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06.11.2019 | Gesundheitsmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Wer vor VUCA erschreckt, wird krank

Autor:
Michaela Paefgen-Laß

Unbeständig, unsicher, mehrdeutig - so lassen sich Teilbegriffe des Akronyms VUCA übersetzen. Nur Hartgesottenen treibt das nicht die Angst in den Nacken. Aber Angst versteift Körper und Geist. Und das macht krank. Die Krankenkassen-Reporte sprechen eine deutliche Sprache.

Die Fehltage deutscher Arbeitnehmer wegen psychischer Leiden haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdreifacht. Die Langzeitanalyse "Psychoreport 2019" von der DAK, listet Depression, Anpassungsstörung, neurotische Störung und Angststörung zu den häufigsten Diagnosen. Untersucht wurden Krankschreibungen in den Jahren 1997 bis 2018. Ihren Höchststand erreichten die Fehltage demnach im Jahr 2017. Rechnerisch wurde jeder Arbeitnehmer zweieinhalb Tage - 250 Tage pro 100 Versicherten - wegen psychischer Probleme krank geschrieben. Stressen uns die Umwälzungen der Arbeitswelt so sehr, dass unsere Seele daran kapituliert? Wie sehr lähmt uns die VUCA-Angst, nicht schritthalten und nicht bestehen zu können? Treibt uns die super-flexible Arbeit geradewegs in die persönliche Krise? 

Empfehlung der Redaktion

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Denkstrategie: Stressmanagement

In diesem Kapitel erfahren Sie: Denkstrategie 1: Stressmanagement bedeutet, Gelassenheit und Entspannung einstellen und kreativ gestalten zu können. Kreativität und Innovation bilden ein ganzheitliches System. 

VUCA-Panik und Gesundheit

Psychische Leiden lassen sich nicht relativieren und jede Verharmlosung wäre grob Fahrlässig und brandgefährlich. Das sei ausdrücklich angemerkt und soll im Folgenden nicht missverstanden werden. Veränderungen von Gesundheit lassen sich aber aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und es lohnt, die Perspektiven zu diskutieren. In seinem Buchkapitel "Nachhaltigkeit im betrieblichen Gesundheitsmanagement" macht Springer-Autor Bernhard Allmann auf die Verwertungslogiken gesundheitlicher Krisen aufmerksam. Im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM), so argumentiert er, werden Veränderungen von Gesundheit stets als Krise wahrgenommen, ohne zu beachten, dass Gesundheit sich natürlicherweise verändere, sich ebenso instabil wie vulnerabel verhalte. Eine Prüfung der "empirischen Wirklichkeit" vermisst er. Handlungsempfehlungen würden ausgesprochen, "ohne dass es zu einer zutreffenden und normativen Analyse eines Gesundheitsproblems kommt". (Seite 460)

Auch die Massenmedien reden mit. Sie kommunizieren mit einmal thematisierten Gesundheitsfragen Gefühle von kollektiver Bedrohung und schüren mit ihnen moral panic. Hier verstanden als moral health panic, werden Probleme wie Stress, Rückenschmerzen oder Depressionen so lange problematisiert, bis sie als Krise wahrgenommen und Marktbedingungen zur Abschaffung derselben geschaffen werden. Abhilfe etwa durch Wissenschaftler und Institutionen finde aber nicht statt, so Allmann. "Das dauerhafte Lösen eines Gesundheitsproblems ist ökonomisch nicht sinnvoll. Es verhindert Absatzchancen" (Seite 471).

Vom Bournout zur Anpassungsstörung

Burnout, so ist aus dem DAK-Report zu erfahren, verhält sich als Krankheitsdiagnose rückläufig. In den vergangenen sechs Jahre haben sich die Fehltage halbiert. Am häufigsten fehlen Arbeitnehmer kurz vor dem Renteneinstieg wegen Burnout (neun Fehltage pro 100 Versicherte). Verdreifacht hat sich seit dem Jahr 2000 unterdessen die Diagnose "Anpassungsstörungen" auf 51 Fehltage pro 100 Versicherte. Anpassungsstörungen erklärt die Österreichische Ärztezeitung (ÖAZ, 2015) als einen vorübergehenden Zustand, in dem es Betroffenen nicht gelinge "sich mit verschiedenen Belastungssituationen konstruktiv auseinanderzusetzen".  

Es geht um das Verkraften von "erwartbaren schweren Belastungen", wie die Zeitung beschreibt. Diese können durch Trauer, Krankheiten, Flucht und Emigration verursacht werden aber auch durch Veränderungen am Arbeitsplatz, Heirat, Elternschaft oder Brüche in sozialen Beziehungen. "Den einen gelingt die Bewältigung aus eigener Kraft und ohne negative Folgen. Andere wiederum verharren in Leid und Trauer, zu denen häufig Depression und ängstliche Reaktionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Störungen des Sozialverhaltens, Genussmittelmissbrauch und Suizidgedanken hinzukommen", schreibt das Deutsche Ärzteblatt bereits 2007 und fordert der hohen Suizidalität wegen eine besseren Erforschung ein. Denn, und darin stimmen beide Magazine überein, Anpassungsstörungen werden "häufig nur als Restkategorie verwendet" (Ärzteblatt, 2007) und "sehr diffuse, völlig unzureichend definierte Krankheitsgruppe" (ÖAZ, 2015).

Wenn der Stress übermächtig scheint

Was aber tun, wenn ein Mensch in Belastungssituationen seine Selbststeuerung verliert? Die durch die Anpassungs- oder Belastungsstörung hervorgerufene Angst blockiert das Gehirn. Angst macht empfänglich für Angstbotschaften. Angst verhindert Lösungen. Wie das Gehirn reagiert, wenn Menschen sich in Gefahr fühlen, wenn die Angst sich anschleicht, beschreiben die Springer-Autoren Heiner Ellebracht, Gerhard Lenz, Lars Geiseler und Gisela Osterhold in "Beratungsmodelle für Stress-, Krisen- und Konfliktmanagement". Subjektiv empfundene und gedeutete Gefahr regt die Hormonproduktion an und versetzt das Gehirn in Alarmbereitschaft. Es sucht blitzschnell nach Lösungen aus gemachten Erfahrungen um das Gefahrenpotenzial deuten und damit konstruktiv umgehen zu können. "Aus der anfänglichen Bedrohung ist für den Betroffenen eine von ihm zu bewältigende Herausforderung geworden, aus Angst wurde Zuversicht" (Seite 238). 

Situationen, für die aber keine Muster gefunden werden, weil sie neu sind, können Dauerstress und in Folge eine Überproduktion des Stresshormons Kortisol verursachen. "Das bisherige Lösungssystem wird destabilisiert. Die Nerven verfallen in eine Art Winterschlaf, und die alten gebahnten Hirnverbindungen lösen sich auf"(Seite 238). Nun kommt es auf die individuelle Fähigkeit an, diese Krise als Entwicklungsstadium zu begreifen. Sprich: Weil mein eingespieltes Verhalten in der neuen Situation nicht mehr funktionieren kann, lerne ich neues Verhalten, profitiere davon und gehe gestärkt aus der Situation heraus. Wer Mitarbeiter führt oder sie in Krisensituationen berät, sollte zur systemischen Betrachtung anleiten: "Sowohl bei Stress als auch bei Krisen und Konflikten gilt, dass sie "uns nicht geschehen", sondern dass wir durch Denken, Deuten und Handeln an Kreation, Fortbestand und Auflösung dieser Erscheinungen beteiligt sind" (235).

Das persönliche Stressmuster erkunden (Seite 238)

Was sind meine Stressauslöser? Genaue Beschreibung!

In welchem Kontext sind sie besonders wirksam?

Durch Veränderung welcher Kontextbedingungen kann ich den Stress steigern beziehungsweise reduzieren?

Wie ist das genaue Transaktionsmuster der Stressauslösung? Zentraler Anteil dabei?

Wie groß ist die Notwendigkeit beziehungsweise die Motivation zur Veränderung?

Welche Veränderung wäre wünschenswert? Zieldefinition!

Angenommen, das Ziel wäre erreicht, welche Auswirkungen gäbe es für mich und meine Umwelt?

Keine Allheilverfahren bei psychischen Leiden

Arbeit kann nerven, schlauchen, stressen, langweilen oder herausfordern und befriedigen. Wenn Arbeit aber Angst schürt und Menschen krank macht, dann braucht es in Organisationen ein tiefes Verständnis für die Deutung der Symptome, für ihre Ursachen und vor allem für individuelle Lösungen. Es verbieten sich Allround-Diagnosen ebenso wie Allround-Lösungen und vorschnelle Handlungsempfehlungen. Denn Menschen nehmen die Wirklichkeit nun einmal unterschiedlich wahr und reagieren unterschiedlich auf sie. Angst vor Anpassung an das Neue braucht Versachlichung und Differenzierung.

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