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Über dieses Buch

Die btirgerliche Gesellschaft zerstOrte die mittelalterlichen sozialen Strukturen mitsamt ihrem theologischen Uberbau. Gesellschaft und Wirtschaft sollten nach den Prinzipien von Vemunft und Nutzen gestaltet werden - Prinzipien, die in der Philo sophie der Aufldarung gleiehsam als Synonyme auftraten. Die sozialisti­ schen Ideen entstanden als Reaktion auf die neuen btirgerlichen Leitbilder und die krisenhaften Folgen ihrer Verwirkliehung. Ihr Ziel war jedoch nicht die bloBe Beseitigung oder Negation der btirgerliehen Gesellschaft, sondem deren "Autbe­ bung" im Hegelschen Sinne, d.h. die vom Btirgertum erfochtene Befreiung der Individuen von den Fesseln der alten Zustiinde sollte bewahrt, die neu entstande­ nen wirtschaftlichen Abhangigkeiten und Gefahrdungen jedoch, z.T. unter Rtick­ griff auf iiltere Solidaritatsvorstellungen, tiberwunden werden. Die sozialistischen Ideen mtissen zusammen mit den politischen Kraften, die urn ihre Durchsetzung kampften, betrachtet werden. In dieser Darstellung kann jedoch von der Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie den politischen Umstan­ den nur so viel mitgeteilt werden, wie fur das Verstandnis der modemen soziali­ stischen Ideen erforderlieh ist. Der Nachdruck liegt auf den gedanldiehen Struktu­ ren der sozialistischen V orstellungen, auf ihren typischen Denkmustem, ihrer wechselseitigen Beeinflussung und den Veranderungen, die sie im Laufe der Zeit erfahren haben. Das sozialistische Denken prasentierte sieh in seiner marxistischen Form als entfaltetes, philosophisch begrtindetes System. Aber auch die sozialistische Mar­ xismuskritik, z.B. der zumeist von Kant beeinfluBte ethische Sozialismus, besaB ein philosophisches Fundament. Kurz - sozialistische Ideen sind haufig mit er­ kenntnistheoretischen, geschiehtsphilosophischen oder ethischen Grundpositio­ nen verkntipft, die auch heute noch unser Interesse finden konnen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Vorwort

Vorwort zur 2.Auflage

Zusammenfassung
Das Vorwort zur 1. Auflage der „Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland„ trägt das Datum,15. Juni 2000‘. Dieses Vorwort zur 2. Auflage wird auf den Tag genau fünf Jahre später datiert. Warum eine zweite Auflage in einem anderen Verlag?
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich

Ideengeschichte des Sozialismus in Deutschland

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Die bürgerliche Gesellschaft zerstörte die mittelalterlichen sozialen Strukturen mitsamt ihrem theologischen Überbau. Gesellschaft und Wirtschaft sollten nach den Prinzipien von Vernunft und Nutzen gestaltet werden — Prinzipien, die in der Philosophie der Aufklärung gleichsam als Synonyme auftraten. Die sozialistischen Ideen entstanden als Reaktion auf die neuen bürgerlichen Leitbilder und die krisenhaften Folgen ihrer Verwirklichung. Ihr Ziel war jedoch nicht die bloße Beseitigung oder Negation der bürgerlichen Gesellschaft, sondern deren „Aufhebung“ im Hegelschen Sinne, d.h. die vom Bürgertum erfochtene Befreiung der Individuen von den Fesseln der alten Zustände sollte bewahrt, die neu entstandenen wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Gefährdungen jedoch, z.T. unter Rückgriff auf ältere Solidaritätsvorstellungen, überwunden werden.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich

1. Kapitel. Der Ideenhorizont des frühen Sozialismus und seine Wahrnehmung in der deutschen Arbeiterbewegung

Zusammenfassung
Die deutsche Arbeiterbewegung bildete sich in der ersten Hälfte des 19. Jhs. heraus. Greifbar wird sie im „Vormärz„, d.h. am Vorabend der Revolution des Jahres 1848. Verglichen mit England und Frankreich ist dies relativ spät. Doch in den deutschen Ländern war die Industrialisierung langsamer vorangeschritten; zudem waren in der Restaurationszeit politische Vereine, sogar gewerbeübergreifende Gesellenbünde, verboten; auch herrschten strenge Zensurbestimmungen.2
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

2. Kapitel. Die frühe Entwicklung des sozialistischen Denkens in Deutschland

Zusammenfassung
Die Darstellung der wichtigsten Positionen des französischen und des englischen Frühsozialismus läßt erkennen, wie stark das deutsche Denken von ihnen geprägt worden und wo es über sie hinausgegangen ist, z.B. durch Vertiefung der philosophischen Grundlegung oder Intensivierung des „staatssozialistischen„ Aspekts. Einige deutsche Frühsozialisten besaßen kaum Bezug zu der sich formierenden Arbeiterbewegung, andere gehörten als Publizisten zu ihren intellektuellen Begleitern, wieder andere, selber Arbeiter-Handwerker, zu ihren Organisatoren.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

3. Kapitel. Grundriß einer epocheprägenden Theorie: Das Denken von Karl Marx und Friedrich Engels

Zusammenfassung
Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) stammten aus dem wohlhabenden Bürgertum. Marx’ Vater war ein angesehener Rechtsanwalt am Trierer Appellationsgerichtshof, Engels, in Barmen geboren, Sproß einer alteingesessenen Industriellenfamilie. Marx und Engels gerieten in Berlin in den Kreis der Junghegelianer, Marx als Jurastudent, Engels als auf philosophische Abwege geratener Kaufmannslehrling. Während Marx, inzwischen promoviert, sich in Bonn um eine wissenschaftliche und publizistische Karriere bemühte — letzteres mit spektakulärem Anfangserfolg, denn er wurde 1842, vierundzwanzigjährig, Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung„ -, lernte Engels von 1842 bis 1844 in England bei „Ermen & Engels„ die praktische Seite des Kapitalismus kennen.1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

4.Kapitel. Ferdinand Lassalle und der Lassalleanismus: Zwischen Revolution und Staatssozialismus

Abstract
Ferdinand Lassalle (1825–1864) stammte aus einer wohlhabenden Breslauer Kaufmannsfamilie, die dem liberal denkenden assimilierten Judentum zugehörte. Als Jüngling beurteilte er die bürgerliche Gesellschaft nach dem Vorbild der Französischen Revolution und des französischen Frühsozialismus. Seine intellektuelle Brillanz führte ihn in das zentrale Laboratorium des deutschen Geistes, an die Berliner Universtät.l Das gedankliche Rüstzeug zu seiner Gesellschaftskritik bot ihm – typisch für die jungen Intellektuellen seiner Generation – die Philosophie Hegels (mit Einschränkung auch die Fichtes). Genau genommen war Lassalle der Linkshegelianer par excellence, jedoch kein Junghegelianer. Denn obwohl er die junghegelianischen „Halleschen Jahrbücher“ genau kannte, enthalten seine damaligen Aufzeichnungen kaum Spuren des dafür charakteristischen „Feuerbachianismus“.2 Lassalle las Hegel durch eine jakobinische Brille, blieb aber, methodologisch gesehen, orthodoxer Hegelianer.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

5. Kapitel. Sozialistisches Denken im Kaiserreich

Zusammenfassung
Die deutsche Sozialdemokratie konsolidierte sich nach der Gothaer Vereinigung von 1875 organisatorisch und erzielte wachsende Erfolge bei den Reichstagswahlen. Selbst die Unterdrückungsmaßnahmen zur Zeit des „Sozialistengesetzes„ (1878–1890) konnten diese Entwicklung nicht aufhalten.1 Sie beruhte auf der rasanten Industrialisierung, die in den wachsenden Städten Heere von Industriearbeitern entstehen ließ. Die sozialdemokratischen Zeitgenossen begriffen sie als den epochalen Umbruch, den Marx bereits in den vierziger Jahren seismographisch antizipiert hatte.2
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

6. Kapitel. Konzepte sozialistischer Realpolitik

Zusammenfassung
Kautsky nannte die Sozialdemokratie „eine revolutionäre, aber nicht Revolutionen machende Partei„1. Dieses Diktum schloß praktische parlamentarische Arbeit nicht aus. Zwar gab es Kräfte wie Liebknecht und die „Jungen„, die sie für unvereinbar mit dem revolutionären Kampf hielten. Doch Liebknecht revidierte diese Position, und praktische Bedeutung war ihr nie zugekommen.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

7. Kapitel. Sozialismus im Krieg und in der Zeit des Umbruchs

Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen kapitalistischer Expansion, Militarismus und internationalen Konflikten wurde in der deutschen Sozialdemokratie bereits in den neunziger Jahren des 19. Jhs. thematisiert. In einem Dokument der Reichstagsfraktion heißt es:
„Die Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft geht auf die Konzentration (…) des gesamten Kapitals in immer weniger Händen. Die kapitalistische Warenproduktion (…) verlangt ein möglichst großes Absatzgebiet (…). Aber in der nationalen Abgeschlossenheit entwickelt sich die ökonomische und die politische Rivalität. Eifersucht und Mißtrauen gegen fremde Völker werden geweckt. Die rasche Entwickelung der Warenproduktion in allen kapitalistisch wirtschaftlichen [sic!] Ländern drängt immer mehr nach Erweiterung der Absatzmärkte über den Binnenmarkt hinaus und erfordert Schutz und Unterstützung durch die politisch-militärischen Kräfte, die damit an Bedeutung gewinnen. (…) Die Armee wird so zum Werkzeug der herrschenden Klassen gegen äußere und sogenannte innere Feinde. [Fettung im Original, W.E.].„ 1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

8. Kapitel. Aufschwungshoffnung und Sturz des demokratischen Sozialismus in der Zwischenkriegszeit

Zusammenfassung
Die komplexeste, ökonomische und politische Aspekte verbindende Zeitdiagnose gab Rudolf Hilferding. Ihr Ausgangspunkt war seine Analyse des „Finanzkapitals„, d.h. des „organisierten, hierarchisch gegliederten Staatskapitalismus mit einem in seiner Macht ungeheuer erhöhten Herrschaftsstaate„. Das Finanzkapital sei in der Lage, die „Anarchie„ der kapitalistischen Produktion zu überwinden und die krisenhaften Konjunkturschwankungen abzumildem.1 1924, als sich die Stabilisierung der Republik abzuzeichnen begann, analysierte er in zwei bedeutenden Texten, dem „Editorial„ zu der neuen Theoriezeitschrift „Die Gesellschaft„ und der Kieler Parteitagsrede von 1927, die Chancen der Arbeiterbewegung unter den veränderten politischen Bedingungen. Es sei ihr nach dem Weltkrieg gelungen, Staat und Wirtschaft zu beeinflussen:
„Das starre politische System (...) ist nun plastisch geworden (....) Zugleich mit der Steigerung des Machtbewußtseins ist der Arbeiterklasse die Möglichkeit gegeben, diese Macht auszuüben. Nicht der demokratische Staat kann ihr jetzt als Hindernis erscheinen, sondern soziale und davon abhängige geistige Einflüsse. (...) Das Bedürfnis nach einer umfassenden Staatstheorie ist geweckt.„2
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

Ideengeschichte des Sozialismus in Deutschland

Frontmatter

1. Kapitel. Der Ideenhorizont deutscher demokratischer Sozialisten nach den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Stalinismus 1934 – 1948

Zusammenfassung
Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Deutschland — SPD, Freie Gewerkschaften und die Arbeiterkulturvereine — sah sich nach dem 30. Januar 1933 mit der Tatsache konfrontiert, daß sie ihr Versprechen, den Nationalsozialismus an der Machtergreifung zu hindern, nicht eingelöst hatte; vielmehr sprachen viele, und darunter nicht wenige aus den eigenen Reihen, tief enttäuscht von der „Flucht vor Hitler„. Illusionen darüber, daß die nationalsozialistische Diktatur nur von kurzer Dauer sein würde, schwanden bald dahin; allenfalls die Erwartung eines „nach Hitler — wir„ mochte den Umstand, vor der Geschichte versagt zu haben, etwas mildern.1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

2. Kapitel. Die Herausforderung der politisch-ökonomischen Neugestaltung der deutschen Demokratie 1949 – 1959

Zusammenfassung
Die Zeitspanne von 1949 bis 1957 war durch politisch-ökonomische Grundentscheidungen epochalen Ausmaßes gekennzeichnet: durch die Währungsreform 1948, die ihr folgende Rekonstruktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und ihre sozial verträgliche Zähmung (wenigstens dem Anspruch nach) im Rahmen der „sozialen Marktwirtschaft„, die Rückbildung der gesellschaftlichen Grundverhältnisse in Klassen-oder zumindest unterschiedliche Lebenslagen (nach der vorübergehenden Destrukturierung durch die Kriegs-und unmittelbare Nachkriegszeit), durch das Votum der Mehrheit der Bevölkerung bei den Wahlen 1949, 1953 und 1957 für die CDU/CSU, durch den Beginn der Re-Integration der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Staatengemeinschaft.’ Diese Grundentscheidungen zwangen die freiheitlichen Sozialisten für ein Jahrzehnt in ein argumentativ-programmatisches Prokrustesbett. Die Sozialdemokraten hielten zwar die neoliberalen wirtschaftspolitischen Modelle für falsch, stimmten aber gleichzeitig gewissen grundsätzlichen Überlegungen der Neoliberalen zu, soweit diese sich kritisch mit dem ungefesselten Konkurrenzkapitalismus auseinandersetzten. Sie zogen eine scharfe, unüberschreitbare Grenze zum totalitären Kommunismus, akzeptierten jedoch die grundsätzlichen Einsichten über die Funktionsweise des Kapitalismus, die Karl Marx und den ihn weiterentwickelnden marxistischen Theoretikern zu verdanken waren. Um aus diesen einschnürenden argumentativen Zwangslagen herauszukommen, gab es einige recht anspruchsvolle Versuche zu einem Befreiungsschlag.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

3. Kapitel. Neue Ideen für die sechziger und siebziger Jahre

Zusammenfassung
Nach der Annahme des Godesberger Grundsatzprogramms im November 1959 bemühte sich die SPD, gegenüber den politischen Gegnern und vor allem gegenüber den Wählern um den Nachweis, daß — wie es der zukünftige Parteivorsitzende ausdrückte — die moderne SPD „sich (…) nicht in einer Frontstellung gegenüber der Wirtschaftsordnung unserer Bundesrepublik befindet„1, daß sie vielmehr das bestehende Wirtschafts-und Sozialsystem weiterentwickeln, verbessern und vervollkommnen wolle.2 Für nicht wenige Zeitgenossen und erst recht für Nachbetrachter entstand damit der Eindruck, daß der „Weg der SPD zur Staatspartei„ am Godesberger Programm vorbeiführte. Es entstand der Eindruck, daß eine geistige Verarbeitung des neuen Programms in der Partei kaum stattfand3, von der Parteiführung nicht gerade gefördert und von der Mitgliedschaft jedenfalls nicht mit Nachdruck gefordert wurde. Wieder einmal bewahrheitete sich der Satz, daß gerade für eine Programmpartei wie die SPD der Weg zum Programm für die Integrationsprozesse wichtiger war als der Programmtext selbst.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

4. Kapitel. „DDR-Sozialismus„

Zusammenfassung
Anton Ackermanns Entwurf eines Aktionsprogramms für den projektierten „Block der Kämpferischen Demokratie„, geschrieben im Oktober 1944 in Moskau, sprach in einem weiten historischen Bogen die Voraussetzungen für die „nationale Wiedergeburt Deutschlands„ nach der Beseitigung der nationalsozialistischen Diktatur an:
„Mit dem Schutt der halbzerstörten Städte muß der reaktionäre Schutt aus einem ganzen Jahrhundert der neueren deutschen Geschichte hinweggeräumt werden, wenn der Neubau des Reiches auf solidem Grund erfolgen und eine Wiederholung der Katastrophen von 1914/18 und 1933/45 verhindert werden soll. Was die demokratischen Kräfte 1848 durch verhängnisvolle Schwäche nicht vermochten und was 1918 frevelhafter Weise unterblieb, das muß nun endlich zur Lösung gebracht werden: eine wirkliche Demokratisierung Deutschlands!„1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich

5. Kapitel. Wege ins 21. Jahrhundert

Zusammenfassung
Dieser Abschnitt dient dem Versuch, exemplarisch die Umschwünge im geistigen Klima der Bundesrepublik Deutschland seit den siebziger Jahren, soweit sie die Frage nach der Relevanz sozialer Ideen tangieren, erkennbar zu machen.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

Geschichte der Sozialen Ideen im Deutschen Katholizismus

Frontmatter

Einleitung: Katholische Soziallehre — Entwicklung und Konzept

Zusammenfassung
Nach ihrem Selbstverständnis weiß sich die Kirche gesandt, in Verkündigung und sakramentalem Tun das Heilswerk Jesu fortzuführen. So hat sie die Pflicht, sich auch um die für das Heil der Menschen bedeutsamen Fragen des politischgesellschaftlichen Lebens zu kümmern. Die soziale Verkündigung der Kirche ist deshalb so alt wie sie selbst und reicht von den Worten Jesu bis zur gegenwärtigen Sonntagspredigt eines Pfarrers oder dem Schulunterricht eines Religionslehrers. Jesus nahm Stellung zu Staat und Obrigkeit, zu Armut und Ehe. Der Apostel Paulus äußerte sich zur staatlichen Regierungsform oder zur Gestaltung häuslicher und famliärer Ordnung. Den Kirchenvätern ging es in der alten Kirche um die Beziehung von Reichtum und Armut oder um die Teilnahme von Christen an öffentlichen Vergnügungen, um das Verhalten christlicher Beamter im Dienst des heidnischen Staates. Im Mittelalter standen das Verhältnis von Papsttum und Kaisertum bzw. Staat und Kirche im Zentrum der Diskussionen, daneben auch die Erlaubtheit des Zinses und die Berechtigung von Unternehmergewinnen.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

1. Kapitel. Sozialer Katholizismus. Werden, Konsolidierung, Krisen — von der Frühzeit bis zum Ersten Weltkrieg

Zusammenfassung
Auf die mit dem Schlagwort „Soziale Frage“ bezeichneten Folgen der industriellen Revolution reagierte der deutsche Katholizismus erst allmählich mit unterschiedlicher Intensität und durch engagierte Einzelpersonen, die auf verschiedene Weise und mit uneinheitlichen Konzepten der sozialen Misere begegneten. Erst im jahrzehntelangen Ringen um sozialreformerische Modelle und politischökonomische Ideologien formte sich eine katholisch-soziale Bewegung und prägten sich die Konturen eines eigenständigen Lösungsweges für die soziale Frage aus. Dabei kam der Auseinandersetzung um ständischen Konservativismus, um Liberalismus/Kapitalismus und Sozialismus/Marxismus entscheidende Bedeutung zu.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

2. Kapitel. Katholisch-sozialer Pluralismus — die Weimarer Zeit

Zusammenfassung
In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg stand — wenn auch Einzelheiten umstritten waren — im Mittelpunkt der Bemühungen des deutschen Katholizismus ein angemessener Platz in der Wilhelminischen Gesellschaft. Je mehr er dieses Ziel erreichte, desto mehr wuchs seine Bereitschaft, die bestehende Ordnung nicht nur hinzunehmen, sondern sie mitzutragen. An die Stelle einer ständischen Sozialreform etwa, die eine umfassende Umgestaltung anstrebte, trat das Ja zum bestehenden Wirtschaftssystem; nur „kapitalistische“ Auswüchse sollten beseitigt werden. Niederlage und Revolution von 1918 ließen die alte Ordnung verschwinden und machten offenbar, daß auch der soziale Katholizismus kein einheitliches gesellschaftliches Ordnungsbild besaß. Es zeigten sich „tiefgehende Meinungsverschiedenheiten über den einzuschlagenden Weg“1, so daß man von einem katholisch-sozialen Pluralismus in der Weimarer Zeit sprechen kann. Der Bogen spannte sich von ständisch-konservativen Gruppierungen bis zu Richtungen eines christlichen Sozialismus. Bedeutsamer als sie war indes der Solidarimus, der sich bewußt als „katholisch-soziale Einheitslinie“2 verstand und in dem die berufsständische Idee eine besondere Rolle spielte. Alle diese verschiedenen Ansätze beeinflußten — in unterschiedlicher Weise und Stärke — die soziale und politische Praxis des deutschen Katholizismus, die durch die Auseinandersetzung um die demokratische Republik und den aufkommenden Nationalsozialismus zusätzliche Brisanz erhielt.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

3. Kapitel. Der deutsche Katholizismus in der sozialpolitischen Mitverantwortung — nach 1945

Zusammenfassung
Nach dem unwiderruflichen Sieg über das nationalsozialistische Regime und dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten die Kirchen zu den wenigen intakt gebliebenen gesellschaftlichen Institutionen. Die gemeinsam erlittene Erfahrung der Verfolgung sowohl der evangelischen als auch der katholischen Kirche, der systematische Terror gegen Kommunisten, Sozialisten und Christen gleichermaßen sowie der vereinte Kampf dieser unterschiedlichen Gruppierungen gegen die nationalsozialistische Diktatur hatten die Menschen nachhaltig geprägt. Sie schufen nun die Basis für einen gemeinschaftlichen Neuanfang. So kam es nicht nur zu veränderten Formen des politischen Zusammenwirkens zwischen evangelischen und katholischen Christen, sondern es gab auch Versuche einer Kooperation mit den Sozialisten. Anders als der Protestantismus, der in den ersten Nachkriegsjahren die Integration der während der Nazidiktatur in eine Polarisierung geratenen Teile („Deutsche Evangelische Kirche„ als Reichskirche, sog. „Intakte Landeskirchen„, Bekennende Kirche) leisten mußte, vermochte der deutsche Katholizismus in noch und weitaus stärkerem Maße als zu früherer Zeit die soziale und politische Entwicklung in diesem Zeitraum nicht nur zu beeinflussen, sondern unmittelbar mitzubestimmen.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

Geschichte der Sozialen Ideen im Deutschen Protestantismus

Frontmatter

Einleitung: Charakteristika protestantischer Sozialethik in ihrer geschichtlichen Entwicklung

Zusammenfassung
Der deutsche Protestantismus hat auf die soziale Frage des 19. Jhs. vorrangig durch eine Neukonzeptualisierung der christlichen Liebestätigkeit reagiert. Das traditionelle christliche Motiv der „Barmherzigkeit„ wurde unter den Bedingungen einer tiefgreifenden Veränderung der Sozial- und Wirtschaftsstruktur, die man im Protestantismus weithin als Krisenphänomen im Sinne eines gesellschaftlichen Verfalls interpretierte, mit dem Ziel einer Rechristianisierung der Bevölkerung verknüpft und als „Innere Mission„ zu einer effizienten und öffentlichkeitswirksamen Einrichtung sozialer Hilfe entwickelt. Auch wenn sich die Innere Mission weithin auf die an den Rand gedrängten Opfer gesellschaftlicher Umbrüche konzentrierte, bildete ihre Arbeit den Ausgangspunkt der sozialethischen Verantwortung des neuzeitlichen Protestantismus.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

1. Kapitel. Impulse für die Herausbildung des neuzeitlichen sozialen Protestantismus im Horizont von Pauperismus und Frühindustrialisierung

Zusammenfassung
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kam es in den meisten deutschen Ländern zu tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaftsstruktur. Dieser Prozeß läßt sich exemplarisch auf der rechtlichen Ebene nachvollziehen, wo insbesondere im Gefolge der Durchsetzung eines liberalen Eigentumsverständnisses jahrhundertealte Sozialverhältnisse außer Kraft gesetzt worden sind. So wurden in Preußen im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen mit dem Edikt vom Oktober 1807 die traditionalen Bindungen der Gutsuntertänigkeit der Bauern sowie einige Jahre später die Gesindeordnung und die unterschiedlichen Formen der Zunftordnungen aufgehoben. Diese wirkten sich in hohem Maße ambivalent aus: Ein lang andauerndes System gegenseitiger Abhängigkeit und damit verbunden ein gewisses Maß sozialer Sicherung waren mit einem Schlag abgeschafft, ohne daß zunächst entsprechende Äquivalente vorhanden waren. Aus den personalen Rechts- und Sozialbeziehungen zwischen Gutsherren und erbuntertänigen Bauern waren somit auf Eigentumsrechten beruhende Sozialverhältnisse zwischen freien Bürgern geworden. Die Bauern waren zwar eigentumsrechtlich befreit, ökonomisch jedoch häufig in einer so schwierigen Lage, daß sie sich bis in die vierziger Jahre des neunzehnten Jhs. über die nunmehr fehlenden, zuvor mit der Erbuntertänigkeit verbundenen Schutz- und Versorgungsverpflichtungen der Gutsherren beklagten und diese wieder eingeführt wissen wollten.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

2. Kapitel. Die Innere Mission als Kristallisationspunkt des Sozialen Protestantismus

Zusammenfassung
Es ist die historische Leistung Johann Hinrich Wicherns, durch seine berühmte Rede auf dem Evangelischen Kirchentag in Wittenberg 1848 sowie durch die Denkschrift „Die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche„ die evangelische Christenheit eindringlich auf ihre Verantwortung angesichts der sozialen Frage hingewiesen, ihr ein programmatisches Konzept gegeben und durch die Zusammenfassung bereits vorhandener Einzelinitiativen die christliche Liebestätigkeit insgesamt auf ein neues Niveau gehoben zu haben. Der in diesem Sinn von Wichern geprägte Begriff der „Inneren Mission„ meint „eine im gesamten Gebiet der eigenen Kirche sich vollziehende evangelistische, aufbauende und soziale Nöte lindernde Tätigkeit„1. Die Notwendigkeit eines solchen Konzeptes der Inneren Mission ergab sich für Wichern unmittelbar aus seiner Analyse der Gegenwart, die er nur unter dem Vorzeichen eines „tiefen sittlichen Verfalls, der bodenlosen Entfremdung und des weitverbreiteten Abfalls vom Evangelio„2 verstehen konnte. Insofern ist Wicherns Reformkonzept der Versuch einer Antwort auf eine als radikale Krise interpretierte Zeitsituation.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

3. Kapitel. Der soziale Protestantismus im Kaiserreich — Anfänge einer Sozialstaatsentwicklung

Zusammenfassung
„Das heilige evangelische Reich deutscher Nation vollendet sich (…) in dem Sinn erkennen wir die Spur Gottes von 1517 bis 1871!„1 So feierte am 27. Januar 1871 Adolf Stoecker, der spätere Hofprediger und christlich-soziale Politiker, die nur wenige Tage zurückliegende Reichseinigung; er formulierte damit Hoffnungen und Erwartungen, die die meisten Protestanten in Deutschland teilten. Trotz aller Vorbehalte und Unsicherheiten, die die Einigungskriege ausgelöst hatten, und trotz der durchaus divergierenden Erwartungen an ein vom protestantischen Preußen dominiertes Kaiserreich, signalisiert Stoeckers private Briefäußerung, in der er eine Brücke von der Reformation (Luthers Thesenanschlag 1517) bis in seine Gegenwart schlug, doch die im Protestantismus breit verankerte Vorstellung, nun könne ein protestantisches Kaiserreich geschaffen werden. Wenn sich auch diese weitgehenden Hoffnungen, nicht zuletzt aufgrund der ablehnenden Haltung Otto von Bismarcks, nicht erfüllen sollten, so lassen sich doch einige charakteristische Elemente benennen, die für die Geschichte der evangelischen Kirche im Kaiserreich relevant sind. Die nationale Begeisterung, die große Teile der Bevölkerung erreichte, eröffnete vielen Protestanten ein positives Verhältnis zum Kaiserreich — die jährlichen Sedanfeiern,2 die gerade in evangelischen Kreisen intensiv begangen wurden, sind Beispiele für eine nationale und konfessionelle Festkultur — ein Grundkonsens, der bis zum Ersten Weltkrieg hielt. Zugleich kam die Frage der kirchlichen Einigungsbestrebungen, die schon das Jahr 1848 mitbestimmt hatte, in den Jahren nach 1866 erneut auf die Tagesordnung. Diese Bewegung fand in der sog. Kirchlichen Oktoberversammlung von 1871 einen gewissen Höhe- und Endpunkt.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

4. Kapitel. Der Prozeß der Verkirchlichung und Ausdifferenzierung des Sozialen Protestantismus in der Weimarer Republik

Zusammenfassung
Die Revolution von 1918/19 hatte für die Kirche weitreichende verfassungsrechtliche Bedeutung. Der Wegfall des Summepiskopats, also der obersten Bischofsgewalt durch den König oder Landesherrn, und die durch die Weimarer Reichsverfassung postulierte Trennung von Kirche und Staat erforderten einen weitreichenden Neu- und Umbau der Kirchenverfassungen. Diese verfassungsrechtlich relativ offene Situation bot dabei die Möglichkeit, die Behandlung der sozialen Frage als Konstitutivum einer zukünftigen Kirche festzuschreiben. Die Verankerung der christlich-sozialen Ideen in den neuen Kirchenverfassungen (Bildung sozialer Ausschüsse; Ermöglichung der Gründung von Sozialpfarrämtern; Behandlung sozialer Fragestellungen bei der Aus- und Fortbildung) geschah grundsätzlich im Konsens aller kirchlichen Gruppierungen, wobei besondere Initiativen gerade von den Sozialkonservativen ausgingen.1 Wenn sich auch angesichts der veränderten politischen und gesellschaftlichen Situation die kirchenpolitischen Gegensätze zunächst nicht weiter vertieft hatten, bestanden die Gegensätze zwischen den liberalen und den konservativen Protestanten doch unvermindert fort. Durch das politische Engagement führender Vertreter des Protestantismus — von Friedrich Naumann und Otto Baumgarten (DDP) bis zu Reinhard Mumm und Gottfried Traub (DNVP), um nur einige zu nennen — erhielten allerdings die Konflikte eine z.T. andere Qualität.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

5. Kapitel. Theologische und sozialethische Neuorientierungen in Auseinandersetzung mit dem totalitären Staat des Nationalsozialismus

Zusammenfassung
Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten von Hindenburg am 30. Januar 1933 sowie die ersten Schritte der neuen Koalitionsregierung, die sich mit verfassungsrechtlichen Mitteln gleichwohl gegen die Weimarer Demokratie richteten, wurden von der Mehrheit der deutschen Protestanten begrüßt.1 Auch die Protagonisten des sozialen Protestantismus in der Weimarer Republik unterstützten in ihrer Mehrheit die seit längerer Zeit diskutierten Ideen einer autoritären Umgestaltung der Verfassung. Viele Vertreter des sozialen Protestantismus sahen dabei gerade in Adolf Hitler die Person, die das alte Ziel einer Rechristianisierung der Gesellschaft nun erreichen könne. Gleichzeitig gab es aber auch eine nicht geringe Zahl von Vertretern des sozialen Protestantismus, die den Nationalsozialismus wegen seines antichristlichen Totalitätsanspruches schon vor 1933 ablehnten. Besonders in den Jahren 1933 und 1934 kam es zwischen diesen beiden Gruppierungen zu vielfältigen Konflikten, die sich vordergründig an der Frage entzündeten, ob die freien Vereine und Verbände des sozialen Protestantismus „gleichgeschaltet„ werden sollten oder nicht.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

6. Kapitel. Die soziale Marktwirtschaft als sozialethisches Leitbild des Protestantismus

Zusammenfassung
Es ist im wesentlichen der Initiative des württembergischen Bischofs Theophil Wurm (1868–1953) zu verdanken, den Wiederaufbau einer funktionsfähigen Leitung der evangelischen Kirche in Deutschland nach den Auseinandersetzungen des Kirchenkampfes in die Wege geleitet zu haben. Wurms bereits in den Jahren 1942/43 begonnenes „kirchliches Einigungswerk“ bildete den Ausgangspunkt für eine kirchliche Neuordnung nach dem Krieg. Im August 1945 gelang es ihm, eine sog. „Kirchenführerkonferenz“ in Treysa bei Kassel einzuberufen, an der Vertreter der intakten Landeskirchen, der Bruderräte der Bekennenden Kirche und der während des Kirchenkampfes neutralen Mittelgruppe teilnahmen. In Treysa wurden durch die Festlegung einer vorläufigen Ordnung und die Konstituierung eines vorläufigen Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die entscheidenden Weichen für die weitere kirchliche Entwicklung gestellt. Mit dieser Entscheidung knüpfte man weitgehend an die traditionellen landeskirchlichen Strukturen an und entschied sich gegen weitreichende Vorstellungen der Bruderräte.1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

7. Kapitel. Vom gesellschaftsverändernden Aufbruch der sechziger zur Verteidigung „sozialer Gerechtigkeit„ gegenüber neoliberalen Gesellschaftsmodellen seit den achtziger Jahren

Zusammenfassung
Der gesellschaftliche Umbruch der sechziger Jahre hat auch die Kirchen nachhaltig beeinflußt und verändert. Traditionsbrüche und Veränderungen von Verhaltensnormen und gelebter Religiosität bestimmten die Situation. Von der Nachkriegsgesellschaft und ihren von Pflicht- und Gehorsamstugenden bestimmten Wertmaßstäben wurde Abschied genommen. In der Kirche spielten die Rechristianisierungsvorstellungen der fünfziger Jahre kaum noch eine Rolle, statt dessen begann man, sich den Herausforderungen einer pluralen, nur noch bedingt von den Kirchen geprägten Gesellschaft zu stellen.1
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

Nachwort der Autoren

Zusammenfassung
Den in diesem Handbuch beschriebenen Sichtweisen und Konzeptionen ist gemeinsam, daß sie soziale Gerechtigkeit und Solidarität als unverzichtbare Werte einer menschenwürdigen Gesellschaft begreifen. Sie kritisieren die Auffassung des Liberalismus, daß eine umstandslose Übertragung des Freiheitsprinzips auf den Bereich der Wirtschaft die Lebensverhältnisse aller Menschen verbessere. Die sozialen Verhältnisse im 19. bis weit ins 20. Jh. hinein werden als Widerlegung dieser These verstanden. Auch widerstrebt es ihnen, ihrem Menschenbild den nutzenmaximierenden Egoisten zugrunde zu legen — eine Auffassung, die der heutige Neoliberalismus noch einmal verschärft hat. Als Alternative entwickeln sie aus christlichen oder (im Falle des Sozialismus) von der Aufklärung abgeleiteten egalitären Grundüberzeugungen „soziale Ideen“, die die liberale Vorstellung einer „natürlichen Ordnung“, gebildet aus den Wirtschaftsbeziehungen verständiger Egoisten, korrigieren, wenn nicht sogar aufheben wollen. So gesehen verfügt der Liberalismus — ausgenommen die an den Rand gedrängte, von Friedrich Naumann begründete sozialliberale Tradition — über keine „sozialen Ideen“ im hier gemeinten Sinn Ihm genügt die Idee der staatlich geschützten „natürlichen Ordnung für freie Wirtschaftsbürger“, und er bekämpft alles, was deren Funktionieren stören könnte.
Walter Euchner, F.-J. Stegmann, Peter Langhorst, Traugott Jähnichen, Norbert Friedrich, Helga Grebing

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