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11.10.2021 | Geldpolitik | Im Fokus | Onlineartikel

Marktverzerrung durch grüne EZB-Strategie befürchtet

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3 Min. Lesedauer

Die Europäische Zentralbank hat ihre Strategie nachhaltiger aufgestellt. Manchen Experten gehen die Maßnahmen nicht weit genug, um den Klimaschutz voranzutreiben. Andere sehen in der grünen Ausrichtung einen Angriff auf die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Geldpolitik.

Für Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden spielen Umwelterwägungen in ihrer strategischen Ausrichtung zunehmend eine zentrale Rolle. So hat sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) im Sommer 2021 auf einen umfassenden Maßnahmenplan verständigt. Dieser rückt Klimaschutzaspekte stärker in ihren geldpolitischen Handlungsrahmen. 

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Kompetenzzentrum Klimawandel koordiniert Aktivitäten

Auf diesem Weg soll die ökologische Nachhaltigkeit systematischer in die Geldpolitik der EZB einfließen. Dieser Schritt folgte einer umfassenden Strategieüberprüfung, die von 2020 bis 2021 durchgeführt wurde.

Der Plan umfasst Maßnahmen, durch die die laufenden Initiativen des Eurosystems zur stärkeren Berücksichtigung von Klimaschutzaspekten gefördert und ausgeweitet werden. Dadurch sollen die Voraussetzungen für Veränderungen am geldpolitischen Handlungsrahmen geschaffen werden. Die Gestaltung dieser Maßnahmen wird mit dem Preisstabilitätsziel in Einklang stehen und sollte den Implikationen des Klimawandels für einen effizienten Einsatz der Ressourcen Rechnung tragen. Das kürzlich ins Leben gerufene Kompetenzzentrum Klimawandel der EZB wird die betreffenden Aktivitäten innerhalb der EZB in enger Zusammenarbeit mit dem Eurosystem koordinieren", erläutert das Institut die Hintergründe auf seiner Homepage.

Im Zuge ihres Maßnahmenplans 

  • wird es makroökonomische Modelle für die geldpolitische Transmission geben,
  • will die EZB statistische Daten für Risikoanalysen zum Klimawandel entwickeln und
  • für Vermögenswerte des privaten Sektors Offenlegungsanforderungen als ein neues Zulassungskriterium oder Grundlage für eine differenzierte Behandlung festlegen.

Die Suche nach einer idealen grünen Zentralbank

Das Londoner Non-Profit-Research-Unternehmen Positive Money hat bereits im Frühjahr 2021 untersucht, wie das Spektrum an Richtlinien und Initiativen einer idealen grünen Zentralbank aussehen sollte und in vier Kategorien unterteilt: Forschung und Interessenvertretung, Geldpolitik, Finanzpolitik und Vorbildfunktion. 

Mit einem eigens entwickelten System hat Positive Money die G20-Länder hinsichtlich ihrer grünen Politik und Initiativen ihrer Währungs- und Aufsichtsbehörden in den vier Bereichen untersucht und eingestuft. Zwar hätten einige Institutionen konkrete Maßnahmen ergriffen, um Umweltrisiken zu bewerten und Anreize für grüne Investitionen zu schaffen. Doch "schrecken alle vor Maßnahmen zurück, die Finanzströme im Hinblick auf umweltschädliche Aktivitäten einschränken", lautet das Urteil. In ihrem Scoring landen die Europäische Union dennoch auf Platz fünf und Deutschland immerhin auf Rang sieben.

Abweichung von marktneutralen Transaktionen

Dass die EZB mit ihren Klimaschutzvorstößen vom Grundsatz der Marktneutralität abweichen will, stößt bei manchen Ökonomen auf Kritik:

Bei der Vorlage ihres Maßnahmenplans zur Berücksichtigung von Klimaschutzaspekten in ihrer geldpolitischen Strategie hat die EZB jüngst auch ihre Vorhaben benannt, potenzielle Verschiebungen bei der Marktallokation und alternative Benchmarks für den Ankauf von Anleihen und insbesondere Unternehmensanleihen im Rahmen des Corporate Sector Purchase Programme (CSPP) zu ermöglichen und dabei vom Grundsatz marktneutraler Transaktionen abzuweichen", schreibt Thomas Treptow von der Internationale Berufsakademie (iba) in Nürnberg in einem Kurzkommentar der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" (Ausgabe 8 | 2021).

Maßnahmen der EZB dürfen Markt nicht verzerren

Dabei sei Marktneutralität "der Anspruch, dass eine Notenbank mit ihren Markttransaktionen nicht die Preise von Vermögenswerten beeinflusst und dabei ebenfalls keine Emittenten bevorzugt". Die für die Volkswirtschaft wichtigen Größen, wie insbesondere Zinsen und Risikoaufschläge, seien so vor Verzerrungen geschützt. 

In einer grünen Ausrichtung der EZB sieht Treptow neben der immer stärker beobachtbaren Integration von europäischer Geldpolitik und nationaler Fiskalpolitik der Euroländer eine Schwächung für Preisniveaustabilität und der geldpolitischen Transmissionsfunktion. "Insgesamt spricht daher einiges dagegen, dass das Eurosystem eine aktive grüne Geldpolitik betreibt", so der Autor.

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