projizierter Vergangenheit darstellt. Voraussicht ist antizipierter Rückblick: „Was wir aber wirklich im Entwurf unserer Handlung präkonzipieren, ist ein antizipierter Sachverhalt, den wir uns so denken, wie wenn er in der Vergangenheit sich ereignet hätte“(Schütz 1972: 276f.).
Hubert Knoblauch, Bernt Schnettler

Ein Pfeil ins Blaue? Zur Logik sozialwissenschaftlicher Zeitdiagnose

Zusammenfassung
Zeitdiagnosen haben Konjunktur. Vor gut einem Jahrzehnt war die Lage noch eine andere. Damals (wenn eine Dekade das Wort „damals“rechtfertigt) versuchte sich jeder Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, der etwas auf sich hielt, oder jeder, der mochte, dass man etwas von ihm hielt, in soziologischer Theoriebildung. Zeitdiagnosen standen nicht hoch im Kurs. Heute dagegen wenden sich eine Vielzahl von Wissenschaftler von der Konstruktion der Grand Theory ab und dagegen dem Geschäft der Zeitdiagnose zu. Wohl deshalb gibt es mittlerweile in der Welt schon so viele Zeitdiagnosen, dass Bücher und Artikel auf dem Markt sehr erfolgreich sind, die leicht verständliche Sammlungen solcher Zeitbefunde bieten und versuchen, Ordnung in deren Dickicht zu bringen (Ederer & Prisching 2003, Pongs 1999 und 2000, Prisching 2003a und 2003b, Müller 1997, Reese-Schäfer 1996, Lange 2002, Teufel 1996, Reichertz 1999 und Heitmeyer 1997).
Jo Reichertz

Zur Prognostizierbarkeit der Folgen außergewöhnlicher Ereignisse

Zusammenfassung
Gegenstand meines Beitrags ist ein Spezialfall der sozialwissenschaftlichen Prognostik: die Vorhersage der Folgen schwerwiegender, katastrophenartiger Einzelereignisse. Dies scheint mir wichtig, weil die klassische Futurologie in den meisten ihrer Prognosen einer Logik kontinuierlicher Entwicklungen folgt. Dies ist nicht nur den hier dominierenden quantitativen Methoden geschuldet, die soziale Entwicklung in Form mathematischer Funktionen abzubilden versuchen. Es ist vielmehr auch Wiederhall eines am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Evolutionismus, nach dessen Leitbild die Entwicklung von Gesellschaften einer linearen ökonomischen oder kulturellen Logik folgt. Einzelereignisse haben — als im doppelten Sinne Unberechenbares — weder in einem solchen Geschichtsverständnis noch in der quantifizierenden Futurologie einen Platz. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als interpretativ orientierte Sozialforscher und Sozialforscherinnen dem Unberechenbaren widmen.
Michael Schetsche

Prognose oder Diagnose? Entscheidungsunterstützende Information unter Bedingungen der Unvorhersehbarkeit

Zusammenfassung
Unabhängig davon, ob in Vermögensverwaltung, Entwicklung von Unternehmensstrategien oder Planungsentscheidungen in Politik und Verwaltung: die Frage, „wohin der Trend geht“ und der Ruf nach „genaueren Prognosen“, die „Planungssicherheit“ verschaffen sollen, erscheinen lauter denn je. Neu sind sie allerdings nicht. Und gerade deshalb müßte der Verdacht aufkommen, ob diese Fragen nicht vielleicht falsch gestellt sein könnten.
Franz Liebl

Diagnostische und prognostische Studien

Frontmatter

Forschen und Wetten — zum Verhältnis von Diagnose und Prognose

Zusammenfassung
Nachfolgend stelle ich zuerst knapp die Etymologie des Wortes Diagnose dar sowie was alltagssprachlich mit Diagnose bezeichnet wird und was handlungs-und erkenntnislogisch deren wesentliche Struktureigenschaften sind. Dann versuche ich zu zeigen, dass alltägliche Diagnosen — wie sie beispielsweise ein Arzt erstellt — erkenntnistheoretisch betrachtet den Fallstrukturgesetzlichkeiten, wie sie die qualitative sozialwissenschaftliche Forschung aus Fallrekonstruktionen gewinnt, homolog sind, weil beider gemeinsamer Kern aus hermeneutischen Argumenten besteht. Ich erläutere dann — in Anlehnung an Burkholz (2003) — die Struktureigenschaften hermeneutischer Argumente, allerdings in sehr knapper Form. Dabei arbeite ich Gemeinsamkeiten der Diagnose und Prognose heraus.
Olaf Behrend

Die Verhältnisse sind klüger als das Bewusstsein — oder: Das prognostische Einholen von Wirklichkeit im Spannungsfeld von Praxis und den Theorien über die Praxis

Zusammenfassung
Im common sense Verständnis von Prognostik wird von einer logischen Einheit von Diagnose, Prognose und Intervention ausgegangen. Wem es gelänge, die Verhältnisse exakt zu beschreiben, der sei auch in der Lage, die künftige Entwicklung vorherzusagen, bzw. die Notwendigkeit von eingreifenden Korrekturen und deren Konsequenzen abzusehen. Erklärt nun aber das Schema Diagnose — Prognose wirklich die evolutionäre Entwicklung sozialer und anderer komplexer Prozesse oder handelt es sich hier nicht viel mehr um eine Fiktion der Kausalität, die auch in wissenschaftlichen Kreisen weit verbreitet ist? Mit Luhmann gesprochen: beruht die Strukturbildung in sozialen Systemen nicht vielmehr auf dem Problem der Kontingenzbewältigung, wobei die jeweiligen Ordnungen als Lösungen selbst als Kontingent gelten müssen (Luhmann 1993b, S. 195ff.)? Um die Frage mit Willhelm Flusser zu pointieren: „[Es ist] nicht so, daß der Zufall Folge noch unbekannter Ursachen ist, sondern umgekehrt so, daß Phänomene, bei denen die Ursachen erkenntlich sind, eigentlich nichts anderes sind als Zufälle, die zufällig kausal erklärt werden können“(Flusser 1992, S. 1167).1
Werner Vogd

Gesellschaft in der Gemeinschaft? Paradoxien der Sozialstilisierung in Gruppen

Zusammenfassung
In alltagssprachlichen Kontexten wird der Begriff,Prognose’ im Sinne von,Aussagen über zukünftige Entwicklungen’ verwendet. Ausgangspunkt prognostischer Aussagen sind Zeitdiagnosen, welche Auskunft über den gegenwärtigen Zustand eines Phänomens geben. In dieser Breite reichen Prognosen von alltagsweltlichen Antizipationen über hellseherische Prophezeiungen (Schütz) bis zu wissenschaftlich-methodisch gestützten Prognosen. Letztere finden sich vornehmlich im Bereich quantitativer Sozialforschung in Form von Trend- oder Modellprognosen. Was fehlt, sind analoge Methoden im Umfeld qualitativer Forschung. Der Akzent liegt damit deutlich auf der Aufgabe, methodischmethodologisch adäquate Instrumente für Prognosen aus Diagnosen im Bereich qualitativer Sozialforschung zu entwickeln.
Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun

Prognostische Kompetenz? Über die,Methoden’ der Trendforscher

Zusammenfassung
Trendforschung ist ein Wirtschaftszweig, dessen Vertreter daraus Ressourcen schöpfen, (Zeit-)Diagnosen und (Zukunfts-)Prognosen abzugeben. Dieses Geschäftsfeld hat hierzulande in den 1980er Jahren allmählich Fuß gefasst, in den 1990er Jahren einen regelrechten,Boom’ erlebt und sich in dieser Zeit als ein „beachtliches Segment der Consulting-Branche“(Liebl 1996b: 36) etabliert. Nachdem die,fetten Jahre’ nun unweigerlich und unübersehbar vorbei sind, das Angebot,Trendforschung’ jedoch nicht vom (Beratungs-)Markt verschwunden ist, stellt sich nicht nur für potentielle Nachfrager, sondern auch für Sozialwissenschaftler die Frage, welches spezifische Leistungspaket unter dem Etikett,Trendforschung’ firmiert. Im Zusammenhang mit der Thematik des vorliegenden Bandes interessiert insbesondere, wie, unter dem Einsatz welcher Methoden, Techniken bzw. Kompetenzen hier Erkenntnisse zu „gegenwärtigen Zukünften“gewonnen bzw. ermittelt werden.
Michaela Pfadenhauer

Die Prognose des verfestigten Hangs zu weiteren Straftaten als wesentlicher Bestandteil der Anordnung der Sicherungsverwahrung — Überlegungen zu (auch berufsspezifisch) eingeschränkten Sichtweisen in die Zukunft und ihren alltagsweltlichen Auswirkungen

Zusammenfassung
Bei der seit einiger Zeit in die politische und reehtstatsäehliche Diskussion geratenen Anordnung von Sicherungsverwahrung nach §§ 66 und 66a StGB spielt ein Sachverständigengutachten gemäß den §§ 246a bzw. 275a StPO eine wesentliche Rolle. Dieses Gutachten ist Voraussetzug für die Verhängung der Sicherungsverwahrung. In der Hauptverhandlung muss ein Sachverständiger über den Zustand des Angeklagten vernommen werden, der sich zur Wahrscheinlichkeit der Begehung von Straftaten und zur Allgemeingefährlichkeit des Angeklagten zu äußern hat. In der Regel wird dazu der Angeklagte von dem Gutachter zuvor,untersucht bzw. befragt und es wird ein schriftliches Gutachten erstellt. Dieses Gutachten besteht im Wesentlichen aus einer Interpretation der bisherigen kriminellen und sozialen Karriere des Angeklagten, einer Einschätzung seiner aktuellen Einstellungen und der prognostischen Bewertung zukünftig eintretender Entwicklungen.
Thomas Feltes

Diskursforschung und Gesellschaftsdiagnose

Zusammenfassung
In den gegenwärtigen Diskussionen über die Diagnose gesellschaftlicher Transformationsprozesse, wie sie etwa unter den Stichworten der,Wissensgesellschaft’, der,Globalisierung’ oder auch der,reflexiven Modernisierung’ geführt werden, spielen, abgesehen von Beiträgen aus der Wissenschafts- und Technikforschung, wissenssoziologische Zugänge und Analyseperspektiven keine nennenswerte Rolle. Dies kann für die deutsche Debatte vielleicht dadurch erklärt werden, dass die Wissenssoziologie sich in den letzten Jahrzehnten in erster Linie auf mikrosoziologischer Ebene mit Wissensphänomenen beschäftigt hat. Für diese Zwecke hat sie ihre Konzepte und Methoden entwickelt, Fragen nach großformatigeren gesellschaftlichen Wandlungsprozessen konnte sie deswegen — sofern sie sich überhaupt dafür interessierte — nur insoweit bearbeiten, wie sich diese in den Wissens- oder Deutungsressourcen sozialer Akteure niederschlugen. Im vorliegenden Beitrag möchte ich dagegen die These vertreten, dass eine im interpretativen Paradigma verankerte Wissenssoziologische Diskursanalyse einen diagnostischen Zugang zu umfassenderen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen erlaubt. Exemplarisch lässt sich diese Behauptung anhand der Umwelt- und Risikodiskursforschung der letzten Jahrzehnte belegen.1
Reiner Keller

Die dichte Beschreibung des Möglichen

Zusammenfassung
„Statt zu fragen, wie das Rationale durch das Kulturelle behindert wird, könnten wir anfangen zu untersuchen, wie das Kulturelle das Rationale voranbringt“, so fordert Lorraine Daston in ihrem Essay zur Ausstellung „Science & Fiction“, in der die zunehmende und vielschichtige Verflechtung der Wissenschaften mit der Kunst und der Alltagskultur spätmoderner Gesellschaften thematisiert wird (Daston 2004: 63). Einen zentralen Schauplatz dieser Verflechtung bildet seit über einem Jahrhundert das Genre der Science Fiction Literatur (in Deutschland wegen des schlechten Leumunds dieser Bezeichnung auch häufig mit dem Etikett,utopischer Roman’ versehen). Der vorliegende Aufsatz versucht nun, diese Verflechtung noch etwas weiter zu treiben und fragt, inwieweit ein Teil dieses Genres, das man als,Social Hard SF“bezeichnen könnte (siehe Abschnitt 5) für die Frage nach „interpretativen Methoden der Prognostik“Inspirationen bieten kann. Die erste und zentrale Inspiration springt dabei eigentlich sofort ins Auge: Könnten sich nicht auch die Humanwissenschaften — auch und gerade die auf der Basis interpretativer Paradigmen arbeitenden — die Methode des Gedankenexperiments zu Eigen machen? Liegt hier nicht vielleicht ein großes Potential, das nicht nur die Erstellung von sozialwissenschaftlich fundierten Szenarien der gesellschaftlichen Zukunft ermöglicht, sondern u. U. auch zur Reflexion eigener Theorien und Menschenbilder geeignet ist?
Martin Engelbrecht

Gegenwartsdeutungen

Frontmatter

Interpretative Muster von Zeitdiagnosen

Zusammenfassung
Entwürfe zeitdiagnostischer Art haben neuerdings Konjunktur (Pongs 1999; Schimank/Volkmann 2000; Volkmann/Schimank 2002; Kneer/Nassehi/Schroer 1997, 2001; Prisching 2003; Reese-Schäfer 1996, 2000, 2003). Das Misstrauen gegen ihre methodologische Karätigkeit ist nicht abgebaut, aber die Sehnsucht nach Erklärungen der langen Trends und großen Geschehnisse wirkt aus der Öffentlichkeit in die Sozialwissenschaften hinein — und von diesen natürlich über den einen oder anderen Bestseller und die intellektuellen und quasiintellektuellen Folgeveranstaltungen wieder zurück in das, was man öffentlichen Diskurs nennt. Es sind Etiketten von der,Risikogesellschaft’ über die,Erlebnisgesellschaft’ bis zur,Multioptionsgesellschaft’ — und viele andere —, die von unterschiedlichen Ausgangspunkten her das Ganze der gesellschaftlichen Entwicklung thematisieren. Sie weisen einen gewissen Überschuss über die harten empirischen Fakten auf und scheuen meist nicht vor normativen Akzentsetzungen zurück; und sie fallen weniger in die Kategorie sozialer „Gesetzmäßigkeiten“als in die etwas diffusere von Paradigmen, Perspektivierungen oder Rahmenvorgaben (kritisch dazu Beiträge in Friedrichs et al 1998): Sie intendieren, das,Wesen’ der Gegenwartsgesellschaft von bestimmten Standpunkten oder Grundideen her zu erschließen.
Manfred Prisching

Vorgreifende Anpassung. Zum Umgang mit dem Wissen um das menschliche Genom

Zusammenfassung
Unabhängig von allen Änderungen — Erweiterungen und Einschränkungen —, die Darwins großer Entwurf in der Zwischenzeit erfahren hat, prägt die Evolutionstheorie nach wie vor das moderne Denken. Für die Selbstinterpretation des Menschen hat sie tiefgreifende Folgen. Stärker als je zuvor ist die Frage nach der Stellung „des Menschen im Kosmos“ (Scheler 1928), nach seinen ‘Wesensmerkmalen’, nach seinem Verhältnis ‘zur Natur’ und zu anderen Lebewesen durch Offenheit geprägt. Für die einen ist diese Offenheit Anlaß zu Unsicherheit und Angst; andere sehen darin — trotz aller Unsicherheit — eine Chance. Innerhalb der langen Versuchsreihe, die von der Menschheit im Verlauf der Geschichte durchgeführt wurde, um Einsichten in ‘die Gesetze der Natur’ für sich zu nutzen, steht die gegenwärtige Debatte um die ‘Durchsichtigkeit’ und die potentielle ‘Manipulierbarkeit’ des menschlichen Genoms für das Erreichen einer neuen Etappe.
Hans-Georg Soeffner

Selbstinterpretation als Selbstermächtigung — oder: Sechs Milliarden Personen suchen einen Autor

Zusammenfassung
Luigi Pirandello (1988a), der sizilianische Nobelpreisträger, hat mit dem Titel seines 1921 geschriebenen Theaterstückes „Sechs Personen suchen einen Autor“ auch den Titel des modernen Welttheaters gefunden. Nur sind es nicht mehr nur sechs, sondern sechs Milliarden Personen. Pirandellos Hoffnung, dass die Figuren im besagten Stück ihre eigene Realität erlangen müssen und sich deshalb vom Wollen des Autors zu lösen haben, ja eine Art Gegenwelt darstellen sollen, aus der heraus sie sich wenn nötig sogar gegen die Absichten des Autors zu wehren haben, ist ein Grundimperativ der Moderne. Herausgesprengt aus den herkunftsbezogenen Vorgaben muss der Jetztmensch sein Leben als Aufgabe wahrnehmen. Und getreu der soziologischen Rollentheorie hat der Homo sociologicus nicht mehr einfach eine vorgegebene Rolle zu lesen und zu spielen, sondern diese zu variieren und im Endeffekt selber zu erfinden und zu optimieren. Der Mensch hat zum Autor seiner selbst oder, wie es neuerdings heißt, zum Ich-Unternehmer und zur Ich-AG zu werden. Er sieht sich nicht mehr als gemacht, sondern muss etwas aus sich machen. Er erhält bei der Geburt kein Skript mehr in die Hand gedrückt, das er auf der Weltbühne vorzutragen hat, sondern muss dieses nun selber schreiben und selber spielen.
Peter Gross

Möglichkeitsräume Aspekte des Lebens am Übergang zu eine anderen Moderne

Zusammenfassung
Multioptionslust und Erlebnisorientierung, das sind die,Wegweiser’, die Peter Gross (1994 und 1999) und Gerhard Schulze (1992, 1999 und 2003) zufolge jenen Übergang zu einer anderen Moderne markieren, an dem wir uns derzeit kulturell befinden. Multioptionslust meint die Freude daran, dass angesichts eines Überangebots an Waren ebenso wie an Weltdeutungen alles —/wenigstens prinzipiell —verfügbar ist/Multioptionslust meint, dass alles geht, und dass es außer fehlenden finanziellen Ressourcen nichts gibt, was uns hindern könnte, bei all dem, was geht, auch selber mitzugehen. Erlebnisorientierung meint die Neigung, das zu tun, was einem persönlich Spaßmacht —weil es tatsächlich keine verbindlichen kulturellen Werte,an sich’mehr gibt/zu tun also, was das Leben (er)lebenswert macht, bzw. das, was man zu tun hat, wenigstens so erlebenswert wie möglich zu gestalten.
Ronald Hitzler

Backmatter

Weitere Informationen