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2022 | Buch

Geschichte vor Ort und im virtuellen Raum

Einblicke in die Arbeit an der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

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Über dieses Buch

Die Arbeit in einer Gedenkstätte ist vielgestaltig und interdisziplinär: Sie umfasst Ausstellungen, historisch-politische Bildung, Forschung und nicht zuletzt die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die dem Publikum an diesem Ort ihre ganz persönliche Geschichte nahebringen. Der Band gibt Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche der Gedenkstätte in der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Hohenschönhausen. Neue Forschungsergebnisse zur Repressionsgeschichte in der SBZ/DDR werden ebenso vorgestellt wie Ausstellungsentwürfe und didaktische Konzepte zur Vermittlung von Wissen und Werten. Die Digitalisierung spielt in diesem Bereich der Erinnerungskultur schon jetzt eine zentrale Rolle, was sich im vorliegenden Band spiegelt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Die Ausstellung „Stasi in Berlin. Überwachung und Repression in Ost und West“ – Ein Praxisbericht
Zusammenfassung
Wie lassen sich in Ausstellungen durch digitale Medien neue Wahrnehmungshorizonte eröffnen? Das Projekt „Stasi in Berlin“ verknüpft ein sinnliches Raumerlebnis mit der Frage, wie eine Geheimpolizei eine Großstadt kontrollierte. Dabei macht das Konzept die digitale Vermittlung zum Teil der Inszenierung.
Die Stasi breitete bis zum Ende der DDR ein engmaschiges Netz über Ost-Berlin aus: Tausende konspirative Treffpunkte, hunderte Dienstsitze und versteckte Haftorte bildeten seine Knotenpunkte. Doch wie kann eine Ausstellung dieses heute vergessene Netz sichtbar machen? Wie lässt sich erlebte Repression anschaulich mit ihren städtischen Bezugspunkten verknüpfen? Anstatt auf bekannte Objekterzählungen zu setzen, entschied sich das Ausstellungsteam der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, die Stadt selbst zum Objekt zu machen. Ein 170 m2 großes, begehbares Luftbild Berlins ist Mittelpunkt und einziges Objekt der Inszenierung. Seine Erschließung erfolgt per Tablet. Über Augmented Reality (AR) werden Informationen vermittelt, die zu DDR-Zeiten im Verborgenen blieben. Beim Gang über die Luftaufnahme können Besucherinnen und Besucher individuell Orte und Geschichten auswählen. Via AR-App blenden die Tablets über 4000 recherchierte Adressen ein. Zu besonders wichtigen Schauplätzen der politischen Unterdrückung liefern Video- und Fotomaterialien kuratierte Informationen. Persönliche Geschichten führen wie bei einer digitalen Schnitzeljagd in verschiedenen Stationen über das Luftbild.
Das unterleuchtete Luftbild als Rauminszenierung und die Tablets als Tool zur interaktiven Erschließung der Inhalte machen den Besuch der Ausstellung zu einem besonderen Erlebnis. Der Artikel beleuchtet die Chancen und Herausforderungen digitaler Ausstellungsformate an einem Beispiel aus der Praxis.
Andreas Engwert
2. Ein audiovisuelles Hilfsmittel für heterogene Gedenkstättenführungen
Erfahrungsbericht aus der Konzeption und Einführung des Media Guides der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Zusammenfassung
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen führt aktuell einen Media Guide ein. Dabei handelt es sich um ein digitales Archiv, auf das die Guides während der Gedenkstättenführungen über einen Tabletcomputer zugreifen können. Überdies lassen sich dessen Inhalte in eigens eingerichteten Medienräumen großformatig an die Wände projizieren. Der Media Guide ermöglicht es, neben Fotos, Karten oder Dokumenten auch Audio- und Videodateien bei Führungen zu präsentieren. Die Guides erhalten dadurch ein zeitgemäßes Hilfsmittel, ihre Führungen zu unterstützen und zielgruppengerecht zu differenzieren. Die Einführung des Media Guides erfolgt seit 2021 im laufenden Betrieb.
Michael Siems
3. Virtuelle Begegnungen im Schulunterricht
Die historisch-politische Bildungsarbeit des Koordinierenden Zeitzeugenbüros: Ein Praxisbericht
Zusammenfassung
Waren Begegnungen mit DDR-Zeitzeuginnen und -Zeitzeugen bisher nur persönlich an Gedenkstätten, im Schulunterricht und innerhalb Deutschlands möglich, erweiterte das Koordinierende Zeitzeugenbüro unter Pandemie-Bedingungen sein Bildungsangebot und transferierte die Zeitzeugengespräche mit Hochdruck erfolgreich in die virtuelle Welt. Ohne die digitalen Möglichkeiten, eine mittlerweile umfassende gesamtgesellschaftliche Etablierung von Videokonferenzen und deren Handhabung hätte das wichtige Zeitzeugenprojekt im 30. Jubiläumsjahr der Deutschen Einheit nicht fortgesetzt werden können. Die Corona-bedingten Einschränkungen und die rasante Umgestaltung der Arbeitswelt in einen Alltag aus Homeoffice und Homeschooling stellten Lehrkräfte im Frühjahr 2020 vor große Herausforderungen. Waren zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Zeitzeugengespräche im Unterricht vereinbart, machten Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen und die Zugehörigkeit fast aller Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu einer Risikogruppe eine Realisierung der geplanten Veranstaltungen zunächst unmöglich. Doch wie ließ sich eine Zeitzeugenbegegnung ohne persönlichen Austausch organisieren? Überzeugten die Zeitzeugengespräche doch bisher durch ihre Direktheit und Authentizität sowie den unmittelbaren Kontakt zu den Teilnehmenden. Zentrales Anliegen war es, das große Interesse an den Zeitzeugenbesuchen durch eine schnell konzipierte Online-Alternative weiter bedienen zu können: Bereits mit Beginn der ersten Schulschließungen im März 2020 entwickelte das Projektteam ein virtuelles Format und organisierte Zeitzeugengespräche über Videokonferenz-Tools. Der große Mehrwert einer Zeitzeugenbegegnung blieb damit nicht nur erhalten, sondern es eröffneten sich komplett neue Dimensionen und Perspektiven für die Projektarbeit.
Jessica Steckel, Stefan Donth
4. Im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart: Interdisziplinäre Überlegungen zur Förderung von Reflexion über geschichtsbezogene VR-Anwendungen in Gedenkstätten
Zusammenfassung
Im vorliegenden Beitrag wird der Einsatz von geschichtsbezogenen VR-Anwendungen an Gedenkstätten betrachtet. Vor dem Hintergrund der geschichtsdidaktischen Zielvorstellung, bei Gedenkstättenbesucher:innen Geschichtsbewusstsein zu fördern, wird der Blick auf die Bedeutung von Reflexionsprozessen gerichtet. Unter Fokussierung auf das Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart wirft der Beitrag die Frage auf, wie Reflexionsprozesse begrifflich gefasst und mit Blick auf den Einsatz von VR-Anwendungen in Gedenkstätten didaktisch eingebettet werden können. Hierzu greift der Beitrag auf ein Verständnis von Reflexion auf der Grundlage der pragmatistischen Theorietradition nach John Dewey zurück und verbindet es mit einer geschichtsdidaktischen Perspektive nach Lars Deile. Auf dieser Grundlage werden schließlich medienpädagogische und geschichtsdidaktische Implikationen für den Einsatz von VR-Anwendungen am non-formalen Lernort Gedenkstätte abgeleitet.
Elena Lewers, Olga Neuberger, Inga Lotta Limpinsel, Christian Bunnenberg, Sandra Aßmann
5. Chatbots in der historisch-politischen Bildung – Digitale Vermittlungsstrategien zum Umgang mit heterogenen Lern- und Besuchergruppen
Zusammenfassung
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte verfolgen stets das Anliegen, zielgruppenspezifische Bildungsangebote zu schaffen und diese kontinuierlich weiterzuentwickeln. Bereits vor der Corona-Pandemie wurden mehrere Konzepte zur Digitalisierung der Bildungsarbeit angestoßen. Die pandemiebedingten Schließungen der Schulen sowie der Gedenkstätte beschleunigten diesen Prozess und warfen immer wieder die Frage auf, wie die historisch-politische Bildungs- und Vermittlungsarbeit junge Menschen heute und vor allem auch zukünftig erreichen kann – vor Ort und über digitale Endgeräte. Wie kann und sollte eine „Zukunft der Erinnerung“ nachhaltig und mit großer Reichweite gestaltet werden? Wie können digitale Vermittlungsstrategien darüber hinaus bei der Arbeit mit heterogenen Lern- und Besuchergruppen positiv eingesetzt werden?
Der hier vorgestellte Chatbot „u-bot“ stellt eine Möglichkeit dar, um den Raum für neue Vermittlungsmethoden weiter zu öffnen und die Vorbereitung des Gedenkstättenbesuchs individueller sowie leichter zugänglich zu gestalten.
Zu Beginn der vorliegenden Ausführungen werden zunächst die Rahmenbedingungen der pädagogischen Arbeit in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und Überlegungen zu lerntheoretischen Grundlagen vorgestellt. Im Anschluss erfolgt eine kurze Analyse der Nutzung von Sozialen Medien durch Jugendliche. Diesem Exkurs liegen folgende Leitfragen zugrunde: Welche Medien werden genutzt und welche digitalen Kanäle der historisch-politischen Bildung gibt es bereits, an die das hier beschriebene Projekt anknüpfen kann?
Nachfolgend erläutern die Autorin und die Autoren dieses Artikels ihre Erfahrungen mit der Entwicklung eines Chatbots und werfen abschließend einige wichtige Planungsfragen zur Konzeption eines Chatbots für den Gedenkstätten- und Bildungsbereich auf.
Jana Brahmann, Jens Hasselmeier, Dominik Ortner
6. Verschwörungstheorien und Digitaler Gewalt entgegentreten. Erste Ansätze einer digitalen Friedenspädagogik in der Praxis
Zusammenfassung
Der Prozess der Digitalisierung ist in nahezu alle Lebensbereiche vorgedrungen. Die Grenzen zwischen digitalen und analogen Räumen sind fließend. Damit betrifft sie unser gesellschaftliches Zusammenleben, im Positiven wie im Negativen. Einerseits sind wir dank Digitalisierung mit Menschen verbunden, die nicht am selben Ort leben. Ebenso ermöglichen digitale Formate mehr Menschen Zugang zu Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Andererseits hat Digitalisierung einen Einfluss darauf, wie wir Konflikte aushandeln. Diese eskalieren online oft schneller und heftiger und es bilden sich neue, digitale Gewaltformen. Um dem entgegenzutreten und neue, ermutigende Perspektiven aufzuzeigen, ist eine digitale Friedenspädagogik gefragt, die sowohl „im Digitalen“ stattfindet als auch eine „Friedenspädagogik über das Digitale“ ist. Am Beispiel des Projekts #vrschwrng – Ein interaktives Toolkit gegen Verschwörungstheorien soll die Möglichkeit der praktischen Umsetzung bezogen auf das Schwerpunktthema Verschwörungstheorien im Kontext schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit erläutert werden.
Nicole Rieber, Janna Articus, David Scheuing, Carolin Sokele
7. Werkstattbericht: Ein Einblick in den Maschinenraum des Datenbankprojekts des Forschungsverbunds „Landschaften der Verfolgung“
Zusammenfassung
Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbunds „Landschaften der Verfolgung“ wird im Teilprojekt „Daten politischer Verfolgung“ in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen eine Personen-Datenbank erstellt, mit deren Hilfe Dimensionen politischer Haft in der DDR untersucht werden können. Die Datenbank bietet eine neuartige Datenbasis zur tiefergehenden Betrachtung von Repression durch (politische) Haft unter dem SED-Regime und speziell der Gruppe der Betroffenen in MfS-Untersuchungshaft.
Die folgenden Ausführungen erläutern die Quellenbasis des Projekts und ermöglichen einen Blick in seinen Maschinenraum. Dabei liegt der Fokus ebenso auf den Herausforderungen wie auch auf den Lösungsansätzen für verschiedene Probleme, die sich im Laufe der Projektarbeit ergaben. Konzeptionelle Überlegungen wie die Auswahl der Software spielen eine ebenso große Rolle wie die kontinuierliche inhaltliche Auseinandersetzung mit der Datenbasis, die wiederum den Rahmen der technischen Möglichkeiten definiert. Zudem wird auf die Vorgehensweise des Digitalisierungsprozesses, der Datenverarbeitung, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Arbeit in und mit Archiven eingegangen.
Franziska Richter, Michael Schäbitz, Martin Sobczyk
8. Definition und Dimensionen politischer Haft in der DDR
Ein Debattenbeitrag durch das Datenbankprojekt vom Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“
Zusammenfassung
Die massenhafte Inhaftierung und Verurteilung von vermeintlichen und tatsächlichen Gegnern sowie politisch unliebsamen Personen war ein zentrales Mittel der Politikdurchsetzung und Herrschaftssicherung in der DDR. So eindeutig dieser Befund mittlerweile ist, so uneindeutig ist die „Gesamtzahl“ der politischen Häftlinge in der DDR, zu der ganz unterschiedliche Angaben gemacht werden. Dies liegt neben Problemen in der Datengrundlage vor allem daran, dass die Zahl sich verändert, je nachdem, welche Ausprägungen und Verurteilungsparagrafen dem Phänomen der politischen Haft hinzugerechnet werden. Der Ansatz des Datenbankprojektes vom Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“ besteht darin, zunächst eine verlässliche Datengrundlage zu schaffen, um dann die verschiedenen Dimensionen politischer Haft in der DDR genauer untersuchen zu können.
Zur Definition des Phänomens der politischen Haft gibt es verschiedene Ansätze. Neben der politischen Motivation der Betroffenen ist auch die Verfolgungsmotivation des Staates entscheidend. Zudem sollte auch die Wahl der Mittel und Methoden beachtet werden. Das strafrechtliche Rehabilitierungsgesetz, das die aktuelle rechtliche Grundlage zur Aufhebung von DDR-Urteilen bildet, offeriert Rechtsprinzipien, die für die Entwicklung einer Arbeitsdefinition zur politischen Haft in der DDR genutzt werden können.
Konstantin Neumann
9. Der antisemitisch aufgeladene Trotzkismus-Vorwurf
Ein Beitrag zur Feindbildkonstruktion im Stalinismus
Zusammenfassung
Der Beitrag legt dar, dass Stalin antisemitische Stereotype bereits in der Zeit des Großen Terrors 1936–1938 bewusst nutzte, um sich politischer Gegner:innen zu entledigen – und nicht erst ab 1948 mit Aufkommen der Anschuldigungen von Kosmopolitismus und Zionismus. Grundlage dafür bildet die Annahme, wonach der Vorwurf des Trotzkismus ab den späten 1930er-Jahren nicht mehr die tatsächlichen politisch-ideologischen Grundsätze Leo Trotzkis anprangerte, sondern in der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie vorhandene strukturell antisemitische Narrative mit der weltweit als jüdisch konnotierten Person Trotzkis verband. Damit erfüllten Jüdinnen:Juden nicht nur ein weiteres Mal in der Weltgeschichte die Funktion von Sündenböcken für politische und gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Vielmehr öffneten Stalin und seine Helfer:innen ein rein marxistisch-leninistisches Feindbild und machten es für breite Bevölkerungsschichten anschlussfähig, die zwar keine Anhänger:innen der kommunistischen Weltanschauung waren, jedoch oftmals antisemitisch sozialisiert worden sind. Anhand von Texten verschiedener Zeitpunkte zeigt der Beitrag, dass diese mit dem Trotzkismus-Vorwurf in Verbindung stehende Feindbildkonstruktion bis zu Stalins Tod 1953 in Anwendung blieb und sich einer Schablone gleich auf die jeweils geltenden (imaginierten) Feindbilder legte.
Andreas Neumann
Backmatter
Metadaten
Titel
Geschichte vor Ort und im virtuellen Raum
herausgegeben von
Andreas Neumann
Jörg von Bilavsky
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-37983-4
Print ISBN
978-3-658-37982-7
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37983-4

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