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12.07.2021 | Geldpolitik | Interview | Online-Artikel

"Die Dominanz des Dollars in der Welt ist unbestreitbar"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

7 Min. Lesedauer

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Interviewt wurde:
Stephen Li Jen

ist CEO und Co-CIO von Eurizon SLJ Capital Ltd.

In den vergangenen Monaten hat der Dollar-Kurs immer wieder nachgegeben. Wie sich das auf seinen Status als Weltwährung auswirkt und welches Potenzial andere Währungen auf der globalen Bühne haben, erläutert Experte Stephen Li Jen im Gespräch.

Springer Professional: Immer wieder wird diskutiert, ob der US-Dollar als weltweite Leitwährung mittelfristig ausgedient hat. Besonders laut waren Kritiker zu Zeiten der Trump-Präsidentschaft, als den USA eine extrem protektionistische Haltung vorgeworfen wurde. Wie bewerten Sie aktuell den internationalen Status des US-Dollar?

Stephen Li Jen: Ich denke, der erste Punkt ist die Unterscheidung zwischen dem Dollar als Reservewährung und dem Dollar als internationale Währung. Viele vermischen die beiden. Der Status als Reservewährung hat damit zu tun, wo andere Zentralbanken, meist aus Entwicklungsländern, ihre Währungsreserven am besten anlegen. Entwickelte Volkswirtschaften, die selbst Emittenten von Reservewährungen sind, brauchen keine Währungsreserven. Auf der anderen Seite hat der internationale Währungsstatus damit zu tun, was die Welt, das heißt sowohl der offizielle als auch der private Sektor, über die Verwendung anderer Währungen als der eigenen in Handel, Finanzen und Sparaktivitäten denkt. 

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Können Sie uns das an einem Zahlenbeispiel konkretisieren?

Im Moment liegt der weltweite Bestand an offiziellen Währungsreserven bei etwa zwölf Billionen US-Dollar. Das hat sich seit fast einem Jahrzehnt nicht verändert. Zum Vergleich: Der tägliche Umsatz am Devisenmarkt beträgt 6,6 Billionen US-Dollar. Das bedeutet, dass der gesamte Bestand an offiziellen Währungsreserven in der Welt weniger als zwei Tagen an Devisenumsatz entspricht. Es stellt sich also die Frage, ob die Zahlen der offiziellen Währungsreserven wichtig sind, und wenn ja, warum sie immer noch wichtig sind. 

Sind sie es denn?

Der Anteil des US-Dollar an den offiziellen Reserven ist in den letzten 20 Jahren zurückgegangen, liegt aber immer noch im Bereich der letzten 40 Jahre. Der größte Reservehalter der Welt ist China. Das Land hielt früher mehr als 70 Prozent seiner Reserven in Dollar, das heißt in US-Treasuries. Chinas Deinvestition aus dem US-Dollar und den US-Treasuries fällt zusammen mit einem ähnlichen Trend weg vom Dollar, der auch in Russland zu beobachten ist. Lässt man die chinesischen Reserven außer Acht, ist der Marktanteil des USD an den globalen Reserven in Anbetracht des Anstiegs des chinesischen Renminbi (RMB) aber erstaunlich stabil geblieben. 

Zusammenfassend kann ich persönlich die Fixierung des Marktes auf den sinkenden Anteil des US-Dollar an den globalen Reserven nicht nachvollziehen, wenn dieser immer noch die dominierende internationale Währung in der Welt ist. Die Fixierung auf die globalen Reserven ist meiner Meinung nach eine überholte Übung. 

Eine Leitwährung zeichnet sich dadurch aus, dass sie weltweit als wichtigste Transaktions-, Anlage- und Reservewährung fungiert. Das heißt, sie muss uneingeschränkt in andere Währungen konvertierbar und global verfügbar sein. Warum sehen Sie im chinesischen RMB einen möglichen Nachfolger des US-Dollar?

Korrekt. Deshalb glaube ich nicht, dass der RMB eine Chance hat, in absehbarer Zeit mit dem Dollar zu konkurrieren. Die Währung ist nicht konvertierbar und wird auch nicht vollständig konvertierbar sein, vielleicht niemals. Wichtiger noch: Um eine mächtige, hegemoniale internationale Währung zu sein, etwas, dem die Nutzer überall bedingungslos vertrauen, muss die emittierende Nation sowohl über harte als auch weiche Macht verfügen. China hat viel harte, aber wenig weiche Macht. Europa ist das Gegenteil. Es hat viel Soft statt Hard Power.  Die Welt liebt viele Eigenschaften Europas und vertraut auf die Rechtsstaatlichkeit in Europa. Aber niemand fürchtet Europa wirklich. 

Wie stehen die USA in diesem Vergleich da?

Die USA sind anders. Sie haben sowohl harte als auch weiche Macht. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Die größte Wirtschaft der Welt zu haben, wird Chinas Währung nicht automatisch zur hegemonialen internationalen Währung machen, wenn die Welt dem kommunistischen Regime nicht vertraut. 

Trotz einer fortschreitenden Marktliberalisierung in China dürfte der RMB nicht überall mit offenen Armen empfangen werden. Was müsste der chinesische Staat und dessen Finanzsektor tun, um den RMB fit für die Aufgaben als Leitwährung zu machen und vor allem globales Vertrauen zu schaffen? 

Das ist richtig.  Das ist die größte Herausforderung für China, dass es hart an seiner PR arbeiten muss. Das Problem ist, dass das derzeitige Ziel in Peking darin besteht, seine militärischen und wirtschaftlichen Muskeln spielen zu lassen und die Dominanz des Staates zu festigen. In den letzten Jahren hat China eine proaktive und provokative militärische Haltung in Asien eingenommen. Intern hat es eine Kampagne gestartet, um die kommunistische Herrschaft zu festigen, was sich in den jüngsten Aktivitäten in Hongkong ebenso zeigt wie in Pekings Herausforderung der eigenen Tech-Unternehmen. Ich denke, Chinas Finanzsektor ist so groß und interessant, dass es wahrscheinlich zu großen Kapitalströmen aus dem Rest der Welt nach China kommen wird, um eine Diversifizierung zu erreichen. China kann nicht mit der Attraktivität der USA konkurrieren, aber es kann als Investitionsziel attraktiver sein als Länder wie Südafrika, Brasilien, Indonesien und vielleicht sogar Japan und einige andere entwickelte Länder. 

Nun hat sich der US-Dollar in der Vergangenheit auch in Staaten mit weniger liquiden Finanzmärkten bewährt, die sich über diese Weltwährung günstig auf den amerikanischen Anleihemärkten refinanzieren konnten. Würde das auch dem chinesischen RMB gelingen? 

Nein, das glaube ich nicht. Der RMB ist keine konvertierbare Währung für Kapitalkonten. Ich vergleiche internationale Währungen gerne mit Sprachen. Das ist so, als würde man sagen, dass die meisten Kinder auf der Welt Englisch als Zweitsprache lernen. Erwarten wir angesichts der Macht Chinas, dass Mandarin zu einer beliebteren Sprache wird? Meine Antwort ist nein. Der etablierte Vorteil ist riesig und es ist sehr schwierig für Mandarin, Englisch zu verdrängen, und das Gleiche gilt für den RMB oder den Euro. 

Der Euro ist 1999 mit recht viel Potenzial gestartet, konnte dem US-Dollar aber nie den Rang ablaufen. Welche Rolle wird die europäische Währung in einem künftigen Szenario spielen? 

Ich denke, die Dominanz des Dollars in der Welt ist unbestreitbar. Das hat auch die Fed zur wichtigsten Zentralbank der Welt gemacht. Diese Konfiguration, dass die reale Welt multipolarer geworden ist, die Finanzwelt aber unipolar bleibt, ist meiner Meinung nach höchst instabil. Hier kommt der Euro ins Spiel, um der Welt zu helfen, sich vom Dollar zu lösen. Er hat sich in der Tat als weniger herausfordernd erwiesen, als einige erwartet hatten. Dennoch glaube ich, dass es für die Welt besser ist, weiterhin zu versuchen, die Dominanz des Dollars anzufechten und an seinem Monopol zu rütteln. 

Die genannten Währungen könnten weitere Konkurrenz erhalten durch digitale Zentralbankwährungen. So forciert Christine Lagarde einen digitalen Euro. Obwohl die EZB noch keine finale Entscheidung getroffen hat, wird im Hintergrund schon fleißig an einem E-Euro gearbeitet. Auch China und die USA sind in diesem Beriech schon länger aktiv. Was bedeutet diese Entwicklung für den US-Dollar und seine Funktion als Weltwährung? 

Ich stimme zu, dass Central Bank Digital Currencies (CBDC) eine höchst interessante Entwicklung im Umgang mit internationalen Währungen sein werden. Ich persönlich denke, dass E-CNY (digitaler Yuan), E-Euro und ein E-US-Dollar sich in mindestens zwei Dimensionen stark unterscheiden werden. Die erste ist die Anonymität. Wir wissen, dass es für E-CNY wenig Anonymität geben wird, da alle aktuellen und früheren Besitzer bekannt sein werden. Europa hingegen legt Wert auf Privatsphäre. Daher wird die EZB den digitalen Euro wahrscheinlich ganz anders gestalten. Meine Vermutung ist, dass der E-Dollar irgendwo dazwischen liegen wird. Der zweite Punkt ist die Sicherheit. Wie werden diese CBDC gestaltet sein, um zu verhindern, dass sie für illegale internationale Aktivitäten verwendet werden? Ich glaube, dass es für Kriminelle schwer sein wird, den E-CNY zu benutzen. Bei den digitalen Alternativen zu Dollar und Euro bin ich mir weniger sicher, nehme aber an, dass sie gut konzipiert sein werden.

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