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03.12.2018 | Gewässerschutz | Interview | Onlineartikel

"Gewässerschutz muss dringend Chefsache werden"

Autor:
Nico Andritschke

Die deutschen Gewässer sind in einem kritischen Zustand, wie der WWF-Wasserreport bestätigt. Beatrice Claus fordert ein Umdenken in der Landwirtschaft und den Ausstieg aus der Kohlestromerzeugung.


Springer Professional: Im Sommer hat die EU-Umweltagentur ihren Wasserreport veröffentlicht. Die deutschen Gewässer sind neben denen der Niederlande und Luxemburg in einen schlechten Zustand, so das Fazit. Kann der WWF-Wasserreport diesen Befund bestätigen?

Beatrice Claus: Grundsätzlich ja. Circa 92 Prozent der deutschen Flüsse und 79 Prozent der natürlichen Seen sind nicht in einem "ökologisch guten Zustand" und entsprechen nicht den ökologischen Vorgaben der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Diese teilt die Bewertung in fünf Stufen von "sehr guter", "guter", "mäßiger",  "befriedigender" und "schlechter Zustand" ein. Erreichen die Gewässer nicht wie vorgeschrieben den "guten" oder "sehr guten ökologischen Zustand", dann sind sie nicht automatisch in einem "schlechten ökologischen Zustand". Entsprechend abgestuft ist ihre Funktion als Lebensraum für die ursprünglich in den Gewässern vorkommende Lebensgemeinschaft der Tiere und Pflanzen. Die starke Nutzung durch den Menschen gehört mit zu den Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland und Europa.

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Wie hat sich der ökologische und chemische Zustand der Gewässer in den letzten Jahren entwickelt? Welche Belastungen wurden identifiziert?

In den Bundesländern sind zwischen 32 und 100 Prozent der Fließgewässer mit Nährstoffen belastet. Die Einträge aus der  Landwirtschaft sind mit circa 75 Prozent dafür verantwortlich. Dank einer verbesserten Reinigungsleistung der Kläranlagen haben die Stickstoffeinträge aus sogenannten Punktquellen (kommunale Kläranlagen und industrielle Direkteinleiter) in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Auch die Phosphoreinträge in die Oberflächengewässer haben sich in den letzten drei Jahrzehnten drastisch um circa 72 Prozent reduziert. Gründe dafür sind die Einführung phosphatfreier Waschmittel, Produktionsstilllegungen, Bau und Modernisierung kommunaler und industrieller Kläranlagen (Phosphatfällungsanlagen) sowie der höhere Anschlussgrad der Bevölkerung an die Abwasserreinigung. Die heutigen Phosphoreinträge aus der Landwirtschaft betragen etwa 50 Prozent der gesamten Einträge.

Als Folge der hohen Nährstoffeinträge sind heute 36 Prozent der Grundwasserkörper mit Nitrat belastet. In den deutschen Oberflächengewässern werden fast flächendeckend die Umweltqualitätsnormen für Quecksilber und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe überschritten. Eine der Hauptursachen für die Quecksilberbelastung ist die Kohleverbrennung. Bei der Verbrennung wird Quecksilber in die Atmosphäre freigesetzt und gelangt dann mit den Niederschlägen in die Gewässer.

Darüber hinaus sind die fehlende Durchgängigkeit von Bauwerken (Stauwehre, Wasserkraftwerke) in Fließgewässern für Fische und andere Organismen sowie der Ausbau zu Schifffahrtsstraßen und die Verkleinerung der Flussaue durch den Bau von Deichen die Gründe, weshalb sich nur sehr wenige Fließgewässer in Deutschland in einem "guten" oder "sehr guten ökologischen Zustand" befinden.

In der Studie wurde auch die Umsetzung der EU-WRRL bewertet. Was sind die Ergebnisse und Schlussfolgerungen, wie schneiden die Bundesländer ab?

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Zustände der Oberflächengewässer und des Grundwassers in keinem Bundesland den Anforderungen der WRRL entsprechen. Es gibt ausnahmslos überall großen Handlungsbedarf. Zu den drei besten Bundesländern bei der Erreichung der Ziele der WRRL in Deutschland gehören Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Im Mittelfeld liegen Hessen, das Saarland, Baden-Württemberg, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Am schlechtesten wurde die WRRL in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Sachsen umgesetzt. Hamburg und Bremen werden im Gesamtranking nicht berücksichtigt, weil es in diesen Ländern keine natürlichen Fließgewässer mehr gibt. 

Gewässerschutz muss Chefsache werden. Länder und Bund brauchen vor allem den politischen Willen für eine ambitionierte Umsetzung der Ziele der WRRL, um unter anderem mehr Geld und  mehr Personal für die Umsetzung von Maßnahmen bereitzustellen. Angesichts der Nitrat- und Quecksilberbelastung brauchen wir eine Wende in der Landwirtschaft und einen zügigen Ausstieg aus der Kohlestromerzeugung

Nun waren die Bundesländer in den letzten Jahren nicht untätig. Woran liegt es, dass sich Fortschritte bei der Verbesserung der Gewässerqualität dennoch nicht wie erhofft einstellen?

Ja, es wurde schon viel unternommen, um die ökologische Qualität zu verbessern. Auch der WWF ist, etwa in Bayern oder Sachsen-Anhalt, in zahlreichen Projekten hierzu engagiert, die oft auch von den zuständigen Landesumweltministerien gefördert werden. Aber das  ist "ein Tropfen auf den heißen Stein". Die Gewässer wurden über Jahrzehnte intensiv vom Menschen genutzt und verändert. Entsprechend große Anstrengungen braucht es, um sie wieder in einen "guten ökologischen Zustand" zu bringen. Zu dem kann es Jahrzehnte dauern, bis nach einer Renaturierung sich die angestammte Lebensgemeinschaft wieder eingestellt hat.

Im Jahr 2027 wird der dritte und letzte Bewirtschaftungszyklus der EU-WRRL enden. Ist die Einhaltung der Ziele der WRRL aus deutscher Sicht noch zu schaffen und wenn ja, wie?

Zunächst müssen für alle Gewässer alle notwendigen Maßnahmen erfasst und in den dritten Bewirtschaftungszyklus aufgenommen werden, die erforderlich sind, um die Ziele zu erreichen. Auf der Basis dieser Bestandsaufnahme können dann die für die Umsetzung notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen benannt werden und die Zeithorizonte prognostiziert werden. Letztlich hängt es vom politischen Willen ab, ob die notwendigen Ressourcen für die Zielerreichung der WRRL zur Verfügung gestellt werden.

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