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2023 | Buch

Gemeinwohlorientiert, ökologisch, sozial

Aushandlungen um alternative Wirtschaftspraktiken in der Zivilgesellschaft

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Über dieses Buch

Der Klimawandel gefährdet die Existenzgrundlage zukünftiger Generationen. Damit zukunftsfähige und klimaverträgliche Gesellschaften entstehen können, sind tiefgreifende Änderungen von Produktionsprozessen, aber auch von Konsummustern und Lebensstilen notwendig. In diesem Sammelband werden Möglichkeiten und Grenzen der Ausweitung alternativer Wirtschafts- und Lebensformen erkundet. Dabei werden kleine Unternehmen und nachhaltige Bildungsinitiativen genauso betrachtet wie Regionen, Berufszweige und Großunternehmen auf ihrem Weg in eine nachhaltige Zukunft.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Transformationspotenziale der Gemeinwohl-Ökonomie

Frontmatter
Gemeinwohl-Ökonomie und die Sustainable Development Goals (SDGs)
Zusammenfassung
Der folgende Beitrag führt zunächst in die Agenda 2030 und die Sustainable Development Goals ein. Mit einer kritischen Perspektive wird deren Berechtigung als Zielrahmen für nachhaltige Entwicklung und die Notwendigkeit einer Transformation „der“ Wirtschaft diskutiert. Im Anschluss wird ausgeführt, welchen Beitrag Unternehmen im Sinne einer True Business Sustainability zu nachhaltiger Entwicklung und der Umsetzung der SDGs leisten können. Abschließend wird der Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie vorgestellt und erörtert, welche Potenziale eine Verknüpfung von Gemeinwohl-Bilanz und SDGs im Sinne der True Business Sustainability bieten kann. Der Beitrag beruht im Kern auf den Erkenntnissen der Master-Abschlussarbeit des Autors. Im Nachgang wurden die Überlegungen dazu um einige theoretische und praktische Elemente ergänzt.
Matthias Kasper
Die Gemeinwohl-Bilanz – Baustein für die Mitgestaltung der Großen Transformation?
Zusammenfassung
Eine fundamentale Voraussetzung für den Erfolg der „Großen Transformation“ hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft innerhalb planetarer Grenzen ist die kulturelle und mentale Transformation unserer auf Wohlstand und Wachstum basierenden ökonomischen Paradigmen. Unser Wirtschaftssystem ist Ursprung und zugleich ein wirkungsvoller Hebel für solch einen Wandel. Dabei spielen gelebte Beispiele nachhaltigen Wirtschaftens eine wichtige Funktion, indem sie in Nischen zukunftsfähige Modelle praktizieren. Jedoch schaffen sie den Sprung aus der Nische in den Mainstream oftmals nicht, sodass sich ihr mögliches Wirkpotential nicht voll entfalten kann. Politische Akteur*innen können bei diesem Sprung in den Mainstream durch förderliche Rahmenbedingungen unterstützen. Gleichzeitig bedarf es dafür einer Bewertung des möglichen Transformationspotentials dieser Nachhaltigkeitsinitiativen (Brand 2017, S. 18). Wie solch eine Bewertung aussehen kann, betrachtet die vorliegende Forschungsarbeit mithilfe der vom Umweltbundesamt (UBA) und dem Ecologic Institut gGmbH veröffentlichten Studie „Kriterien zur Bewertung des Transformationspotentials von Nachhaltigkeitsinitiativen“ (Wunder et al. 2019) und wendet diese am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) an. In diesem Beitrag kann damit zum einen dargestellt werden, inwieweit die Gemeinwohl-Bilanz als das Herzstück der GWÖ neue Lösungen für einen tiefgreifenden Wandel von Lebensstilen, Praktiken, Dienstleistungen und Technologien ermöglicht, nachhaltige Alternativen aufzeigt und die Destabilisierung nicht-nachhaltiger Praktiken erreicht. Zum anderen werden fördernde bzw. hemmende Rahmenbedingungen identifiziert, die für den Erfolg und die Ausweitung solcher Initiativen und somit für ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaften ausschlaggebend sind.
Katharina Bruns
Wirtschaftswandel als Kulturwandel? Eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf den Wertewandel in der Gemeinwohl-Ökonomie
Zusammenfassung
In dem Beitrag wird die Herausbildung neuer postkapitalistischer Praktiken mit ihren möglichen Auswirkungen auf die Transformation von Selbstbildern und Selbstverständnissen am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie analysiert. Dafür wird der Zusammenhang der derzeitigen Subjektordnung mit der aktuellen Produktions- und Lebensweise erläutert. Eine sozial-ökologische Transformation müsste auch mit der Entstehung einer alternativen, auf Kooperation und Gemeinschaft orientierten Subjektkultur verbunden sein. Die gemeinwohlorientierten Unternehmen und der Verein der Gemeinwohl-Ökonomie Berlin-Brandenburg werden in dieser Forschung als Orte genutzt, um die darin stattfindenden sozialkulturellen Praktiken und die neuen Formen des Miteinanders in ihrer Akzeptanz und ihrer Verbreitung zu beobachten.
Cornelia Kühn

Aushandlungen um eine nachhaltige Entwicklung in Wirtschaftsunternehmen und in der Zivilgesellschaft

Frontmatter
Too big to do good? Einblicke in die Forschungsergebnisse zur Gemeinwohlorientierung von Großunternehmen
Zusammenfassung
Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit multinationale Großunternehmen gemeinwohlorientiert wirtschaften können. Dafür fasst er die Gemeinwohl-Ökonomie als ein konkretes Transformationskonzept, das in kleinen und mittleren Unternehmen bereits praktisch Anwendung findet, in großen Unternehmen bislang allerdings kaum. Die Unternehmen dm, E.ON, MAN und Otto Group dienen als Fallbeispiele. Die akteurszentrierte und zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit ihrem Unternehmenshandeln ermöglicht Aussagen über den Status quo sowie die zukünftige Entwicklung ihres gemeinwohlorientierten Wirtschaftens. Auf dieser Basis werden zentrale Faktoren herausgearbeitet, welche die Gemeinwohlorientierung der Großunternehmen beeinflussen. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Problemstellung, Vorgehensweise und Forschungsergebnisse der Dissertation „Too big to do good? Eine empirische Studie zur Gemeinwohlorientierung von Großunternehmen am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie“ (Kny, Josefa. 2020. Too big to do good? Eine empirische Studie zur Gemeinwohlorientierung von Großunternehmen am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie. München: oekom.) und schließt mit einem Ausblick auf Veränderungspotenziale in Richtung eines gemeinwohlorientierten Wirtschaftens und weiteren Forschungsfragen.
Josefa Kny
Ökologisch bauen? Knappheit als konstitutives Moment der Bioökonomie
Zusammenfassung
Die Erfahrung und Deutung von Knappheit erweist sich als handlungsstiftend – gerade auch für Akteur*innen des Bauwesens, das zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftszweigen zählt: Wenn Rohstoffe wie Sand, Kies oder Eisen als knapp konzeptualisiert werden, suchen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nach alternativen Materialien und Techniken. In der Baubranche wird Holz als eine stoffliche Alternative der ‚Bioökonomie‘ gedeutet, seine Nutzung durch technische Innovationen und finanzielle Förderungen vorangetrieben. Knappheit erweist sich aber nicht nur als konstitutiv für das Generieren von Innovationen der Bioökonomie, sondern auch als Problem derjenigen, die mit dem nachwachsenden Rohstoff ökologisch nachhaltig und wirtschaftlich rentabel agieren wollen. Der Beitrag beschreibt auf empirischer Basis Praktiken und Strategien des Wirtschaftens mit Holz und diskutiert, wie die involvierten Akteur*innen Prozesse der Aushandlung und Lösungsfindung gestalten und welche Werte und Machtkonstellationen sich aus den Vorstellungen von Ressourcenknappheit ergeben; er zielt darauf, individuelle Handlungsweisen und Deutungsverfahren des ‚ökologischen Wirtschaftens‘ offenzulegen und in ihren kulturellen Kontexten zu verstehen.
Sarah May
Im Wandel der Gezeiten. Die Insel Pellworm auf dem Weg einer nachhaltigen Entwicklung
Zusammenfassung
In diesem Beitrag soll das Leben unterhalb des Meeresspiegels und die Auseinandersetzung der Inselgemeinschaft Pellworm mit einer ganzheitlichen nachhaltigen Entwicklung vorgestellt werden. Die Autorin ging in mehreren Feldforschungsphasen den unterschiedlichen Interessen, Abhängigkeiten und Zwängen der Insulaner*innen aus den Bereichen der Landwirtschaft, des Tourismus und des Naturschutzes nach. Dabei hat sie verschiedene Visionen und Gewichtungen einer nachhaltigen Entwicklung in unterschiedlichen Projekten und Alltagshandlungen der Insulaner*innen kennengelernt und jene Reibungspunkte herausgearbeitet, in denen die Nachhaltigkeitsverständnisse der Pellwormer*innen zu Tage treten, um Deutungshoheit mit anderen konkurrieren und dabei Einfluss auf die Lokalpolitik haben – und somit auch auf jeden Einzelnen.
Cosima Wiemer

Einübung solidarischer Praktiken

Frontmatter
Werte und unternehmerische Haltungen. Eine Einladung für eine neue Perspektive auf das Unternehmerische
Zusammenfassung
„Im Ökonomischen bleibt unternehmerisches Handeln am (individuellen) Gewinn orientiert“ (Löffler, M. 2013. Der Schumperterianische Unternehmer als fragwürdiges Vorbild. Kurswechsel, S. 24). Wie aber handeln alternative und nicht am Gewinn orientierte Landwirtschaftsgemeinschaften? Mit dieser Frage möchte der vorliegende Text das Unternehmerische als Konzept aus einer neuen Perspektive betrachten: als eine Form der Haltung – und damit auf der Ebene des menschlichen Handelns und nicht (nur) der Produktion. Als Ausgangspunkt für unsere Forschung wurden Solidarische Landwirtschaften (Solawi) genommen, die als Wertegemeinschaft beschrieben werden können, bei der die Miglieder aber scheinbar intuitiv einem klassisch unternehmerischen Vorgehen folgten. Werte lassen sich durch den von Schwartz entwickelten Personal Value Questionnaire (PVQ, vgl. Schmidt et al. 2007. Die Messung von Werten mit dem „Portrait Values Questionnaire“. Zeitschrift für Sozialpsychologie 38(4):261–275) relativ leicht abfragen. In einer ersten Arbeitshypothese wurde daher überprüft, inwieweit unternehmerisches Handeln nicht nur in einem (klassisch) ökonomischen Kontext zu finden ist. Der Vergleich der Ergebnisse einer Abfrage der Werteorientierung von Mitgliedern deutscher Solidarischer Landwirtschaften mit einer vergleichbaren Befragung von Unternehmer*innen hat diese Beobachtung gestützt. Unterschiede zeigten sich allerdings in den verschiedenen Priorisierungen von „Leistung“ (bei den Unternehmer*innen) und „Umweltschutz“ (bei den Mitgliedern der Solawi). Diese Ergebnisse sollen zum Anlass genommen werden, den hier ausgeführten Gedanken des unternehmerischen Handelns bei landwirtschaftlichen Nachhaltigkeitsgemeinschaften gerade vor dem Hintergrund der notwendigen sozial-ökologischen Transformation als Einladung zum Mit- und Weiterdenken zu verstehen.
Juliane Friedrich, Annalena Klauck
Kooperationen in der Solidarischen Landwirtschaft. Eine feldtheoretische Perspektive
Zusammenfassung
Der Beitrag analysiert die Solidarische Landwirtschaft (SoLawi) in Deutschland, wozu einerseits die Theorie der strategischen Handlungsfelder mit ihrem Erkenntnisinteresse an Formation und Wandel von Feldern fruchtbar gemacht wird. Andererseits wird SoLawi als spezifische Form zivilgesellschaftlichen, kooperativen Wirtschaftens für das Gemeinwohl begriffen. Dazu dient die im Verbundprojekt „Teilgabe“ entwickelte Heuristik mit der Identifikation von zehn Kernmerkmalen zur Illustration. Wir analysieren, wie es zum jüngeren, mit Wachstum und Binnendifferenzierung einhergehenden Wandel des durch verbundwirtschaftliche Kooperation gekennzeichneten Feldes kam. Dabei identifizieren wir das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft als feldinterne Governance Unit, welche zur Integration verschiedener Typen von SoLawis und zur Stabilisierung des Feldes mittels kooperativer Konfliktlösungen beiträgt. Es zeigt sich damit, wie das Feld auch auf der Meso-Ebene von den Merkmalen kooperativen Wirtschaftens der Zivilgesellschaft geprägt ist.
Philipp Degens, Lukas Lapschieß
Am Überfluss lernen – Öffentliche Tauschkisten als Postwachstumslabore
Zusammenfassung
Tauschhäuschen sind neue Infrastrukturen, die im Zuge des massenhaften Aufkommens von billiger Kleidung und Haushaltsgegenständen in den Städten erschienen sind. Über ein Commoning organisiert, werden die geschenkten oder gespendeten Gegenstände hier anonym und solidarisch der Stadtgesellschaft zur Mitnahme angeboten. In den Tauschkisten landet jedoch der Produktions- und Konsumüberfluss der Textilindustrie, oft die Kleidung aus den Fast Fashion-Ketten oder Discountern. Der Artikel fragt danach, ob gerade durch den Überfluss an günstiger und qualitativ schlechter Kleidung solidarische Tauschformen für eine breitere Stadtgemeinschaft erprobt werden können.
Heike Derwanz
Der tauschlogikfreie Geldtopf. Ein ethnographischer Einblick in alternativ-ökonomische Zukunftspraktiken auf Utopie-Festivals
Zusammenfassung
„Teilen statt tauschen!“ – das fordern sogenannte Utopie-Festivals. Dieser Beitrag stellt eines dieser Festivals vor und fragt aus kulturanthropologischer Perspektive danach, wie hier Vorstellungen von einer ‚anderen‘, ‚guten‘ Zukunft jenseits vorgegebener Alltags- und Wirtschaftsstrukturen nicht nur gedanklich entworfen, sondern auch praktisch erfahrbar gemacht und erprobt werden. Entlang des empirischen Beispiel des „tauschlogikfreien Geldtopfes“ gibt die Autorin einen ethnographischen Einblick in alternativ-ökonomische Praktiken der Festivals, die sie analytisch als Zukunftspraktiken rahmt und die Frage diskutiert, nach welcher Logik und nach welchen Wertvorstellungen hier Zukunft entworfen und gleichzeitig die Gegenwart kritisiert werden.
Ina Kuhn
Metadaten
Titel
Gemeinwohlorientiert, ökologisch, sozial
herausgegeben von
Cornelia Kühn
Copyright-Jahr
2023
Electronic ISBN
978-3-658-38503-3
Print ISBN
978-3-658-38502-6
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-38503-3