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Über dieses Buch

Geld ist heute ein sachlich, zeitlich und sozial ubiquitäres Phänomen. Es fällt schwer – trotz sich verstetigender Finanz- und Wirtschaftskrisen in der jüngeren Vergangenheit –, sich Geld wegzudenken oder sich auch nur ein anderes Geld(-system) zu denken. Diese Ubiquität steht im Kontrast zu einer hochgradig selektiven wissenschaftlichen Behandlung, die es verunmöglicht, den kultur-evolutionären Stellenwert des Geldes adäquat abzuschätzen. Die neoklassische Ökonomik ist durch eine (seit Adam Smith kolportierte) tauschtheoretische Engführung von Geld limitiert. Geld gilt dort strukturell als auch verteilungspolitisch weithin als neutral, also nicht als evolutionärer Mechanismus aus eigenem Recht. Die Neue Wirtschaftssoziologie hat zwar zu Recht den Modellplatonismus der Mainstream-Ökonomik kritisiert und auf die soziale Einbettung der Wirtschaft hingewiesen. Sie hat es in diesem Zuge aber nicht zu einer eigenständigen Geldtheorie gebracht. Das Buch präsentiert Überlegungen zu einer interdisziplinär informierten soziologischen Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht. In zwei historischen Studien (zu Mesopotamien ab dem vierten Jahrtausend v.u.Z. sowie zum Griechenland des ersten Jahrtausends v.u.Z.) werden die koevolutionären Prozesse von Geldentwicklung, Schriftentwicklung und Rationalitätsentwicklung detailliert rekonstruiert. Einer solchen Forschungsperspektive gelingt es, die in der Soziologie etablierte problematische Dichotomie von Einbettungs- und Ausdifferenzierungsparadigmen durch eine integrative Perspektive zu überwinden und aufzuheben.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung. Von der Soziologie des Geldes zu einer interdisziplinär informierten soziologischen Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht

Zusammenfassung
Das Kapitel skizziert das Programm der Monografie. Unter der Bezeichnung einer soziologischen Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht geht es darum, anhand der Rekonstruktion der koevolutionären Prozesse von unter anderem Geldentwicklung, Schriftentwicklung und Rationalitätsentwicklung am historischen Material zu demonstrieren, was es bedeutet, eine Wirtschafts- und Geldsoziologie zu betreiben, die das prekäre etablierte Raster von Einbettung und Ausdifferenzierung überwindet.
Hanno Pahl

Kapitel 2. Monetäre Dynamiken und die sozio-kulturelle Evolution des Geldes als vernachlässigte Themen sozialwissenschaftlicher Forschung: Ein Abstecken des Feldes

Zusammenfassung
Das Kapitel zeigt, dass die Thematisierung des Geldes in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft – aber auch in anderen einschlägigen Disziplinen und Forschungsrichtungen wie Neue Wirtschaftssoziologie, Wirtschaftsanthropologie, Wirtschaftsgeschichte, ökonomischem Neo-Institutionalismus sowie Akteur-Netzwerk-Theorie – viel zu selektiv ausfällt. Es geht bei dieser Abhandlung nicht um Fundamentalkritiken, sondern darum, herauszuarbeiten, dass und warum die problematisierten Positionen wenig instruktiv sind, um eine soziologische Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht zu informieren.
Hanno Pahl

Kapitel 3. Zu einer soziologischen Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht – Elemente einer Heuristik

Zusammenfassung
Es wird eine tragfähige Heuristik für die im Buch in Grundzügen am Material zu entwickelnde soziologische Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht zusammengestellt. Dazu werden die innovativen geldtheoretischen Überlegungen Polanyis vor dem Hintergrund zweier multidimensionaler Stufentheorien sozio-kultureller Evolution – Arno Bammés Homo occidentalis (2011) sowie Davor Löfflers Generative Realitäten I (2019) – neu arrangiert. Zentral ist hierbei der auf Oswald Spengler zurückgehende Begriff des Formzusammenhangs, der es ermöglicht, die Geldentwicklung vergleichend zu analysieren.
Hanno Pahl

Kapitel 4. Geld und Rationalitätsentwicklung. Zu den Pionierleistungen bei Alfred Sohn-Rethel

Zusammenfassung
Das Kapitel erinnert an Alfred Sohn-Rethel und seine Theorie. Dort wurde erstmals eine enge Verschränkung von Geldentwicklung und Kognitionsentwicklung behauptet. Es wird argumentiert, dass der weithin vergessene Sohn-Rethel innerhalb der Soziologie einen ähnlichen Platz verdient hat wie beispielsweise Karl Mannheim, der Begründer der Wissenssoziologie. Dazu wird aufgezeigt, dass es sich beim Forschungsprogramm Sohn-Rethels um eine spezifische, nämlich soziologisch-materialistische, Variante von naturalistischer Epistemologie handelt.
Hanno Pahl

Kapitel 5. Mesopotamische Hochkulturen. Die Emergenz des Monetären als Wertstandard und der Formzusammenhang von Keilschrift, Zahlbegriffen und Maßsystemen

Zusammenfassung
In diesem historischen Kapitel geht es um die Entwicklung von Geldformen und um die Effekte einer sukzessiven Monetarisierung von Gesellschaftsstrukturen. Die mesopotamischen Hochkulturen zählen nicht nur zu den ersten Hochkulturen überhaupt, dort findet sich auch erstmalig eine Geldform, die über die „primitiven“ Gelder, die sich bei Wildbeutern finden lassen, hinausgeht. Es wird ein Formzusammenhang aufgezeigt, der um die Emergenz des Monetären als Wertstandard im Zusammenhang mit abstraktionsanalogen Entwicklungen im Bereich von Keilschrift, Zahlbegriffen und Maßsystemen zentriert ist.
Hanno Pahl

Kapitel 6. Marx kultur-evolutionstheoretisch situiert: Logisch-genetische Theorie ökonomischer Formen und historische Forschung

Zusammenfassung
Das fünfte Kapitel verweist – eingeschoben zwischen die beiden historischen Kapitel – auf eine weitere wichtige Theorieressource, nämlich die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, und dort insbesondere auf die sogenannte Formanalyse von Geldmedien und Geldfunktionen. Man kann davon ausgehen, so wird argumentiert, dass die Motorik dieser Formanalyse ein geldtheoretisch komplementäres Unterfangen zu Polanyi darstellt. Während Polanyi vom historischen Auftauchen von Medien der Quantifizierung und Kommensurabilisierung her denkt, also bottom-up, verfährt Marx in erster Linie top-down.
Hanno Pahl

Kapitel 7. Das achsenzeitliche Griechenland: Zum Formzusammenhang von Münzgeld, phonetischem Alphabet, Polis-Struktur und vorsokratischer Philosophie

Zusammenfassung
In diesem zweiten historischen Kapitel geht es zentral um die Entwicklung von Geldformen und um die Effekte einer sukzessiven Monetarisierung von Gesellschaftsstrukturen. Griechenland kommt geldsoziologisch eine exponierte Stellung zu, weil Geld dort erstmals als Münzgeld auftauchte, also in Form einer medial (gegenständlich) verselbständigten, universalen Wertform. Das Kapitel rekonstruiert die ko-evolutionären Prozesse (Formzusammenhänge) von phonetischem Alphabet, Münzgeld, Polis-Struktur und vorsokratischer Philosophie.
Hanno Pahl

Kapitel 8. Resümee, Kontextualisierungen und Ausblicke zur soziologischen Geldtheorie in kultur-evolutionärer Absicht

Zusammenfassung
Das Kapitel leistet sowohl ein Resümee zu den im Zuge der historischen Untersuchungen gewonnenen Befunden als auch eine in verschiedene Richtungen ausgreifende Kontextualisierung. Das Resümee ist zentral auf die beiden analysierten Formzusammenhänge und die dortigen Abstraktionsmodi bezogen. Die Kontextualisierung bezieht sich erstens auf politische Implikationen der historischen Fallstudien, liefert zweitens Argumente gegen soziologischen Disziplinzentrismus und adressiert drittens das Thema des Stoffwechselprozesses menschlicher Zivilisationen mit der sie umgebenden Natur.
Hanno Pahl

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