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2022 | Buch

Gemeinwohlorientierte Erzeugung von Lebensmitteln

Impulse für eine zukunftsfähige Agrar- und Ernährungswirtschaft

verfasst von: Prof. Dr. Albert Sundrum

Verlag: Springer Berlin Heidelberg

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Über dieses Buch

Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Die Art und Weise ihrer Erzeugung betrifft uns alle. Weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein System der Agrar- und Ernährungsindustrie entwickelt, das uns mit einer Fülle von Nahrungsmitteln mit zu niedrigen Preisen versorgt.
Die unerwünschten Nebenwirkungen und externen Kosten dieses Systems wurden jedoch lange Zeit ausgeblendet. Enorme Umwelt- und Klimabelastungen, Verlust der Biodiversität, tierschutzrelevante Missstände und ein anhaltendes Hofsterben beschreiben nur unzulänglich das wahre Ausmaß an Schadwirkungen. Im Interesse des Gemeinwohls können diese nicht länger hingenommen werden. Allerdings stehen die Komplexität der Sachverhalte und vielfältige Partikularinteressen einfachen Lösungen entgegen.
Dieses Fachbuch liefert eine umfassende systemische Analyse aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und erläutert, wie es zu dieser Entwicklung hat kommen können. Es wird aufgezeigt, welche grundlegenden Veränderungen in allen Bereichen erforderlich sind, um über eine evidenzbasierte Qualitätserzeugung einen Ausweg aus dem zerstörerischen Streben nach Kostenminimierung zu finden. Fachkräfte der Agrar- und Ernährungsindustrie und der involvierten wissenschaftlichen Fachdisziplinen, einschließlich der Veterinärmedizin, sowie Entscheidungsträger in politischen Institutionen, Berufsverbänden und NGOs können dieses Wissen für eine zukunftsfähige Neugestaltung des Lebensmittelsektors nutzen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Einleitung
Zusammenfassung
Die Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Nutzflächen durch den Anbau von Nutzpflanzen und die Haltung von Nutztieren ist keine Angelegenheit, die nur die Landwirte etwas angeht. Landwirte liefern die Rohwaren, welche zu Nahrungsmitteln weiterverarbeitet werden und der Bevölkerung lebensnotwendige Nährstoffe bereitstellen. Landwirtschaftliche Nutzflächen sind überdies Teil einer Landschaft, Betriebe sind Teil einer kommunalen Gemeinschaftsstruktur und Teil von Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen.
Albert Sundrum
Kapitel 2. Eine kurze Geschichte der Landwirtschaft
Zusammenfassung
Die Geschichte der Menschheit ist untrennbar mit der landwirtschaftlichen Nutzbarmachung von natürlichen Ressourcen verbunden. Diese bildet noch heute die Lebensgrundlage der Menschen. Was lokal begann, hat sich zu einem globalen System der Agrarwirtschaft und der globalen Märkte mit landwirtschaftlichen Produkten ausgeweitet. Die Prozesse der Nahrungsbeschaffung haben dabei nicht nur die Ernährungsweisen, sondern auch das soziale Miteinander geprägt. Während bei den fortlaufenden Bemühungen um eine Steigerung der Produktivität große Fortschritte erzielt wurden, wurden diese Fortschritte seit den Anfängen von unerwünschten Nebenwirkungen begleitet. Sich die Entwicklungen im Zeitraffer vor Augen zu führen, hilft beim Verständnis eines Agrarwirtschaftssystems, dessen treibende Kräfte die ausbeuterische Nutzbarmachung natürlicher Ressourcen immer weiter perfektioniert haben. Zugleich führt der historische Rückblick vor Augen, vor welchen Herausforderungen die gegenwärtigen Entscheidungsträger stehen, wenn es darum geht, die Agrarwirtschaft von einem Kurs abzubringen, der die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören droht.
Albert Sundrum
Kapitel 3. Gemeinschaften, Gemeingüter und Gemeinwohl
Zusammenfassung
Von Beginn an war die Erzeugung von Nahrungsmitteln eine Aufgabe, die allen Mitgliedern einer Gemeinschaft zum Nutzen gereichen sollte. Der Zugriff auf die Ernte war jedoch auch mit Eigeninteressen von Gemeinschaftsmitgliedern und den Begehrlichkeiten anderer Gemeinschaften konfrontiert. Was den einen Vorteile beschert, kann für andere einen Nachteil bedeuten. Das „Dilemma der Allmende“ wurde zu einem geflügelten Wort, um die Unausweichlichkeit von Konflikten in der Konkurrenz um begrenzt verfügbare Ressourcen zu beschreiben. Verschiedene theoriegeleitete Konzepte wurden entwickelt, die einen gerechteren Zugriff auf begrenzt verfügbare Ressourcen sicherstellen und einen angemessenen Umgang mit inner- und außergemeinschaftlichen Konflikten befördern sollen. Während in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung der Postmoderne der sozialen Marktwirtschaft das Wort geredet wird, bleibt die Agrarwirtschaft auch weiterhin den Maximen einer „freien“ Marktwirtschaft verhaftet. Mitverantwortlich dafür ist die vorherrschende agrarökonomische Perspektive auf das Gemeinwohl. Es bedarf einer Reflexion dieser Sichtweise, um zu verstehen, in welchen faktischen Wirkzusammenhängen und welchen theoretischen Erklärungsansätzen die Agrarwirtschaft gefangen ist. Diese hindern sie daran, den Ansätzen einer ökosozialen Marktwirtschaft zu folgen.
Albert Sundrum
Kapitel 4. Nutzbarmachung der Nutztiere
Zusammenfassung
Die Nutzbarmachung der Nutztiere für die Nahrungserzeugung und für die wirtschaftliche Wertschöpfung nimmt seit dem Zweiten Weltkrieg einen immer größeren Raum ein. Deutliche Steigerungen der Produktivität basieren einerseits auf dem biologischen Potenzial von Leistungssteigerungen, das vor allem durch gezielte Maßnahmen der Zucht und der Ernährung erschlossen wird. Zudem schaffen technische Entwicklungen die Voraussetzungen, um die arbeitszeitlichen Aufwendungen pro Produkteinheit drastisch zu reduzieren und die Transport-, Verarbeitungs- und Distributionsmöglichkeiten deutlich auszuweiten. Auch durch die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfahren die Produktionsprozesse grundlegende Veränderungen. Das Ineinandergreifen der Intensivierungsprozesse bringt Produktivitätssteigerungen bisher unbekannten Ausmaßes, aber auch ein erhebliches Maß an unerwünschten Neben- und Schadwirkungen hervor. Deren Zustandekommen und deren Relevanz erschließen sich erst, wenn die treibenden Kräfte der Produktivitätssteigerungen verstanden werden.
Albert Sundrum
Kapitel 5. Schutz der Nutztiere vor Beeinträchtigungen
Zusammenfassung
Von den Intensivierungsprozessen der Agrarwirtschaft sind die Nutztiere besonders betroffen. Sie bezahlen das Streben nach Produktivitätssteigerungen nicht nur mit deutlichen Einschränkungen in der Ausübung der arteigenen Verhaltensweisen, sondern vor allem mit einem hohen Ausmaß an Beeinträchtigungen, die mit Schmerzen, Leiden und Schäden einhergehen. Allerdings hat es sehr lange gedauert, bis diese Beeinträchtigungen ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen sind und mehr Menschen daran Anstoß nehmen. Der Tierschutz wird mehr und mehr zum Konfliktfeld zwischen der Landwirtschaft und anderer gesellschaftlichen Gruppierungen, welche die Art und Weise der Erzeugung kritisieren und staatliche Gegenmaßnahmen einfordern. In diesem Konfliktfeld wird vonseiten der verschiedenen Interessengruppen mit unterschiedlichen Ansätzen und Strategien um die Deutungshoheit gerungen. Will man verstehen, warum sich mithilfe der Agrarpolitik die wirtschaftlichen Interessen durchgesetzt haben und es trotz intensiver Bemühungen bislang nicht gelungen ist, die tierschutzrelevanten Missstände in relevantem Maße zu verringern, kommt man nicht umhin, sich mit den jeweiligen Strategien näher auseinanderzusetzen.
Albert Sundrum
Kapitel 6. Beeinträchtigung von Gemeinwohlinteressen
Zusammenfassung
Zwischen der Intensivierung der Produktionsprozesse und den unerwünschten Neben- und Schadwirkungen, welche den Gemeinwohlinteressen zuwiderlaufen, bestehen vielfältige Wechselwirkungen. Wirtschaftliche Vorteile für die Primärerzeuger und negative externe Effekte für das Gemeinwohl befördern eine Ambivalenz, die in Abhängigkeit vom jeweiligen betriebsspezifischen Kontext sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Entsprechend ist jeder einzelne Betrieb das Bezugssystem zur Beurteilung der Austräge von Schadstoffen in die Umwelt in Relation zur Menge an Verkaufsprodukten. Einzelbetrieblich entscheidet sich, welche Maßnahmen wirksam und effizient und damit geeignet sind, zu einer Reduzierung der Schadwirkungen beizutragen.
Albert Sundrum
Kapitel 7. Interessengruppen
Zusammenfassung
Der Realisierung von Gemeinwohlinteressen stehen häufig schwergewichtige Partikularinteressen entgegen. Die Liste der bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln involvierten Interessengruppen ist lang. Denn nicht nur die Primärerzeuger und ihre Interessenvertreter sowie die verarbeitende Industrie und der Einzelhandel möchten die Eigeninteressen gewahrt sehen. Analoges gilt auch für die Verbraucher und ihre Vertreter sowie für die NGOs, welche über ihren Einfluss auf die Medien den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbestimmen. Allen Interessen kann eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden. Da jedoch die jeweiligen Interessengruppen teilweise gegensätzliche Ziele verfolgen, ist eine regulierende Instanz unabdingbar, um einen Interessenausgleich herbeizuführen. Hinsichtlich dieser Aufgabe versagt der Markt ebenso wie die Politik. Letztere verweigert sich bislang der Herausforderung, die ihr zugedachte Rolle des Vertreters der Gemeinwohlinteressen zu übernehmen und die Partikularinteressen in die Schranken zu weisen. Die Grenzen der Partikularinteressen verlaufen da, wo sie den Gemeinwohlinteressen zuwiderlaufen. Entsprechend müssen die Hinter- und Beweggründe von Partikularinteressen und die Konfliktlinien zu den Gemeinwohlinteressen ausgeleuchtet werden. Transparenz ist die naheliegende und eine dringend gebotene Strategie, um den Gemeinwohlinteressen den Weg zu ebnen und die Eigeninteressen mit übergeordneten Zielsetzungen in Einklang zu bringen. Anhand verschiedener Beispiele wird dargelegt, dass regulierende Prozesse nur iterativ funktionieren. Entsprechend sind vor allem staatlichen Institutionen gefordert, mit einer sichtbaren ordnenden Hand flankierende Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, eine Balance zwischen Partikular- und Gemeinwohlinteressen herbeizuführen.
Albert Sundrum
Kapitel 8. Wissenschaftlicher Zugang zur Wirklichkeit
Zusammenfassung
Angesichts der Komplexität und der Undurchsichtigkeit der Verfahrensabläufe sowie der unerwünschten Neben- und Schadwirkungen wäre es eigentlich die Aufgabe der Wissenschaften in Anwendung ihres methodischen Handwerkskastens, die Wirkzusammenhänge und die Möglichkeiten der Realisierung von Gemeinwohlinteressen auszuleuchten. Davon sind die Wissenschaften gegenwärtig noch weit entfernt. Insbesondere die Agrarwissenschaften sind bis heute maßgeblich an der Beförderung der Intensivierung der Produktionsprozesse beteiligt. Gleichzeitig wird den unerwünschten Neben- und Schadwirkungen allenfalls im Hinblick auf allgemeine Fragestellungen, nicht jedoch im einzelbetrieblichen Kontext eine Bedeutung beigemessen. Was die Agrarwissenschaften im Hinblick auf die Steigerung der Produktivität so erfolgreich gemacht hat, wird ihr nun zum Verhängnis. Die selbstverstärkenden Tendenzen der Spezialisierung haben dazu geführt, dass sich die Agrarwissenschaften selbst ihrer Problemlösungskompetenz beraubt haben. Die Lösung von Problemen, welche aus der Komplexität von Wirkzusammenhängen erwachsen, gelingt nur über inter- und transdisziplinäre Forschungsansätze. Damit lassen sich jedoch keine wissenschaftlichen Meriten verdienen. Es erfordert einen Blick hinter die Kulissen, um zu verstehen, wie es dazu hat kommen können, dass die Agrarwissenschaften zu einer Hilfswissenschaft der Agrarwirtschaft und zu einem Teil des Problems hat werden können. Erst wenn die bisherige Rolle der Agrarwissenschaften verstanden wird, kann darüber reflektiert werden, wie sie von einem Teil des Problems zum Teil einer Lösung werden kann.
Albert Sundrum
Kapitel 9. Ökonomischer und ökologischer (Denk-)Ansatz
Zusammenfassung
Auch wenn Ökonomie und Ökologie die gleiche Vorsilbe haben und sich dem Haushalten widmen, basieren beide wissenschaftlichen Themenfelder auf sehr unterschiedlichen Denkansätzen und Zielsetzungen. Die häufig ins Feld geführte Notwendigkeit der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie verfügt daher nur über eine geringe gemeinsame Basis. Um beide Ansätze in ihrer Verschiedenheit nachvollziehen zu können, werden sie zunächst im Hinblick auf ihren Bezug zur Agrarwirtschaft reflektiert. Es liegt der Schluss nahe, dass erst die Dominanz der Ökonomie über die Ökologie die Folgewirkungen hervorgerufen und die Agrarwirtschaft in die Sackgasse hineinmanövriert hat, in der sie sich gegenwärtig befindet. Anders als es die theoriebeladenen Handlungsanleitungen der Ökonomie nahelegen, folgen die Entscheidungsprozesse auf der betrieblichen Ebene einer Logik, die sich nur betriebsindividuell erschließt. Damit verfügt die Agrarökonomie allenfalls über einen makroökonomischen, jedoch nicht über einen mikroökonomischen Zugang zu den relevanten Weichenstellungen, mit denen ökonomische und ökologische Anforderungen in Abgleich gebracht werden können. Anstatt Orientierung zu vermitteln, ist die Dominanz agrarökonomischer Denkmodelle eher geeignet, Desorientierung zu verursachen. Dies ändert sich erst, wenn das methodische Rüstzeug der Ökonomie für die Realisierung ökologischer Ziele nutzbar gemacht wird. Wie dies realisiert und einer Transformation zu einer ökosozialen Marktwirtschaft der Weg bereit werden kann, wird nachfolgend erörtert.
Albert Sundrum
Kapitel 10. Qualitätserzeugung
Zusammenfassung
Gemeinwohlinteressen müssen nicht nur gegenüber einer Dominanz von Partikularinteressen verteidigt werden. Letztere müssen zugleich in eine Gesamtstrategie integriert werden. Dies erfordert eine Strategie, die sich nicht nur in der Theorie, sondern auch im Kontext sehr heterogener Anfangs- und Randbedingungen zu behaupten vermag. Eine evidenzbasierte Qualitätserzeugung erweist sich dabei als der Schlüssel für den Zugang zur Realisierung von Gemeinwohlinteressen. Prozessqualitäten wie Tier- und Umweltschutzleistungen korrespondieren unmittelbar mit der Verbesserung von Gemeingütern. Gleichzeitig bieten sie über Synergieeffekte Optionen für eine gesteigerte Wertschöpfung. In Verbindung mit einer erhöhten Produktqualität können über graduell abgestufte Tier- und Umweltschutzleistungen der Betriebe die Voraussetzungen geschaffen werden, um die unabdingbaren arbeitswirtschaftlichen und finanziellen Mehraufwendungen zu kompensieren. Dabei wird es einer wohlabgestimmten Mixtur von politischen und marktwirtschaftlichen Instrumenten bedürfen, um die betrieblichen Qualitäts- und Gemeinwohlleistungen mit angemessenen Gegenleistungen zu honorieren. Dabei stellen sich vielfältige Fragen nach einer validen Beurteilung der Qualitätsleistungen, der Definition von Systemgrenzen sowie des Umgangs mit den Akteuren, die notwendig sind, um einer Qualitätserzeugung zum Wohl der Gemeinschaftsstrukturen zum Durchbruch zu verhelfen.
Albert Sundrum
Backmatter
Metadaten
Titel
Gemeinwohlorientierte Erzeugung von Lebensmitteln
verfasst von
Prof. Dr. Albert Sundrum
Copyright-Jahr
2022
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-65155-1
Print ISBN
978-3-662-65154-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-65155-1