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Über dieses Buch

Das Buch versammelt grundlegende Beiträge zur Soziologie Georg Simmels. Der Philosoph und Mitbegründer der zeitgenössischen Soziologie wird heute allseitig wiederentdeckt. Seine unerreichte Originalität machte ihn um 1900 zum öffentlichen Intellektuellen. Was er damals dachte, wird in dem Band an den aktuellen Diskurs angeschlossen. Legendär sind seine Denkanstöße zu den Themen Individualität, Moral, Religion, Geld, Armut, Großstadt, Geschlechterverhältnis, Liebe, Musik und bildende Kunst. Hier wurde die Grundlage für die Kritik und die ästhetische Theorie der Gesellschaft bis in die Gegenwart geschaffen. Sein Werk strahlte weithin aus, insbesondere nach Frankreich und in die USA. Zwanzig Aufsätze reflektieren diesen unerschöpflichen Klassiker der Moderne.
Der Inhalt• Dynamiken des sozialen Lebens• Theorie der Gesellschaft• Intime Verhältnisse• Kulturen der Transzendenz
Die ZielgruppenLehrende, Lernende und Nachdenkende in den Sozial- und Kulturwissenschaften, in Philosophie und Ökonomie

Die HerausgeberDr. Dr. Rüdiger Lautmann war von 1971 bis 2010 als Professor für Allgemeine Soziologie und Rechtssoziologie an der Universität Bremen tätig.Dr. Hanns Wienold war von 1974 bis 2010 Professor für Soziologie an der Universität Münster.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Annäherungen an Georg Simmel

Das sozialwissenschaftliche Werk von Georg Simmel präsentiert sich in zwei umfangreichen Büchern und überaus vielen Aufsätzen, deren thematische Vielfalt und auch Zersplitterung auf die Ideenvielfalt verweist, ohne dabei einen theoretischen Zusammenhang vermissen zu lassen. Simmel hat das Denken über den Individualismus und die deutsche Art über die Moderne nachzudenken begründet. Das Fach Soziologie hat sich davon sowohl theoretisch wie auch zu empirischer Arbeit inspirieren lassen, ohne dem Autor die Ehre eines Disziplingründers zukommen zulassen. Simmel stiftet eine Linie des soziologischen Denkens, das Konflikte, Seelenregungen und Emotionen ernst nimmt und damit der Orthodoxie der Ordnungssoziologie zuwiderläuft. Der Beitrag widmet sich auch zeittypischen Verstrickungen, etwa der Kriegsbegeisterung von 1914 und den Kontakten zur Kunst um 1900, persönlich auch zu Stefan George.Zu feiern ist im Jahre 2018 ein Altersjubiläum von Otthein Rammstedt, der vor kurzem die Edition derGeorg-Simmel-Gesamtausgabe abgeschlossen hat, nach über drei Jahrzehnten intensiver und nur mäßig geförderter Arbeit. Damit wurde ein Klassiker der Soziologie und Philosophie dem Studium in handlichen Bänden zurückgewonnen, dessen Anregungskraft sich auch heute schnell erschließt. Die Herausgeber sind dem Jubilar kollegial und freundschaftlich verbunden, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit am Lexikon zur Soziologie, die vor fünfzig Jahren in Dortmund von Otthein Rammstedt ins Leben gerufen wurde.
Rüdiger Lautmann, Hanns Wienold

Simmel, das schimmernde Haustier

Der heute vielgelesene Romancier beschreibt eine Irritation aus seiner Kindheit und Jugend. Ein rätselhaft schimmerndes Wesen, ‚Simmel‘ genannt, durchzog die Gespräche seiner Eltern Otthein und Angela. Selbst als der Vater „zum eine Millionsten Mal das Wort ‚Simmel‘ aussprach“, erschloss sich kein Dingbezug. War es eine Krankheit, ein Gewürz? Nein, es war ein Haustier.
Tilman Rammstedt

Dynamiken des sozialen Lebens

Frontmatter

Geld und ‚individuelle Freiheit‘

Der Beitrag knüpft an der aktuellen Auseinandersetzung zwischen „Kommunitarismus“ und „Kosmopolitismus“ als wissenschaftlichen und politischen Positionen an und erörtert, was ein Rückgriff auf die Analysen Simmels zur Klärung dieser Kontroverse leisten kann. Gezeigt wird, dass sich im Werk Simmels zwei unterschiedliche Deutungen von Individualisierung rekonstruieren lassen: Einerseits eine differenzierungstheoretische, die an der kulturellen Kontextabhängigkeit von Individualisierung festhält; andererseits eine geldtheoretische, die Geld als Grundlage eines kulturell kontextfreien, kosmopolitischen Individualismus interpretiert. Die These des Beitrages ist, dass Simmel damit nicht nur zentrale Gesichtspunkte der heutigen Kontroverse vorwegnimmt, sondern auch deutlich machen kann, wie stark der normativ hochgehaltene Kosmopolitismus der heutigen Zivilgesellschaft implizit auf Geldvermögen als praktischer Voraussetzung einer kosmopolitischen Lebensführung angewiesen ist.
Christoph Deutschmann

Geld als ‚absolutes Mittel‘?

Zur Geldsoziologie der jüngeren Banken- und Finanzkrisen
Zunächst werden die neueren kultursoziologischen Einwände gegen Simmels Geldsoziologie gesichtet. Hierbei zeigt sich, dass zentrale Annahmen der Simmelschen Geldsoziologie weiterhin plausibel sind: Geld kommt eine „absolute“ Monopolstellung beim Zugriff auf Reichtumsressourcen und Eigentumschancen zu. Geld ist eine notwendige Bedingung für „individuelle Freiheit“ (Simmel) und soziale Sicherheit. Geld signalisiert Statuspositionen mehr denn je. Mittels Geldzahlungen oder Geldforderungen können sogar wirtschaftsferne gemeinschaftliche Beziehungen beeinflusst werden. Auch ist Geld auf der Meso- und Makroebene sozialer Ordnungen ein probates Mittel der Anweisung, Beeinflussung und Disziplinierung. Gleichwohl ist die von Simmel angenommene absolute Verwendbarkeit des Geldes begrenzt, wie sich am Beispiel der jüngeren globalen Banken- und Finanzmarktkrise (2008) und der Eurokrise (2010-2015) zeigt, die der Beitrag am Beispiel des Aufstieges von Giralgeld und der sukzessiven Verdrängung von Bargeld illustriert. Die unzureichende Problematisierung von Banken- und Geldkrisen in der Geldsoziologie Simmels hat damit zu tun, dass die Produktionsseite des Geldes unbeobachtet bleibt.
Klaus Kraemer

Moderne: Gipfel oder Wendepunkt?

Perspektiven aus dem Berliner Neuen Westen
Simmels Vorstellungen von der modernen Gesellschaft, wie sie vor allem der Philosophie des Geldes zu entnehmen sind, sind evolutionistisch geprägt. Fortschrittsorientierte und funktionalistische Anklänge finden sich auch in seiner Analyse teleologischer Zweckreihen und sozialer Kohäsion. Doch arbeitet Simmel amibivalente Züge der Moderne stärker heraus im Kontext der Verallgemeinerung des Geldverkehrs, der damit einhergehenden Objektivation und der daraus folgenden Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung. Hier zeigt sich, dass die Produktionssphäre weitestgehend ausgespart bleibt. Bezüge zu Simmels eigener Lebenswelt sind unverkennbar. Ein Blick auf Simmels Schriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs verweist auf die Krise nicht nur dieser Verhältnisse, sondern auch der Konzeption des Autors.
Reinhart Kößler

Armut und gesellschaftliche Moral

Im Zusammenhang der „Soziologie“, für die das Kapitel „Der Arme“ verfasst wurde, stellt diese Figur eine besondere Sozialform dar, die nach Simmel mit dem „Fremden“ oder dem (inneren) „Feinde“, ja dem „Verbrecher“ zu vergleichen ist. Diese bilden Formen des Ausschlusses im Inneren von Gesellschaften, mit neueren Begriffen gesagt, einer „inkludierten Exklusion“. Materiell, als Wechselverhältnis, wird dieser (innere) Ausschluss im Fall des Armen durch die ihm gewährte, von ihm nicht zu erwidernde Hilfe bewirkt, wobei sich Simmel neben privater Hilfe insbesondere für die aus „Pflicht“ geleistete staatliche Hilfe interessiert. Simmel konnte jedoch um 1900 nicht vorhersehen, wie sich die Grenzen von Exklusion und Inklusion im Zuge der Verrechtlichung der Armenfürsorge im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart als Teillösungen der „sozialen Frage“ verschoben haben.
Hanns Wienold

Eine Soziologie der Stadt

Mit Georg Simmel beginnt in Deutschland die Soziologie der modernen Großstadt. Stadt ist für ihn nicht nur ein Ort, wo Gesellschaft sichtbar wird, sie ist ihrerseits ein eigenständiger Faktor des Sozialen. In der großen Stadt ergeben sich enge Wechselwirkungen zwischen Größe, Dichte und Heterogenität der Bevölkerung, funktionalen Notwendigkeiten, der Geldwirtschaft und einer hoch differenzierten Arbeitsteilung. Diese Wechselwirkungen prägen die großstadttypische Lebensweise, die Simmel als blasiert, gleichgültig, distanziert und intellektualisiert beschreibt. Die urbane Lebensweise, eine differenzierte Arbeitsteilung und die Geldwirtschaft sind wiederum Voraussetzungen für Individualisierung. Die urbane Lebensweise ist auch eine Bedingung für gelingende Integration des Fremden in der Stadt. Den Schluß bilden Überlegungen zu Analogien zwischen dem großstädtischen Sozialcharakter, der Figur des Fremden und der Rolle der Soziologie.
Walter Siebel

Geschlechterverhältnis und Sexismus

In der Soziologie hat Georg Simmel als erster das Geschlechterverhältnis thematisiert, und zwar im Hinblick auf die Differenz zwischen Frauen und Männern sowie bezogen auf ihre Wechselwirkung. In der Gesellschaft seiner Gegenwart sieht Simmel im männlichen Prinzip idealtypisch das Allgemeine, während das weiblichen Prinzip die Ganzheit des seelischen Zustandes verkörpere. Entscheidend ist die Relation zwischen beiden Geschlechtlichkeiten, die einander gleichwertig sind. Liest sich das Weibliche in seinen frühen Texten noch als Mangelzustand, so verändert Simmel diese Haltung mit der Zeit und gelangt zu herrschaftstheoretischen Überlegungen. Die wesenhafte Unterschiedlichkeit der Geschlechter verlange aber von den Frauen, ihr Eigenstes zur Geltung zu bringen und sich im Übrigen nicht vor dem Leistungsprinzip zu drücken. Die aktuellen Sexualskandalisierungen, die Frauen gleichauf mit Kindern auf die Opferlage männlicher Übergriffigkeit festlegen, wären von Simmel sicher kritisiert worden. Wird sein Ansatz weitergedacht, müssten Frauenrechte sich von traditionellen Geschlechterrollen loslösen und damit von der passiv-anklagenden auf die aktiv-gestaltende Seite wechseln.
Daniela Klimke, Rüdiger Lautmann

Theorie der Gesellschaft

Frontmatter

Formen, Wechselwirkungen und Relationen

Zur Aktualität einer soziologischen Theorie
Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen sozialtheoretischen und sozialontologischen Diskussionen über Reduktionismus und Emergenz, über Struktur und Handlung und über soziale Objekte als sich selbst herstellende Gebilde zeigt sich die Aktualität von Simmels Soziologie, denn diese versucht schon früh, einen neuen Weg diesseits und jenseits mikro- und makrotheoretischer Reduktionismen zu begründen. Der Beitrag rekonstruiert aus diesem Grunde die theoretische Konzeption Simmels und die sie tragenden Grundunterscheidungen von Einheit und Wechselwirkung wie von Form und Inhalt und zeigt ihren Gewinn für die aktuellen Diskussionen auf.
Rainer Schützeichel

Distanz und Indifferenz

Der Aufsatz diskutiert den Zusammenhang von Distanz und Indifferenz in Simmels Werk und entwickelt auf dieser Grundlage aktuelle medientheoretische Perspektiven. Wie kaum ein anderer Soziologe hat Simmel das Soziale nicht nur als relationales Geschehen analysiert, sondern in ganz unterschiedlichen Kontexten auf die wichtige Rolle von Distanz und Indifferenz aufmerksam gemacht. Der Aufsatz verfolgt unterschiedliche Schauplätze von Differenz und Indifferenz in Simmels Werk: von seiner Konzeption des Fremden über die Figur des Blasierten und die Indifferenz des Geldes bis hin zur ontologischen Grundlegung von Indifferenz im Begriff der Vornehmheit. Der Aufsatz schlägt vor, Simmels Interesse an Indifferenz und Distanz auch als eine Antwort auf die Steigerung von Reizen im städtischen Leben und allgemein auf die Vermehrung von Verbindungen zu lesen. Damit eröffnet Simmel überraschend aktuelle Perspektiven für die Analyse gegenwärtiger Medienkulturen, die durch ein ‚fetish of connectivity‘ geprägt sind. In Weiterführung von Simmel wird diskutiert, welche Praktiken der Indifferenz sich mit Simmel als Antwort auf gegenwärtige Formen der Übervernetzung denken lassen und wie Simmels Ontologisierung der Indifferenz eine verschobene Fortsetzung in gegenwärtigen medientheoretischen Ontologien des Entzugs (Galloway) finden kann.
Urs Stäheli

Wechselwirkungen und Verselbständigung

Zu einer Theorie ‚multipler Differenzierung‘
Die Rezeption des Simmelschen Werkes ist bis heute weitgehend bestimmt von einer ausgeprägten Unterschätzung des systematischen Reichtums Simmels, der sich hinter der Fassade eines übermäßig opulenten Œuvres verbirgt. Im Unterschied zu der bis heute im Fach etablierten „mono-paradigmatischen“ Neigung, alle Kontexte sozialer Ordnung auf nur ein Format zu bringen (z.B. sie nur als „Systeme“ oder aber nur als „Praktiken“ zu behandeln), steckt in der Simmelschen formalen Soziologie und in seinen detailreichen Rekonstruktionen des Wandels der Formen der Vergesellschaftung, zumindest implizit, die Andeutung einer Theorie „multipler Differenzierung“. Simmel lässt sich aus einer aktualisierten differenzierungstheoretischen Perspektive heute so rekonstruieren, dass sein Interesse an den heterogenen Formen der Vergesellschaftung, die er aus Wechselwirkungen und Ausdifferenzierungsdynamiken hervorgehen sieht, höchst aktuelle Anknüpfungspunkte liefert. Eine Theorie „multipler Differenzierung“ ist geeignet, angeregt durch Simmels mannigfaltige Probeläufe in entsprechender Richtung, ein gesteigertes gesellschaftstheoretisches Auflösevermögen in die Diskussion einzubringen und regional verschiedene Muster der Differenzierung und der Interferenz von heterogenen Formen der sozialen Differenzierung zu erschließen.
Joachim Renn

Streit, Geschlecht, Konflikt?

Georg Simmel fasst Streit und Konflikt als eine Form der gesellschaftlichen Integration, die nicht nur die Konfliktführenden, sondern auch die relevanten Öffentlichkeiten einbezieht. In der Weiterführung wird am Beispiel der sexuellen Belästigung (#MeToo) ein Ansatz zur Analyse von Geschlechterkonflikten vorgeschlagen, die unter Einbezug der Öffentlichkeit darum geführt werden, was in Bezug auf Geschlecht ‚gerecht‘ ist. Er fokussiert das Handeln der unterschiedlichen Akteure (nicht allein die Diskurse) und verfolgt Prozesse und Ergebnisse der Konflikte. So eignet er sich, starre identitäts- und postidentitätspolitische Debatten um ‚Frauen‘, ‚Männer‘ und ‚Queere‘ zu überwinden. Zum Schluss wird über das ‚Geschlecht der Geschlechterkonflikte‘ nachgedacht, wobei struktur- und diskurstheoretische Zugänge zusammengeführt werden.
Ilse Lenz

Relation

Gaston Richards Rezeption von Georg Simmel
Eine Besonderheit der Forschung am Werk Georg Simmels ist die Untersuchung der Beziehungen zwischen deutschen und französischen Gründervätern der akademischen Soziologie, die Otthein Rammstedt im Rahmen der Veröffentlichung der Georg Simmel Gesamtausgabe besonders hervorgehoben hat. Diesen Zusammenhang bildet ein typischer Kontext, der beobachten lässt, wie programmatische Denkrichtungen in der Disziplin etabliert wurden, die die Soziologie in Deutschland und in Frankreich bis heute beeinflussen und die Wirkungen auf die Entwicklung der Soziologie in Europa und in der Welt gehabt haben. Auf der Ebene der deutsch-französischen Beziehungen sind die Verhältnisse zwischen Simmel und etwa René Worms, Gabriel Tarde, Emile Durkheim oder Henri Bergson herausgearbeitet worden. Dagegen wurde das Verhältnis zwischen Simmel und Gaston Richard nie thematisiert, weshalb es in diesem Beitrag untersucht wird. Diese Untersuchung ist mit der Fragestellung einer relationalen Soziologie verbunden, die vor und nach dem ersten Weltkrieg den Austausch zwischen Soziologen in Deutschland und in Frankreich stimuliert hat und die heute als eine alternative Perspektive zu handlungstheoretischen Ansätzen in der soziologischen Theorie wieder aufgegriffen wird.
Christian Papilloud

Intime Verhältnisse

Frontmatter

Geld, Tausch und Intimität

Der kulturelle Status des Geldes kann für die Zeit um 1900 herum an einem Diskurs exemplifiziert werden, der, wiewohl vermeintlich nebensächlich, sowohl für Max Weber, wie auch für Emile Durkheim und insbesondere für Georg Simmel von Relevanz gewesen ist. Die Prostitution vereinigt in sich Streitfragen und Grenzüberschreitungen, sie tangiert Moral, Ehe und Familie, Geschlechterverhältnisse, Hierarchien, soziale Ungleichheit, großstädtisches Leben und vor allem die Gestaltungsmacht, die der Geldverkehr verleiht. Simmels Perspektive ist in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. In seiner Philosophie des Geldes, aber auch in anderen Schriften nimmt er eine Sichtweise ein, die sich gegenüber dem sozialenWandel, den die Prostitution seither durchlaufen hat, auf den ersten Blick als wenig empiriefähig herausgestellt hat. Einerseits moralisierend, andererseits individualisierungskritisch, wird der Wert seiner Position deutlich, wenn sie aktuellen Debatten gegenübergestellt wird.
Thorsten Benkel

Paare und Liebe

In seiner Grundlegung der Soziologie als einer eigenständigen Disziplin hat Simmel den Möglichkeitsraum einer Mikrosoziologie geöffnet. Unvermindert besitzen seine Arbeiten für dieses Gebiet auch heute noch ein hohes Anregungspotenzial, wie in diesem Beitrag anhand der Paarforschung gezeigt wird. Damit soll zugleich deutlich gemacht werden, dass Simmel die Mikrosoziologie keineswegs auf Interaktionen beschränkt, sondern ausführlich auf Dauer gestellte Beziehungen (Ehen, Freundschaften) einbezogen hat. Aufgezeigt wird dies anhand von drei Themenschwerpunkten: den Strukturmerkmalen von Paarbeziehungen, die vor allem aus der Kontrastierung mit Triaden gewonnen werden, der emergenten Qualität von Paarbeziehungen, mit der Analysen zur Wirklichkeitskonstruktion und rituellen Ordnung vorweggenommen wurden, sowie – dargestellt an Liebe und Treue – der emotionalen Fundierung dieser Beziehungsform.
Karl Lenz

Das Leben im Erotischen und Sexuellen

G. Simmel spricht über Liebe, Erotik, Sexualität in ihren Zusammenhängen und Bezügen zu Institutionen wie der Ehe oder zur Bevölkerung, ohne all dies auseinanderzureißen. Liebe versteht er als etwas Mentales, gerichtet auf ein individualisiertes Gegenüber im Ganzen. Auch Erotik wird von Simmel als Interaktion aufgefasst; sie vermittelt zwischen sinnlichem Begehren und autonomer Liebe. Das Sexuelle wird auf den physischen Geschlechtsakt eingegrenzt, gegründet auf die Fortpflanzung als Gattungszweck. Das klingt von heute her gesehen wie Heteronormativität, wäre da nicht Simmels Beschwörung des Prinzips ‚Leben‘, das gegen erstarrte Formen revoltiert. Auf das Romantischste verknüpft Simmel Liebe, Individualität und als gemeinsamen Ausdruck dessen die Sexualität. Wird diese Vorstellung der Gefühlstiefe gegen die aktuellen Sexual- und Beziehungsmodelle gehalten, lassen sich stark divergierende Ideen von Individualität erkennen. Die Prostitution muss er vor diesem Hintergrund kritisch bewerten. Aber er begibt sich dabei nicht auf das Terrain der Moral und nimmt keinen Anstoß an den Mikroverhältnissen der Macht. Stattdessen entfaltet er an diesem Gegenstand eine anregende Kritik bürgerlicher Herrschaft und argumentiert definitionstheoretisch.
Rüdiger Lautmann, Daniela Klimke

G.S. und das Geheimnis

Geheimhaltung ist ein alltäglicher Modus menschlicher Kommunikation und ein bewährtes Mittel im Wettbewerb um Macht und Profit. Außerdem provozieren Geheimnisse Neugier und Kommunikation, weil sie vielversprechende oder bedrohliche Möglichkeiten vermuten lassen. Deshalb ist Simmels Abhandlung dieses Themas zeitlos aktuell und enthält zahlreiche Anregungen zur empirischen Erweiterung und theoretischen Vertiefung. Allerdings muss kritisch angemerkt werden, dass Simmel seine Erkenntnisse eher kursorisch und assoziativ als systematisch vorträgt: Nach fundamentalen Einsichten in die Selektivität unseres Wissens über einander erörtert er Vor- und Nachteile der Lüge, die Notwendigkeit von Diskretion in anonymen und intimen Beziehungen und die Gründe für Enthüllungen und Verrat. Dann wendet er sich soziologischen Aspekten i.e.S. zu und kommt zum Ergebnis, dass Geheimnisse nicht nur Charakteristika von Geheimbünden sind, sondern Merkmale jeder Organisation. Aus all dem schließt er auf eine zunehmende gesellschaftlicher Differenzierung und „Entindividualisierung“ und erweist sich damit als scharfsinniger Beobachter industrieller Lebensverhältnisse.
Joachim Westerbarkey

Kulturen der Transzendenz

Frontmatter

Die ‚Soziologie der Religion‘ – neu gelesen

Der Beitrag rekonstruiert wesentliche Aspekte der Religionstheorie Georg Simmels. Dabei wird zwischen einem soziologischen, kulturwissenschaftlichen und lebensphilosophischen Ansatz unterschieden. Die Argumente der Rekonstruktion lauten: 1) Im Zentrum der Religionstheorie Georg Simmels steht das Verhältnis von Teil und Ganzem, das seine soziale Konkretion in der Beziehung zwischen „Individuum“ und „Gesellschaft“, seine kulturelle Realisierung im Verhältnis von „subjektiver“ und „objektiver Kultur“ sowie seine lebensphilosophische Ausprägung in der Relation von „Prozess“ und „Form“ findet. 2) Auf der Basis von Simmels Wechselwirkungsverständnis sind die Glieder der genannten Begriffspaare methodische Begriffe, die sich nur durch den wechselseitigen Bezug aufeinander bestimmen. Die übergeordnete Relation ist diejenige zwischen Teil und Ganzem. 3) Simmel zufolge ist Religion diejenige gesellschaftliche und kulturelle Form, die das Verhältnis von Teil und Ganzem in seinen verschiedenen Ausprägungen auf besondere Weise traktiert. Ihre Emergenz ist qua Analogie aus „religioiden“ sozialen Prozessen heraus zu verstehen.
Volkhard Krech

Das Religioide und der Glaube

Drei Überlegungen zu einer Religionssoziologie der Zeit um 1900
Die Zeit um 1900 wird heute gern mit dem weitgreifenden Titel der „Moderne um 1900“ bedacht, und dass es mit dem ‚um 1900‘ etwas auf sich hat, lässt sich gerade auch in kulturell-religiöser Hinsicht aufweisen. Dies wird in einem ersten Gedankengang skizziert. Um 1900 war es Georg Simmel, der als erster nicht nur von einer „Soziologie der Religion“ gesprochen, sondern bereits 1898 eine solche auch gedanklich konzipiert hat. Ihr entstammt der 1906 hinzugetretene Begriff des Religioiden. Die zweite Überlegung wendet sich der ‚religioiden‘ Begriffserfindung Simmels zu. Diese war seiner religionssoziologischen Leitidee verpflichtet. ‚Das Religioide‘ war also zunächst durchaus nicht auf die ‚religiöse Lage‘ der Zeit gemünzt; es ist zeitgenössisch allerdings so aufgefasst worden. Die dritte Überlegung bezieht sich auf den ersten der drei substantiellen Fälle, an denen Simmel seine religionssoziologische Konzeption verdeutlicht und expliziert hat: auf den religioiden Fall des Einander- bzw. Aneinanderglaubens. Es geht es um das bzw. den Glauben und damit um eine Begrifflichkeit, die selbst vielfach für das Religiöse einsteht. Simmel seinerseits trägt sein soziologisches Glaubensargument allerdings in einer semantischen Gestalt vor, die das Argument auch wieder in Schwierigkeiten bringt.
Hartmann Tyrell

Das individuelle Gesetz

In zwei späten Texten (1913, 1918) hat Simmel die These vertreten, dass einige (oder alle) Menschen in der modernen Gesellschaft bei moralischen Entscheidungen ihrem „individuellen Gesetz“ folgen, sich nicht anMoralvorschriften, Normen o.ä. orientieren. Alle Morallehren (auch die Kants) zerschnitten das Leben des Individuums in Einzelhandlungen, um diese dann nach Art der Juristen auf allgemeine Gesetze hin zu bewerten. Simmel will zeigen, dass dasIndividuum eine Sollensorientierung aus seinem ganzen Leben heraus gewinnen kann.
Ist Simmels These gut begründet, wird sie durch Beispiele verdeutlicht? Wie steht sie zu anderen Konzepten des individuellen Daseins bei Simmel, zur „Kreuzung socialer Kreise“, zum „qualitativen Individualismus“, zur „Vornehmheit“? In der Soziologie hat seine These so gut wie keine Fortsetzung und nur wenig Aufmerksamkeit gefunden. Muss das so bleiben?
Werner Fuchs-Heinritz

Musik und Ethos

Bei den weit über das Gesamtwerk verstreuten Äußerungen Simmels zur Musik hat es sich als zielführend erwiesen zu untersuchen, in welchen Zusammenhängen und warum sie erscheinen. Unversehens gerät diese Herangehensweise zum Modellfall, an dem sich bewahrheitet, in welch vielfältiger Weise Simmels Themenfelder miteinander verzahnt sind. Oft sind es nur Stichworte, die zu einzelnen Werken oder musikästhetischen Fragestellungen führen; diese verwendet er jedoch nicht in Bezug auf den aktuellen musikwissenschaftlichen Diskurs, sondern bettet sie ein in die Gedankengänge der Moralwissenschaft, Soziologischen Aesthetik, Philosophie des Geldes oder der Krise der modernen Kultur. Bei seinem Insistieren auf einem künstlerischen Ethos gerade bei Werken, die sich normativen Deutungen entziehen, wird das Potential für eine moderne soziologische Deutung des Verhältnisses von Ästhetik und der künstlerischen Praxis und ihrer Theorie sichtbar.
Eberhard Hüppe

Jungbrunnen oder Fegefeuer?

Georg Simmel und das Kriegserlebnis 1914–1918
Georg Simmel, Lichtfigur der gegenwärtigen Kultursoziologie, hatte ein Erweckungserlebnis. Mit dem Kriegsbeginn vor hundert Jahren mutierte der Straßburger Gelehrte in einen Patrioten, auf den ersten Blick jedenfalls „feurig bis zum Chauvinismus“ (Peter Gay), verdammte er nun doch Universalismus und nationale Weichheiten, da es um das Überleben des „deutschen Individuums“ gehe. Der Essay versucht, Simmels damalige, wesentlich ambivalente Position auszuloten und zu klären, wie sie in sein Werk passt. Simmel saß seinerzeit zwischen allen Stühlen. Viel zu feinsinnig, um gängigen Weltmachtphantasien zu verfallen, predigt er im Sinne einer tiefen Zeitverzweiflung dennoch einen guerre à outrance, um – frei nach „das Überpersönliche ist das Persönlichste“ – in dessen Fegefeuern die Kultur erneuert zu sehen, die er in der ‚Philosophie des Geldes‘ bereits abgeschrieben hatte.
Sven Papcke

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